Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Willkommen bei Ysabelle Wolfe!

Hallo, liebe Gäste, Gucker, GfK-Freunde!

Hier wird gebloggt! Nach Möglichkeit soll hier jeden Tag eine Tagesmeditation rund um die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg oder ein Schmankerl aus dem Tagebuch von Ysabelle Wolfe erscheinen. Dazu gibt es Buchtipps, Strandgut, Lieblingsgeschichten und so manches mehr. Mein Ziel ist es, zumindest einen neuen Beitrag pro Tag einzustellen, damit sich das Vorbeischauen auch lohnt!

Zur Benutzung: Auf der Startseite, auf der Ihr hier seid, laufen alle Beiträge in chronologischer Reihenfolge ein. Die neuesten sind also oben. Rechts habt Ihr eine Menü-Auswahl für die verschiedenen Themen. Wenn Ihr eine Kategorie anklickt, zum Beispiel Tagesmeditationen, kommen nur die Beiträge aus dieser Rubrik.

Und noch was! Jeder Eurer Kommentare ist erwünscht. Einfach unter dem Beitrag „Kommentar schreiben“ anklicken. Dafür muss man sich nicht registrieren. Aus Schutz vor Spam werden die Beiträge allerdings einzeln freigegeben. Also, lasst die Tasten glühen! Wer mich anders erreichen möchte, kann das auch per Mail tun:
Ysabelle.Wolfe(dann kommt der Kringel)gewaltfrei-im-norden.de

So long!

Ysabelle

Übrigens… im Tagebuch gibt es unter

Hallo, Welt!

die Geschichte, wie dieser Blog entstand, und unter

Ich blogge, also bin ich…

die Geschichte, warum ich blogge…

und seit Juni 2010 habe ich Unterstützung durch Markus, der ebenfalls gelegentlich hier postet. Seine Gedanken findet Ihr gesammelt unter dem Thread „Westküsten-News“ und seine Texte sind in blauer Farbe.

… Ihr könnt diesen Blog übrigens auch abonnieren.
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Nachtrag
Sechs Jahre existiert dieser Blog nun, auch wenn er seit 2014 nur noch in der Vorweihnachtszeit, meinem persönlichen Dankbarkeitsmonat, regelmäßig bestückt wird.
Von meinem Anspruch „jeden Tag ein Posting“ habe ich mich längst verabschiedet. Über Monate habe ich hier nichts geteilt, weil ich nichts Persönliches öffentlich machen wollte. Und dieser Blog ist immer persönlich gewesen. Mittlerweile merke ich, dass es wieder Themen gibt, zu denen ich gern in den Austausch gehe. Mal sehen, wann wir das 1000. Posting feiern können. 870 haben wir ja schon zusammen.

Y.

An der Leine • Von der Leine

Hallo, Welt!

Bei unserem Rundgang heute Morgen kam es zu einer interessanten Begegnung. Aus 40 m Entfernung sah ich, wie eine Frau ihren Hund vor „meinem“ Bäcker anbinden wollte. Ein Haken war durch ein Fahrrad verstellt, also nahm sie den anderen. Ich kam, band Fontane hinter dem Fahrrad fest, gab ihm ein Leckerli und ging (knapp vor der Frau) in den Laden. Nachdem ich meine beiden Brötchen hatte, ging ich wieder raus, gab Fontane ein Leckerli, band ihn los und ging mit ihm weiter in die Richtung, wo der andere Hund angebunden war. Dieser zog in unsere Richtung, wedelte mit dem Schwanz, die Ohren waren entspannt. An straffer Leine ließ ich Fontane zur Begrüßung näher treten. Unmittelbar darauf kam die Frau aus dem Laden gelaufen und sagte – SINNGEMÄSS – eine Unverschämtheit, so dicht an ihren Hund zu gehen, das würde sich nicht gehören, ich solle sofort mit meinem Hund da weg gehen …

Glückliche Fügung, ich hatte meine Giraffenohren dabei und konnte einfühlend reagieren. Ich zog Fontane weiter weg und signalisierte, dass ich auf die Frau warten würde. Sie ging zurück in den Laden, schloss den Verkaufsvorgang ab und kam wieder raus. Sie wiederholte ihren Standpunkt, dass sie nicht möchte, dass andere Hunde ihrem Hund zu nahe kommen, der an der Leine ist und sich nicht verteidigen kann oder sein Revier schützen. Ich gab wieder, was ich von ihr gehört habe, dass es ihr Anliegen ist, ihren Hund zu schützen, und dass die Hunde sich nicht kennen, und ihr daher Sicherheit und eigener Raum für ihren Hund besonders wichtig ist. Mein Eindruck war, sie stutzte kurz. Dann sagte sie, schon immer noch mit einem dringenden Unterton: Danke, dass Sie nicht gleich zurückschimpfen. Aber trotzdem, ich will das nicht, dass ein anderer Hund meinem Hund so nahe kommt, wenn er hier angebunden ist. Ich entgegnete, „warum sollte ich Sie beschimpfen? Sie wollen doch nur Ihren Hund beschützen!“ Sie band dann ihren Hund los und ging weg, wie mir schien weniger ärgerlich als zuvor.

Ich werde mal bei meinen Hundefreundinnen nachfragen, was es denn da für ungeschriebene Gesetze gibt, die ich da mal wieder nicht gekannt habe.

Ich bin zufrieden damit, dass ich hier nicht auf die „klassische“ Diskussion eingestiegen bin und nicht einmal „ja, aber“ gesagt habe. Gleichzeitig habe ich so gut es möglich war, meinen Standpunkt vertreten, ohne den anderen anzugreifen.

In meiner liebsten Facebookgruppe kam es heute zu einem Streit, der sich an einem Begriff aus der Nazi-Zeit entzündete. Jemand aus der Gruppe wähnte sich durch einen Kommentar diffamiert und verleumdet, in die Nähe von Nazis und ihrem Gedankengut gerückt. Getreu meiner Fastenregel ist es mir gelungen, das inhaltlich nicht zu kommentieren. Einem Beteiligten habe ich eine große Dose Spontanempathie zukommen lassen, dem anderen habe ich sie angeboten. In mir ist gerade eine Freude, weil es mir gerade zwei Mal gelungen ist, mich nicht zu verwickeln. ich kann zurücktreten und meine Impulse kontrollieren. Ich muss also mich selbst nicht wieder einfangen, nur weil ich schon mal blind hechelnd los gelaufen bin. Ich empfinde diese Form der Selbstregulation als zutiefst beglückend. Und ich feiere meine wachsenden Fähigkeiten an dieser Stelle.

So long!

Ysabelle

I am a Pussy …

Hallo, Welt!
Denke nur ich das oder ist unser Ausschnitt der Welt tatsächlich aus den Fugen? Kein Tag mehr ohne Meldungen über Donald Trump. War das vor acht Jahren bei Obama auch so? Und Warnungen vor der AfD. Ständige Vergleiche mit dem Aufstieg der NSDAP vor 90 Jahren. Da passieren Sachen, die mich bestürzen, falls sie denn wahr sind.
Kürzlich hielten „die Rechten“ eine große Veranstaltung in Koblenz ab. Auch französische Politikerkollegen waren eingeladen. Ich las dieser Tage, dass Teilnehmende der AfD, auch die Bundesspitze, kein Hotelzimmer bekamen. Wenn sie eins hatten, wurde „aus Brüssel“ bei den Hotelbesitzern und vor Ort Druck gemacht, man dürfe „diese Leute“ nicht bewirten. Frauke Petri soll schließlich ein Zimmer mit der Auflage bekommen haben, nur den Seiteneingang zu benutzen und nicht zu frühstücken.
Ich muss wohl nicht extra betonen, dass ich kein Anhänger der AfD bin. Gleichzeitig bestürzt mich diese Meldung zutiefst. Die Partei ist nicht verboten. Sie ist in verschiedenen Parlamenten vertreten. Ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung – und durchaus nicht nur Menschen ohne Schulabschluss – sieht von der AfD die eigenen Interessen besser vertreten als von den etablierten Parteien. Hier ist ein Feindbild entstanden, ein „die“ und „wir“, und „wir“ sind natürlich die Guten und „die“ sind natürlich die Bösen. So schafft man Märtyrer. Wo findet ein Dialog statt? Versuchen wir, die Bedürfnisse hinter diesen Worten zu hören? Ich merke gerade, wie mich die Traurigkeit überrollt. Hat nicht sogar Marshall Rosenberg an einer Stelle gesagt, sein Verstehen von Hitler sei für ihn der größte Prüfstein gewesen? Und lautet nicht einer unserer Leitsätze: Verstehen heißt nicht einverstanden sein?

