{"id":5161,"date":"2015-05-31T09:36:02","date_gmt":"2015-05-31T07:36:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=5161"},"modified":"2015-05-31T09:38:59","modified_gmt":"2015-05-31T07:38:59","slug":"wir-sind-was-wir-denken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=5161","title":{"rendered":"Wir sind was wir denken"},"content":{"rendered":"<p>Hallo, Welt!<br \/>\nNachdem ich ann\u00e4hernd 30 Jahre als Bahnfahrende unterwegs war, fahre ich nun seit einem Dreivierteljahr mit dem Auto \u00fcber Landstra\u00dfen zur Arbeit. Je nach dem, wie ich gerade drauf bin, reagiere ich auf andere Verkehrsteilnehmer. Wer von hinten kommt und mich \u00fcberholt, ist meist ein Spinner. &#8222;Ich fahr doch schon (fast) 100, was willst du denn noch?&#8220; Alle Treckerfahrer sollten sowieso eine eigene Spur haben. Morgens, wenn ich selbst p\u00fcnktlich bei der Arbeit sein will, st\u00f6ren mich Trecker mehr als nachmittags, wenn ich nach Hause d\u00fcmpel.<br \/>\nVorige Woche nun war ich bestrebt, besonders fr\u00fch bei der Arbeit zu sein, denn meine Kollegin hatte Urlaub und ich wollte noch etwas vorbereiten. Vor mir fuhr ein Wagen, dessen Fahrer\/Fahrerin sich exakt an die vorgeschriebenen Geschwindigkeitsregeln hielt. Strich 50 in der Ortschaft, 70 auf dem Teilst\u00fcck bis zur Umgehung, wieder runter auf 50&#8230; Ich hing dahinter und h\u00f6rte mich vehement fluchen. Gehts noch ein bisschen langsamer? Soll ich rauskommen und schieben? Alter, darfst du \u00fcberhaupt noch\/schon fahren?<br \/>\nDas war eine spannende Erfahrung. Ich w\u00fcrde mich selbst als sehr verkehrsregeltreu bezeichnen. In meinen 35 Jahren F\u00fchrerscheinbesitz bin ich ein einziges Mal geblitzt worden &#8211; beim Abbiegen in eine 30-er-Stra\u00dfe in Hamburg, wo ich wegen des nachfolgenden Verkehrs zusehen musste die Kreuzung zu r\u00e4umen. 15 Euro. Ich glaube, meine erste rote Ampel habe ich 2010 \u00fcberfahren&#8230; Und nun hielt sich jemand an die Regeln und ich brodelte hinter dem Steuer wie ein HB-M\u00e4nnchen\/Frauchen.<br \/>\nAls erstes ging mir auf, dass vermutlich tausendfach andere Fahrer hinter mir so gebrodelt haben. Geht&#8217;s nicht ein bisschen schneller? Es ist doch alles frei&#8230; Das entlockte mir schon mal ein kleines Grinsen. Guck an, jetzt geht es dir mal so wie es den anderen vielleicht hinter dir ergeht&#8230;<br \/>\nIm n\u00e4chsten Schritt konnte ich direkt k\u00f6rperlich wahrnehmen, wie sich abh\u00e4ngig von meinen Gedanken meine Laune\/meine K\u00f6rperspannung ver\u00e4nderte. Dachte ich, der Vorausfahrende w\u00e4re ein Idiot und w\u00fcrde etwas falsch machen, erh\u00f6hte sich mein Blutdruck, die Kiefermuskeln und der Nacken waren angespannt, die H\u00e4nde pressten sich ans Lenkrad. Als ich mir bewusst machte, dass das lediglich meine Gedanken waren, die mich so aggressiv werden lie\u00dfen, sp\u00fcrte ich die Ent-Spannung in allen Knochen. Ich konnte auf einmal w\u00e4hlen. Wut oder Gelassenheit. Das war ein faszinierendes Erlebnis. <\/p>\n<p>Ich habe schon h\u00e4ufiger festgestellt, dass meine Gedanken meine Stimmung beeinflussen. Am drastischsten  &#8211; ACHTUNG, K\u00d6NNTE UNERW\u00dcNSCHTE ASSOZIATIONEN AUSL\u00d6SEN &#8211; erlebe ich das in Bezug auf Erbrochenes. Meinem eigenen Kind konnte ich nicht helfen, wenn ihm schlecht war. Und im Auto war ihm st\u00e4ndig schlecht. Prompt setzte bei mir der Brechreiz ein. Das setzte sich in den vergangenen Jahren fort, wenn die Katzen sich irgendwo \u00fcbergeben hatten. Auch beim 100. Mal (ich habe schon seit 27 Jahren Katzen) wurde es nicht besser. Und irgendwann habe ich gemerkt, wenn ich das beseitige, denkt es etwas in mir, und das Denken l\u00f6st meinen Brechreiz aus.<br \/>\nIch hatte einmal ein Gespr\u00e4ch mit meiner Mutter, die ja ein Tracheostoma hatte, also eine Kan\u00fcle im Hals. Sie schleimte st\u00e4ndig und tat das auch ger\u00e4uschvoll neben mir im Auto auf der Heimfahrt vom Krankenhaus. Ich merkte schon, wie mir \u00fcbel wurde und ich bat sie, einen etwas dezenteren Weg zu finden. Einen Augenblick war Stille, dann sagte sie: &#8222;Tut mir Leid, ich habe es ein bisschen \u00fcbertrieben. Ich wollte einfach, dass es sichtbar\/h\u00f6rbar wird, was das f\u00fcr eine schreckliche Krankheit ist und wie beschissen es mir geht&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Ich glaube, das war der Wendepunkt. Ich konnte mich vollkommen mit ihr verbinden. Ich konnte bei ihr sein in ihrem rotzenden Elend. Und das ist mir bis zu ihrem Ende immer h\u00e4ufiger gelungen. Ich konnte auf einmal meinen Brechreiz im Kopf abschalten, indem ich bewusst an etwas anderes dachte. Oder mit dem Brechreiz &#8222;redete&#8220;. Ganz ruhig. Stell dir vor, es w\u00e4re etwas anderes&#8230; es ist nur das, was du denkst, was diesen W\u00fcrgereiz ausl\u00f6st&#8230; denk einfach an was anderes oder an nichts&#8230; <\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist das ein gro\u00dfes Geschenk: Zu erkennen, dass meine Gedanken meine Existenz beeinflussen, und dass ich daher meine Gedanken ver\u00e4ndern kann, um Frieden zu haben. Wie bei dem Autobeispiel muss ich vielleicht erst f\u00fchlen und wolfen, um daf\u00fcr den Schalter zu finden. Ich muss zu Bewusst-Sein kommen. Solange ich hinter dem Lenkrad dumpf vor mich hin w\u00fcte, verankere ich mich in der Welt von Richtig oder Falsch. Beim Erkennen meiner Gef\u00fchle und Bed\u00fcrfnisse zeigt sich auf einmal die T\u00fcr aus diesem Knast&#8230; <\/p>\n<p>So long!<\/p>\n<p>Ysabelle<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo, Welt! Nachdem ich ann\u00e4hernd 30 Jahre als Bahnfahrende unterwegs war, fahre ich nun seit einem Dreivierteljahr mit dem Auto \u00fcber Landstra\u00dfen zur Arbeit. Je nach dem, wie ich gerade drauf bin, reagiere ich auf andere Verkehrsteilnehmer. 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