{"id":2970,"date":"2011-03-18T11:49:11","date_gmt":"2011-03-18T10:49:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=2970"},"modified":"2011-03-18T11:50:35","modified_gmt":"2011-03-18T10:50:35","slug":"brief-aus-tokio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=2970","title":{"rendered":"Brief aus Tokio"},"content":{"rendered":"<p>Hallo, Welt!<br \/>\nBeim Bl\u00e4ttern in der heutigen TAZ fand ich den folgenden Artikel, der mich sehr ber\u00fchrt hat. Er stammt von einer Schriftstellerin, die in Tokio lebt. Ich habe ihn bei <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=sw&amp;dig=2011%2F03%2F18%2Fa0084&amp;cHash=b141665f55\">TAZ<\/a> online gefunden und stelle ihn hier (heimlich) ein, mit der Bitte, kauft doch ab und zu mal ne TAZ, da stehen echt spannende Themen drin, die man woanders so nicht findet&#8230; Und ich erlaube mir, die Stelle zu fetten, die mich besonders angesprochen hat.<\/p>\n<p>So long!<\/p>\n<p>Ysabelle<\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><strong>Ich entscheide mich zu leben<\/strong><\/span><br \/>\nBLEIBEN Massenweise besorgte E-Mails und Anrufe, st\u00e4ndiges Gr\u00fcbeln bis zum Schlechtwerden, aber endlich Vollmond in Tokio. Ein Brief<\/p>\n<p><strong>VON AKIRA KURODA<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt im Leben entscheidende Momente. Man k\u00f6nnte auch sagen: Jeder Moment im Leben ergibt sich aus Entscheidungen. Gestern war ein seltsamer Tag, und ich musste mir \u00fcber meine Entscheidungsprozesse klar werden; obwohl seit dem Erdbeben jeder Tag ziemlich merkw\u00fcrdig ist, f\u00fchlt es sich fast so an, als habe unsere Wirklichkeit eine zus\u00e4tzliche Ebene erhalten.<\/p>\n<p>Letzte Nacht bin ich im Haus einer Freundin geblieben. Sie hatte sich in der Nacht zuvor bei einem Nachbeben das Bein gebrochen. Sie lebt in einem tollen Haus mit Wendeltreppe, und es ist ein ziemlich solides Betongeb\u00e4ude, aber im Moment leiden wir alle unter Informations\u00fcberlastung und sind f\u00fcrchterlich sensibel. Als dieses ziemlich heftige Nachbeben eintrat, war sie so panisch, dass sie ihre Wendeltreppe hinunterfiel; sie stie\u00df sich ziemlich schlimm am ganzen K\u00f6rper und hatte ungew\u00f6hnliche Schmerzen. Aber es war mitten in der Nacht, und deswegen wartete sie bis zum Morgen, um zum Arzt zu gehen. Ich hatte wenig Lust, alleine in meiner Wohnung zu bleiben, also ging ich zu ihr. Sie ist eine meiner engsten Freundinnen.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zu ihrem Haus entdeckte ich, dass ich die Dinge anders wahrnehme. Schauen Sie sich um: Sind Sie im B\u00fcro? In einem Caf\u00e9? Im Zug? Sind es Fremde? Wenn etwas passiert, sind das Ihre Mitspieler. Das ist Ihr Team. V\u00f6llig Fremde bekommen eine ganz neue Bedeutung.<\/p>\n<p>Wie auch immer. Sie kennen die Nachrichten, es geht ja nicht mehr nur um das Erdbeben, sondern um Radioaktivit\u00e4t. Bisher kannte ich das Wort &#8222;Radioaktivit\u00e4t&#8220; nur als Song von Kraftwerk, aber nun bekommt es einen anderen Klang. Ich bekomme mit, wie alles st\u00fcndlich ernster und heftiger wird. Trotzdem wei\u00df ich ehrlich gesagt nicht, ob ich die Situation &#8222;voll&#8220; verstehe.<\/p>\n<p>Ich bekomme viele Anrufe und E-Mails von meinen Freunden. Sie sagen mir alle, ich soll mich sofort in Sicherheit bringen, viele meiner Freunde haben die Stadt verlassen und bekamen unglaubliche Mengen von Ger\u00fcchten weitergeleitet, die angeblich &#8222;die Wahrheit&#8220; enthalten \u00fcber das, was uns bevorsteht. Meine Eltern riefen an und bettelten, ich m\u00f6ge mit ihnen einen &#8222;sichereren&#8220; Ort aufsuchen, also unser kleines Haus in den Nagano-Bergen. Ich merkte, dass meine Eltern die Situation so ruhig wie m\u00f6glich meistern wollen, aber selbst sie sagten, dass sie dar\u00fcber nachdenken, das Land zu verlassen. Mein Mobiltelefon empfing rastlos und tonnenweise sogenannte Wahrheiten, Drohungen und Propaganda, verr\u00fcckte Massen von Worst-Case-Szenarien. Von all diesen Mails oder Tweets und dem Gespr\u00e4ch mit meinen Eltern wurde mir schwindlig, mir wurde schlecht, richtig k\u00f6rperlich schlecht. Ich dachte, ich m\u00fcsste mich \u00fcbergeben. Also betrachtete ich aufmerksam meinen Gem\u00fctszustand und merkte, dass ich sehr angespannt war. V\u00f6llig gestresst.<\/p>\n<p>Wer sagt, was normal ist?