Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Sterntaler, die dritte …

Hallo, Welt!
Dieser Tage ist mir mal wieder die Sterntaler-Lektion über den Weg gelaufen. Ich habe das Thema ja bereits 2011 und im Juni 2012 hier thematisiert. Und immer wieder holt es mich ein.
Zur Erinnerung hier das Märchen vom Sterntaler, für alle, die es nicht sofort auf Abruf haben.

Die Sterntaler
Es war einmal ein kleines Mädchen, dem waren Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, dass es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte.

Es war aber gut und fromm. Und weil es so von aller Welt verlassen war, ging es im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus ins Feld. Da begegnete ihm ein armer Mann, der sprach: „Ach, gib mir etwas zu Essen, ich bin so hungrig.“ Es reichte ihm das ganze Stückchen Brot und sagte: „Gott segne dir’s“, und ging weiter. Da kam ein Kind das jammerte und sprach: „Es friert mich so an meinem Kopfe, schenk mir etwas, womit ich es bedecken kann.“ Da tat es seine Mütze ab und gab sie ihm. Und als es noch eine Weile gegangen war, kam wieder ein Kind und hatte kein Leibchen an und fror, da gab es ihm seins; und noch weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von sich hin. Endlich gelangte es in einen Wald, und es war schon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte: ‚Es ist dunkle Nacht, da sieht dich niemand, du kannst wohl dein Hemd weggeben‘, und gab es auch noch hin.

Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel und es waren lauter harte, blanke Taler; und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war von allerfeinstem Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag.

Ein Märchen der Gebrüder Grimm

In 2012 und 2013 habe ich mal sehr viel Energie in das Projekt gesteckt, das eine befreundete Trainerin ins Leben gerufen hat. Eigentlich kreiste all mein Tun nur noch um dieses Projekt. Gefühlt habe ich Tonnen Papier generiert und Themen recherchiert, die boomerang-mäßig tatsächlich bei der Kollegin bis heute wieder aufschlagen.
Ich hatte es gemacht mit dem Hintergedanken, wenn ich mich hier ganz doll nützlich mache, wird mich die Kollegin zunächst als Assistentin und dann vielleicht irgendwann als Teilhaberin oder ähnliches in ihr funktionierendes Unternehmen aufnehmen. GESAGT habe ich allerdings nichts. Und als das Projekt dann irgendwann nur noch dümpelte und schließlich strandete, war das alles „umsonst“. Ich glaube, ich habe der Kollegin erst 2015 gesagt, warum ich mich 2012 so reingekniet hatte, und sie war sehr betroffen. Ich glaube, das hätte sie gern früher gewusst, um es in ihre eigenen Überlegungen einbeziehen zu können.

Aktuell habe ich den Auftrag übernommen, für eine GFK-Organisation gegen Entgelt für ein bestimmtes Projekt die Pressearbeit zu machen. Es gibt eine sehr klare Auftragsbeschreibung und ein vereinbartes Honorar.
Nun ruft Person X an und sagt, „du, da ist mal dieses Thema, kannst du mal einen Blick drauf werfen?“. Dann meldet sich Person Y, „könntest du zu dieser Veranstaltung eventuell was mitnehmen?“ Dann meldet sich wieder Person X: „ich habe da ein Unbehagen mit dieser Sache, ich hätte gern deine Meinung dazu.“
Das ist alles ganz wunderbar. Es erfüllt mir die Bedürfnisse nach Gesehen und Gehört werden, Beteiligung, Gemeinschaft und Beitragen. Mein altes Muster wäre, das alles „aus Liebe“ zu machen und zu hoffen, dass hinterher mal einer sagt, „na, du hast ja auch so viel außer der Reihe gemacht, da erhöhen wir mal dein Honorar.“

In der vergangenen Woche habe ich dann mal allen Mut zusammengenommen und habe in einem Telefonat gesagt,ich möchte nicht nur, dass mein Einsatz an dieser Stelle gesehen wird, sondern auch honoriert.

Boah … ich war fast überwältigt von Scham, verbunden mit einer Prise Angst. Dabei nahm der Auftraggeber am anderen Ende meine Aussage sehr freundlich auf, es gab also gar keine Protestnote oder ähnliches. Dann erreichte mich eine Mail:

im Nachgang zu unserem Gespräch kommt bei mir die praktische Seite durch.

Wenn es um einen Ausgleich von Geben und Nehmen geht, mag ich immer eine halbwegs belastbare Beurteilungsgrundlage haben.

Sprich: Ich fände es gut, wenn du deine Mehrarbeit (in etwa) stundenmäßig mit Tätigkeit nachhältst, damit wir das gemeinsam dann anschauen.

Ende April und Ende Mai würde ich das jeweils mit dir kurz besprechen wollen und dann im Juli „abrechnen“.

Wie findest du meinen Vorschlag?

Und jetzt passiert was ganz Spannendes.
Mein Kopf wird leer. Ich kriege absolut nicht zu Papier (in eine Datei), was ich bisher außer der Reihe gemacht habe und wie viel Zeit das in Anspruch genommen hat.
Ich vermute, das ist ein Schutzmechanismus, um nicht wieder mit dieser überwältigenden Scham konfrontiert zu sein. Mal gucken, wie ich diese Kurve jetzt kriege. Also, erst mal lege ich ein Dokument an, da steht mal drauf, außer-vereinbarte Leistungen. Oder so ähnlich. Mal gucken, ob da auch Buchstaben drauf kommen.

So long!

Ysabelle

2 Reaktionen zu “Sterntaler, die dritte …”

  1. Uwe

    Liebe Ysabelle,
    ich arbeite normalerweise mit Dienstverträgen, also konkret abrechenbaren Zeiten (teilweise beim Kunden, teilweise nicht) über die ich für den Kunden einen Bericht erstelle.
    Seit etlichen Jahren erstelle ich darüber hinaus einen internen täglichen Bericht, in dem ich die aufgewandte Zeit je Projekt mit ein paar Stichworten notiere. Das mache ich jeden Tag, da sind das nur wenige Minuten Aufwand.
    Damit kann ich ziemlich klar erkennen, wieviel Zeit in welche Aktivität fließt (die rein internen Zeiten für die Leitung der GmbH erfasse ich nicht) um deutlich zu sehen, wo ich im Zusammenhang mit Projekten nicht abrechenbare Zeiten habe.
    Ich verwende ein Excel-Sheet in dem ich einfach Startzeit, Endzeit, Notiz zum Inhalt und einen Vermerk ob abrechenbar oder nicht erfasse.
    Vielleicht wäre das ja auch eine Idee für dich. Erstmal alle Zeiten erfassen und dann sehen, ob geschätzte Zeiten nicht ausreichen oder Zusatzaufwände entstanden sind. Eine gute Grundlage für ein Kundengespräch wären sicher beide Informationen und weil erst mal nur Beobachtungen notiert werden, ist es vielleicht auch einfacher.
    Viele liebe Grüße!
    Uwe

  2. Uwe

    Uups, sorry, du hattest ja gar nicht um Vorschläge gebeten. Leider kann ich den Kommentar nicht mehr ändern, wenn du keine Vorschläge magst, ignorier ihn bitte!

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