Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Spaziergang zu viert

Hallo, Welt!
Fontane geht es nicht gut, ich bin gefühlt täglich beim Tierarzt und komme zu nichts anderem. Heute Morgen hat er so RICHTIG angezeigt, dass er mal raus muss. Ich war so gerührt, mir standen die Tränen in den Augen. Endlich ein Hoffnungsschimmer. Die Urinuntersuchung hat ergeben, dass er E. coli-Bakterien im Harn hat. Die gehören da nicht hin. Und dann sind die auch noch hämolysierend, was auch nicht begeistert. Dazu hat er Fieber. Jetzt wird auch noch sein Kot untersucht. Die ersten Vorabergebnisse besagten, dass er Schafscheiße gefressen hat. Das wusste ich.

Dieser Tage war ich mit meiner Freundin und ihrer Senioren-Hündin sowie Fontane an einem Flüsschen hier in der Nachbarschaft spazieren. Ich hatte gedacht, es wäre eine ruhige Gegend und wir könnten die Hunde frei laufen lassen, doch anscheinend hatten auch andere Hundebesitzer diesen Gedanken. Meine Freundin ist um ihre Hündin sehr besorgt, denn diese hat Krebs und noch dazu Probleme mit der Schilddrüse. Und wenn sie sich aufregt, ist sie schwer zu halten. In der Fürsorge für diesen Hund ist meine Freundin in den letzten Jahren eine absolute Expertin in Sachen Hundeerziehung und Verständnis geworden und ich habe schon oft erlebt, dass sie ständig die Umgebung abscannt, um mögliche Aufreger zu entdecken, die ihre Hündin in Wallung bringen könnten. Um das zu vermeiden, geht sie normalerweise keinen der üblichen Spazierwege.

Auch jetzt kam es zu mehreren Begegnungen mit anderen Hundehaltern und ich nahm es so wahr, dass meine Freundin zunehmend gestresst reagierte. Schließlich kam uns auf dem Feldweg eine Frau auf dem Fahrrad entgegen, neben ihr lief ein Hund von Boxergröße. Meine Freundin rief ihr zu: „Nehmen Sie bitte Ihren Hund an die Leine!“ Die Frau verständigte sich mit ihrem Hund und die beiden passierten uns in ca. 1,5 m. Abstand – ohne Leine.
Meine Freundin war sehr aufgebracht und fand das Verhalten der Radlerin sehr verletzend und rücksichtslos. Ich begann ihr Einfühlung zu geben und erfuhr, dass sie dieses Verhalten geradezu als Angriff auf ihren eigenen persönlichen Raum wahrnahm. Als übergriffig, respektlos, rücksichtlos, unverantwortlich.

Ich wunderte mich still. Nichts dergleichen war in meinem Kopf.
Nach einer Weile kehrten wir um, wollten zum Auto zurück gehen. Von weitem sahen wir schließlich die Radlerin zurückkommen. Diesmal war ihr Hund an der Leine. Trotzdem wirkte meine Freundin extrem angespannt, und als die Frau an uns vorbei fuhr, reagierte unsere Hündin, bellte laut, riss meine – durchaus gewichtige – Freundin beinahe um und sprang der Radlerin nach. Frauchen konnte sie wirklich nur mit äußerster Kraft halten. Als die Fahrrad-Fahrerin etwa 20 Meter entfernt war, rief sie uns – nicht wirklich unfreundlich – noch zu, „Sie sollten mal überlegen, damit tun Sie Ihrem Hund doch keinen Gefallen …!“

Meine Freundin hatte sich zwei Fingernägel abgebrochen bei dem heftigen Ruck, den ihre Hündin in der Leine gemacht hatte. Sie atmete schwer, war sehr aufgewühlt. Ich versuchte wieder mit ihr Verbindung aufzubauen.

Aufgewühlt, besorgt, voller Angst um ihre Hündin, dramatische Erfahrungen, was ihren eigenen Raum anging … so nach und nach wurde sie ruhiger und dann liefen plötzlich die Tränen. Da war sie, die überwältigende Angst, dass ihrer Hündin etwas passieren könnte, dass diese aufgrund der schweren Erkrankungen vielleicht vor Aufregung plötzlich einen Herzstillstand haben könnte, dass sie selbst die Hündin vielleicht nicht halten können würde, und dann hieße es plötzlich, ihr Hund jage Radfahrer, böswillig … Da war so viel Schmerz und so viel Verzweiflung … und plötzlich auch wieder ein gewisses Verständnis für die Frau auf dem Fahrrad. „Die hat das genau so gemacht, wie man das im Schäferhundverein lernt …“

Zwei weitere Begegnungen, eine mit einem weiteren Radler und eine mit einem Hundebesitzer verliefen – ich sag mal geordnet. Im Auto habe ich versucht zusammenzufassen, was ich gesehen und erlebt habe und habe noch einmal dazu eingeladen, meine Freundin möge die Sorge um ihren Hund gern wieder und wieder benennen, statt sie runterzudrücken. Mit schiefem Grinsen meinte sie, „ich habe noch viel zu lernen …“

Ich auch.
Zum Beispiel schneller zu sein als mein Hund. Gerade hat er den Kopierer angepinkelt. Das ist der Hauptgrund, warum ich nicht richtig zum Schreiben komme. Geschichten erlebe ich jeden Tag ohne Ende. Und alle haben irgendetwas mit Gewalt zu tun. Meine Wahrnehmung dafür scheint mit jedem Tag schärfer zu werden.

So long!

Ysabelle

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