<\/p>\n<p>Es gab Entscheidungen zu treffen. Ich besa\u00df zuf\u00e4llig ein Ticket nach Okinawa f\u00fcr das Wochenende; ich hatte vor dem Erdbeben geplant, dort Freunde zu besuchen. Und ich machte mir Sorgen um meine Eltern; es gab mit auch zu denken, dass viele Freunde in den Westen Japans reisen. Oder ich k\u00f6nnte in Tokio bleiben. Sollte ich eine M\u00fcnze werfen? Nein. Ich wusste: Es ist Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Ich musste mich entscheiden, ohne es hinterher zu bereuen. Ich musste hundert Prozent sicher sein: nicht dar\u00fcber, welcher Ort am &#8222;sichersten ist&#8220; &#8211; denn unter den gegenw\u00e4rtigen Umst\u00e4nden kann man das nicht beurteilen, das Erdbeben scheint sich nach S\u00fcden zu bewegen -, sondern dar\u00fcber, was ich will, wohin es mich zieht. Ich musste mir selbst dar\u00fcber klar werden, was mir am wichtigsten ist. Ich wusste: Normalerweise m\u00fcsste ich bei meinen Eltern sein, oder? Aber wer sagt, was normal ist? Die anderen? Dann brauchen wir wohl gar nicht nachzudenken, bevor wir entscheiden?<\/p>\n<p>Gleich nach dem Erdbeben entschied ich mich zu leben. Ich w\u00e4hlte das Leben. Sicher, ich liefere mich vollst\u00e4ndig aus, aber das hei\u00dft nicht, dass es mir egal ist, ob ich lebe oder nicht. Es ist mir NICHT egal. Es war nicht &#8222;Ich will leben&#8220;, sondern: Ich ENTSCHEIDE mich zu leben. Auch wenn ich das nicht ganz allein entscheiden kann, sollte ich wenigstens eine Forderung an das Universum und das Schicksal stellen, oder? Mein ganzer K\u00f6rper fordert Leben. Und ich f\u00fchle den Drang, mit Ihnen weiter dar\u00fcber zu reden, was ich f\u00fchle und denke, denn ich will es teilen.<br \/>\n<strong><br \/>\nEs gibt einen schmalen Grat zwischen Optimismus und Realit\u00e4tsverleugnung. Optimist zu sein, hei\u00dft, glaube ich, immer ruhig zu bleiben und abgekl\u00e4rt urteilen zu k\u00f6nnen. Man kann sich so leicht etwas vormachen, indem man nicht nachdenkt oder die Situation ignoriert, und dann wird man Nihilist oder Romantiker. Aber Optimisten, so wie ich sie definiere, m\u00fcssen an sich glauben, sich selbst lieben und vertrauen und ihre Verantwortung f\u00fcr sich selbst begreifen. Die Frage sollte lauten: Mit welcher Entscheidung bin ich am meisten zufrieden? Es gibt kein Richtig oder Falsch, keine &#8222;korrekte&#8220; Antwort im Leben wie in einem Fernsehquiz. Aber es gibt eine Antwort, deine eigene Antwort.<br \/>\n<\/strong><br \/>\nIch versuchte, nicht linear zu denken, mich von all den Informationen nicht ablenken zu lassen, sondern primitiver vorzugehen: meinen Instinkt zu nutzen. Und dann fand ich zum Gl\u00fcck meine eigene Antwort. Ich bleibe bis zum Wochenende in Tokio, dann fahre ich nach Nagano, wo meine Eltern sind.<\/p>\n<p>Warum gehe ich nicht sofort? Ich werde es Ihnen sagen.<\/p>\n<p>Dieses Wochenende ist Vollmond. Wegen Stromknappheit sind in Tokio jetzt die meisten bunten Neonlichter abgeschaltet. Zum ersten Mal in meinem Leben gibt es in Tokio ann\u00e4hernd richtige Dunkelheit. Ein Freund, der auch in Tokio bleiben will, m\u00f6chte mit mir in der Vollmondnacht ausgehen. Wir werden unter dem Mondlicht spazieren gehen. Cool, nicht wahr?<\/p>\n<p>Dieser Plan kann sich schnell wieder \u00e4ndern, denn ich folge einfach meinem Instinkt. Ich erlaube mir, so flexibel zu sein wie m\u00f6glich. Ich verspreche, nichts au\u00dfer ehrlich zu sein. Vielleicht werde ich morgen in Nagano sein. Ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p>Was auch immer geschieht: Ich werde Ihnen weiter schreiben. Oh, ich m\u00f6chte Ihnen von interessanten Gespr\u00e4chen berichten, die ich heute in meinem Lieblingscaf\u00e9 in Shinjuku f\u00fchrte. Vielleicht n\u00e4chstes Mal. Ich muss Ihnen nochmals danken, denn Ihnen zu schreiben hilft mir, in diesen au\u00dfergew\u00f6hnlich gew\u00f6hnlichen Tagen mein Gleichgewicht und meinen Verstand zu bewahren. Danke!<\/p>\n<p>Aus dem Englischen von<br \/>\nDominic Johnson<\/p>\n<p>Optimisten, so wie ich sie definiere, m\u00fcssen an sich glauben, ihre Verantwortung f\u00fcr sich selbst begreifen. Die Frage sollte lauten: Mit welcher Entscheidung bin ich am meisten zufrieden? Es gibt kein Richtig oder Falsch<\/p>\n<p>Akira Kuroda<br \/>\n<em><br \/>\ngeboren 1977 im Gro\u00dfraum Tokio, ist eine japanische Schriftstellerin. F\u00fcr ihren Roman &#8222;Made in Japan&#8220; erhielt sie 2000 den Bungei-Deb\u00fct-Preis. Sie lebt in Tokio.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo, Welt! 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