{"id":4244,"date":"2012-10-30T14:14:12","date_gmt":"2012-10-30T13:14:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=4244"},"modified":"2012-10-30T14:15:53","modified_gmt":"2012-10-30T13:15:53","slug":"tod-durch-vergleichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=4244","title":{"rendered":"Tod durch Vergleichen"},"content":{"rendered":"<p>Hallo, Welt!<br \/>\nIch bin zur\u00fcck aus dem Urlaub. Erholt und tatkr\u00e4ftig war ich f\u00fcr ein paar Stunden, dann hat mich ein Virus erobert und gestern lag ich tats\u00e4chlich ab 16 Uhr flach mit Kopfschmerzen, Halsweh, Triefnase und fiesem Husten. Ung\u00fcnstig, denn ich geh\u00f6re zum Orga-Team f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Veranstaltung am kommenden Wochenende. Wir erwarten zwischen 80 und 100 Teilnehmer und alles geht systembedingt etwas drunter und dr\u00fcber. Ich w\u00e4re wirklich gern fit daf\u00fcr&#8230;<br \/>\nHeute will ich etwas zum Thema &#8222;Tod durch Vergleichen&#8220; berichten. Dieser Urlaub war wirklich sehr gro\u00dfartig. <a href=\"https:\/\/www.giraffenohren.com\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/IMG_2683-e1351599809445.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.giraffenohren.com\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/IMG_2683-e1351599809445-150x150.jpg\" alt=\"\" title=\"Civitavecchia\" width=\"180\" height=\"230\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-4245\" \/><\/a> Ich war auf einem sehr sch\u00f6nen Kreuzfahrtschiff, habe gut gegessen, viel geschlafen, tolle Ausfl\u00fcge gemacht und mich gefreut, dass ich das alles erleben durfte. Und gleichzeitig tauchte immer wieder das Thema \u201eVergleiche\u201c auf. War ich gl\u00fccklicher, weil ich eine Balkonkabine hatte, als die Leute, die eine Innenkabine hatten? Wie konnte sich Witwe XY in diesem Jahr schon die dritte Kreuzfahrt leisten? Was macht <em>die<\/em> richtig und ich falsch? Wieso scheinen einige Leute alles essen zu k\u00f6nnen und sie werden nicht dick, und ich gehe am B\u00fcfett vorbei und habe zwei Kilo mehr auf der H\u00fcfte? Und der Mann da, und die Frau &#8211; boah, ey, sind die dick&#8230; dagegen bin ich ja ein Rehlein&#8230; <\/p>\n<p>Ich habe dieses Thema auch mit meinem Reisegef\u00e4hrten diskutiert. Wir fanden dabei so spannende Fragen wie \u201ehabe ich diesen Urlaub \u201everdient\u201c, oder steht es mir nicht zu, so einen Luxus zu erleben? Bin ich &#8222;gut genug&#8220;? Und zum wiederholten Mal habe ich festgestellt, dass Vergleichen der sicherste Weg ist, sich richtig schlecht zu f\u00fchlen. Es gibt dazu von Marshall Rosenberg eine sehr nette Textpassage. Er schl\u00e4gt vor, man m\u00f6ge das Telefonbuch von New York an beliebiger Stelle aufschlagen und sich mit der Person vergleichen, die dort aufgef\u00fchrt wird. Beispielsweise Wolfgang Amadeus Mozart (mir war vorher nicht bekannt, dass der nach New York umgesiedelt ist&#8230;). Also: Wie viele Violinkonzerte habe ich im Alter von 12 Jahren geschrieben? Null. Desweiteren schl\u00e4gt Marshall vor, man m\u00f6ge in eine Umriss-Zeichnung, die Mann und Frau in ihren Idealma\u00dfen zeigt, jeweils die eigenen Ma\u00dfe eintragen. Falls also 90-60-90 noch immer ein Sch\u00f6nheitsideal sein sollte, w\u00fcrde ich sie an allen drei Werten \u00fcbertreffen. Sch\u00f6ner f\u00fchle ich mich deshalb nicht&#8230; <\/p>\n<p>Kurzum: Vergleiche sind ein sicherer Weg mich elend zu f\u00fchlen. Selbst wenn ich bei einem Vergleich &#8222;besser&#8220; abschneide als meine Referenzgr\u00f6\u00dfe, tr\u00e4gt das schon mittelfristig nicht zur Erhaltung meines Wohlbefindens bei. Ich verdiene mehr als <em>dieser<\/em> Mann \u2013 aber wie lange noch? Ich bin d\u00fcnner als <em>diese<\/em> Frau &#8211; aber 200 weitere Frauen an Bord sind mal d\u00fcnner, j\u00fcnger, sch\u00f6ner als ich&#8230; Der Golfpro spielt besser Golf als ich, die Geissens aus dem Fernsehen haben mehr Geld, meine Freundin H. mehr Mut, Gabriel mehr Ahnung vom Programmieren und mein Freund F. im Gegensatz zu mir Durchblick in Sachen Excel oder Fliesen legen. <\/p>\n<p>Und nun?