Die BBC meldet:

President Trump signed an executive order calling for the advancement of the controversial Dakota Access and Keystone XL oil pipelines.
He said the move will create thousands of American jobs.
Native Americans and First Nations Canadians who oppose the projects give their reaction.

Auf Facebook las ich den Text einer Person, die schrieb, sie sei vor Ort gewesen und habe gesehen, wie die Protestierenden mit Gummigeschossen schwer verletzt wurden, wie Protestierende mit Tränengasangriffen auseinander getrieben wurden. Der Text war lang und detailreich und drastisch. Es schüttelt mich. Was ist los, Leute? Wie gehen wir miteinander um? Dagegen waren ja die Proteste gegen das Kernkraftwerk Brokdorf hier bei mir um die Ecke Mitte der achtziger Jahre ein Schulausflug! Und Stuttgart 21 ein Kindergeburtstag. 200000 Menschen sind seit dem Putschversuch gegen Erdogan in der Türkei im vergangenen Sommer aus dem öffentlichen Dienst entlassen worden, das Parlament entscheidet über die Wiedereinführung der Todesstrafe … beschließt eine Volksabstimmung. Kann ich das VOLK darüber abstimmen lassen?

Was mich beeindruckt hat, waren die friedlichen Frauenproteste in den USA nach der Amtseinführung von Präsident Trump. Hier ist eine Bewegung entstanden, von der ich aus der Ferne denke, das gefällt mir. Mehr als 600 Veranstaltungen gab es im ganzen Land, mit Millionen von Teilnehmenden. Ihr Erkennungszeichen: Ein rosa Hut. Folglich nennt sich die Bewegung „Pussyhat Project“. PussyCat ist der Kosename für Katzen, aber mit Pussy wird häufig auch die Vagina tituliert. Im Wahlkampf wurde ein Tonmitschnitt veröffentlicht, in dem Donald Trump einem Reporter berichete, er könne jeder Frau an die Pussy fassen. Ich habe ja lange nicht mehr gestrickt, aber in dieser Woche habe ich Wolle bestellt. Der Tagesspiegel hat eine Strickanleitung veröffentlicht, die mir Lust gemacht hat, zu den Nadeln zu greifen. An diesem Wochenende geht es los. Ich werden irgendwas fernsehen, in meinem gemütlichen dicken Ledersessel sitzen, den Hund neben mir, und stricken. Pussyhats …

So long!

Ysabelle

Statt dessen könnte ich Frieden sehen

Hallo, Welt!
Ich bin ja recht aktiv bei Facebook und erfreue mich an den GFK-Beziehungen, die ich dort mit Leichtigkeit aufrecht halten kann. Nun habe ich festgestellt, dass ich in den vergangenen Wochen mehr und mehr Unfrieden gesehen, erlebt und auch geteilt habe. Meine Kollegin Dian Killian aus New York postete gestern einen „Beweis“, dass Donald Trump seine Frau Melania misshandelt. Ein Bekannter verteidigt die schönen Absichten der AfD und beschwert sich, dass die Presse luschig und einseitig recherchiert und dass Richtigstellungen und Gegendarstellungen eben längst nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen wie die ursprünglichen Falschmeldungen. Die Flüchtlingsdebatte löst bei mir mittlerweile körperliches Unbehagen aus. Also was kann ich tun?

Als erstes ist heute Morgen der Entschluss gereift, zunächst für eine Woche vom Kommentieren bestimmter Postings zu fasten. Ich finde, Fasten ist immer eine gute Sache, wenn es darum geht, sich des Umgangs mit einer Sache bewusst zu machen, seien es Lebensmittel, Drogen, sich sorgen oder eine Verhaltensweise. Das trägt zum Entgiften bei. Und dann möchte ich mich in solchen Situationen, die mich so aufregen, fragen: Was muss gerade jetzt passieren, damit ich Frieden sehen kann? Was kann mein Beitrag zum Frieden sein?

Gerald Jampolski hat ja in seinem hier schon häufig zitierten Buch „Lieben heißt die Angst verlieren“ 12 Lektionen für ein glückliches Leben zusammen gestellt. Und eine heißt eben: „Statt dessen könnte ich Frieden sehen“. Ich mache daraus mal einen Auftrag für mich: Ich möchte Frieden SEHEN. Ich entscheide mich das im Blick zu haben, was gut ist, was mir Freude macht, für das ich dankbar bin. UND: Ich will Frieden säen. Was kann ich dazu beitragen, dass wir mehr Frieden haben? Das ist doch mal eine spannende Aufgabe, zu der ich gern Anregungen bekomme.

So long!

Ysabelle

Im Frieden leben …

Hallo, Welt!

I will not do violence to you by my thoughts, words, or actions. I do not want to shame, humiliate, or harm you. I will pray for you, America, and myself.

I will not be passive. I will resist you with love and seek your good, not because I am especially fond of you but because I believe God loves you, even as God loves Muslims, immigrants and refugees, women, the disabled, and Mexicans.

Ich bin wütend. Ich bin wütend, weil Trump ein Einreiseverbot für Menschen aus sieben Ländern erlassen hat. Über 100 Leute kamen in den USA auf den Flughäfen an und durften nicht aussteigen. Das Dekret betrifft auch Flugzeugbesatzungen, Goldmedaillengewinner, LiteratInnen.

Die AfD bestreitet den Einfluss des menschlichen Handelns auf das Klima. Das Klima habe sich ja immer verändert, jetzt würde es halt grad mal wärmer und CO2 ist ja auch gut für die Pflanzen.

Eine Mitarbeiterin stellt die Arbeit ein, weil ihr Computer kaputt ist und auf dem zur Verfügung gestellten Netbook könne man ja nicht vernünftig arbeiten. Ah ja …

Eine Seminarteilnehmerin hatte erst unmittelbar vor dem Workshop mitgeteilt, sie habe kein Geld, um zu bezahlen, und ob sie auch in vier Wochen zahlen könne. Bei meiner Kontenkontrolle habe ich heute festgestellt, dass sie auch drei Monate nach Ende des Seminars nicht bezahlt hat.

Ich merke, dass ich mich heute Morgen in eine Wuttrance reindrehe und das macht mich gleichzeitig traurig und hilflos. Da stolperte ich via Facebook über einen Blogeintrag, aus dem ich oben zitiere. Ein Priester dankt darin Donald Trump für die Gelegenheit, sich mit der eigenen Gewalttätigkeit zu verbinden und daran zu arbeiten.

Ja, genau darum geht es. Ich bin gewalttätig, in meinen Gedanken. Ich bin wütend, ich bin ärgerlich.

Und jetzt finde ich jemanden, der mir Empathie gibt, damit ich diese verdammte Wut loslassen und transformieren kann. Denn ich will „in Frieden leben“.

So long!

Ysabelle

Nehmen Sie bitte Ihren Hund zurück?

