Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Neue Beute: Pseudowahrnehmung!

Hallo, Welt!
Mir ist ein neues GfK-Buch ins Haus geflattert.
Judith Hanson Lasater
& Ike K. Lasater
Weil Worte wirken …
Gewaltfreie Kommunikation praktisch anwenden

Wenn ich es zu Ende gelesen habe. werde ich es im entsprechenden Faden genauer vorstellen.
Auf Seite 20 fand ich etwas, das mich sofort begeisterte: den Begriff Pseudowahrnehmung.

Judith schreibt:

Ob John zu spät war oder nicht, nenne ich eine Pseudowahrnehmung – ein als Wahrnehmung getarntes Urteil. Andere Pseudowahrnehmungen sind „du fährt zu schnell“, „es ist kalt hier“ oder „das war ein wirklich guter Film“. Ich nenne sie Pseudowahrnehmungen, weil diese Feststellungen zwar wie einfache Beobachtungen klingen, in Wirklichkeit aber keine sind. … Für uns sind Meinungen und Anschauungen Pseudowahrnehmungen wie zum Beispiel „in diesem Raum ist es nicht warm“. Es wird zwar als Wahrnehmung hingestellt, ist aber ein Urteil. Jemand anders könnte behaupten, „nein, dem ist nicht so. Mir ist kalt.“ Eine Beobachtung wäre (mit Blick auf das Thermometer): „Die Temperatur in diesem Raum ist 26,7° C.“ Über diese Feststellung wird man sich kaum streiten können.

Ich vermute, dass bei dem letzten Beispiel, „in diesem Raum ist es nicht warm“, versehentlich das „nicht“ reingepurzelt ist, denn so ist das Beispiel nicht so richtig sinnvoll. Der erste Sprecher müsste eigentlich behaupten, es sei warm, damit der andere dagegen halten könnte, ihm sei kalt. Aber egal, ich denke, das Prinzip ist verstanden.

In Bezug auf die Gefühle gibt es ja ebenfalls den Begriff Pseudogefühle. Ich benutze ihn nicht gern, spreche stattdessen lieber von Interpretationsgefühlen. Mein Freund Wiki bietet mir unter dem Stichwort „pseudo“ folgendes an:

Liste griechischer Wortstämme in deutschen Fremdwörtern
(Weitergeleitet von Pseudo)

Griechische Wortstämme sind im Deutschen überwiegend in Fachausdrücken zu finden, die entweder direkt dem Griechischen entstammen oder Neubildungen sind. Von einer begrenzten Anzahl dieser Wortstämme wurden und werden zahlreiche wissenschaftliche Begriffe und sonstige Fremdwörter in den indogermanischen Sprachen abgeleitet. Sie sind zum Verständnis alltäglicher und wissenschaftlicher Fremdwörter und ihrer Etymologie ebenso hilfreich wie zu systematischer, neuer Wortbildung.

In der unten stehenden Tabelle werden beispielhaft solche Ursprungswörter aufgelistet, die aus griechischen Wortstämmen gebildet sind…

pseud(o)
ψεύδειν, ψεύδεσθαι/ψεῦδος
falsch, unecht, vorgetäuscht
Pseudonym, Pseudepigraf, Pseudokrupp

und damit bin ich nicht wirklich glücklich, denn siehe da, schon sind wir wieder bei Richtig und Falsch.

Der Begriff „Pseudobeobachtung“ ist für mich knackig und griffig, aber dann eben doch wieder urteilend.
Mal sehen, ob ich mir das sperrige Wort Interpretationsbeobachtung aneignen kann.
Zu Interpretation bietet Wiki unter anderem an:
Interpretation (von lat.: interpretatio = „Auslegung“, „Übersetzung“, „Erklärung“) bedeutet im allgemeinen Sinne das Verstehen oder die Deutung der zugrunde gelegten Aussage.

Es ist ja nichts falsch damit, etwas auszulegen, zu interpretieren. Es geht eben nur darum, es voneinander zu unterscheiden und das auch deutlich zu machen: Was es ist und wie ich es wahrnehme. Es ist 27 Grad warm, aber MIR ist kalt.

In einer Diskussion wurde ich kürzlich damit konfrontiert, dass jemand dieses „Herumhacken auf einzelnen Worten“ als Korinthenkackerei beschrieb. Ist da was dran? Ich vermute, meinem Gegenüber fehlte Leichtigkeit, vielleicht Selbstvertrauen (kann ich das auseinanderhalten?), Beteiligung, Verstehen und Begeisterung.

