{"id":4184,"date":"2012-08-16T15:54:24","date_gmt":"2012-08-16T13:54:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=4184"},"modified":"2012-08-16T15:56:54","modified_gmt":"2012-08-16T13:56:54","slug":"mystische-zahlenspiele-aus-d-mark-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=4184","title":{"rendered":"Mystische Zahlenspiele aus D-Mark-Zeiten"},"content":{"rendered":"<p>Hallo, Welt!<br \/>\nGestern sind mein Sohn und ich zur Trauerfeier f\u00fcr meinen Vater aufgebrochen. Junior kam morgens zu mir, damit wir in einem Auto unterwegs sind. &#8222;Wo hast du Schuhputzzeug?\u201c, fragte er mich, weil er noch mal \u00fcber die guten Schwarzen bohnern wollte. Wenig sp\u00e4ter h\u00f6rte ich ihn im Wirtschaftsraum kichern. \u201eDu und deine Vorratshaltung! Diese Marmelade ist von 2003 und die Adresse auf dieser Konserve hat sogar noch eine vierstellige Postleitzahl&#8230;<br \/>\nHeute habe ich einen kurzen Blick auf besagtes Regal geworfen. Tats\u00e4chlich: Marmelade von 2003. Zwei Gl\u00e4ser Rotkohl, deren Mindesthaltbarkeitsdatum mit Oktober 2007 angegeben war. Eine China-Sauce von 1999 habe ich leichten Herzens der Tonne \u00fcbergeben. Beim Rotkohl fiel mir das deutlich schwerer, und die Marmelade habe ich zur\u00fcck ins Regal gestellt. Ein Glas Schwarzwurzeln war noch mit D-Mark ausgezeichnet. Das habe ich dann auch entsorgt.<br \/>\nAls mein Sohn sich \u00fcber die Vorratshaltung mokierte, sp\u00fcrte ich Unbehagen, ja so etwas wie Schuldgef\u00fchle. Als wollte ich die ganze Familie mit abgelaufenem Essen ausrotten. Ertappt, als h\u00e4tte ich etwas Verbotenes getan. Scham. Ach ja, Scham war das. <\/p>\n<p>Als ich heute davor stand, fest entschlossen, alle abgelaufenen Lebensmittel wegzuwerfen, f\u00fchlte es sich ganz anders an. &#8222;Die sch\u00f6nen Sachen&#8230; das kann man doch alles noch essen&#8230; da ist doch nichts mit los&#8230; oh, ja, diese Marmelade&#8230; die habe ich von dem Besuch in XY mitgebracht&#8230; Das schlechte Gewissen von &#8222;willst du uns alle umbringen&#8220; hatte sich ver\u00e4ndert in &#8222;du willst doch nicht etwa Lebensmittel wegwerfen, die noch gut sind&#8230;?!&#8220;<br \/>\nAnscheinend gibt es zu dem Thema zwei Wahrheiten in mir. Der eine Teil ist so stolz auf das gef\u00fcllte Vorratsregal. Bei mir muss keiner verhungern. Und wenn Morgen eine Busladung voller Leute vor der T\u00fcr steht, ich kriege sie alle satt. Die Dosen sind nicht verbeult oder aufgebl\u00e4ht, der Rotkohl sieht nach wie vor prima aus. Und Mindesthaltbarkeitsdatum ist eh eine Erfindung der Industrie.<br \/>\nDer andere Teil m\u00f6chte auf einen besonders effizienten Umgang mit Lebensmitteln an den Tag legen. First in, first out. Keinen Mais nachkaufen, wenn noch vier Dosen Mais im Regal stehen. und beim Einr\u00e4umen f\u00e4llt mir auf, ach, es war ja gar nicht Mais, was fehlt, sondern Champignons&#8230; Und dann diese grandiose Saisonware&#8230; Nur jetzt&#8230; amerikanische Wochen, asiatische Wochen&#8230; Glasnudeln&#8230; komisch, damit koche ich nie, aber ich erliege der Versuchung. <\/p>\n<p>Anscheinend gibt es ein Lernfeld, das hei\u00dft: Empathische Vorratshaltung. Wie viele Dosen, Gl\u00e4ser, Marmelade (Mist, wieso habe ich den holl\u00e4ndischen Sirup weggeworfen, der war doch erst 2010 abgelaufen!), Senf, T\u00fctenp\u00fcrree (ich schw\u00f6re, nur f\u00fcr den Notfall), Thunfisch und Prinzessbohnen brauche ich, um mein Bed\u00fcrfnis nach Sicherheit zu erf\u00fcllen? Denn dass es nicht um das Bed\u00fcrfnis nach Nahrung geht, ist mir sehr klar. Ich denke, das ist ein Erbe der Kriegsgeneration, die einfach nichts hatte, und die alles hortete, egal, was es war. Wenn man es selbst nicht a\u00df, konnte man es aber wenigstens tauschen&#8230; Diese Haltung war bei uns in der Familie ganz tief verankert. Komisch, in den Schr\u00e4nken meiner Mutter findet sich aber heute gar nichts mehr. Sie scheint das irgendwie \u00fcberwunden zu haben. In ihrem gro\u00dfen K\u00fchlschrank langweilen sich ein paar Medikamente, zwei Flaschen Wasser, eine Dose Spr\u00fchsahne, eine Bisquitrolle und zwei Sahnepuddings. Aber: Als wir 1978 den Haushalt meiner  Gro\u00dfmutter aufl\u00f6sten, fanden wir noch eingeweckte Schattenmorellen von 1963&#8230; Solchen Zeitr\u00e4umen n\u00e4here ich mich auch&#8230; <\/p>\n<p>Also: Vorratshaltung erf\u00fcllt mir ein Bed\u00fcrfnis nach Sicherheit. Selbst Vorr\u00e4te mit deutlich abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum erf\u00fcllen dieses Bed\u00fcrfnis. Sie erf\u00fcllen das Bed\u00fcrfnis auch, wenn die Adresse auf dem Etikett noch eine vierstellige Postleitzahl hat. Und gleichzeitig h\u00e4tte ich gern neue neue Strategie, mit der ich mir dieses Bed\u00fcrfnis erf\u00fcllen kann, ohne missbilligende Blicke anderer Menschen zu kassieren. Mal sehen, was mir da bis Weihnachten einf\u00e4llt. Eine Strategie k\u00f6nnte sein, erst mal sehr bewusst mit den &#8222;alten&#8220; Sachen zu kochen, also vielleicht die alten weiter nach vorn zu schieben oder gezielt nach leckeren Rezepten f\u00fcr diese Zutaten zu suchen. Mal ehrlich, bei 30 Grad im Schatten, die jetzt endlich kommen sollen, ist mir \u00fcberhaupt nicht nach Rouladen mit Rotkohl&#8230; <\/p>\n<p>So long! <\/p>\n<p>Ysabelle<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo, Welt! Gestern sind mein Sohn und ich zur Trauerfeier f\u00fcr meinen Vater aufgebrochen. 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