Hallo, Welt!
Heute der Termin in der Tierklinik beim Spezialisten für Nierenerkrankungen. Wir waren pünktlich da und ich konnte mit Fontane noch eine kleine Runde durchs Wäldchen vor der Tür der Klinik drehen. Auf dem Rückweg kam uns eine Frau mit einem Golden Retriever entgegen, der die Nase am Boden hatte und uns immer näher kam. Eingedenk der Lektionen in der Hundeschule rief ich die Frau EXTRA freundlich an, „Nehmen Sie bitte Ihrem Hund zurück?“ Hatte ich doch gerade neulich eine umfangreiche Belehrung bekommen, warum einander fremde Hunde sich nicht an der Leine begegnen sollten, und meiner war nun mal an der Leine und den anderen kannte ich nicht.
Die Frau telefonierte und reagierte nicht. Inzwischen war ihr Hund bis auf eine gefühlt sehr kurze Distanz an uns rangekommen und ich rief etwas dringender, „nehmen Sie bitte Ihren Hund zurück?“
Jetzt sprach die Frau ins Telefon „Moment mal“ oder so ähnlich und sagte dann, „wieso denn, der macht doch gar nichts?“
Inzwischen war es mir echt dringend. Ich wollte in dieser Situation keinen großen freilaufenden Hund an Fontane haben und wiederholte meine Bitte eindringlicher. Da rief sie ihn beiseite und wartete mit ihm am Wegrand, bis wir um die Ecke waren. Mein Eindruck war, dass sie ihr Unverständnis über dieses Ansinnen von mir ins Telefon sprach.

Und ich dachte bei mir: Was ist daran so schwer zu verstehen? Warum können die Leute nicht einfach tun, worum man sie bittet? Warum muss ich mich erst erklären, warum ich auf einem öffentlichen Weg vor einer riesigen Tierklinik keine Begegnung mit fremden Hunden haben möchte? Mein Tier könnte doch zum Beispiel ansteckend krank sein. Oder einen Herzfehler haben, und dürfte sich nicht aufregen. Oder er hat eine schwierige Begegnung mit einem Retriever gehabt und fängt an zu beißen, wenn eine gewisse Distanz unterschritten ist …

Meine Bedürfnisse waren Ruhe und Schutz. Wenn der fremde Hund noch näher gekommen wäre, hätte ich Fontane hochgenommen, aber das ist nicht meine Lieblingsstrategie. Ich wünschte mir Kooperation und Gesehen werden, Respekt. Es blieb ein unbehagliches Gefühl. Habt Ihr eine Idee, warum es so unattraktiv ist, so einer Bitte nachzukommen? Ich schätze, die Frau wollte Leichtigkeit und Autonomie. Aber für mich endet sie da, wo die Bedürfnisse anderer Leute tangiert sind.

Der Aufenthalt in der Tierklinik dauerte ungefähr 90 Minuten inkl. Wartezeit. Die Ultraschall-Untersuchung hat ergeben, dass Fontanes Innereien nicht da liegen, wo sie üblicherweise hingehören. Die Blase liegt falsch und noch ist unklar, ob auch die Harnleiter an der falschen Stelle sind. In einer umfangreichen Operation soll Tany Ende Februar umgebaut werden. Wenn auch die Harnleiter falsch liegen, sind die Chancen bei 80 Prozent, dass er nach der OP stubenrein ist. Sind sie richtig angebaut, stehen die Chancen auf Besserung nur bei 30-40 Prozent. Gemacht werden sollte der Eingriff auf jeden Fall, denn sonst wird die Niere durch eine chronische Infektion dauerhaft geschädigt.

Ich bin traurig und erschöpft. Bis zuletzt hatte ich gehofft, es wäre nur eine Kleinigkeit.

So long!
Ysabelle

In der Hundeschule

Hallo, Welt!
Es geht voran, nur in welche Richtung? Heute habe ich einen Termin in einer Fachklinik gemacht, wo es einen Nierenspezialisten für Hunde gibt. Mein Stamm-Tierarzt ist mit dem Latein und seinen diagnostischen Möglichkeiten am Ende. Zwar haben wir in Sachen „stubenrein“ nur noch zehn Prozent der Probleme wie vor drei Wochen, aber wir haben halt immer noch mal welche. Nachts ist er mal trocken und mal nass … also nun: Katheteruntersuchung der Blase und Ultraschall. Wenn das so weiter geht, muss ich einen Kredit aufnehmen.

Unter Antibiotika-Abdeckung geht es Fontane so gut, dass wir mittlerweile drei Mal in der Hundeschule waren. Das sind ja mal intensive Erlebnisse – für mich. Schon lange bin ich nicht so mit urteilenden Stimmen im Kontakt gewesen. Ich spüre Druck, tatsächlich so etwas wie Ängstlichkeit, Unsicherheit, Besorgnis. Meine unerfüllten Bedürfnisse sind – wie ich gerade merke, Vertrauen – Gemeinschaft/Zugehörigkeit (ich möchte nicht anders sein als die anderen Hundehalter. Und gleichzeitig merke ich dass ich nicht so sein möchte wie sie.) Ich bin beeindruckt, was deren Hunde alles können, wie gut die gehorchen. Und dann fühle ich mich schlecht. Mein Hund kann das nicht, also stimmt mit mir etwas nicht.
Ich kann das sehr bewusst wahrnehmen und bin mit Gefühlen und Bedürfnissen auf dem Platz. Lernen, Wachstum, Verstehen, Gemeinschaft, Sicherheit, … kaum macht Fontane etwas anders als andere Hunde, fühle ich Unsicherheit, Angst, Besorgnis. Ich könnte mir vorstellen, dass ich diese Gefühle schon als Schulkind hatte, aber damals durften sie keinen Raum haben. Es fühlt sich eindeutig so alt an, und ich nehme mich als so „klein“ wahr, jedenfalls einen Teil von mir. Das hat wahrscheinlich gar nichts mit der Hundeschule zu tun.

Stichwort „Leinenaggression“. Die Ansage lautet, wenn die Hunde an der Leine sind, sollen sie nicht miteinander spielen. „Das fördert die Leinenaggression“. Ich habe das eben mal gegoogelt und einen schönen Artikel zu dem Thema gefunden. Hier ein Ausschnitt:

Wie kann ich vermeiden, dass mein Hund zum Leinenrüpel wird?
Am einfachsten ist, man bringt bereits seinem Welpen bei, dass entgegenkommende Hunde „lecker“ sind, dieses Vorgehen nennt man in Fachkreisen Gegenkonditionierung: Andere Hunde werden mit Futter aus der Hand des Halters verknüpft. Oft sind viele Wiederholungen nötig, bis der entgegenkommende Hund als Signal für Leckerchen wird. Bei ausreichender Übung wird Ihr Hund sich Ihnen zuwenden und wie im Comic sein Leckerchen einfordern. Als Folge ignoriert er den anderen Hund. Auch für den entgegenkommenden Hund entspannt sich nun die Situation, denn er wird nicht mehr bedroht. Ein Passieren ist nun ohne Probleme möglich.

Also, dieselben Welpen, die gleich wild miteinander toben, die sich aus der Vorwoche kennen, dürfen jetzt beim Ankommen an der Leine den Kumpel nicht mehr persönlich begrüßen, sondern müssen Abstand halten. Ist das wirklich „Hund“, oder denkt da der Mensch, und zwar Bullshit? Ich wünschte, ich hätte mehr Kompetenz auf dem Gebiet. Ich habe deshalb explizit nachgefragt, denn die Trainerin hatte etwas ausführlicher über diese „Nicht-Begegnungen“ mit anderen Hunden referiert. Heißt das konkret, Hunde, die wir noch gestern freundlich begrüßt haben, die wir seit drei Monaten bei unseren Spaziergängen treffen, sollen wir jetzt nicht mehr begrüßen? Wie erkläre ich das dem anderen Hundehalter und vor allem meinem Hund?

