{"id":3079,"date":"2011-06-04T14:21:26","date_gmt":"2011-06-04T12:21:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=3079"},"modified":"2011-06-04T14:21:26","modified_gmt":"2011-06-04T12:21:26","slug":"wortschatzchen-scheitern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=3079","title":{"rendered":"Wortsch\u00e4tzchen: scheitern"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=86S1iKWw654\">Hexen-Einmaleins<\/a><br \/>\ndu mu\u00dft verstehn!<br \/>\naus eins mach zehn,<br \/>\nund zwei la\u00df gehn,<br \/>\nund drei mach gleich,<br \/>\nso bist du reich.<br \/>\nverlier die vier!<br \/>\naus f\u00fcnf und sechs,<br \/>\nso sagt die hex,<br \/>\nmach sieben und acht,<br \/>\nso ist&#8217;s vollbracht:<br \/>\nund neun ist eins,<br \/>\nund zehn ist keins.<br \/>\ndas ist das hexeneinmaleins.<\/p>\n<p>(ref:) immernoch werden hexen verbrannt<br \/>\nauf den scheiten der ideologie.<br \/>\nirgendwer ist immer der b\u00f6se im land<br \/>\nund dann kann man als guter<br \/>\nund die augen voll sand,<br \/>\nin die heiligen kriege ziehn.<\/p>\n<p>als sie giordano bruno verbrannten<br \/>\nsandte sein gott keine blitze gegen das unrecht.<br \/>\nmunter flackerte das feuer.<br \/>\nder p\u00f6bel mu\u00dfte manchmal husten zwischen zwei lachern,<br \/>\nso qualmte giordano. oder grandier,<br \/>\nneben seinem scheiterhaufen sonnte sich richelieu.<br \/>\n14 nonnen mit klistierspritzen garniert,<br \/>\nw\u00e4lzten sich vor wollust und gier.<br \/>\nund das christliche abendland<br \/>\nsann befriedigt weiter auf gute taten.<br \/>\nwas hat dieser ketzer mit uns zu tun,<br \/>\nfl\u00f6tet unser jahrhundert.<br \/>\n doch 300 jahre sp\u00e4ter<br \/>\nkonnte ein gewisser trotzki,<br \/>\nangeklagt der unzucht mit der freiheit,<br \/>\ndas haupt dogmen baljo gespalten,<br \/>\n300 jahre sp\u00e4ter konnte dieser trotzki<br \/>\ndie menschheit nur noch<br \/>\num vergebung bitten f\u00fcr seinen henker.<\/p>\n<p>(ref:) immernoch werden hexen verbrannt<br \/>\nauf den scheiten der ideologie.<br \/>\nirgendwer ist immer der b\u00f6se im land<br \/>\nund dann kann man als guter<br \/>\nund die augen voll sand,<br \/>\nin die heiligen kriege ziehn.<\/p>\n<p>sacco und vanzetti, keiner rothaarig,<br \/>\nnie mischten sie zaubertr\u00e4nke um mitternacht.<br \/>\nauch des nachbarn k\u00fche gediehen vortrefflich.<br \/>\ntrotzdem wurden sie niedergemetzelt<br \/>\nvon den schergen der mickey mouse.<br \/>\noder sechs millionen juden,<br \/>\nf\u00fcrwahr eine heerschar von hexern,<br \/>\nzum aderla\u00df gepr\u00fcgelt<br \/>\nf\u00fcr die reinheit des blutes.<br \/>\nschrecklich! schrecklich!<br \/>\nund die m\u00f6nche der demokratie<br \/>\nwedeln verzeihung heischend<br \/>\nmit der rute und siehe,<br \/>\nder freigeist geht um!<\/p>\n<p>alle sind aufgekl\u00e4rt,<br \/>\ndoch wer wei\u00df bescheid!?<br \/>\nheute ha\u00dft man modern.<br \/>\ndie angst ist die flamme unserer zeit<br \/>\nund die wird flei\u00dfig gesch\u00fcrt.<br \/>\nsie verbrennen dich<br \/>\nmit ihrer zunge und ihrer ignoranz.<br \/>\ndicke freundliche herren<br \/>\nbitten per television zur jagd.<br \/>\ntausende zum feindbild verdammt<br \/>\nhalten sich f\u00fcr&#8217;s exil bereit.