{"id":5183,"date":"2015-06-28T10:01:28","date_gmt":"2015-06-28T08:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=5183"},"modified":"2015-06-28T10:07:46","modified_gmt":"2015-06-28T08:07:46","slug":"paranoia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=5183","title":{"rendered":"Paranoia"},"content":{"rendered":"<p>Hallo, Welt!<br \/>\nIch diagnostiziere bei mir eine seelische St\u00f6rung: <\/p>\n<blockquote><p>Paranoia (griechisch \u03c0\u03b1\u03c1\u03ac\u03bd\u03bf\u03b9\u03b1 par\u00e1noia, aus \u03c0\u03b1\u03c1\u1f70 par\u00e0 \u201ewider\u201c und \u03bd\u03bf\u1fe6\u03c2 no\u00fbs \u201eVerstand\u201c; w\u00f6rtlich also \u201ewider den Verstand\u201c, \u201everr\u00fcckt\u201c, \u201ewahnsinnig\u201c) ist im engeren Sinn die Bezeichnung f\u00fcr eine psychische St\u00f6rung, in deren Mittelpunkt Wahnbildungen stehen. <\/p><\/blockquote>\n<p>Gestern traf ich beim Einkaufen eine fr\u00fchere Kollegin und wir haben uns die Zeit genommen, eine Stunde miteinander zu quatschen. Das war erf\u00fcllend und n\u00e4hrte meine Bed\u00fcrfnisse nach Verbindung, Gemeinschaft, N\u00e4he und Gesehen werden. Die Begegnung habe ich sehr genossen. Dabei kamen wir auch auf meine gesch\u00e4ftlichen Aktivit\u00e4ten des vergangenen Jahres zu sprechen, meine drei Jobs, meine aktuelle finanzielle Lage. Meine Kollegin, die etwas \u00e4lter ist als ich, meinte, &#8222;wenn dieser Job, den ich gerade mache, Ende des Jahres auslaufen sollte, h\u00f6re ich auf zu arbeiten&#8220;. Ich fragte sie, ob ihre R\u00fccklagen daf\u00fcr ausreichten, und sie antwortete: &#8222;Wenn ich Ysabelle Wolfe w\u00e4re, w\u00fcrde mir der Puffer nicht reichen. Aber f\u00fcr mich reicht es. Ich brauche ja nicht viel. Mein Haus ist bezahlt, mein Auto ist bezahlt &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Und ich dachte bei mir: Mein Haus ist bezahlt, mein Auto ist bezahlt. Nach wie vor habe ich Anspruch auf ein Jahr Arbeitslosengeld. Ich habe einen Webshop gegr\u00fcndet, der bisher in diesem Jahr schon so viele Auftr\u00e4ge abgewickelt hat wie im ganzen vorigen Jahr. Was ist es, das mich st\u00e4ndig so \u00e4ngstlich macht? Warum sehe ich stets vor meinem geistigen Auge den Gerichtsvollzieher vor der T\u00fcr und den Strom abgestellt? Tats\u00e4chlich habe ich den Gerichtsvollzieher das letzte Mal im Alter von 21 Jahren gesehen, als ich die Ratenzahlung f\u00fcr meine M\u00f6bel nicht bedienen konnte und mich blind und taub gestellt hatte (Scham, Angst, Hilflosigkeit). Seit mittlerweile einigen Jahren gelingt es mir, mein Konto dauerhaft im Plus zu halten, und durch die Abfindung von meiner fr\u00fcheren Firma und den Tod meiner Mutter gibt es kleine finanzielle R\u00fccklagen. Trotzdem w\u00fchlt es in mir. Meine Kollegin sagte: &#8222;Solange ich dich kenne, hast du Angst zu verelenden. Wenn ich sehe, was du alles machst, habe ich f\u00fcr dich da \u00fcberhaupt keine Angst &#8230;&#8220; Und dann erz\u00e4hlte sie, dass sie gerade eine GmbH liquidiert, in die sie f\u00fcr Jahre massig Geld und Arbeit investiert hat: Wenn du feststellst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab. <\/p>\n<p>Boah! So viel Geld investieren und dann abschreiben! Wie mutig! Ich habe mit 300 Euro f\u00fcr ein Produkt, das sich nicht verkauft, schon massive Bauchschmerzen. Jede unerwartete Rechnung l\u00f6st bei mir Panikattacken aus. Mein Gehirn (pr\u00e4frontaler Kortex) meldet, &#8222;kein Problem, kannst du bezahlen.&#8220; Aber es wird im wahrsten Sinne des Wortes \u00fcber-stimmt. Andere Stimmen machen mir Vorw\u00fcrfe wegen der Ausgabe, ermahnen mich, die Kohle zusammen zu halten, mehr zu arbeiten, mir keine Pause zu gew\u00e4hren, mir dies und jenes zu versagen. Und dann kommt es zu lustigen \u00dcbersprungshandlungen und ich lasse 20 Euro bei Arko oder bezahle f\u00fcr &#8222;meine&#8220; Jugendlichen ein \u00fcppiges Fr\u00fchst\u00fcck mit ihnen unbekannten K\u00e4sesorten und frischen Br\u00f6tchen vom B\u00e4cker statt dieser Aufbackbriketts. <\/p>\n<p>Meine Kollegin wies auch darauf hin, dass ich Menschen besch\u00e4ftige\/einstelle, zu denen ich eine Beziehung habe. &#8222;Und damit l\u00e4ufst du nat\u00fcrlich Gefahr, dass du nicht die beste Leistung f\u00fcr dein Geld kriegst.&#8220; Und w\u00e4hrend ich diese Zeilen tippe, erinnere ich mich an eine Heimkehr von einem Termin 2012. Jemand hatte mein Wohnzimmer neu tapeziert, und ich habe mit grimmiger Verzweiflung die Bahnen wieder abgezogen. Der Untergrund war nicht richtig vorbereitet gewesen und der Handwerker hatte die Kleister-Anleitung f\u00fcr diese Spezialtapete nicht eingehalten. Bezahlt habe ich ihn trotzdem.