Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Sitz! Platz! Schnauze, verdammt!

Hallo, Welt!
Ich melde mich zurück nach langer Pause. So wie ich den Blog früher gepflegt habe, möchte ich nicht mehr weiter machen. Gleichzeitig habe ich viel zu teilen und ich weiß, dass es einige treue Fans gibt, die vielleicht auch weiter lesen, wenn sich der Schwerpunkt verändert. Das hat auch damit zu tun, dass sich mein Leben verändert hat.

Nach einem Jahr Abwägen ist vor fünf Wochen mein neuer Lebensgefährte bei mir eingezogen. Er heißt Fontane Fontane mit 13 Wochen und ist am Sonntag drei Monate alt geworden. Und dieser Mitbewohner stellt mein „Gewaltfrei sein“ noch einmal vor ganz neue Herausforderungen.

Die ersten Tage erinnerten mich sehr an meine Zeit nach der Geburt meines Sohnes. Ich hatte damals die verquirltesten Ideen im Kopf, wie das Sein mit Kind wohl wäre. Die Realität waren schlaflose Tage und Nächte, tiefste Erschöpfung, Trauer und Hilflosigkeit.

Mit Fontane war es nicht ganz so schlimm. Und zum Glück habe ich Freunde an meiner Seite, denen die Gewaltfreiheit im Umgang mit Tieren ein ebenso wichtiges Anliegen ist wie mir. Wie kann ich mich denn Trainerin nennen wollen, wenn ich bei meinem eigenen Hund nicht gewaltfrei bin? Dazu mehr in den nächsten Tagen.

Heute Morgen hatte ich eine besondere Begegnung. Jemand aus meinem Familienkreis und Fontane trafen aufeinander. Die Person mochte es nicht, dass Fontane an ihr hochsprang (was ich verstehen kann. Mir gefällt das auch nicht). Ich drückte ihr die „Knackschachtel“ mit den Leckerlis in die Hand und sie suchte sich welche aus. „Fontane, sitz! Fontane, sitz!“ Zunehmend ungeduldiger und genervter blaffte sie den Hund an, der noch immer wie wild um sie herum tanzte. Ich hockte daneben und hörte mich sagen, „sprich nicht so harsch mit ihm. Ich hätte dann auch keine Lust mich hinzusetzen …“

Tatsächlich kommen mir die Tränen bei der Erinnerung an diese Szene. Befehl und Gehorsam. Und bist du nicht willig, dann brauch ich Gewalt. Tust du nicht, was ich anordne, dann wirst du schon sehen, was du davon hast … Dieses ganze Thema Hundeerziehung, von dem ich dachte, dass das eigentlich nichts mit mir zu tun hat, rührt unzählige alte Verletzungen und Erinnerungen an. Wenn du nicht tust was ich will … dann … ist mal Liebesentzug das mindeste, was du zu erwarten hast …

Um mich herum gibt es eine Menge Menschen, die einen Hund haben und durchaus liebevoll mit ihm umgehen. Trotzdem nutzen sie Gewalt in einer Weise, wie die Gewaltfreie Kommunikation Gewalt definiert. Eine Teilnehmerin meiner Übungsgruppe schlug vor, als Disziplinierungsmittel einen Wäschesprenger einzusetzen. „Das tut ihm doch nicht weh“. Ich erinnere mich an die Zeit, als mein Sohn nicht ohne seine riesige Wasserspritzkanone „Super-Soaker“ aus dem Haus ging. Wie habe ich es gehasst, seine Zielscheibe zu sein …

Was die Sauberkeitserziehung angeht, gibt es viele Tipps aus dem Kreis der Hundebesitzer. Der beliebteste ist, Hundekopf in Hundepipi zu drücken.

Um unerwünschtes Verhalten abzustellen, empfiehlt die Züchterin Kneifen in den Nacken und Schnauzengriff.

„Der Hund darf nie die Leine in die Schnauze nehmen, das ist der verlängerte Arm, den darf er nie beißen …Der Hund darf nicht vor dir durch die Tür gehen, das ist Dominanzverhalten, das darfst du ihm nicht durchgehen lassen …

… und ein Trainerkollege empfahl mir allen Ernstes ein Hundehalsband, das elektrischen Schläge austeilt. „Das tut doch nicht wirklich weh …“ Ich nehme stark an, er würde das bei Kindern nicht ausprobieren wollen.

Das erste Aufregende, was mich mein Hund lehrt, erinnert an eine alte Geschichte, die Marshall Rosenberg erzählte: „How do you do a don’t?“
Für mich übersetzt: Sag mir doch nicht dauernd „nein“ oder „aus“ oder so einen Scheiß. Ich weiß dann nicht, was ich machen soll. „Aus“ bedeutet für mich nichts. Sag mir stattdessen, was ich tun soll. Und wenn ich das mehr attraktiv finde als das, was ich hier gerade mache, tue ich das gern.

Im Klartext: Statt ihn dauernd anzublaffen, wenn er beim Gassigehen in meine Hose beißt oder nach den Schnürsenkeln schnappt, habe ich ein Zerr-Tau mit dabei oder einen Hartgummiball am Band. Damit spielen wir miteinander. Meine Aufmerksamkeit ist bei meinem Hund, und nicht bei den Mails auf dem Smartphone. Wir sind ein Team, und ich bin der Senior-Chef.
So long,

Ysabelle

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