Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Ichbezogenheit

„Der Egoismus spricht alle Sprachen und spielt alle Rollen, sogar die der Selbstlosigkeit.“ François de La Rochefoucauld, „Reflexions morales“

Vergangene Nacht klingelte bei mir das Telefon. Ich schreckte aus dem ersten Schlaf hoch, taumelte aus dem Bett, suchte den Hörer. Da hörte das Läuten auf.
Später stellte sich heraus, es war jemand aus meiner Familie. XY wollte unbedingt wissen, ob ich nach einem Besuch bei ihr heil nach Hause gekommen sei. Um 00.04 Uhr.

Im Gespräch habe ich heute morgen klargestellt, dass ich um diese Zeit nur Anrufe wünsche, wenn Lebensgefahr besteht. Der Austausch von Informationen, die Beseitigung von Computerproblemen und ähnliches muss bitte bis zum nächsten Morgen warten.

Das ist eine neue Qualität in meinem Leben. Indem ich für mich und für mein Handeln Verantwortung übernehme, bin ich weniger ichbezogen. Ich brauche nicht mehr in jedem Moment Sicherheit, ich kann es besser ertragen, Dinge laufen zu lassen. Eine Freundin meldet sich nicht? Nun, dann melde ich mich halt. Und wenn etwas bei ihr nicht in Ordnung ist, gibt es in dieser Sekunde nichts, was ich dazu beitragen kann, um Dinge zu ändern. Sonst würde sie mich sicher darum bitten!
Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich privat schwer zu kämpfen hatte. Und allerlei Horrorszenarien tobten durch mein Hirn. Mein Onkel, ein Rechtsanwalt, hatte mich am Telefon mit Informationen versorgt. Ich war kaum zu beruhigen, sprudelte eine Schreckensvision nach der anderen hervor. Irgendwann sagte mein Onkel: Und wenn in Argentinien die Erde bebt, glaubst du auch du bist dran schuld…

So ist das, wenn man mit Beschädigungen zu kämpfen hat. Ich bin an allem schuld, ich bin für alles verantwortlich. Alles was geschieht hat etwas mit mir zu tun. Wenn das Telefon klingelt, werden meine Alpträume wahr. Der Kollege, der nicht grüßt, der Freund, der sich nicht meldet, der unwirsche Ton der Kassiererin im Supermarkt – ich kann alles auf mich beziehen. Ich kann. Aber ich bin nicht verpflichtet dazu.

Du bist Auslöser, nicht Grund für das Verhalten des anderen, lehrt uns die Gewaltfreie Kommunikation. Genauso sind die anderen nur Auslöser Deiner Gefühle, aber nicht die Ursache. Wenn ich mich mit dem Gedanken anfreunde, dass mit mir alles in Ordnung ist, dass ich zu jeder Zeit meines Lebens die Dinge so gut mache wie ich es gerade vermag, kann ich auch meine Ichbezogenheit loslassen. Sie gehört zu meinem alten Leben wie Kontrolle. Als ich mir noch jeden Schuh angezogen habe, der im Raum stand, habe ich tief in meinem Inneren auch geglaubt, das Verhalten anderer kontrollieren zu können – mit Selbstlosigkeit, Opfergeist, Verleugnung meiner eigenen Bedürfnisse und Wohlverhalten. All das kann ich heute hinter mir lassen und anstelle der Ichbezogenheit steht die Verantwortung für mich.

Heute führe ich mir vor Augen, dass das Verhalten anderer Menschen nichts mit mir zu tun hat. Ich übernehme Verantwortung für mein Verhalten. Das reicht.

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