<br \/>\nAls ich gestern nach diesem Austausch mit meiner Kollegin dem Gespr\u00e4ch ein bisschen nachsp\u00fcrte, hatte ich den Eindruck, als sei diese Finanz-Paranoia gar nicht meine. Ich lebe sie aus. Aber schon seit 1984 kann ich von meiner H\u00e4nde Arbeit leben. Ich habe eine beachtliche Karriere hingelegt und selbst in Zeiten der Arbeitslosigkeit immer wieder kleine Jobs gefunden oder eigene Aktivit\u00e4ten gestartet. Welcher Kuckuck hat mir diese \u00c4ngste ins Nest gelegt?<br \/>\nIch erinnere nicht, dass meine Gro\u00dfeltern finanzielle Panik hatten. Sie waren durch die Kriegswirren von Berlin nach L\u00fcneburg verschlagen worden und hatten ihren Hausstand verloren. Als Fl\u00fcchtlinge waren sie nicht gut gelitten, keiner wollte damals (wie heute) Fl\u00fcchtlinge aufnehmen. Sie haben gespart und sich ein neues Leben aufgebaut, konnten in den 60er Jahren in die Berge in den Urlaub fahren und sich gutes Essen leisten. Sie hatten einen Fernseher und eine Musiktruhe und eine Hollywood-Schaukel.<br \/>\nMein Leben mit meiner Mutter verlief anders. Bei uns wurde tats\u00e4chlich der Strom abgestellt. Es gab Zeiten, da hatten wir nichts zu essen. Es gab keine Kohle mehr, wir konnten nicht heizen. Ich wurde im Bettchen angezogen, weil es in der winzigen Mansardenwohnung zu kalt war. Waren die Winter in den sechziger Jahren k\u00e4lter als heute?<br \/>\nWarum gibt es keine Erinnerung, dass wir es geschafft haben? Warum gibt es keine Zufriedenheit, keinen Stolz, dass wir es \u00fcberlebt haben? Warum ist nur die Angst abgespeichert, wie ein lauerndes Tier? Und warum muss ich mich in 2015 noch damit rumschlagen, was 1965 bedrohlich war?<br \/>\nIch vermute, da hilft nur Bewusstheit. &#8222;sp\u00fcren, sp\u00fcren, sp\u00fcren&#8220;. Wann kommt die Angst? Was ist der Ausl\u00f6ser? Die Gef\u00fchle sind bis heute Angst, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Ohnmacht. Die Bed\u00fcrfnisse sind Sicherheit (gibt es nicht. Und gibt es doch, in einem Sozialstaat wie Deutschland), Unterst\u00fctzung, Gesehen werden, Gemeinschaft. Oh ja, das merke ich gerade. Ich bin immer mit dem Glaubenssatz unterwegs, dass ich alles allein schaffen muss und f\u00fcr mich sowieso keiner da ist. Und wenn ich es nicht schaffe, dann ist Ende Gel\u00e4nde. Gemeinschaft also. Ja, das ergibt einen Sinn. Und: To matter (noch immer kein gutes deutsches Wort daf\u00fcr gefunden. z\u00e4hlen. Ich z\u00e4hle. Aber nicht bis acht, sondern ich habe Bedeutung, ich bin wichtig. Hach, nimm dich nicht so wichtig!). Vielleicht bin ich wichtig, wenn ich andere Leute unterst\u00fctze. Vielleicht z\u00e4hle ich, wenn ich selbstlos bin (was f\u00fcr ein Bl\u00f6dsinn!). Also: Wieder mal wunderbare Bed\u00fcrfnisse im Mangel. Was mache ich nun damit? Als erstes ein richtig sch\u00f6nes Fr\u00fchst\u00fcck, vielleicht drau\u00dfen auf der Terrasse, im Sonnenschein. Da h\u00f6re ich wenigstens nicht, wenn der Gerichtsvollzieher klingelt&#8230; <\/p>\n<p>So long!<br \/>\nYsabelle<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo, Welt! Ich diagnostiziere bei mir eine seelische St\u00f6rung: Paranoia (griechisch \u03c0\u03b1\u03c1\u03ac\u03bd\u03bf\u03b9\u03b1 par\u00e1noia, aus \u03c0\u03b1\u03c1\u1f70 par\u00e0 \u201ewider\u201c und \u03bd\u03bf\u1fe6\u03c2 no\u00fbs \u201eVerstand\u201c; w\u00f6rtlich also \u201ewider den Verstand\u201c, \u201everr\u00fcckt\u201c, \u201ewahnsinnig\u201c) ist im engeren Sinn die Bezeichnung f\u00fcr eine psychische St\u00f6rung, in deren Mittelpunkt Wahnbildungen stehen. Gestern traf ich beim Einkaufen eine fr\u00fchere Kollegin und wir haben uns [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1908,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-5183","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tagebuch-ysabelle-wolfe"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5183","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1908"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5183"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5183\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5188,"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5183\/revisions\/5188"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5183"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5183"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5183"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}