{"id":5326,"date":"2016-06-17T10:02:26","date_gmt":"2016-06-17T08:02:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=5326"},"modified":"2016-06-17T10:08:48","modified_gmt":"2016-06-17T08:08:48","slug":"bluehende-landschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=5326","title":{"rendered":"Bl\u00fchende Landschaften"},"content":{"rendered":"<p>Hallo Welt!<br \/>\nIch habe Urlaub gemacht. Zusammen mit einem nicht-deutschen GFK-Freund war ich eine Woche in einem kleinen \u00d6rtchen vor den Toren Pasewalks, also schon fast in Polen. <a href=\"https:\/\/www.giraffenohren.com\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/IMG_7086.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.giraffenohren.com\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/IMG_7086-300x225.jpg\" alt=\"Still ruht der See\" width=\"300\" height=\"225\" class=\"alignleft size-medium wp-image-5327\" srcset=\"https:\/\/www.giraffenohren.com\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/IMG_7086-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.giraffenohren.com\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/IMG_7086-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.giraffenohren.com\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/IMG_7086-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a> Bei einem abendlichen Spaziergang sah ich sch\u00f6ne neue H\u00e4user, farbenfrohe modernisierte H\u00e4user und H\u00e4user, die anscheinend seit 1989 keine Ver\u00e4nderung au\u00dfer dem Anbringen einer SAT-Anlage erfahren haben. Ich wies darauf hin und wurde immer \u00e4rgerlicher. Nach einer Weile sagte mein Begleiter: \u201eDas ist jetzt das dritte Mal, dass du das ansprichst. Mir kommt es vor, dass du dar\u00fcber \u00e4rgerlich bist. Geht es dir um Sch\u00f6nheit?\u201c<\/p>\n<p>Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich wirklich mit meiner Wut verbinden konnte. Und dann folgte wieder ein Schwall an Worten. Ich lass mal laufen:<br \/>\n<em>Wieso k\u00f6nnen diese Hausbesitzer auch 26 Jahre nach der Wende nicht mal ihre verdammte H\u00fctte streichen? Milliarden und Milliarden sind in diese Bundesl\u00e4nder geflossen, jeden Monat wird mir von meinem Gehalt ein Solidarit\u00e4tszuschlag abgezogen. Hier sind alle Stra\u00dfen picobello, w\u00e4hrend wir bei uns die reinsten Schlagloch-Pisten haben. Und dann wird immer nur gemeckert, auf den Westen geschimpft, bei PEGIDA gebr\u00fcllt, AfD gew\u00e4hlt.<br \/>\n<\/em><br \/>\nMein Freund fragte, &#8222;geht es dir um Dankbarkeit?&#8220;<br \/>\nL\u00e4ngerer Gef\u00fchls-Check. Nein.<br \/>\nLangsam sch\u00e4lte sich heraus: Es geht um Anerkennung und Wertsch\u00e4tzung. Und um die \u00dcbernahme von Verantwortung f\u00fcr das eigene Handeln oder Unterlassen.<br \/>\nVon einigen Menschen in meinem Bekanntenkreis, die in der DDR zu Hause waren, h\u00f6re ich Aussagen wie &#8222;der Westen hat uns \u00fcbernommen&#8220;, oder &#8222;wir sind ja jetzt eigentlich ein besetztes Land&#8220;, oder &#8222;alles was bei uns gut war, ist kaputt gemacht worden&#8220;. Und in mir ist dabei ein gro\u00dfer Schmerz. War es denn nicht ihr freier Wille, dass wir jetzt in einem Land leben? Im Gegensatz zu mir hatten &#8222;die&#8220; doch wenigstens eine WAHL gehabt im M\u00e4rz 1990. Sie hatten sich f\u00fcr den Anschluss entschieden, oder? Sie hatten die D-Mark gew\u00e4hlt, oder?<br \/>\nIch erinnere mich an den Herbst 1989. Ich wei\u00df, wie ich die Nacht, in der die Mauer aufging, vor dem Fernseher verbrachte. Ich konnte kaum glauben, was ich sah. Die Mauer war auf! Ich erinnere mich an eine Titelgeschichte im &#8222;Stern&#8220;. Damals war Oskar Lafontaine Kanzlerkandidat, und er setzte sich f\u00fcr zwei deutsche Republiken ein, die einander befruchten und nahe stehen. Als unpatriotisch und Vaterlandsverr\u00e4ter wurde er damals kritisiert. Zu hunderttausenden kamen die Menschen aus dem Osten in den Westen, das Lager Friedland war \u00fcberf\u00fcllt. Hier ein Zitat von <a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/deutsche-rufe-7-8-kommt-die-d-mark-bleiben-wir.1001.de.html?dram:article_id=294872\" target=\"_blank\">Deutschland Radio Kultur<\/a>: <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh&#8217;n wir zu ihr&#8220;. Friedrich Schorlemmer, Theologe und wortgewandter B\u00fcrgerrechtler, will den Spruch schon im Dezember 1989 auf einer Leipziger Montagsdemonstration gesehen haben.