Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

In den Augen der anderen

„Wenn du weißt, dass du etwas auf jeden Fall erfahren wirst, so beeile dich nicht, danach zu fragen, denn dieses schadet deinem Ansehen.“
Saadi, Rosengarten, 8, Vom guten Betragen im Umgang

 

Ein Bekannter berichtete dieser Tage von einem Vorfall in dem Unternehmen, in dem er arbeitet. Er fand sich im Büro wieder und stellte fest, dass er einen Blackout gehabt hatte. Im Gespräch mit seinem Vorgesetzten listete er einige Vorkommnisse aus seiner Abteilung auf, brachte sie in Verbindung mit seinem Gesundheitszustand und sagte dann, „das sind alles Anzeichen für einen Burnout“. In der nächsten Abteilungskonferenz hörte er seinen Chef sagen: Und für den Herrn X brauchen wir noch ein paar Vitaminpillen, der kriegt ja hier einen Burnout…
„ich habe doch in der Abteilung überhaupt kein Standing mehr“ klagte X. „Der Mann hat mich doch vor allen Kollegen lächerlich gemacht.“
Hat er das? Besteht nicht auch die Möglichkeit, dass die Kollegen denken, ‚dieser Arsch weiß gar nicht, was in seiner Abteilung los ist. Ich stehe auch kurz vorm Burnout! “ Vielleicht denken sie auch, „stimmt, der X ist neulich fast umgekippt. Der Druck ist aber auch einfach zu hoch. Was ist denn das für ein Führungsverhalten von Y, hier mit solchen Sprüchen um sich zu werfen!“
Wahrscheinlich fehlte meinem Bekannten Respekt, Wertschätzung, Vertrauen, Integrität und Unterstützung. Viel markanter finde ich aber, was er selbst über seinen Status in der Abteilung denkt. „Das wird mir als Schwäche ausgelegt. Die suchen jetzt nur nach einer Gelegenheit, mich zu enteiern. Ich werde mich nicht mehr durchsetzen können, weil mich alle für einen Schwächling halten…
Wer zwingt uns eigentlich, solche Gedanken zu produzieren? Gibt es eine Pflicht, bei solchen unerfreulichen Situationen daraus gleich eine Positionsbestimmung abzuleiten? Wo ist mein Standort in der Gruppe? Ist er gefährdet? Ich glaube mittlerweile, dass wir mit solchen Gedanken überhaupt erst den Grundstein für genau das Verhalten legen, das wir so sehr fürchten. Wenn solche Bemerkungen von Vorgesetzten, Nachbarn, Eltern oder Partner einfach ins Leere laufen, bei uns keine Resonanz erzeugen, sondern uns mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen in Verbindung bringen, gibt es keine Veranlassung, um unser Ansehen zu fürchten. Unser Ansehen ist so gut, wie wir es uns selbst zugestehen.

 

Heute bin ich entschlossen, die Dinge anders zu sehen.

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