<br \/>\nIn der Erziehung, die mir zuteil wurde, hat man Vergleiche benutzt, um mich anzuspornen. Ich sollte so klug sein wie XY, das schaffen, was meine Eltern und Gro\u00dfeltern nicht erreicht hatten, zum Beispiel eine Karriere als Akademikerin. Als junges M\u00e4dchen habe ich meiner Mutter einmal versprochen, ich w\u00fcrde eines Tages so viel Geld verdienen (und dann noch einen Zahnarzt heiraten), dass ich ihr dann ein Kaj\u00fctboot und einen Citroen DS kaufen w\u00fcrde. Andere Menschen hatten schon ein Boot und so einen coolen Citroen&#8230; wir reden hier vom Ende der 60er Jahre. Bin ich nun eine Versagerin, weil ich dieses Versprechen nicht eingel\u00f6st habe?<br \/>\nVergleiche setzen voraus, dass es einen richtigen, objektiven Ma\u00dfstab gibt. So soll etwas sein, und daran messe ich mich, werde ich gemessen. Ich bin Gewinner oder Verlierer. Ich stehe gut da oder ich ziehe den K\u00fcrzeren. Wof\u00fcr? <\/p>\n<p>Mir wird immer deutlicher, dass die Etiketten-Ausgabe, die beim Vergleichen stattfindet, nicht dem Leben dient. Ich als ICH bin gar nicht sichtbar, wenn ich mich st\u00e4ndig an Schablonen anlege. Stimmt, ich kann nicht so gut rechnen. Bruchrechnung zum Beispiel habe ich nicht im Zugriff. Ebenso Prozentrechnung. Eine Einladung, mich schlecht zu f\u00fchlen. Wenn ich mich selbst aber als vollst\u00e4ndiges Wesen ansehe, mit meiner F\u00e4higkeit, lebendige Vergleiche zu finden, mit meiner F\u00e4higkeit, im Handumdrehen aus meinen Vorr\u00e4ten ein Dutzend Leute zu bek\u00f6stigen, mit meiner Freude an Musik, auch wenn ich kein Instrument spiele, mit meiner Lebendigkeit an der einen Stelle und meiner Achtsamkeit an der anderen &#8211; dann darf ich gewiss sein, dass ich genau so bin wie die H\u00f6here Macht mich wollte. Ich bin liebenswert. Ich bin einzigartig. So wie ich bin, bin ich richtig. Und ich bin dankbar daf\u00fcr, dass ich genau so bin. Ich bin sozusagen ein Gesamtkunstwerk, ebenso wie Ihr! Wir sind einzigartig! Und wenn ich Kunstwerke vergleiche, sage ich auch nicht, die \u201ebetenden H\u00e4nde\u201c von D\u00fcrer sind aber kleiner (und deshalb schlechter) als Gerhard Richters riesiges \u00d6lgem\u00e4lde, das unl\u00e4ngst bei Sotheby&#8217;s 26,4 Millonen Euro in die Kasse von Eric Clapton sp\u00fclte.  Geht es nicht vielmehr darum, ob mich etwas anspricht, ob meine Bed\u00fcrfnisse erf\u00fcllt sind? Wenn ich neidisch auf die schlanken Frauen im Restaurant schiele, ist vielleicht mein eigenes Bed\u00fcrfnis nach Leichtigkeit, Sch\u00f6nheit und Beweglichkeit im Mangel. Und damit m\u00f6chte ich da sein. Aber nicht mit irgendeinem omin\u00f6sen Standard, von dem ich nicht einmal wirklich wei\u00df, wie er zustande gekommen ist &#8211; geschweige denn, was er wirklich mit mir zu tun hat&#8230; <\/p>\n<p>So long! <\/p>\n<p>Ysabelle<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo, Welt! Ich bin zur\u00fcck aus dem Urlaub. Erholt und tatkr\u00e4ftig war ich f\u00fcr ein paar Stunden, dann hat mich ein Virus erobert und gestern lag ich tats\u00e4chlich ab 16 Uhr flach mit Kopfschmerzen, Halsweh, Triefnase und fiesem Husten. Ung\u00fcnstig, denn ich geh\u00f6re zum Orga-Team f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Veranstaltung am kommenden Wochenende. 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