Warum ist mir die Bedeutung von Worten so wichtig? Neulich gab mir ein Freund Einfühlung und er hatte in seinem Sprachgebrauch einige Worte, die ich als Interpretationsgefühle beschreiben würde. Mir war das teilweise so unangenehm, dass ich mich gar nicht auf die wunderbare Einfühlung einlassen konnte, sondern immer wieder damit kämpfte, nicht „so“ zu sein oder zu fühlen, wie es mir gerade angeboten wurde. Vielleicht habe ich schon zu viele Verletzungen durch Worte wahrgenommen oder erlebt, als dass ich bei diesem Thema entspannt sein kann. Weil Worte wirken… ich bin wirklich gespannt, wie es in dem Buch weiter geht!

So long!
Ysabelle

8 Reaktionen zu “Neue Beute: Pseudowahrnehmung!”

  1. Gabriel

    Danke für das Wort „Interpretationsgefühle“! Ich wollte letzten Dienstag in meiner Übungsgruppe das erste Mal den Unterschied erklären und stolperte ebenfalls fürchterlich über den Anspruch, einerseits GFK so zu erklären, dass sie ihre volle Kraft entfalten kann uns andererseits kein neues Weltbild mit richtig/falsch, erlaubt/nichterlaubt oder gewaltfrei/nichtgewaltfrei aufzubauen.

  2. MarkusC

    Ich könnte mir vorstellen, dass es mit diesen speziellen GFK Unterscheidungen so lange Probleme geben wird, bis die lernenden selbst dafür aufgeschlossen sind. Getreu nach Rosenberg „you can’t teach anybody anything. Never try to teach anybody anything or to change anyone“.

    Wenn jemand soweit ist und die vier unterscheidungen schon eine weile lang geübt hat, dann wird ihm das wahrscheinlich sehr logisch vorkommen und er wird von sich aus etwas darüber lernen wollen.
    Wenn jemand noch am Anfang steht ist es vielleicht erstmal wichtiger, dass er GFK selber efahren und erleben kann, Empathie bekommt und vielleicht Übersetzungshilfe durch eine Giraffe an die Seite gestellt bekommt. Ich glaube nämlich, am Anfang gibt es zwischen „ich fühle mich (z.b. traurig)“ und „Ich fühle mich von ihm …“ einfach noch keinen Unterschied.
    Für mich als nicht-Grafiker gibt es auch keinen großen Unterschied zwischen lila und mauve, braun und umbra…solange ich da nichts sehe bringt auch Erklärung nichts.

    Lieber Gruß,
    Markus

  3. Ysabelle Wolfe

    Äh, Markus, was genau sind die vier Unterscheidungen?

    Y.

  4. MarkusC

    Nur ein anderer Ausdruck für die vier Schritte. Den Ausdruck hat glaube ich Markus Sikor verwendet um deutlich zu machen, dass es keine feste Reihenfolge braucht (vielleicht auch was anderes, bin mir da nicht mehr sicher).

    Gruß,
    Markus

  5. Ysabelle Wolfe

    Mensch! Und ich hatte zwischendurch die Idee, gemeint seien die vier Ohren, Wolf außen, Wolf innen, Giraffe außen und Giraffe innen. Ich fühlte schon wieder mal Scham, dass ich diese einfache Lösung nicht sofort erkannt hatte. Und jetzt Stelle ich fest, dass ich auf die Idee, dass die vier Schritte gemeint sein könnten, überhaupt nicht gekommen bin. Ich gehe jetzt meine Wölfe kraulen…

    Y.

  6. Gabriel

    Mir geht es vor allem darum, den von mir Lernenden deutlich zu machen, dass sie um Himmeln willen nicht ihrem Umfeld Sätze wie „Das war jetzt aber nicht gewaltfrei!“ oder „Das ist kein Gefühl!“ um die Ohren hauen und damit das Gegenteil schaffen, wofür die GFK gut geeignet ist: Verbindung.

  7. Ysabelle Wolfe

    Moin, Gabriel!
    Da würde ich auch gern hinkommen, genau das eben nicht mehr zu sagen. Gerade eben ist mir klargeworden, dass das etwas mit Selbstempathie zu tun hat. Wenn ich ich einer Übungssituation (Gruppe o. ä.) solche Urteile höre, bin ich immer noch schnell mit einem Urteil dabei. Meine Bedürfnisse sind dann eher Klarheit und Beitragen, Lernen/Wachstum und Begeisterung als Verbindung. Und wahrscheinlich würde es mir gut tun, mir in dieser Situation Einfühlung zu geben, denn meine Gefühle bewegen sich irgendwo zwischen frustriert, irritiert und unbehaglich. Mal sehen, wie ich dieses Modul implementiert kriege…
    Danke für den Hinweis!
    Y.

  8. Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren! » Blog Archiv » GfK-Buch: Weil Worte wirken

    […] es eigentlich darum ging auszudrücken: “Hier im Raum sind 27 Grad und MIR ist warm”. An anderer Stelle hatte ich mich dann hier schon einmal darüber ausgelassen, dass mich das Wort begeistert, aber […]

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