{"id":3222,"date":"2011-09-16T07:26:07","date_gmt":"2011-09-16T05:26:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=3222"},"modified":"2011-09-16T17:47:36","modified_gmt":"2011-09-16T15:47:36","slug":"der-wunde-punkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=3222","title":{"rendered":"Der wunde Punkt"},"content":{"rendered":"<p>Hallo, Welt!<\/p>\n<p>&#8222;Der hei\u00dfe Stuhl&#8220; muss von einem GfK&#8217;ler erfunden worden sein. Ich meine damit eine \u00dcbung, sich Sachen anzuh\u00f6ren, die wirklich Schmerzen oder andere intensive Gef\u00fchle hervorrufen. Die Kunst ist es, dann empathisch zu bleiben &#8211; erst mich sich, dann mit dem anderen. <\/p>\n<p>In der \u00dcbungsgruppe hatten wir beim letzten Treffen ein sch\u00f6nes Beispiel. Jemand erz\u00e4hlte: Ich hatte l\u00e4nger gearbeitet als geplant. Mit mulmigem Gef\u00fchl rief ich die Person an, mit der ich f\u00fcr den Abend eine Verabredung hatte, und sagte, &#8222;ich fahr jetzt los.&#8220; Die Person machte ein seltsames Ger\u00e4usch und antwortete dann mit erhobener Stimme: Das ist doch nicht dein Ernst!?&#8220;<\/p>\n<p>Der Mensch, der ohnehin ein schlechtes Gewissen hatte, weil es so sp\u00e4t geworden war, fand auf diesen Satz keine empathische Antwort.<br \/>\nWir haben dann in der Gruppe ge\u00fcbt, empathisch auf den Sprecher auf der anderen Seite des Telefons einzugehen. &#8222;Bist du frustriert, weil dir die effiziente Nutzung deiner Zeit wichtig ist?&#8220; Oder: &#8222;Bist du traurig, weil du dir Gemeinschaft und Verbindung w\u00fcnschst?&#8220;  Nun hatte unser Gruppenmitglied zwar einige Anregungen, was er in einer vergleichbaren Situation sagen k\u00f6nnte, aber das eigentliche Problem war noch nicht gel\u00f6st: Wie verhalte ich mich, wenn die Bemerkung eines anderen bei mir einen wunden Punkt trifft? <\/p>\n<p>Wunde Punkte sind eine sehr individuelle Sache. Heute h\u00f6rte ich von einer Frau die Klage, ihr Vorgesetzter habe zu ihr gesagt, sie h\u00e4tte einen Fehler gemacht, und das wolle sie nicht auf sich sitzen lassen&#8230; im Gespr\u00e4ch tauchte vor meinem geistigen Auge ein Bild auf: <a href=\"https:\/\/www.giraffenohren.com\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Stierkampf.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.giraffenohren.com\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Stierkampf-300x240.jpg\" alt=\"\" title=\"Stierkampf\" width=\"300\" height=\"240\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3225\" srcset=\"https:\/\/www.giraffenohren.com\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Stierkampf-300x240.jpg 300w, https:\/\/www.giraffenohren.com\/wp-content\/uploads\/2011\/09\/Stierkampf.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a> Manche Bemerkungen rauschen an uns vorbei wie der Stier, der den capote (das farbige Tuch) mit dem Torrero verwechselt. Zisch&#8230; ist er weg. Andere Bemerkungen treffen uns wie ein Horn in die Eingeweide oder wom\u00f6glich ins Herz. Aua! <\/p>\n<p>Wie ein Torrero k\u00f6nnen wir die Kunstfertigkeit lernen, dass uns der andere nicht treffen kann. Nicht etwa, weil wir so abgebr\u00fcht sind, dass uns nichts mehr erreicht. Vielmehr gelingt es uns immer besser, die