{"id":4133,"date":"2012-07-20T09:34:41","date_gmt":"2012-07-20T07:34:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=4133"},"modified":"2012-07-20T09:35:05","modified_gmt":"2012-07-20T07:35:05","slug":"was-frauen-sollten-und-mussten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=4133","title":{"rendered":"Was Frauen sollten und m\u00fcssten"},"content":{"rendered":"<p>Hallo, Welt!<br \/>\nHeute Morgen stie\u00df ich auf einen Artikel in der TAZ, den ich zum Lesen empfehlen m\u00f6chte. Er stammt von Margarete Stokowski und macht mir noch einmal deutlich, warum ich 25 Jahre die EMMA abonniert hatte und nicht etwa &#8222;Tina&#8220;. <\/p>\n<p><em><br \/>\n<strong>FRAUENMAGAZINE UND SEXISMUS<\/strong><br \/>\nFaschismus auf Hochglanzpapier<\/p>\n<p>Frauenmagazine beraten nicht \u2013 sie entm\u00fcndigen. Zeitschriften wie \u201eGlamour\u201c oder \u201eJolie\u201c sind voll von hinterh\u00e4ltig penetranten, menschenverachtenden Tipps.<br \/>\nVON MARGARETE STOKOWSKI<\/p>\n<p>Jemand, der eine Frau anspricht, weil ihre Fu\u00dfn\u00e4gel nicht lackiert sind, der ihr sagt, ihr K\u00f6rper sei eine S\u00fcnde, der ist vielleicht krank oder paranoid. Diese Krankheit, auf Hochglanzpapier gedruckt und mit vielen bunten Bildern versehen \u2013 das ist der Inhalt von deutschen Frauenzeitschriften im Jahr 2012.<\/p>\n<p>Dass die Fotos in solchen Magazinen digital bearbeitet sind und unrealistische Sch\u00f6nheitsideale verbreiten, ist inzwischen ins kollektive Bewusstsein \u00fcbergegangen. Und ja, deutsche Frauenzeitschriften zeigen fast nur europ\u00e4ische, wei\u00dfe, d\u00fcnne Frauen mit langen Haaren. Geschenkt, das ist keine Entdeckung.<\/p>\n<p>Dass aber auch in den Texten der Frauenzeitschriften mit hinterh\u00e4ltiger Penetranz menschenfeindliche, letztlich faschistische Botschaften verkauft werden, wird kaum thematisiert \u2013 und wenn, dann eher bel\u00e4chelt. Es gebe schlie\u00dflich Wichtigeres als Fu\u00dfn\u00e4gel, Wimpern und Cellulite. F\u00fcr Frauen, die sich als emanzipiert verstehen, sind Glamour, Joy oder Jolie h\u00f6chstens lockere Unterhaltung. Oder irrelevant, vor allem wenn die Frauen nicht heterosexuell sind.<br \/>\nDem\u00fctigende Botschaften<\/p>\n<p>Irrelevant kann es aber nicht sein, wenn sich Millionen von Frauen kontinuierlich erkl\u00e4ren lassen, dass sie h\u00e4sslich, fett und eklig sind. Nat\u00fcrlich behaupten die meisten Frauenmagazine nicht, \u201efeministisch\u201c zu sein. Daf\u00fcr gibt es die Emma oder das Missy Magazine. Aber: Emma und Missy Magazine haben eine Auflage von rund 70.000 beziehungsweise 20.000 Exemplaren und erscheinen viertelj\u00e4hrlich. Glamour, InStyle, Joy, Jolie und Cosmopolitanverkaufen von jeder Ausgabe 300.000 bis 500.000 Exemplare \u2013 monatlich.<\/p>\n<p>Das Perfide ist, dass diese Magazine ihren Leserinnen ein erfolgreicheres, erotischeres, selbstbewussteres Leben versprechen und dabei dem\u00fctigende und gewaltt\u00e4tige Botschaften enthalten. Das Magazin Jolie wirbt mit dem Spruch \u201eAlles, was das Leben sch\u00f6ner macht\u201c, und tr\u00e4gt den Untertitel \u201eThe beautiful life guide\u201c.