{"id":415,"date":"2010-02-08T23:21:27","date_gmt":"2010-02-08T22:21:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gewaltfrei-im-norden.de\/blog\/?p=415"},"modified":"2010-04-18T22:21:03","modified_gmt":"2010-04-18T20:21:03","slug":"im-zug-in-tokio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=415","title":{"rendered":"Im Zug in Tokio"},"content":{"rendered":"<p>Auch diese Geschichte fand ich auf der <a href=\"http:\/\/serena-rust.de\">Webseite von Serena Rust<\/a>. Ich konnte bei ihr keine Quellenangabe finden. In einer anderen Quelle, bei einem Verein f\u00fcr Hom\u00f6opathie und Gesundheit, hie\u00df es, es sei ein <a href=\"http:\/\/www.vhg.at\/\">Brief an Ram Dass<\/a>, den ein Freund \u00fcbersetzt habe.<\/p>\n<p>Ich habe die Geschichte ganz woanders abgespeichert:<\/p>\n<p>Der leere Spiegel<br \/>\nErfahrungen in einem japanischen Zen-Kloster<br \/>\nVon Janwillem van de Wetering<\/p>\n<p>Vielleicht wei\u00df ja einer von Euch mehr.<\/p>\n<p><strong>Betrunkener im Zug in Tokio<\/strong><br \/>\nDer Zug ratterte an einem verschlafenen Fru\u0308hlingsnachmittag durch die Vororte von<br \/>\nTokio. Unser Abteil war vergleichsweise leer \u2013 ein paar Hausfrauen mit ihren<br \/>\nKindern, einige alte Leute, die Einkaufen gingen. Geistesabwesend betrachtete ich<br \/>\ndie du\u0308steren Ha\u0308user und staubigen Hecken. An der Haltestelle o\u0308ffneten sich die<br \/>\nTu\u0308ren, und plo\u0308tzlich wurde die Nachmittagsruhe von einem Mann gesto\u0308rt, der<br \/>\nunversta\u0308ndliche Flu\u0308che bru\u0308lle. Er stolperte in unser Abteil. Er war von kra\u0308ftiger<br \/>\nGestalt, betrunken und schmutzig und trug Arbeiterkleidung. Bru\u0308llend holte er zum<br \/>\nSchlag gegen eine Frau aus, die ein Baby im Arm hielt. Der Sto\u00df schleuderte sie<br \/>\ngegen ein sitzendes a\u0308lteres Ehepaar. Es war ein Wunder, dass dem Baby nichts<br \/>\npassierte.<br \/>\nEntsetzt sprang das Ehepaar auf und hastete ans andere Ende des Wagens. Der<br \/>\nbetrunkene Arbeiter wollte der flu\u0308chtenden alten Frau noch einen Tritt verpassen,<br \/>\naber sie war ihm glu\u0308cklicherweise schon entwischt. Dies machte ihn so wu\u0308tend, dass<br \/>\ner nach einer Haltestange in der Wagenmitte griff und versuchte, sie aus ihrer<br \/>\nVerankerung herauszurei\u00dfen. Ich konnte sehen, dass eine seiner Ha\u0308nde blutete. Der<br \/>\nZug ratterte voran, und die Passagiere waren starr vor Angest. Ich stand auf.<br \/>\nIch war damals noch jung, ungefa\u0308hr zwanzig Jahre alt und in ziemlich guter Form. Ich<br \/>\nhatte die letzten drei Jahre jeden Tag ungefa\u0308hr acht Stunden mit Aikido-Training<br \/>\nzugebracht. Die Wu\u0308rfe und Griffe brachten mir gro\u00dfen Spa\u00df. Das Problem war, dass<br \/>\nmeine Fa\u0308higkeiten noch nie in einem echten Kampf erprobt worden waren. Aikido-<br \/>\nSchu\u0308ler durften nicht ka\u0308mpfen.<br \/>\n\u201eAikido\u201c hatte mein Lehrer immer wieder gesagt, \u201eist die Kunst der Verso\u0308hnung. Wer<br \/>\nLust zum Ka\u0308mpfen hat, hat seine Verbindung mit dem Universum abgebrochen.<br \/>\nWenn ihr versucht, andere Menschen zu beherrschen, seid ihr schon geschlagen.<br \/>\nWir lernen, wie man Konflikte lo\u0308st, nicht wie man sie verursacht.\u201c<br \/>\nIch hatte ihm immer aufmerksam zugeho\u0308rt. Ich gab mir sehr viel Mu\u0308he. Ich ging<br \/>\nsogar so weit, auf die andere Stra\u00dfenseite zu gehen, um den Chimpera, den<br \/>\nAusgeflippten, auszuweichen, die in der Na\u0308he der Bahnho\u0308fe herumlungerten. Meine<br \/>\nUmsicht erstaunte und begeisterte mich selbst. Ich fu\u0308hlte mich stark und heilig.