Ich habe daraufhin noch einmal die Trainerin angesprochen. Ich könne ihre Aussage zur Leinenaggressivität nicht verstehen. Es leuchte mir nicht ein, wieso ich heute einen Bogen um den Hund machen müsse, den wir gestern noch freundlichst beschnuppert haben …
Also: Bekannte Hunde dürfen weiter beschnuppert werden. Keinen Kontakt sollen wir zu fremden Hunden aufnehmen, die wir nicht kennen, deren Halter wir nicht kennen, über deren Gesundheitszustand wir nichts wissen.

Und warum dürfen wir dann die Kumpels von voriger Woche nicht begrüßen, wenn wir uns wieder sehen?
„Das ist auf allen Hundeplätzen so“.

Ah, ja. Anweisung von oben. Es ist das Gesetz. Das haben wir schon immer so gemacht …

Zum Glück habe ich mittlerweile einige sehr schöne Hunde-Menschen-Freundschaften geschlossen. Da ist natürlich in erster Linie Sally, die Fontane für ihr Baby hält. Dann gibt es eine Frau, deren Hund rund wie eine Tonne ist. „Der frisst ja gar keine Leckerli. Das kommt von der Schilddrüse“. Warum hat sie dann nur ständig Leckerlis in der Hand, die auf Fontane herabrieseln? Und dann gibt es den Dalmatiner-artigen Ramon, der bereitwillig mit Fontane Bälle jagt. Ilvi ist seine Freundin aus der ersten Woche bei mir. Mit fünf Monaten ist sie nun eine echt schicker Hoverward-Teenager, mit dem man toll toben kann. Mit den Hunden finde ich es gar nicht so schwierig. Obwohl wir Freitag eine Begegnung mit einem Neufundländer hatten, die mich noch Stunden später schüttelte. Daran habe ich mal wieder gemerkt, dass ich mich zwischendurch mit meinem Hund identifiziere. Aber während er die Erfahrung anscheinend einfach verbucht als „ok, das war anstrengend“, war ich ziemlich aufgelöst und ängstlich und fast sicher, dass Fontane ein Trauma vor großen schwarzen Hunden erlitten hat. Erst nach gutem Zuspruch durch meinen Coach Marion bin ich wieder auf den Teppich gekommen.

Ja, ja, ich finde es schon spannend, was in meiner Innenwelt los ist. Eine neue Chance zum Lernen und Wachsen.

So long,

Ysabelle

Is der krank?

Hallo, Welt!
Jeder Spaziergang kann eine Herausforderung in Sachen Gewaltfreie Kommunikation sein. Heute Nachmittag kamen mir ein Mann und eine Frau entgegen. Fontane trug seinen neuen Regenmantel fontane-16_10_23. Der Mann sagte laut und in einem Ton, den ich nicht gern höre: „Is der krank?“ Dieses Mal schüttelte ich mich innerlich und antwortete strahlend: „Ja!“ Mehr muss der Mensch nicht sagen. Unerfüllte Bedürfnisse: Respekt und Schutz.

Tatsächlich finde ich Hundemäntelchen albern, doof, teuer und überflüssig. Trotzdem habe ich gestern einen Haufen Geld ausgegeben und dieses modische – vom Hersteller „Skijacke“ genannte Kleidungsstück für meinen Hund gekauft. Und nach drei Spaziergängen mit Fontane im Mantel bin ich sehr begeistert von diesem Dress. Der Hintergrund: Wir hatten gestern einen Notfall-Termin beim Tierarzt, der weit über zwei Stunden gedauert hat. Die Fotos von Fontane in Narkose erspare ich Euch. Die Röntgenbilder auch. Aktuell scheint es so, dass organisch alles in Ordnung ist, aber die dritte – und diesmal schlimmste – Blasenentzündung in neun Wochen gibt doch Anlass zu gesteigerter Besorgnis. Daher der Tipp vom Tierarzt, ein Mantel könnte dem Kleinen gute Dienste leisten, denn offenbar verkühlt er sich immer wieder. Also waren wir shoppen und ich bin mit Passform und Schutz hoch zufrieden. Heute Morgen waren wir in strömendem Regen unterwegs, aber Rücken und Bauch vom Hund blieben trocken und warm. Wenn bloß die Kommentare der Spaziergänger nicht wären.

Eben sind wir von unserer Abendrunde zurück gekommen. Obwohl ich eine knallgelbe Warnweste über meiner dunklen Jacke trage und der Hund Rallyestreifen an seinem neuen Mantel hat, meinte eine andere Hundebesitzerin ziemlich unwirsch, wir seien nicht zu sehen und ich müsse mit Taschenlampe spazieren gehen. Ihre unerfüllten Bedürfnisse? Vielleicht Schutz und Sicherheit, so was wie Klarheit. Meine bei dieser Ansage? Autonomie und Respekt. Statt einer Du-Botschaft hätte ich lieber eine Ich-Botschaft gehört. Ja, ja, ich weiß schon … wir sind hier nicht auf dem Ponyhof und nicht bei „Wünsch dir was“ …

So long!
Ysabelle

Die Rache an Prokrastinierenden

Hallo, Welt!
Fast hätte das heute ein Tag werden können, an dem Fontane nicht in die Bude pinkelt. Alles lief so gut … Ich bin sehr motiviert, alle 90 Minuten vom Schreibtisch aufzustehen und kurz mit ihm vor die Tür zu gehen. Das klappt viel besser als das kurze Tappen der IWatch an meinem Arm, die mich dran erinnert, im Stehen weiter zu arbeiten. Er sagt noch immer nicht Bescheid (angeblich hat er das Freitag bei der Hundesitterin gemacht) und im Auto klappt es manchmal richtig gut mit Nicht-Pipi, zum Beispiel gestern, als er während der Geburtstagsfeier meiner Enkeltochter nicht mit ins Indoor-Spielparadies durfte, sondern draußen seine Ruhe hatte (es gibt Stunden, da beneide ich meinen Hund). Ich mache ausführliche Spaziergänge mit ihm und schließe ihn anschließend neben meinem Schreibtisch in der Gitterbox ein. Heute am späten Nachmittag hat er sein Nickerchen auf der Box gemacht Friedliche Ko-Existenz. Auch sein Freundfeind, der schwarze Kater, kam mal vorbei. Dann wollte ich sofort nach Fontanes Essen mit ihm raus (wissend, dass er nach jedem Nickerchen muss). und zack … hatte ich es wieder versäumt und der Hund hat neben den Kratzbaum gepinkelt. Seufz.Das kommt davon, wenn man Sachen aufschiebt.
Apropos aufschieben: Ich habe zurzeit so unglaublich viel Arbeit, dass ich nicht mal anfangen mag. Gefühlt möchte ich dafür immer einen ganzen Tag haben, aber es landen so viele und so viele verschiedene Dinge an, dass ich einfach nicht hinterher komme und dann bleiben auch dicke Brocken liegen. Hatte ich nicht vor einem Jahr entschieden, dass ich arbeitsmäßig kürzer treten will? Na, wenigstens ist die gute Absicht mit dem „mehr bewegen“ inzwischen umgesetzt. Dank unseres täglichen Fitnessprogramms zeigt die Waage fünf Kilo weniger und Hosen, die in der Vergangenheit sehr – sagen wir mal – figurbetont – saßen, passen jetzt wieder bequem. Hurra! Vielleicht liegt es auch am vielen Boden putzen. Das ist ja auch Bewegung.

So long!

