Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Dankbarkeit: Geschenke

„Ein Weiser versteht es, die Menschen nach ihrer Menschlichkeit zu schätzen, ein Mittlerer schätzt sie nach ihren Taten und ein Untüchtiger schätzt sie nach ihren Geschenken.“
Lü Bu We, Frühling und Herbst des Lü Bu We, S. 420

Zwei Tage wollte ich schon über die spannenden Geschenke schreiben, die mir Weihnachten zuteil geworden sind. Ein lustiges Buch für Apple-Fans, zwei wunderbare Giraffen, ein sehr schönes Teelicht und manches andere. Ich selber habe mich auch beschenkt in diesem Jahr. Und ich hatte für einige Menschen Dinge selbst gemacht.
Eines dieser Geschenke stieß nicht auf Freude. Die Nachricht erreichte mich heute Morgen und löste einen tiefen Schmerz aus. Ich fand schnell Parallelen aus meiner Kindheit, wusste nicht wohin mit meiner Verzweiflung und beschloss, erst mal mit der Hausarbeit weiter zu machen und dabei zu überlegen, mit wem ich darüber reden konnte.
Gegen zwölf klingelte das Telefon, es war ein alter Freund. Es war, als öffneten sich die Schleusen eines gewaltigen Dammes. Die Tränen wollten nicht aufhören zu fließen und wie bei der Schale einer Zwiebel zeigte sich eine Schicht nach der anderen. Mein Freund konnte einfühlsam zuhören und die richtigen Fragen stellen, er wies mich auf Fortschritte hin und hielt es aus, dass mich immer neue Wellen von Verzweiflung und altem Schmerz überrollten.
Nach über einer Stunde war alles geweint und alles gesagt. Für mich war dieser Anruf das schönste Weihnachtsgeschenk. In großer Not ist ein Mensch für mich da, hält mich aus, findet die richtigen Worte und weiß an der richtigen Stelle zu schweigen. Und mein Freund hat mich auf eine Idee gebracht, die mir ebenso gut tut wie sein Anruf.
Mein Sohn und meine Schwiegertochter schenkten mir zu Weihnachten einen Bilderrahmen, in dem man 15 kleinere Bilder wie in einem Puzzle hin und herschieben kann. Zwei Fotos waren schon eingebaut. Den ganzen Nachmittag habe ich damit zugebracht, in 12000 Fotos nach den Menschen zu suchen, die mir in schwierigen Zeiten zur Seite stehen. Ich habe die Bilder ausgedruckt, zurechtgeschnitten und in den Rahmen gebaut. Und mit jedem zusätzlichen Bild wuchs meine Zuversicht und mein Vertrauen in nährende, verlässliche Beziehungen. Diese 15 Menschen in dem Bilderrahmen – Marshall ist auch dabei, aber mehr symbolisch – kann ich anrufen, wenn es mir nicht gut geht. Und mir ist dabei aufgegangen, dass es noch mehr Menschen gibt, auf die ich mich verlassen kann, die bereit sind, mir zuzuhören und mich zu unterstützen. Ich fühle mich reich und in vielfacher Weise beschenkt, mit diesem wunderbaren Bilderrahmen und mit Menschen, die für mich da sind, wenn ich sie brauche. Noch nie war mir das so bewusst wie heute, als ich nach und nach die Bilder in den Rahmen fügte, und mich tatsächlich noch entscheiden musste, wer meinem Herzen besonders nahe steht. Es ist eine Momentaufnahme, aber eine beglückende.

Heute will ich mir bewusst machen, dass es in meinem Leben viele Menschen gibt, die gern bereit sind, für mich da zu sein. Es ist an mir, die Hand nach ihnen auszustrecken.

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