<br \/>\nInsgeheim jedoch sehnte ich eine Gelegenheit herbei, bei der ich die Unschuldigen<br \/>\nretten konnte, indem ich die Schuldigen vernichtete.<br \/>\n\u201eJetzt ist es soweit\u201c, sagte ich zu mir, als ich aufstand. \u201eHier sind Menschen in<br \/>\nGefahr. Wenn ich nicht schnell eingreife, wird wahrscheinlich jemand verletzt<br \/>\nwerden.\u201c<br \/>\nAls der Betrunkene mich aufstehen sah, nahm er die Chance wahr, seine ganze Wut<br \/>\nauf eine bestimmte Person zu konzentrieren. \u201eAh\u201c, bru\u0308llte er, \u201eein Ausla\u0308nder! Du<br \/>\nbrauchst wahrscheinlich eine Lektion in japanischen Umgangsformen!\u201c<br \/>\nIch hielt die Halteschlaufe u\u0308ber mir locker in der Hand und sah ihn voller Abscheu<br \/>\nund Verachtung an. Ich hatte vor, diesem Rohling ein fu\u0308r alle Mal zu zeigen, was<br \/>\nSache war, aber er musste den ersten Schritt tun. Ich wollte ihn provozieren, und so<br \/>\nspitzte ich die Lippen und warf ihm einen Kuss zu. \u201eOkay!\u201c bru\u0308llte er, \u201eIch werde dir<br \/>\nmal eine kleine Lektion erteilen.\u201c Er sammelte sich, um mich anzugreifen.<\/p>\n<p>Einige Zehntelsekunden, bevor er sich in Bewegung setzen konnte, rief jemand:<br \/>\n\u201eHey!\u201c Der Ruf beru\u0308hrte alle Anwesenden bis ins Innerste ihrer Seele. Ich erinnere<br \/>\nmich an den seltsam fro\u0308hlichen, schwungvollen Klang \u2013 als ob Sie und ein Freund<br \/>\nla\u0308ngere Zeit nach etwas gesucht ha\u0308tten, und plo\u0308tzlich ha\u0308tte er es entdeckt. \u201eHey!\u201c<br \/>\nIch schwenkte nach links; der Betrunkene drehte sich nach rechts. Unser beider<br \/>\nBlicke fielen auf einen kleinen alten Japaner. Er musste u\u0308ber siebzig sein, dieser<br \/>\nkleine Herr, der untadelig adrett in seinem Kimono dasa\u00df. Er nahm keine Notiz von<br \/>\nmir, aber er strahlte den Arbeiter erfreut an, als ob er ihm ein ho\u0308chst wichtiges,<br \/>\nangenehmes Geheimnis mitzuteilen ha\u0308tte.<br \/>\n\u201eKommen Sie her\u201c, sagte der alte Mann und winkte den Betrunkenen heran.<br \/>\n\u201eKommen Sie her, und sprechen Sie mit mir!\u201c<br \/>\nDer gro\u00dfe Mann na\u0308herte sich ihm, als wu\u0308rde er von einem unsichtbaren Faden<br \/>\ngezogen. Er stampfte vor dem alten Herrn provozierend mit dem Fu\u00df auf und bru\u0308llte<br \/>\nlauter als die ratternden Ra\u0308der: \u201eVerdammt noch mal, warum sollte ich mit Ihnen<br \/>\nreden?\u201c Der Betrunkene stand nun mit dem Ru\u0308cken zu mir. Wenn sich sein<br \/>\nEllenbogen auch nur einen Millimeter bewegte, wu\u0308rde ich ihn zu Boden strecken.<br \/>\nDer alte Mann strahlte den Arbeiter immer noch an. \u201eWas haben Sie denn<br \/>\ngetrunken?\u201c fragte er, und seine Augen leuchteten wohlwollend. \u201eIch habe Sake<br \/>\ngetrunken\u201c, bru\u0308llte der Arbeiter zuru\u0308ck, \u201eund das geht Sie u\u0308berhaupt nichts an.\u201c Er<br \/>\nbrachte das so heftig hervor, dass er den alten Mann mit seinem Speichel bespru\u0308hte.<br \/>\n\u201eOh das ist ja wunderbar!