<\/p>\n<p>In der Juni-Ausgabe findet sich ein \u201eBlowjob-Guide\u201c, der Fragen zu Oralsex beantwortet: Muss eine Frau st\u00f6hnen, wenn sie einem Mann einen bl\u00e4st, auch wenn sie es nicht so toll findet? Muss sie auch die Hoden lecken? Was soll sie tun, wenn sie beim Blasen einen W\u00fcrgereiz kriegt? Die Antwort ist nicht: \u201eLassen Sie es, Sie m\u00fcssen das nicht machen.\u201c Sondern: \u201e\u00dcben, \u00fcben, \u00fcben!\u201c Der Tipp kommt von einer Julia, die in einem \u201eEdelbordell\u201c arbeitet. Und \u201ePornostar\u201c Mia Magma erkl\u00e4rt: \u201eViele M\u00e4nner stehen darauf, wenn es einem die Tr\u00e4nen in die Augen treibt.\u201c<\/p>\n<p>Was ist da los? Warum sollte eine Frau, die privat und zum Spa\u00df Sex hat, gegen ihren Willen handeln? Dass Prostituierte und Pornodarstellerinnen so etwas tun, ist das eine. Aber es ist absurd, anderen Frauen zu sagen, sie sollten sich \u00fcberwinden, weil \u201eer\u201c ja drauf steht. Egal ob sie es ekelhaft finden. Wobei: Laut Jolie ist das gar kein Sex. Denn wenn eine Frau wirklich nicht blasen m\u00f6chte und sich tats\u00e4chlich weigert, dann ist die L\u00f6sung: \u201eSex! Den gibt\u2019s ja auch noch.\u201c Ach. Was ist Oralsex, wenn es kein Sex ist? Wenn nur vaginaler Geschlechtsverkehr Sex ist, haben dann Lesben und Schwule gar keinen Sex?<\/p>\n<p>Aber Homosexuelle sind f\u00fcr Jolie sowieso komisch. Zum Thema Kleidung, die man an seinem Partner nicht mag, gibt das Magazin folgenden Ratschlag. Die Frau soll sagen: \u201eWas f\u00fcr ein Zufall. Genau die gleiche Hose hatte unser neuer, schwuler Nachbar gestern Nachmittag auch an!\u201c Einige Seiten weiter erl\u00e4utert ein Kolumnist, \u201ewarum sich M\u00e4nner nicht k\u00fcssen (sollten)\u201c. Begr\u00fcndung: weil es eklig ist.<\/p>\n<p>Dasselbe Heft erkl\u00e4rt unter dem Titel \u201eWas uns erschreckt\u201c, dass ein Viertel der deutschen Frauen mit unrasierten Beinen und unlackierten Fu\u00dfn\u00e4geln heruml\u00e4uft. \u201eDerlei Beautys\u00fcnden\u201c w\u00fcrde der Fr\u00fchling aber aufdecken. Den K\u00f6rper eines Menschen im nat\u00fcrlichen Zustand als \u201es\u00fcndig\u201c zu bezeichnen \u2013 das kennt man sonst nur von religi\u00f6sen FundamentalistInnen oder traumatisierten Menschen, die ihren eigenen K\u00f6rper verabscheuen.<br \/>\nF\u00fchrer \u00fcber F\u00fchrer<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass in Frauenzeitschriften die W\u00f6rter \u201esollen\u201c oder \u201em\u00fcssen\u201c h\u00e4ufig auftauchen und sich in nahezu jeder Ausgabe ein \u201eGuide\u201c findet \u2013 ein F\u00fchrer (fairerweise sei gesagt, dass es im Englischen die W\u00f6rter \u201eleader\u201c und \u201eguide\u201c gibt, wobei der \u201eleader\u201c eher der pers\u00f6nliche F\u00fchrer ist und \u201eguide\u201c auch eine Orientierungshilfe sein kann). Die Jolie mit dem Blowjob-Guide enth\u00e4lt zus\u00e4tzlich einen Festival-Guide, die Juli-Ausgabe derCosmopolitan bietet einen Safe-Sun-Guide, das Joy-Heft f\u00fcr August einen Holiday-Guide.<\/p>\n<p>F\u00fchrer \u00fcber F\u00fchrer. Dieser F\u00fchrerkult m\u00fcsste in Deutschland einen \u00fcblen Beigeschmack haben. Aber auch sonst: Die st\u00e4ndigen Tipps, Tricks und Ratschl\u00e4ge suggerieren, dass die Frauen Hilfe n\u00f6tig haben. Beratung ist eine tolle Sache. Wenn man sie aber nicht braucht, ist es Bevormundung.