{"id":2811,"date":"2011-01-19T00:39:10","date_gmt":"2011-01-18T23:39:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=2811"},"modified":"2011-01-19T07:41:01","modified_gmt":"2011-01-19T06:41:01","slug":"verletzen-konnen-mich-nur-meine-eigenen-gedanken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=2811","title":{"rendered":"Mich verletzen meine eigenen Gedanken"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Die Idee sitzt gleichsam als Brille auf unserer Nase, und was wir ansehen, sehen wir durch sie. Wir kommen gar nicht auf den Gedanken, sie abzunehmen.&#8220;<br \/>\n<em>Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, \u00a7103<\/em><\/p>\n<p>Gestern Morgen war der Heizungsmonteur bei mir. Meine Mitbewohner, die Katzen, schnurrten ihm um die Beine. Er b\u00fcckte sich,  streichelte sie, blickte zu mir hin\u00fcber und sagte, &#8222;die sind aber lieb und verschmust!&#8220;<br \/>\nIch erinnerte mich an einen Besucher, der vom ersten Augenblick auf Abwehr eingestellt war, nach den Katzen schlug, wenn sie ihm n\u00e4her kamen. Und ich erinnerte mich an ein Familienmitglied, das zu mir sagte, &#8222;kannst du diese Viecher nicht einsperren, wenn ich da bin?&#8220;<br \/>\nUnd ich erinnere mich an den Weihnachtsbesuch einer alten Freundin. Auch ihr gegen\u00fcber wurden die Katzen sehr liebebed\u00fcrftig, der braune Kater versuchte es mit dem guten alten Milchtritt und fuhr dazu die Krallen aus, was ihrer Tweedhose nicht bekam. Sie pfl\u00fcckte ihn von ihrem Scho\u00df und sagte energisch: &#8222;L\u00e4sst du wohl meine Hose in Ruhe?&#8220;<br \/>\nZuerst wollte ich dar\u00fcber schreiben, dass jeweils das gleiche passiert<br \/>\n(die Katzen wollen schmusen), und die Menschen reagieren so unterschiedlich, weil sie unterschiedliche Dinge denken. Stimmt. Punkt. Aber wie geht es mir in diesen Situationen?<br \/>\nDer Monteur hatte einen intensiven Geruch an sich, der mir nicht sympathisch war, das merkte ich, als ich die T\u00fcr \u00f6ffnete. Aber als er mit meinem Kater schmuste, flog ihm mein Herz zu und es dachte in mir, &#8222;siehst&#8217;s, es gibt eben doch Leute, die Katzen m\u00f6gen und gern in ihrer Gesellschaft sind.&#8220; Als damals mein Familienmitgled vorschlug, ich m\u00f6ge die Miaus einsperren, h\u00e4tte ich am liebsten das Familienmitglied irgendwo eingesperrt und den Schl\u00fcssel weggeworfen. Aus der Aussage des Familienmitglieds generierte ich eine Ablehnung meiner Lebensweise. Der Mann, der nach den Katzen schlug und nebenbei erz\u00e4hlte, er habe immer gern Sch\u00e4ferhunde gehabt, die auch gut gehorcht h\u00e4tten, fiel im gleichen Moment in der Partnerlotterie durch den Rost.<br \/>\nEs ist nicht das, was die Leute sagen oder wie sie sich verhalten, was mich verletzt, sondern meine Einsch\u00e4tzung dar\u00fcber. Aus der Abwehr meiner Katzen &#8211; oder der Ablehnung eines Verhaltens von mir &#8211; rechnet mein Kopf in Nullkommanix heraus, dass mit meinem Gegen\u00fcber etwas nicht stimmt. Und dieser Gedanke schmerzt und verletzt mich. Nicht etwa das Verhalten des anderen, sondern meine eigenen Gedanken \u00fcber ihn und sein Verhalten l\u00f6sen diese Gef\u00fchle aus.<br \/>\n<em>Heute kann ich mich entscheiden, Handlungen und Aussagen meines Gegen\u00fcbers zur Kenntnis zu nehmen, ohne daraus verletzende Gedanken zu produzieren. Wenn mich ihr Verhalten irritiert, kann ich mich fragen, welches Bed\u00fcrfnis bei mir im Mangel ist. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die Idee sitzt gleichsam als Brille auf unserer Nase, und was wir ansehen, sehen wir durch sie. Wir kommen gar nicht auf den Gedanken, sie abzunehmen.&#8220; Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, \u00a7103 Gestern Morgen war der Heizungsmonteur bei mir. Meine Mitbewohner, die Katzen, schnurrten ihm um die Beine. 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