Gef\u00fchle und Bed\u00fcrfnisse hinter solchen Aussagen wahrzunehmen und darauf einzugehen. Die Frau, die von ihrem Vorgesetzten angesprochen wurde, lernt vielleicht zu h\u00f6ren: Wir bekommen Probleme, wenn das hier so geschrieben ist und deshalb bitte ich Sie, das noch einmal zu \u00e4ndern&#8230; Und der Freund aus der \u00dcbungsgruppe h\u00f6rt vielleicht beim n\u00e4chsten Mal: Mir ist die Zeit mit Dir so kostbar, am liebsten h\u00e4tte ich schon die vergangenen zwei Stunden mit Dir verbracht&#8230;<br \/>\nEs scheint so leicht zu sein, die Ohren empathisch aufzusperren, wenn es nicht die eigenen wunden Punkte trifft. Doch auf dem hei\u00dfen Stuhl ist man genau mit den S\u00e4tzen konfrontiert, die ins Mark treffen. Dieser Tage flog mir ein Satz um die Ohren, der mich noch immer besch\u00e4ftigt. \u201eEs f\u00e4llt mir einfach schwer nachzuvollziehen, dass XXXX Euro viel Geld sind bei deinem Gehalt&#8220;. Leute, wollt Ihr meinen Wolfschor h\u00f6ren? Die Tatsache, dass ich auch nach drei Tagen noch immer den Impuls habe mich daf\u00fcr zu rechtfertigen, dass ich belegen will, welche Kosten ich wuppen muss, ist ein deutliches Indiz daf\u00fcr, dass hier mein wunder Punkt aktiviert wurde. Die W\u00f6lfe jaulen Kommentare wie &#8222;du sparst eben nicht genug&#8220; oder &#8222;ich hab ja schon immer gesagt, du kannst nicht mit Geld umgehen&#8220;. Und so erkl\u00e4rt sich auch, warum diese Bemerkung von au\u00dfen mich so durchr\u00fcttelt. Das, was der andere sagt, findet ein Echo bei meinem inneren Erzieher, der so gern h\u00e4tte, dass auf meinem Sparbuch zehntausende Euros dicke Zinsen bringen. Leider versucht er das mit Beschimpfungen und Drohungen durchzusetzen (im Alter wirst du komplett verarmen&#8230;!). und der Erzieher setzt sich nicht mit meinem inneren Entscheider an einen Tisch, um eine gemeinsame L\u00f6sung zu finden. Na ja, gelegentlich schon. Aber wenn solche Bemerkungen kommen, werden alle anderen Pers\u00f6nlichkeitsanteile beiseitegeschoben, der Erzieher stemmt die H\u00e4nde in die H\u00fcften und bollert: Genau, w\u00fcrdest du die Kohle besser zusammenhalten, w\u00e4rest du schon fast Million\u00e4r&#8230;!<br \/>\nAlso: Problematisch ist ein Satz immer dann, wenn er im Inneren auf Resonanz trifft, wenn er etwas beschreibt, was ein Teil von mir auch \u00fcber mich denkt. Dann entsteht in mir der Impuls, ich m\u00fcsse mich verteidigen oder den anderen abwehren, und zun\u00e4chst kann ich weder mit mir noch mit meinem Gespr\u00e4chspartner empathisch sein. <\/p>\n<p>ich glaube, ich gehe jetzt in die Stadt und versuche, einen capote zu kaufen. Vielleicht gibt\u2018s die ja auch mit Bl\u00fcmchen. <\/p>\n<p>So long! <\/p>\n<p>Ysabelle<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo, Welt! &#8222;Der hei\u00dfe Stuhl&#8220; muss von einem GfK&#8217;ler erfunden worden sein. Ich meine damit eine \u00dcbung, sich Sachen anzuh\u00f6ren, die wirklich Schmerzen oder andere intensive Gef\u00fchle hervorrufen. Die Kunst ist es, dann empathisch zu bleiben &#8211; erst mich sich, dann mit dem anderen. In der \u00dcbungsgruppe hatten wir beim letzten Treffen ein sch\u00f6nes Beispiel. 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