Ysabelle

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben …

Hallo, Welt!
Bis 21.15 Uhr war ich nahezu euphorisch: Tag 1 ohne Pinkelei in der Bude. Eben brachte ich meinen Teller zur Spülmaschine … dann war es wieder Zeit für Wischtücher und Küchenpapier. Ok, ich feiere, dass wir von 10 Pinkeleien jetzt schon drei Tage runter sind auf eine. Und diese eine findet jeweils abends statt. Diese gerade nach einem 45-Minuten-Spaziergang. Ich muss das nicht verstehen.
Der Tag begann mit einem ausführlichen Marsch und endete auch so. Besondere Begeisterung löste bei Fontane fontane16_1003 das Skelett eines mittelgroßen Wirbeltiers aus, das er heute Morgen entdeckte. Normalerweise kommt er schon recht zuverlässig, wenn ich ihn rufe. Auf einer großen menschenleeren Anlage nahe dem Hafen habe ich ihn heute Morgen frei laufen lassen, obwohl das dort nicht erlaubt ist. Drei Mal kam er zurück, beim vierten Mal bewegte er sich überhaupt nicht vom Platz. Ich dachte auf Entfernung, er würde buddeln, aber nein, er hatte ein halbes Skelett im Maul *schüttel_grusel*. Ich bin kein Biologe, es hätte von einem großen Hasen oder von einem Lamm sein können. Jedenfalls habe ich es nur mit Gewalt aus Fontanes Schnauze gerissen bekommen. Das war echt ein schwerer Moment für mich.

Nahezu jeden Tag bin ich aufs Neue damit konfrontiert, dass Gewaltfreiheit eine Haltung ist. Heute bekam ich eine längere Info zum Thema Welpenerziehung. Es ging um Fontanes Wurfbruder. Unglaublich, wie anders er aufwächst. 20 Minuten Strafsitzen im Käfig, eingesperrt werden, wenn er was falsch gemacht hat wie Anspringen (oder Bellen). Bei fast jedem Gassigehen treffe ich auf Hunde, die „herkömmlich“ gehalten werden. Heute wollte ein junger Staffordshire Terrier mit Fontane spielen. Ich hatte echt Angst. Was für ein Kraftpaket! Das Frauchen musste sich ganz schön in die Leine legen, um ihn zu drosseln. Ich versuche mit allen Hundehaltern, auch mit denen, die Teletakt-Halsbänder benutzen oder ständig mit ihren Hunden schimpfen, empathisch umzugehen. Vor allem versuche ich, mit meinem Hund empathisch umzugehen. Und wenn ich merke, ich habe keine Kraft, sondern werde harsch und ungeduldig, dann nehme ich mir eine Auszeit. Tatsächlich lerne ich, mit mir empathisch umzugehen. Das ist ja mal was Neues!

Tatsächlich hilft es mir, die Gefühle und Bedürfnisse meines Hundes zu vermuten. Eigentlich ganz unspektakulär, oder? Bei Tieren scheint das noch krass-ungewöhnlicher zu sein als bei Menschen. Eine Bekannte erzählte mir heute Morgen, ihr Lebensgefährte habe die Krankheit Mukoviszidose und solle regelmäßig mit Sole/Salzwasser inhalieren. Es treibe sie in den Wahnsinn, dass er das nicht tue. Sie konnte sich nicht einmal vorstellen, mit dem Partner zu empathisieren. Dieser Umgang mit der eigenen Gesundheit war ihr total fremd und sie war schwerst genervt und hilflos. Wie soll man auch erwarten, dass Menschen, die mit sich und anderen eher tough umgehen, mit einem Hund empathisch sind? Na, kann ja noch kommen.

So long!
Ysabelle

Unterwegs

Hallo, Welt!
Ich bin ein Morgenmuffel. Ich funktioniere, aber ich bin nicht besonders gesprächig und vor dem ersten halben Liter Kaffee ist mit mir nichts anzufangen. Trotzdem habe ich keine Probleme, früh morgens mit Fontane rauszugehen. Morgens ist dafür sogar meine liebste Zeit, wenn alles noch so still und „natürlich“ erscheint.
morgenstimmung
Auf unserer Morgenrunde begegnete uns heute ein Mann mit seinem Hund. Ich ordnete ihn gedanklich unter „Kampfhund“ ein. Gerade suchte ich mit diesem Begriff nach einem Foto, um die Rasse benennen zu können, und fand unter den einschlägigen Label-Fotos von Stafford-Terriern und Bull Mastiff nichts, was auch nur annähernd so aussah. Was also macht für mich einen Hund zum Kampfhund? Er war etwa so groß wie ein Boxer, hatte einen gedrungenen Körperbau und eine breite Schnauze, die sehr kräftig auf mich wirkte. Der Anblick des Hundes an der Leine löste bei mir Unbehagen und Besorgnis aus.

Anscheinend zeigte diese Hündin – sie trug ein Geschirr mit der Aufschrift „Mama“ – Interesse an uns und zerrte an der Leine. Da holte der mutmaßliche Besitzer aus und zog ihr mit dem Ende der Leine einen Schlag über den Körper. Alle meine Spiegelneuronen liefen Amok.

Am Fahrradladen blieb ich vor einem schicken Lastenrad stehen und einer der Mitarbeiter kam raus und beantwortete meine Frage. Gegenüber war der „Kampfhund“ an einem Laternenpfahl vor KIK festgemacht. Plötzlich hörte ich ein Fiepen und sah, wie eine Frau mit ihrem Hund einen Satz Richtung Strasse machte. Anscheinend hatte „Mama“ mal kurz die eigene Sicherheitszone verteidigt, genau so aggressiv, wie sie auch behandelt wurde. Mir erschien es nur logisch, dass der Hund um sich biss. Wenn man mich schlagen würde, würde ich auch nicht schmusen und spielen wollen.

Hilflosigkeit und Ohnmacht sind bei dem Gedanken an diese Situation ganz vorn. Ich möchte nicht, dass jemand geschlagen wird. Kein Hund, kein Mensch.

Mitte der Woche raste ich noch kurz vor Feierabend zur Post, Fontane an der Leine. Ich bin echt so stolz auf ihn! Was er inzwischen schon alles kann mit seinen 15 Wochen! Als wir den Zebrastreifen überquerten, sah ich vor mir eine Konstellation, die mir auffiel. Ein Mann, ein oder mehrere Kinder, eventuell eins im Kinderwagen, ich erinnere mich nicht genau, dabei eine Frau, älter als der Mann. Und etwa fünf Meter weiter die Straße rein stand eine weitere Frau und redete auf ein weiteres Kind ein. Ihre Körperhaltung wirkte auf mich bedrohlich, sie hob die Hand zum Schlagen, ich hörte sie schimpfen, konnte aber die Worte nicht verstehen. Über den Zebrastreifen lief ich direkt auf sie zu und starrte sie an, vermutlich mit offenem Mund. In meinem Kopf ratterte es. Augenscheinlich verhielt sich dieses eine Kind nicht so, wie die Erwachsenen es erwarteten. Vielleicht hatte es schon länger unterwegs Streit gegeben. Und jetzt wurde das Mädchen eingenordet.

Ich hatte den Eindruck, der Frau war es unangenehm, beobachtet zu werden. Warum sonst war sie weiter in die Seitenstraße hineingegangen? Und die beiden anderen Erwachsenen – warum standen sie abseits, während auf das Mädchen das Strafgericht zukam? Billigten sie die Maßnahme?

Was sollte ich tun? Ich erinnerte mich an eine vergleichbare Situation, die ich einmal in Kiel auf dem Weihnachtsmarkt erlebt hatte, und wo es mir nicht gelungen war, mit den mutmaßlichen Eltern in Kontakt zu kommen. Ich tröstete mich damit, dass die Frau anscheinend inne gehalten hatte, als sie meinen Blick sah. Ich dachte, anscheinend weiß sie, dass es nicht ok ist, das Kind zu schlagen, sonst würde sie nicht in die Seitenstraße gehen, sondern könnte das ja gleich am Zebrastreifen erledigen. Und dann flitzte ich weiter zur Post. Traurig, hilflos, ohnmächtig. Was muss passieren, damit Eltern nicht mehr schlagen, nicht mehr drohen, nicht mehr schreien? Ich merke es am Umgang mit dem Hund: Ich brauche Verbindung mit mir. Und das fällt mir heute viel leichter als vor 30 Jahren, als ich versuchte, meinen Sohn zu „erziehen“. Da gab es keine Sicherung, kein Stop-Signal, keine Selbstverbindung. Das wurde ganz schnell zur Existenzfrage: Er oder ich. Ich kann gar nicht beschreiben, wie dankbar ich Marshall Rosenberg für die Gewaltfreie Kommunikation bin, die dazu beiträgt, dass ich mit meinem einfühlsamen Selbst verbunden sein kann.