<br \/>\ndie schlupfwinkel werden knapp,<br \/>\nfreunde. h\u00f6chste zeit aufzustehen!<\/p>\n<p>du mu\u00dft verstehn!<br \/>\naus eins mach zehn,<br \/>\nund zwei la\u00df gehn,<br \/>\nund drei mach gleich,<br \/>\nso bist du reich.<br \/>\nverlier die vier!<br \/>\naus f\u00fcnf und sechs,<br \/>\nso sagt die hex,<br \/>\nmach sieben und acht,<br \/>\nso ist&#8217;s vollbracht:<br \/>\nund neun ist eins,<br \/>\nund zehn ist keins.<br \/>\ndas ist das hexeneinmaleins.<br \/>\n<em>Konstantin Wecker<\/em><\/p>\n<p>Hallo, Welt!<br \/>\nVorgestern sagte ein Bekannter im Gespr\u00e4ch: \u201eIch bin zweimal damit gescheitert, mit dem Rauchen aufzuh\u00f6ren.\u201c Ich fragte nach, was genau meinst du mit scheitern?   Und er entgegnete, Na, ich habe das zwei Mal versucht und es nicht geschafft. Ich nahm bei ihm Scham wahr und Schmerz. Urteile wie \u201eWeichei\u201c oder \u201echarakterschwach\u201c lagen in der Luft. Und dann sagte er, \u201everdammte Sucht!\u201c<br \/>\nIch war selbst eine recht starke Raucherin. Noch heute bin ich voll des Bedauerns, dass ich es nicht einmal geschafft habe, w\u00e4hrend der Schwangerschaft damit aufzuh\u00f6ren. Jeder Raucher, der es schwierig findet, dieses Hobby aufzugeben, hat mein tiefstes Mitgef\u00fchl. Doch mit Scheitern hat das meiner Ansicht nach gar nichts zu tun. Scheitern beinhaltet eine Bewertung. Mitgeliefert wird in den meisten F\u00e4llen: Eigentlich h\u00e4tte das klappen m\u00fcssen\/sollen. Aber du&#8230; und dann k\u00f6nnen wir aus verschiedenen Textbausteinen w\u00e4hlen.<br \/>\nDu hast dich nicht genug angestrengt<br \/>\ndu hast das nicht sorgf\u00e4ltig genug geplant<br \/>\ndu hast dir nicht die ausreichende Unterst\u00fctzung geholt<br \/>\ndu bist zu bl\u00f6d<br \/>\ndu gibst dir nicht genug M\u00fche&#8230;<\/p>\n<p>Sicher k\u00f6nnt Ihr diese Liste mit eigenen Textbausteinen erg\u00e4nzen.<br \/>\nScheitern impliziert also, dass mit demjenigen, der scheitert, etwas nicht stimmt. Oder etwas anderes stimmt nicht. Die Himalaya-Expedition scheiterte, weil ein Schneesturm den Weg unpassierbar machte. Dann hat Scheitern etwas Schicksalshaftes. H\u00f6here oder dunkle M\u00e4chte haben sich gegen mich verschworen, sonst h\u00e4tte es doch klappen m\u00fcssen mit der Erstbesteigung meines pers\u00f6nlichen Ratna Purna. Also: Entweder ich bin falsch oder ich habe keine Handlungsoptionen, weil von oben\/au\u00dfen bestimmt wird, was f\u00fcr mich richtig oder falsch ist. <\/p>\n<p>\u201eScheiter der Ideologie\u201c schreibt Konstantin Wecker in seinem Chanson. Scheite sind Holzkl\u00f6tze. Wer also scheitert, errichtet sich seinen pers\u00f6nlichen Scheiterhaufen.<br \/>\nIch vermute, in diesem Fall sind die <strong>Bed\u00fcrfnisse<\/strong><br \/>\nSelbstvertrauen<br \/>\nAutonomie<br \/>\nSicherheit<br \/>\nAnerkennung<br \/>\nBegeisterung<br \/>\nLeichtigkeit<br \/>\nund vielleicht Spiritualit\u00e4t im Mangel. <\/p>\n<p>Und die <strong>Gef\u00fchle<\/strong>, die sich hinter diesem Scheitern verbergen,<br \/>\nsind vielleicht<br \/>\nfrustriert<br \/>\ntraurig<br \/>\nverzweifelt<br \/>\nvoller Scham<br \/>\nratlos<br \/>\nmutlos<br \/>\nmiserabel<br \/>\nm\u00fcde<br \/>\ndeprimiert<br \/>\nund ersch\u00f6pft. <\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass