Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Work-Life-Balance: Die Beobachtung

Hallo, Welt!
Meine allererste Glaubenssatz-Arbeit habe ich 2007 bei Anja Kenzler in Bremen gemacht. An dieses „Wumms“ kann ich mich noch gut erinnern. Mein Satz lautete: du kannst nicht mit Geld umgehen. Und dann kam eine explosive Frage: Was ist die Beobachtung?
Ich glaube, ich habe den halben Nachmittag nur geweint. Und seither bin ich ein Fan von der Arbeit mit Glaubenssätzen.
Anscheinend gibt es auch einen Glaubenssatz, der besagt, ich tue nicht genug. Aus meinem Freundeskreis kommen immer wieder Rückmeldungen, ich sei ja so beschäftigt und würde so viel bewegen. Mein innerer Kommentator meint dazu lakonisch: Wenn die wüssten…
Durch die Mentoring- und Assessment-Tage ist meine Aufmerksamkeit ja besonders auf das Thema Vitalität gerichtet. Ich frage mich, was ich dazu beitrage, um ein gutes Gleichgewicht zu finden zwischen Arbeit und Erholung. Kein Wunder, dass das schwierig ist, wenn ich doch selbst meine Arbeit nicht als Arbeit anerkenne. Wie soll ich mir dann Erholung zugestehen? Und wie geht Erholung?

Gestern nun fand ich nach einem Suchen ein leeres Büchlein im A-6-Format und habe angefangen, die Spalten zu füllen. Auf der linken Seite steht „Work“ und auf der rechten Seite „Life“. So sachte dämmert mir, wieso ich denke, ich tue nichts. ich habe anscheinend auch Glaubenssätze dazu, was genau „Arbeit“ ist. Und diese Glaubenssätze klingen in meinen eigenen Ohren sehr kindlich. Arbeit ist acht Stunden Kohlensäcke tragen. Arbeit ist acht Stunden Buchungen vornehmen. Arbeit ist, acht Stunden im Callcenter zu telefonieren. Vier Stunden bügeln ist nicht wirklich Arbeit, denn Bügeln macht mir Spaß. Nicht so viel, dass ich das jeden Tag haben möchte, obwohl ich zwischendurch überlegt habe, mich bei der lokalen Heißmangel zu bewerben. Aber es ist ok und stört mich nicht wirklich. Schwups, schon ist Bügeln keine Arbeit mehr.
Wer arbeitet ist nicht ansprechbar. (oh ja, ich erinnere mich an meine Kindheit…). Wenn man gearbeitet hat, ist hinterher ein großer Klotz fertig. 1000 Briefumschläge gestempelt. 30 Seiten wichtiger Text vollgeschrieben. Wenn man gut gearbeitet hat, ist hinterher „der Schreibtisch blank“. Solange noch irgendwo Arbeit rumliegt, ist man nicht fertig. (Das kann dann ja noch ein paar Jahre dauern, bis ich fertig werde. Irgendwie finde ich immer was zu tun). Für die Arbeit geht man aus dem Haus. Zu Hause arbeiten ist nicht wirklich Arbeit. Und Hausarbeit ist überhaupt keine Arbeit, die zählt gar nicht. (Da höre ich meine Freundin Byron Katie, die sanft fragt: Ist das wirklich wahr? Kannst du 100prozentig wissen, dass das wahr ist?)
Mit einer so selektiven Definition von Arbeit wundert es mich nicht, dass ich meine teilweise sehr vollen Tage nicht als Arbeitstage anerkenne. Denn Sachen wie Wäsche waschen, Katzenklos sauber machen, Blumen gießen, Blogbeiträge verfassen, Mails schreiben, Seminarwerbung ins Internet stellen zählt ja alles nicht…
Zurzeit ist eine GfK-Freundin zu Fuß unterwegs durch Deutschland, entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Unterwegs wirbt sie für die Gewaltfreie Kommunikation. Seit ich von diesem Projekt gehört habe, begeistert es mich und ich würde supergern ein bisschen mitwandern. Kaum zu glauben, ich finde in meinem Terminkalender nicht eine Woche, in der nicht irgendein Termin ist. Übungsgruppe am Donnerstag – na gut, ich könnte von Freitag bis Mittwoch wandern. Vertretung in einer anderen Übungsgruppe am 17., 24. und 31.7. Unter Umständen eine zweiwöchige Urlaubsvertretung als Job-Coach Ende Juli/Anfang August. Die Vorbereitung des Filz-Seminars. Vorbereitung meines allerersten Vortrags. Ankündigungstexte für ein Einführungsseminar, einen Flyer, eine Zeitungsanzeige… Wuseliger Kleinkram. Eins ist vom Tisch, da fliegt auch schon das nächste heran. Allmählich bekomme ich eine Ahnung, warum ich so erschöpft bin. Ich werde ja nie fertig! ich habe ja gar keinen richtigen Feierabend. Selbst wenn ich beschließe, den Rechner runterzufahren, die Bügelwäsche liegen zu lassen, die Belege erst morgen zu sortieren, hinterlässt das ja kein Gefühl von „ein großer Klotz ist fertig“. Deshalb finde ich Seminare so befriedigend. Man geht da hin, macht seine Arbeit und dann ist man fertig. Aber mit diesem Kram, den ich hier hin- und herbewege, bin ich nie fertig…

Ich denke, die Idee mit dem Work-Life-Büchlein ist eine Weltidee. Damit kann ich für eine Weile beobachten, was ich wirklich tue und ich kann überprüfen, wie es um meine Vitalität steht. Nicht, dass ich ein neues „Muss“ erstelle. Vielmehr geht es um Anerkennung und Wertschätzung dessen, was ist. Schon erstaunlich, was ich allein heute Morgen über mich herausgefunden habe…

So long!

Ysabelle

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