So long!

Ysabelle

Spaziergang zu viert

Hallo, Welt!
Fontane geht es nicht gut, ich bin gefühlt täglich beim Tierarzt und komme zu nichts anderem. Heute Morgen hat er so RICHTIG angezeigt, dass er mal raus muss. Ich war so gerührt, mir standen die Tränen in den Augen. Endlich ein Hoffnungsschimmer. Die Urinuntersuchung hat ergeben, dass er E. coli-Bakterien im Harn hat. Die gehören da nicht hin. Und dann sind die auch noch hämolysierend, was auch nicht begeistert. Dazu hat er Fieber. Jetzt wird auch noch sein Kot untersucht. Die ersten Vorabergebnisse besagten, dass er Schafscheiße gefressen hat. Das wusste ich.

Dieser Tage war ich mit meiner Freundin und ihrer Senioren-Hündin sowie Fontane an einem Flüsschen hier in der Nachbarschaft spazieren. Ich hatte gedacht, es wäre eine ruhige Gegend und wir könnten die Hunde frei laufen lassen, doch anscheinend hatten auch andere Hundebesitzer diesen Gedanken. Meine Freundin ist um ihre Hündin sehr besorgt, denn diese hat Krebs und noch dazu Probleme mit der Schilddrüse. Und wenn sie sich aufregt, ist sie schwer zu halten. In der Fürsorge für diesen Hund ist meine Freundin in den letzten Jahren eine absolute Expertin in Sachen Hundeerziehung und Verständnis geworden und ich habe schon oft erlebt, dass sie ständig die Umgebung abscannt, um mögliche Aufreger zu entdecken, die ihre Hündin in Wallung bringen könnten. Um das zu vermeiden, geht sie normalerweise keinen der üblichen Spazierwege.

Auch jetzt kam es zu mehreren Begegnungen mit anderen Hundehaltern und ich nahm es so wahr, dass meine Freundin zunehmend gestresst reagierte. Schließlich kam uns auf dem Feldweg eine Frau auf dem Fahrrad entgegen, neben ihr lief ein Hund von Boxergröße. Meine Freundin rief ihr zu: „Nehmen Sie bitte Ihren Hund an die Leine!“ Die Frau verständigte sich mit ihrem Hund und die beiden passierten uns in ca. 1,5 m. Abstand – ohne Leine.
Meine Freundin war sehr aufgebracht und fand das Verhalten der Radlerin sehr verletzend und rücksichtslos. Ich begann ihr Einfühlung zu geben und erfuhr, dass sie dieses Verhalten geradezu als Angriff auf ihren eigenen persönlichen Raum wahrnahm. Als übergriffig, respektlos, rücksichtlos, unverantwortlich.

Ich wunderte mich still. Nichts dergleichen war in meinem Kopf.
Nach einer Weile kehrten wir um, wollten zum Auto zurück gehen. Von weitem sahen wir schließlich die Radlerin zurückkommen. Diesmal war ihr Hund an der Leine. Trotzdem wirkte meine Freundin extrem angespannt, und als die Frau an uns vorbei fuhr, reagierte unsere Hündin, bellte laut, riss meine – durchaus gewichtige – Freundin beinahe um und sprang der Radlerin nach. Frauchen konnte sie wirklich nur mit äußerster Kraft halten. Als die Fahrrad-Fahrerin etwa 20 Meter entfernt war, rief sie uns – nicht wirklich unfreundlich – noch zu, „Sie sollten mal überlegen, damit tun Sie Ihrem Hund doch keinen Gefallen …!“

Meine Freundin hatte sich zwei Fingernägel abgebrochen bei dem heftigen Ruck, den ihre Hündin in der Leine gemacht hatte. Sie atmete schwer, war sehr aufgewühlt. Ich versuchte wieder mit ihr Verbindung aufzubauen.

Aufgewühlt, besorgt, voller Angst um ihre Hündin, dramatische Erfahrungen, was ihren eigenen Raum anging … so nach und nach wurde sie ruhiger und dann liefen plötzlich die Tränen. Da war sie, die überwältigende Angst, dass ihrer Hündin etwas passieren könnte, dass diese aufgrund der schweren Erkrankungen vielleicht vor Aufregung plötzlich einen Herzstillstand haben könnte, dass sie selbst die Hündin vielleicht nicht halten können würde, und dann hieße es plötzlich, ihr Hund jage Radfahrer, böswillig … Da war so viel Schmerz und so viel Verzweiflung … und plötzlich auch wieder ein gewisses Verständnis für die Frau auf dem Fahrrad. „Die hat das genau so gemacht, wie man das im Schäferhundverein lernt …“

Zwei weitere Begegnungen, eine mit einem weiteren Radler und eine mit einem Hundebesitzer verliefen – ich sag mal geordnet. Im Auto habe ich versucht zusammenzufassen, was ich gesehen und erlebt habe und habe noch einmal dazu eingeladen, meine Freundin möge die Sorge um ihren Hund gern wieder und wieder benennen, statt sie runterzudrücken. Mit schiefem Grinsen meinte sie, „ich habe noch viel zu lernen …“

Ich auch.
Zum Beispiel schneller zu sein als mein Hund. Gerade hat er den Kopierer angepinkelt. Das ist der Hauptgrund, warum ich nicht richtig zum Schreiben komme. Geschichten erlebe ich jeden Tag ohne Ende. Und alle haben irgendetwas mit Gewalt zu tun. Meine Wahrnehmung dafür scheint mit jedem Tag schärfer zu werden.

So long!

Ysabelle

Bitte pinkeln Sie jetzt …

Hallo, Welt!
Nach diversen Gesprächen im Verlauf der Woche habe ich den Tierarzt kontaktiert und noch einmal meine Besorgnis in Sachen „Stubenrein“ zum Ausdruck gebracht. Antwort: Wir brauchen eine Urinprobe.
Das war schon beim ersten Mal problematisch. Wie kann man denn von einem Wildpinkler eine Urinprobe einsammeln? Der Tierarzt sagt mit breitem Grinsen, „ich bin sicher, du schaffst das …“.

Zwei Stunden später hat er ein bisschen Pipi, das ich mit der Spritze aufgesogen habe, als Fontane schräg unter den Drucker gepieselt hatte. *seufz*

Die Probe ist verunreinigt und gibt lediglich her, dass Leukozyten im Urin sind und erhöhte Nitratwerte. Außerdem stinkt sie nach Fisch, sagt der Tierarzt am Telefon.
„Er hatte einen Fischzopf als Leckerli“.
„Den lass mal weg!“

Als der Hund in den ersten Abendschlaf fiel, habe ich mich mit einer Suppenkelle und einem verschließbaren Joghurtbecher im Innenhof eingerichtet.
Um 23 Uhr habe ich den schlafenden Hund nach unten getragen und dort abgesetzt. Er taumelte kurz um sich dann zum Pinkeln in Position zu stellen. Heureka, meine Chance! Zack! Die Suppenkelle unter den Bauch gehalten, das Pinkeln gelobt, den Inhalt der Suppenkelle in den Joghurtbecher gefüllt, verschlossen. Den Hund geschnappt und wieder nach oben getragen. Erstmals war in dieser Nacht sein Bett trocken. Und die Urinprobe morgens um acht beim Tierarzt.
Der hatte natürlich wieder was zu meckern … Joghurtbecher … nicht steril … Tja, Jungs, nehmt was Ihr kriegen könnt!
Der Schnelltest bestätigte dann die Diagnose vom Vorabend. Und damit gab es auch das Aus für die nachmittagliche Spielstunde in der Welpenschule. Stattdessen bin ich mit meiner Enkeltochter und Fontane Eis essen gegangen.