mancher auch aus der Tatsache, dass er oder sie ein Vorhaben nicht umsetzen konnte, ganz andere <strong>Gef\u00fchle<\/strong> aktiviert:<br \/>\nEr ist dann vielleicht<br \/>\nmutig<br \/>\ngelassen<br \/>\neifrig<br \/>\n\u00fcberlegt<br \/>\nhoffnungsvoll<br \/>\ninspiriert<br \/>\nweise (hat etwas gelernt aus der Erfahrung)<br \/>\nkraftvoll<br \/>\nund lebendig. <\/p>\n<p>Sicher kann man diese Gef\u00fchle noch tiefer interpretieren. Aber ich vermute, es ist schon klar, worum es mir geht. Der eine erlebt sein \u201eScheitern\u201c als eine pers\u00f6nliche Niederlage, die ans Selbstwertgef\u00fchl geht. Der andere nimmt das Scheitern als Herausforderung an, geht mit Leidenschaft daran, einen neuen Plan zu schmieden. <\/p>\n<p>Wie kann ich dem Scheitern den Stachel ziehen?<br \/>\nIm ersten Schritt m\u00f6chte ich dazu einladen, die nackte Beobachtung zu finden.<br \/>\nWas genau ist geschehen?<br \/>\nIch habe zwei Anl\u00e4ufe genommen, nicht mehr zu rauchen. Ich habe weiterhin geraucht. <\/p>\n<p>Und dann schaue ich auf die Bed\u00fcrfnisse.<br \/>\nWelche wunderbaren <strong>Bed\u00fcrfnisse<\/strong> wollte ich mir erf\u00fcllen, als ich mit dem Rauchen aufh\u00f6ren wollte?<br \/>\nGesundheit<br \/>\nEffizienz (was meine Finanzen angeht)<br \/>\nOrdnung (keine Kippen mehr in der Wohnung)<br \/>\nSch\u00f6nheit (kein Gestank in der Bude, die Klamotten riechen immer frisch)<br \/>\nAtmen<br \/>\nGemeinschaft (ich will nicht mehr auf den Balkon!)<br \/>\nFriede (nicht mehr vom Verlangen geplagt zu werden)<br \/>\nLeichtigkeit<br \/>\nund vielleicht Spiritualit\u00e4t im Sinne von Schutz f\u00fcr meinen K\u00f6rper, dieses wunderbare Geschenk der Natur<\/p>\n<p>Und jetzt wird es spannend:<br \/>\n<strong>Welche wunderbaren Bed\u00fcrfnisse habe ich mir erf\u00fcllt, als ich wieder zur Zigarette griff? <\/strong><br \/>\nLeichtigkeit<br \/>\nEntspannung &#8211; auch im Sinne von Stress-Management<br \/>\nvielleicht Beteiligung und Gemeinschaft, wenn ich mit anderen Rauchern zusammen bin?<br \/>\nSchutz (vor Verwundbarkeit, ich f\u00fchle nichts, ich rauche&#8230;)<br \/>\nZeit zum Nachdenken oder Reagieren (bevor ich was sage, steck ich mir erst mal eine an&#8230;)<br \/>\nund bei meinen eigenen &#8222;Wieder rauchen&#8220;-Aktionen spielte oft der Aspekt des Verw\u00f6hnens eine Rolle. Ich ent-sch\u00e4dige mich f\u00fcr etwas anderes&#8230; Also ist auch mein Bed\u00fcrfnis nach Liebe im Mangel.<br \/>\nWenn es mir also gelingt, diese Bed\u00fcrfnisse, die ich mir mit dem Rauchen erf\u00fclle, auf andere Weise zu erf\u00fcllen, dann gibt es auch keine Veranlassung mehr zu rauchen.<br \/>\nDas klappt bestimmt auch bei anderen Herausforderungen, denen ich mich stellen m\u00f6chte. Vielleicht sollte ich diese Methode an Volkshochschulen unterrichten. <\/p>\n<p>So long! <\/p>\n<p>Ysabelle<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hexen-Einmaleins du mu\u00dft verstehn! aus eins mach zehn, und zwei la\u00df gehn, und drei mach gleich, so bist du reich. verlier die vier! aus f\u00fcnf und sechs, so sagt die hex, mach sieben und acht, so ist&#8217;s vollbracht: und neun ist eins, und zehn ist keins. das ist das hexeneinmaleins. 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