<\/p>\n<p>Schorlemmer: &#8222;Jedenfalls ist meine Erinnerung so. Und Sie wissen: Erinnerung t\u00e4uscht, denn ich kann nicht mehr sagen, wann, an welchem Tag genau, oder so; kann doch auch sein, dass es erst im Januar gezeigt wurde. Aber: Richtig ist, dass nach dem 9. November \u00e4nderten sich die Demonstrationen, vor allem die Ziele der Demonstrationen \u2013 wie ich finde, auf eine fatale Weise. N\u00e4mlich: Alles richtete sich jetzt nicht mehr darauf, die Selbstbefreiung voranzubringen, und Strukturen der Demokratie aufzubauen, sondern: m\u00f6glichst schnell Deutsche Einheit zu erreichen, D-Mark besitzen, Ende der Dem\u00fctigung mit der Ost-Mark, die nirgendwo kompatibel war \u2013 man wollte auch nicht mehr, wenn man zur Gro\u00dftante in den Westen fuhr, 50 D-Mark kriegen und ansonsten dann seinen Verwandten auf der Tasche liegen \u2026&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>und an einer sp\u00e4teren Stelle des Textes sagt Schorlemmer: <\/p>\n<blockquote><p>Schorlemmer: &#8222;Wir h\u00e4tten einen l\u00e4ngeren Weg in unserem Land zu uns selbst finden sollen, um dann nicht als Konkursmasse der Bundesrepublik, der prosperierenden Bundesrepublik angeschlossen zu werden, sondern als ein Partner, als ein willk\u00fcrlich abgeteiltes Teilland Deutschlands, nun uns \u00fcberlegen: Wie wollen wir unser Land gemeinsam gestalten, und wie erf\u00fcllen wir Artikel 146 des Grundgesetzes? N\u00e4mlich dass das deutsche Volk sich in freier Selbstbestimmung eine Verfassung gibt? Und zwar so, dass die unterschiedlichen Erfahrungen da mit einflie\u00dfen k\u00f6nnen. Was wir aber hatten war: Die komplette \u00dcbernahme. Nicht ein einziger Blick wurde mehr in den Verfassungsentwurf des Runden Tisches getan, kein einziger Blick wurde hereingeworfen in diesen Verfassungsentwurf.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Mein Freund fragte weiter, denn ich war mittlerweile immer mehr in Fahrt geraten. &#8222;Was genau ist es, was dich daran so aufregt, dass diese H\u00e4user nicht renoviert sind?&#8220;<\/p>\n<p>Dann endlich machte es &#8222;klick&#8220; in meiner R\u00fcbe.<br \/>\nIch interpretierte ein nicht renoviertes Haus als Anklage, als Anzeichen von M\u00e4rtyrertum: &#8222;Seht her, was geht es mir schlecht, und IHR seid schuld!&#8220; Dort wohnte also ein Opfer, und ich, die Wessi-Tussi, war also die T\u00e4terin. <\/p>\n<p>Auch eine Woche nach dieser Erkenntnis w\u00fchlt mich diese Szene auf. Das graubraune Haus, die einfach verglasten Fenster aus verschiedenen Materialien, das &#8222;ungepflegte&#8220; Grundst\u00fcck &#8230; Von zehn H\u00e4usern in dem Ort waren neun sch\u00f6n zurecht gemacht. Vielleicht sogar von 100 H\u00e4usern 95. Es gab drei Wohnblocks in dem Ort &#8211; Einer war renoviert mit neuen Fenstern und frisch gestrichen. Einer war anscheinend renoviert worden, aber stand jetzt leer, Scheiben waren eingeschlagen. Der dritte war alt, kaum renoviert und offensichtlich bewohnt. Und ich starrte nur auf die &#8222;DDR-Ruinen&#8220;. Ich sah auch nicht, &#8222;was ist&#8220;, sondern ich sah meine Interpretationen und war meinen Urteilen tats\u00e4chlich so lange ausgeliefert, bis mein Freund mich darauf aufmerksam machte. <\/p>\n<p>Gestern Abend haben wir in der \u00dcbungsgruppe \u00fcber die GFK-Matrix gesprochen, die hier ja schon vielfach erw\u00e4hnt wurde. Gerade das hier beschriebene Beispiel macht mir deutlich, dass ich jeden Tag vor einem neuen Anfang stehe. &#8222;Unbewusst inkompetent oder &#8222;unbewusst kompetent, also integriert&#8220; &#8211; manchmal liegt dazwischen nur ein kleiner Schritt. Ich entscheide jeden Tag neu, mich von meinen Projektionen und Interpretationen zu l\u00f6sen. &#8222;With a little help from my friends&#8220; &#8230; Danke an alle Freunde, die mir helfen, die Realit\u00e4t anzunehmen. <\/p>\n<p>So long! <\/p>\n<p>Ysabelle<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo Welt! Ich habe Urlaub gemacht. Zusammen mit einem nicht-deutschen GFK-Freund war ich eine Woche in einem kleinen \u00d6rtchen vor den Toren Pasewalks, also schon fast in Polen. Bei einem abendlichen Spaziergang sah ich sch\u00f6ne neue H\u00e4user, farbenfrohe modernisierte H\u00e4user und H\u00e4user, die anscheinend seit 1989 keine Ver\u00e4nderung au\u00dfer dem Anbringen einer SAT-Anlage erfahren haben. 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