<\/p>\n<p>Aber kann es sein, dass die Millionen von Frauen, die diese Magazine lesen, v\u00f6llig fertig und h\u00e4sslich durch die Welt irren und dankbar l\u00e4cheln, wenn man ihnen erkl\u00e4rt, wie das denn geht mit dem Leben und so? Was ist dran an den Magazinen, dass sie so erfolgreich sind?<\/p>\n<p>Die Titelseiten geben einen Hinweis. Die Joy erkl\u00e4rt \u201e33 Dinge, die Sie in den Ferien unbedingt ausprobieren sollten\u201c, und \u201eDie 5 S\u00e4ulen der Beziehung \u2013 und wo Sie ansetzen sollten!\u201c. Das Juli\/August-Heft von Women\u2019s Health sagt: \u201eWas Sie jetzt \u00fcber die Pille wissen m\u00fcssen\u201c und \u201eLast Minute zum Strandbauch \u2013 mit diesen 8 \u00dcbungen schaffen Sie\u2019s noch\u201c.<\/p>\n<p>Der einfache Trick ist, die Leserin auf ein Problem hinzuweisen, das sie wom\u00f6glich hat, und zu erkl\u00e4ren, wie sie es \u2013 in 5, 8 oder 33 Schritten \u2013 l\u00f6sen kann. Die billigste Variante kapitalistischer Produktanpreisung. Allerdings mit einem speziellen Dreh: Hier fehlt nicht einfach etwas im Regal oder Kleiderschrank, hier wird die Leserin selbst f\u00fcr unzul\u00e4nglich erkl\u00e4rt.<br \/>\n\u201eWir, die Frauen\u201c<\/p>\n<p>Genauso simpel ist das allgegenw\u00e4rtige \u201eWir\u201c in den Zeitschriften, ein rhetorisches Mittel, das Boulevardmedien und Kinderg\u00e4rtnerInnen gern nutzen. \u201eWir machen das so\u201c hei\u00dft: Wer es nicht so macht, geh\u00f6rt nicht dazu. \u201eWir\u201c stellt Gemeinschaft her. \u201eWas wir durch L\u00e4stern lernen\u201c, erkl\u00e4rt Joy. Women\u2019s Health freut sich: \u201eViele M\u00e4nner sind in ihrem Denken und Handeln einfach gestrickt \u2013 und genau das lieben wir an ihnen.\u201c<\/p>\n<p>Ein Kollektiv zu konstruieren (\u201ewir, die Frauen\u201c), das einem anderen gegen\u00fcbersteht (\u201esie, die M\u00e4nner\u201c), die Mitglieder dieses Kollektivs f\u00fcr unm\u00fcndig und unzul\u00e4nglich zu erkl\u00e4ren und L\u00f6sungen f\u00fcr ihre vermeintlichen Probleme anzubieten \u2013 das alles sind Elemente faschistischer Ideologie. Neu an dieser Art von F\u00fchrerkult ist die zus\u00e4tzliche Verkn\u00fcpfung mit kapitalistischer Verkaufslogik.<\/p>\n<p>Faschismusvorw\u00fcrfe haben freilich eine gewisse Tradition im Feuilleton. Die Ehe und die Kleinfamilie, Facebook und Google, Fleischesser und Fu\u00dfballfans: alle sind mal dran. Frauenzeitschriften waren von dieser Kritik bisher ausgenommen \u2013 unberechtigterweise.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Liebe Freunde, bei Gelegenheit kauft doch mal wieder eine TAZ! Wo sonst erscheinen solche Artikel? <\/p>\n<p>So long!<\/p>\n<p>Ysabelle<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo, Welt! Heute Morgen stie\u00df ich auf einen Artikel in der TAZ, den ich zum Lesen empfehlen m\u00f6chte. Er stammt von Margarete Stokowski und macht mir noch einmal deutlich, warum ich 25 Jahre die EMMA abonniert hatte und nicht etwa &#8222;Tina&#8220;. FRAUENMAGAZINE UND SEXISMUS Faschismus auf Hochglanzpapier Frauenmagazine beraten nicht \u2013 sie entm\u00fcndigen. 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