Ein Wunder! Während wir an unserem Eis löffelten, machte der Hund plötzlich „fiep“ und eine ziehende Bewegung Richtung Tür. Halleluja, ich habe es gleich richtig interpretiert, hab Enkeltochter mit dickem Portemonnaie am Tisch sitzen lassen und bin mit dem Hund zum nächsten Grasbüschel auf der Straße gesprintet. Ein Piesch, ein Piesch! Das hätte ich mir vor zwei Monaten nicht vorstellen können, dass ich mich so darüber freue.

In mehreren Gesprächen in dieser Woche habe ich noch einmal angeguckt, wieso mich diese Situation so an den Rand einer Depression bringt. Alle alten Gespenster stehen wieder auf. „Ich kann das nicht. Ich schaff das nicht. Ich kriege nichts auf die Reihe. Alle anderen Hunde (Kinder) sind schon viel weiter als meins, weil ich alles falsch mache …“ Ich docke nahtlos an meine Wochenbett-Depression an. Nach 34 Jahren! Und eine Freundin meinte gestern Morgen voller Wärme: Na, das ist ja auch dein erstes Kind seit 34 Jahren …

Jedenfalls bin ich erleichtert, dass es einen medizinischen Grund für sein Pinkelverhalten gibt. Näheres erfahren wir, wenn die Laborwerte Mitte nächster Woche kommen. Außerdem hatte ich gestern einen Anruf eines Unternehmens, für das ich schon zwei Mal gearbeitet habe. Man wolle mich wieder einkaufen. Ganz ehrlich: Das hat meine Stimmung erst recht gehoben!

So long!

Ysabelle

Minenfeld

Hallo, Welt!
Mein Hund ist so wenig normal wie ich. Und ich habe für meinen eigenen Geschmack zu wenig Ahnung von Hunden, obwohl ich als Studentin einen Cocker Spaniel aus dem Tierheim hatte und mit ihm fünf Jahre gelebt habe. Was liegt also näher als fachkundige Unterstützung zu suchen?
Und dann geht es los. Die gängigsten Urteile:
Hundesportverein (Schäferhundverein): Veraltete Trainingsmethoden, Kadavergehorsam, Kommandos brüllen.
Hundeschule: Geldgierig, unzureichend ausgebildete TrainerInnen, Richtungskämpfe zwischen Wattebäuschchenwerfern und „Klassischen“ Trainern
Cesar Milan: Tierquäler aus den USA oder Retter von unberechenbaren Straßenhunden?
Martin Rütter: Ernst zu nehmender Hundetrainer oder Comedian?
Maja Nowak: Hat sie Ahnung oder ist sie gefährlich?

In einer Einschätzung zu einer Hundeschule vor Ort fand ich:

Leider bekommt man in einigen Landkreisen die Erlaubnis nach Paragraph 11 auch so hinterhergeworfen, denn das ist in Deutschland nicht einheitlich geregelt. Einige Hundeschulen müssen Mengen an Ausbildungs- und Weiterbildungsnachweisen vorweisen und andere gar nichts

und weiter schrieb mir die Freundin:

Was mir negativ aufgefallen ist, ist dass dort der Hundeführerschein des HSAG abgenommen wird (und das ist nur für dem HSAG angeschlossene Hundeschulen möglich – demnach wird nach deren Methoden trainiert) und andererseits dort steht :“ Im Umgang mit Ihrem Hund können Sie als harmonisches Hund-Mensch-Team viel mehr erreichen als durch veraltete Methoden.“ Der HSAG-Hundeführerschein jedoch besteht nur aus vollkommen veralteten Methoden und ist aus tierpsychologischer Sicht unhaltbar…

Was ist eigentlich „tierpsychologische Sicht“? Welche Ausbildungen sollte eine Hundetrainerin haben?
Was ist zu halten von der Initiative Trainieren statt Dominieren?

Ich stelle fest, dass mir da der GFK-Ansatz ausgesprochen gut gefällt. Ich habe eine Beobachtung. Sie löst Gefühle aus. Ich identifiziere erfüllte und unerfüllte Bedürfnisse. Und dann entscheide ich mich für eine Strategie als Versuch, die Bitte umzusetzen.

Gestern war ich also mit Fontane in einer Hundeschule 50 km entfernt, deren Besitzerin ich vertraue. Fontane benahm sich wie „Pudel auf Ecstasy“.Nach dem Gespräch fühlte ich mich richtiggehend elend und ein Teil von mir dachte, mein Hund ist ein Psychopath und ich komplett unfähig. Das ist ein sehr vertrautes Muster, das ich aus der Kindheit meines Sohnes kenne.

Dann habe ich mich auf die praktischen Ratschläge besonnen und war eine lange Leine einkaufen.
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Gestern Abend und heute Nacht haben wir ein paar von den Tipps ausprobiert. Ich quietsche nicht mehr so wild und hoch vor Begeisterung, wenn ihm etwas gelingt oder mir sein Tun Freude bereitet. Ich stelle fest, dass mein Hund gut Augenkontakt aufnehmen kann. Bei unserem Ausflug in den Park haben vier von fünf Rückrufen geklappt, obwohl wir das vorher noch nie an einer langen Leine geübt haben. Wir entwickeln neue attraktive Belohnungen fürs Pieschen in freier Wildbahn und hatten heute bisher kein Missgeschick im Haus. HURRA! Er verbringt jetzt mehr Zeit in der Gitterbox neben meinem Schreibtisch, damit er deutlicher anzeigen muss, dass er raus will. Zum Ausgleich dehnen wir die Spaziergänge aus.

Ich merke, dass ich sehr ängstlich bin und möchte, dass mit meinem Hund alles „in Ordnung“ ist. Er soll „normal“ sein, wie andere Hunde. Wird an ihm etwas als ungewöhnlich beschrieben (mit 13 Wochen noch nicht stubenrein), beziehe ich das sofort auf mich. Mit mir stimmt was nicht, sonst würde der Hund ja funktionieren. Leute, Leute … ich habe nicht geahnt, dass ich mir so viel Entwicklungspotential ins Haus hole …

Wir feiern heute: Tag 1 stubenrein.

So long!

Ysabelle

Sitz! Platz! Schnauze, verdammt!

Hallo, Welt!
Ich melde mich zurück nach langer Pause. So wie ich den Blog früher gepflegt habe, möchte ich nicht mehr weiter machen. Gleichzeitig habe ich viel zu teilen und ich weiß, dass es einige treue Fans gibt, die vielleicht auch weiter lesen, wenn sich der Schwerpunkt verändert. Das hat auch damit zu tun, dass sich mein Leben verändert hat.

Nach einem Jahr Abwägen ist vor fünf Wochen mein neuer Lebensgefährte bei mir eingezogen. Er heißt Fontane Fontane mit 13 Wochen und ist am Sonntag drei Monate alt geworden. Und dieser Mitbewohner stellt mein „Gewaltfrei sein“ noch einmal vor ganz neue Herausforderungen.

Die ersten Tage erinnerten mich sehr an meine Zeit nach der Geburt meines Sohnes. Ich hatte damals die verquirltesten Ideen im Kopf, wie das Sein mit Kind wohl wäre. Die Realität waren schlaflose Tage und Nächte, tiefste Erschöpfung, Trauer und Hilflosigkeit.

Mit Fontane war es nicht ganz so schlimm. Und zum Glück habe ich Freunde an meiner Seite, denen die Gewaltfreiheit im Umgang mit Tieren ein ebenso wichtiges Anliegen ist wie mir. Wie kann ich mich denn Trainerin nennen wollen, wenn ich bei meinem eigenen Hund nicht gewaltfrei bin? Dazu mehr in den nächsten Tagen.

