{"id":5203,"date":"2015-08-24T23:17:28","date_gmt":"2015-08-24T21:17:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=5203"},"modified":"2015-08-24T23:18:06","modified_gmt":"2015-08-24T21:18:06","slug":"in-der-arena","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=5203","title":{"rendered":"In der Arena"},"content":{"rendered":"<p>Hallo, Welt!<br \/>\nGestern hatte ich ein spannendes Erlebnis. Um halb vier war ich in Hamburg zu einem Meeting verabredet. Im Radio hatte ich geh\u00f6rt, dass die halbe Stadt gesperrt war wegen der Cyclassics, einem gro\u00dfen Radrennen. Mir war das egal, ich fahre ja Zug. Als ich um 14.54 Uhr im Dammtor-Bahnhof in die S-Bahn umstieg, bekam ich eine SMS von der Meetingsleitung: &#8222;In der Stadt tont der B\u00e4r. Bin mit Motorrad und gebe. Ein bestes&#8220;. Ich schrieb zur\u00fcck: &#8222;Dammtor. Werde rechtzeitig da sein&#8220;. <\/p>\n<p>So war es auch, 15.25 Uhr traf ich am Meetingsort ein und machte es mir auf den Stufen gem\u00fctlich. Weit und breit kein Motorrad. Eine Familie fuhr mit einem VW-Bus vor und wortreich schilderte der Mann der Frau, wie kompliziert die Fahrerei gewesen sei, und was die Polizei alles abgesperrt h\u00e4tte, und bis zum Garten seien sie gar nicht gekommen&#8230;<br \/>\nIch wartete.<br \/>\nUm 16.13 schrieb ich dann eine SMS: &#8222;Du, l\u00e4nger als eine Stunde m\u00f6chte ich hier nicht warten.&#8220;<br \/>\nKeine Antwort.<br \/>\nUm 16.31 schrieb ich dann: &#8222;Ich geh jetzt zum Bahnhof und nehm den Zug um XX zur\u00fcck. H\u00f6here Gewalt, da kann man nichts machen&#8220;<br \/>\nSeltsame Eingebung: Ich fasste noch mal an die Au\u00dfent\u00fcr &#8211; sie war offen. Das kommt schon manchmal vor, denn im gleichen Geb\u00e4ude sind eine Kneipe und ein Kino. Ich habe dann den Code f\u00fcr die Eingangst\u00fcr eingegeben und bin wohl versehentlich auf die Klingel gekommen. Im Treppenhaus h\u00f6rte ich eine Stimme: &#8222;Hallo?&#8220; Ich fragte zur\u00fcck: Wer ist da? Und die Antwort haute mich aus den Socken: Die Meetingsleitung. Sie blickte erstaunt \u00fcber das Treppengel\u00e4nder und ich guckte mal mindestens genau so erstaunt zur\u00fcck.<br \/>\nUnd dann \u00fcberkam mich eine Woge der Wut.<br \/>\nEine verdammte Stunde hatte ich da drau\u00dfen gesessen. Wie sollte ich wissen, dass jemand vor mir gekommen war? ZACK! In der n\u00e4chsten Sekunde wechselten die Schuldigen: Mal war ich es, die zu bl\u00f6d war, vorher zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob schon jemand da war. Dann waren es die anderen, die wussten, dass ich komme, sogar p\u00fcnktlich komme, und nicht einmal nachfragen, hallo, wo bist Du? Wir wollen anfangen &#8230;<br \/>\nIn aberwitzigem Tempo wechselten die Positionen in meinem Kopf. Die Wut \u00fcberrollte mich fast. Gerade noch war ich schuld an dieser bl\u00f6den Situation, dann wieder lag es an den anderen &#8230; und der GFK-trainierte Teil konnte dieser Schlacht in der Arena zwischen diesen beiden W\u00f6lfen zusehen und es gerade noch fertig kriegen zu sagen, ich geh jetzt. Es ist besser, ich geh jetzt. <\/p>\n<p>Gestern Abend habe ich dann versucht mich zu sortieren und herauszufinden, was eigentlich genau los war. Zum einen fand ich es oberspannend mir selbst zuschauen zu k\u00f6nnen, wie rasant sich Wolf innen und Wolf au\u00dfen abwechselten. Hui. So schnell konnte man gar nicht gucken. <\/p>\n<p>Unerf\u00fcllte Bed\u00fcrfnisse: Gesehen werden, Beteiligung, Gemeinschaft, Respekt\/Wertsch\u00e4tzung, Sinnhaftigkeit (mit meiner Zeit sinnvoll umgehen).<br \/>\nDas war nicht so schwierig.<br \/>\nAber da ist noch was anderes.<br \/>\nIch habe gesp\u00fcrt, dass meine Wut auf die anderen dazu da ist, um meine eigene Scham nicht zu sp\u00fcren. Scham, etwas falsch gemacht zu haben. Scham, nicht auf die Idee gekommen zu sein, mal zu klingeln, sondern statt dessen wie ein Trottel eine Stunde auf der ungem\u00fctlichen Steintreppe im Dreck einer Szenekneipe zu sitzen. Wenn die anderen schuld sind, brauche ich mich nicht zu sch\u00e4men. Ich teile also lieber aus als zu gucken, was ist mein Anteil an dieser Situation. Oder statt einfach zu lachen und zu sagen, na, da komme ich die letzte halbe Stunde noch dazu &#8230; <\/p>\n<p>Wut als Abwehr von Scham. Und die Scham entsteht, wenn ich denke, ich werde bewertet. Das hatten wir doch schon mal. Vorauseilend kann ich mich schon mal ein bisschen sch\u00e4men, bevor die anderen anfangen, mich zu beschuldigen und zu verurteilen. <\/p>\n<p>An dieser Stelle locke ich die W\u00f6lfe mit zwei knackigen Markknochen aus der Arena, suche mir mit ihnen ein sch\u00f6nes Pl\u00e4tzchen zum Kraulen unter einem schattigen Baum und freue mich daran, dass ich in 2015 immer \u00f6fter merke, was sich f\u00fcr Dramen in meinem Kopf abspielen. Ich muss die nicht ausagieren. Ich kann einen Kumpel anrufen und mir Einf\u00fchlung geben lassen. Danke, Michael, f\u00fcr deine Zeit heute! <\/p>\n<p>So long! <\/p>\n<p>Ysabelle<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo, Welt! Gestern hatte ich ein spannendes Erlebnis. Um halb vier war ich in Hamburg zu einem Meeting verabredet. Im Radio hatte ich geh\u00f6rt, dass die halbe Stadt gesperrt war wegen der Cyclassics, einem gro\u00dfen Radrennen. Mir war das egal, ich fahre ja Zug. 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