Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Mächtige Gefühle

„Die Stärke der Gefühle kommt nicht so sehr vom Verdienst des Gegenstandes, der sie erregt, als von der Größe der Seele, die sie empfindet.“ – Das grüne Heft
Théodore Simon Jouffroy (1796-1842)
französischer Philosoph

In letzter Zeit fällt mir auf, dass ich meine Gefühle intensiver wahrnehme. Vor einer Woche hatte ich ein richtiges Brausen in der Brust, und die Gefühle waren Schmerz, Ohnmacht und Einsamkeit. Die Bedürfnisse im Mangel waren Verbindung, Vertrauen und Nähe. Heute hatte ich eine Verabredung mit drei GfK’lern und das geplante Treffen ging gründlich in die Hose. Ich verbrachte eine Stunde wartend auf dem Kieler Hauptbahnhof in Bullenhitze, ich habe ein kleines Vermögen für (falsche) Fahrkarten ausgegeben, und letzten Endes war ich so abgenervt, dass ich auf das Treffen verzichtet habe und wieder nach Hause gefahren bin.
Trotzdem hatten diese mächtigen Gefühle eine neue Qualität. Ich konnte sie wahrnehmen, ganz tief spüren. Es waren Frustration, Ohnmacht, Verzweiflung, Trauer und eine Prise Wut. Und ich konnte sie ansehen wie in einer Gemäldegalerie. Oh, schau mal, Frustration! Und da, die Ohnmacht! Verzweiflung, da ist sie ja… Die Gefühle brausten in mir herum, und ich konnte mir dabei zuschauen und überlegen, welche Bedürfnisse im Mangel waren. Ich wurde nicht mehr von den Gefühlen getrieben wie eine Rakete, deren Hintern in Flammen steht.

Disidentifikation

Disidentifikation ist der Prozess einer systematischen Unterscheidung des Wahrnehmenden, des Beobachters vom Wahrgenommenem, dem Beobachteten. Beispielsweise gelangen wir von einem „ich bin wütend“, von einer Identifikation mit der Wut durch konsequentes Beobachten zu einem „ich beobachte, wie sich etwas wie Wut im Bauch anfühlt“. Dies führt eben zu einer Disidentifikation von der Wut, eine Identifikation mit dem gelassenen oder unberührbaren „Inneren Beobachter“ wird möglich. „Ich bin der, der beobachtet“.
Disidentifikation ist ein wesentlicher transformatorischer Wirkmechanismus der Achtsamkeitspraxis. Die Loslösung von Identifikationen, die Disidentifikation ist wesentlicher Teil jeder Persönlichkeitsentwicklung, insbesondere in transpersonale Bereiche.
Geprägt wurde dieser Begriff ursprünglich von R. Assagioli im Rahmen der von ihm entwickelten „Psychosynthese“.

Also: Meine Gefühle sind nur Gefühle. Sie weisen auf meine unerfüllten Bedürfnisse hin. Im konkreten Fall hatte ich das tiefe Bedürfnis nach Autonomie und nach Effektivität und Sinnhaftigkeit. Rumstehen und warten, dass jemand kommt, war in dem Moment weder effektiv noch sinnhaft für mich. Das Besondere an der Situation war jedoch, dass ich niemandem die Schuld geben musste, weder mir noch anderen. Ich konnte annehmen was ist. Ich konnte mich mit den guten Gründen für das zu spät kommen verbinden. Und ich konnte trotzdem eine Entscheidung treffen, die meiner Verantwortung mir gegenüber Rechnung trug.

Heute will ich mir vergegenwärtigen, dass Gefühle nur Gefühle sind. Ich habe die Wahl, wie ich mich von ihnen beeinflussen lassen will.

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