Heute Morgen hatte ich eine besondere Begegnung. Jemand aus meinem Familienkreis und Fontane trafen aufeinander. Die Person mochte es nicht, dass Fontane an ihr hochsprang (was ich verstehen kann. Mir gefällt das auch nicht). Ich drückte ihr die „Knackschachtel“ mit den Leckerlis in die Hand und sie suchte sich welche aus. „Fontane, sitz! Fontane, sitz!“ Zunehmend ungeduldiger und genervter blaffte sie den Hund an, der noch immer wie wild um sie herum tanzte. Ich hockte daneben und hörte mich sagen, „sprich nicht so harsch mit ihm. Ich hätte dann auch keine Lust mich hinzusetzen …“

Tatsächlich kommen mir die Tränen bei der Erinnerung an diese Szene. Befehl und Gehorsam. Und bist du nicht willig, dann brauch ich Gewalt. Tust du nicht, was ich anordne, dann wirst du schon sehen, was du davon hast … Dieses ganze Thema Hundeerziehung, von dem ich dachte, dass das eigentlich nichts mit mir zu tun hat, rührt unzählige alte Verletzungen und Erinnerungen an. Wenn du nicht tust was ich will … dann … ist mal Liebesentzug das mindeste, was du zu erwarten hast …

Um mich herum gibt es eine Menge Menschen, die einen Hund haben und durchaus liebevoll mit ihm umgehen. Trotzdem nutzen sie Gewalt in einer Weise, wie die Gewaltfreie Kommunikation Gewalt definiert. Eine Teilnehmerin meiner Übungsgruppe schlug vor, als Disziplinierungsmittel einen Wäschesprenger einzusetzen. „Das tut ihm doch nicht weh“. Ich erinnere mich an die Zeit, als mein Sohn nicht ohne seine riesige Wasserspritzkanone „Super-Soaker“ aus dem Haus ging. Wie habe ich es gehasst, seine Zielscheibe zu sein …

Was die Sauberkeitserziehung angeht, gibt es viele Tipps aus dem Kreis der Hundebesitzer. Der beliebteste ist, Hundekopf in Hundepipi zu drücken.

Um unerwünschtes Verhalten abzustellen, empfiehlt die Züchterin Kneifen in den Nacken und Schnauzengriff.

„Der Hund darf nie die Leine in die Schnauze nehmen, das ist der verlängerte Arm, den darf er nie beißen …Der Hund darf nicht vor dir durch die Tür gehen, das ist Dominanzverhalten, das darfst du ihm nicht durchgehen lassen …

… und ein Trainerkollege empfahl mir allen Ernstes ein Hundehalsband, das elektrischen Schläge austeilt. „Das tut doch nicht wirklich weh …“ Ich nehme stark an, er würde das bei Kindern nicht ausprobieren wollen.

Das erste Aufregende, was mich mein Hund lehrt, erinnert an eine alte Geschichte, die Marshall Rosenberg erzählte: „How do you do a don’t?“
Für mich übersetzt: Sag mir doch nicht dauernd „nein“ oder „aus“ oder so einen Scheiß. Ich weiß dann nicht, was ich machen soll. „Aus“ bedeutet für mich nichts. Sag mir stattdessen, was ich tun soll. Und wenn ich das mehr attraktiv finde als das, was ich hier gerade mache, tue ich das gern.

Im Klartext: Statt ihn dauernd anzublaffen, wenn er beim Gassigehen in meine Hose beißt oder nach den Schnürsenkeln schnappt, habe ich ein Zerr-Tau mit dabei oder einen Hartgummiball am Band. Damit spielen wir miteinander. Meine Aufmerksamkeit ist bei meinem Hund, und nicht bei den Mails auf dem Smartphone. Wir sind ein Team, und ich bin der Senior-Chef.
So long,

Ysabelle

Ringelingeling!

Hallo, Welt!
Heute ist mir ein fantastisches Modell über den Weg gelaufen, das ich unbedingt mit Euch teilen möchte. Die AutorInnen Susan Silk und Barry Goldman versprechen, dass man nie wieder im Fettnäpfchen landet, wenn man sich an die hier beschriebene Ring-Theorie hält.
Beispiel:
2013 rief mich meine Mutter an und sagte zu mir am Telefon, „der Krebs ist zurück. Ich muss noch mal operiert werden, aber sie wissen nicht, ob sie alles weg kriegen. Da ist nicht mehr viel, wo sie schneiden können.“
Ich versuchte ihr Empathie zu geben und Mut zuzusprechen. Zu dieser Zeit hatte ich gerade Kaffeebesuch von meinem Ex-Mann. Schon während des Telefonats hatte er versucht, mir etwas zu sagen. Als ich dann auflegte, überschüttete er mich mit Informationen. „Ich weiß alles über Krebs. Sie muss ihre Ernährung umstellen. Sag ihr, sie soll Vitamin D nehmen. Hoch dosiert. Und grüne Smoothies trinken.“ Er erzählte mir alles über Victoria Boutenko, die angeblich die grünen Smoothies erfunden hat, und gab mir gleich noch ein halbes Dutzend Rezepte an die Hand. Erschöpft habe ich irgendwann abgewunken und ihn gebeten, die Luft anzuhalten. Meine Mutter wurde zu dem Zeitpunkt schon zwei Jahre künstlich ernährt und alle Tabletten wurden gemörsert. Kein Gedanke, dass sie anfangen würde, grüne Smoothies zu trinken und Vitamin D zu nehmen, es sei denn, ihr Hausarzt würde das empfehlen. Und mir hatte diese Lawine an Infos auch nicht geholfen.

Diese Situation fiel mir ein, als ich heute den Text über die Ringe-Theorie las. Ach, hätte der Ex das doch damals schon gekannt! Oder ich selbst in hundert anderen Situationen! Dann hätte ich einem Haufen Leuten viel Kummer erspart.
Und so funktioniert es:
Ring-Theorie
Denke Dir den/die Betroffene(n) in die Mitte eines Kreises. Wer gerade einen geliebten Menschen verloren hat, vor der Scheidung steht, eine schreckliche Diagnose anhören musste oder seinen Arbeitsplatz verloren hat, braucht Empathie. Empathie fließt also von außen zu diesem Menschen. In weiteren Kreisen stehen die Personen, die dem/oder der Betroffenen am nächsten sind, vielleicht der Partner, die Partnerin, das Kind, die Eltern. Sie geben Empathie REIN. Wenn sie selbst mit eigenen Themen berührt sind (die Mutter hat selbst Krebs/die Partnerin ist auch von Arbeitslosigkeit bedroht), geben sie das nicht in die Mitte, zu der betroffenen Person, sondern suchen sich jemanden aus einem Kreis, der weiter außen liegt. Egal ob Freund, Kollegin, Nachbar oder flüchtige Bekannte – wir alle stehen in „Abstandsringen“ zum Betroffenen. Machen wir uns klar, was unsere Position ist. Sind wir innen oder außen? Sind wir dichter dran am Betroffenen als unser aktuelles Gegenüber? Dann wissen wir, in welche Richtung wir „müllen“ können. Müllen ist dabei gar nicht negativ gemeint. Es geht um die Dinge, die wir gern loswerden würden. Unsere Ratschläge, unsere Wut, unsere Verzweiflung, vielleicht unsere Angst. All das werfe ich nicht auf den Menschen, der ohnehin gerade schwer zu tragen hat, sondern ich gebe es weiter zu Leuten, die nicht so dicht dran sind wie ich.

Was mein Beispiel angeht: Ich war ziemlich sicher dichter an meiner Mutter als mein Ex-Mann, der sie 18 Jahre nicht gesehen hatte. Also wäre ich dran gewesen, Empathie zu bekommen. Mein Ex-Mann wiederum hätte sich bei seiner Frau auskotzen können, die meine Mutter nicht kennt.

Die Zeichnung kommt heute an meinen Kühlschrank. Hoffentlich habe ich sie das nächste Mal präsent, wenn jemand in meinem Dunstkreis Empathie braucht.

So long!

Ysabelle

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