\u201c erwiderte der Alte, \u201eAbsolut wunderbar! Wissen Sie, ich<br \/>\nmag Sake auch sehr gern. Jeden Abend wa\u0308rmen meine Frau (sie ist jetzt<br \/>\nsechsundsiebzig, wissen Sie) und ich eine kleine Flasche Sake und nehmen sie mit<br \/>\nin den Garten. Dort setzen wir uns auf unsere alte Holzbank. Wir schauen uns den<br \/>\nSonnenuntergang an und sehen nach, was unser Dattelbaum macht. Mein Gro\u00dfvater<br \/>\nhat den Baum gepflanzt, und wir hoffen sehr, dass er sich von den eisigen Stu\u0308rmen<br \/>\ndes letzten Winters wieder erholen wird. Aber der Baum hat sich besser gemacht, als<br \/>\nich erwartet ha\u0308tte, besonders wenn man die schlechte Qualita\u0308t des Bodens<br \/>\nberu\u0308cksichtigt. Es ist scho\u0308n, ihn anzuschauen, wenn wir im Garten sitzen, den Abend<br \/>\ngenie\u00dfen und unseren Sake trinken \u2013 wir machen das sogar, wenn es regnet!\u201c Er<br \/>\nschaute den Arbeiter an und zwinkerte ihm freundlich zu.<br \/>\nWa\u0308hrend der Betrunkene sich darum bemu\u0308hte, der Erza\u0308hlung des alten Mannes zu<br \/>\nfolgen, entspannte sich sein Gesicht. Nach und nach o\u0308ffneten sich seine Fa\u0308uste.<br \/>\n\u201eJa\u201c, sagte er, \u201eich liebe Dattelba\u0308ume auch sehr.\u201c Er verstummte. \u201eJa\u201c, sagte der alte<br \/>\nMann la\u0308chelnd, \u201eund ich bin sicher, dass Sie eine wunderbare Frau haben.\u201c<br \/>\n\u201eNein\u201c, erwiderte der Arbeiter, \u201emeine Frau ist gestorben.\u201c Ganz leise, mit der<br \/>\nBewegung des Zuges schaukelnd, begann er zu schluchzen. \u201eIch habe keine Frau.<br \/>\nIch habe kein Zuhause. Ich scha\u0308me mich so sehr.\u201c Tra\u0308nen rollten ihm u\u0308ber die<br \/>\nWangen. Ein verzweifeltes Zucken schu\u0308ttelte seinen Ko\u0308rper. Plo\u0308tzlich fiel es mir wie<br \/>\nSchuppen von den Augen. Wie ich so in meiner jugendlichen Unschuld, meiner<br \/>\nnaiven Selbstgerechtigkeit dastand, fu\u0308hlte ich mich dreckiger als er es war. Der Zug hatte meine Station erreicht. Als sich die T\u00fcren \u00f6ffneten, h\u00f6rte ich den alten Mann mitf\u00fchlend sagen: &#8222;Oje, oje, das sind aber schwierige Vorherbestimmungen. Setz dich zu mir und erz\u00e4hle mir davon!\u201c Ich drehte meinen Kopf f\u00fcr einen letzten Blick. Der Arbeiter hatte sich am Sitz zusammengekauert, mit dem Kopf im Scho\u00df des Alten. Sanft strich ihm der Alte durch das verfilzte Haar. Als der Zug die Station verlie\u00df, setzte ich mich auf eine Bank und dachte: &#8222;Was ich versucht hatte mir Muskeln und Kraft zu tun, war mit Liebe vollbracht worden&#8220;. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch diese Geschichte fand ich auf der Webseite von Serena Rust. Ich konnte bei ihr keine Quellenangabe finden. In einer anderen Quelle, bei einem Verein f\u00fcr Hom\u00f6opathie und Gesundheit, hie\u00df es, es sei ein Brief an Ram Dass, den ein Freund \u00fcbersetzt habe. Ich habe die Geschichte ganz woanders abgespeichert: Der leere Spiegel Erfahrungen in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1908,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[48],"tags":[171,170],"class_list":["post-415","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-strandgut","tag-tokio","tag-zug"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/415","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1908"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=415"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/415\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1122,"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/415\/revisions\/1122"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=415"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=415"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=415"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}