{"id":2505,"date":"2010-11-22T00:16:47","date_gmt":"2010-11-21T23:16:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gewaltfrei-im-norden.de\/blog\/?p=2505"},"modified":"2010-11-22T07:58:26","modified_gmt":"2010-11-22T06:58:26","slug":"ein-platz-in-der-rangordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=2505","title":{"rendered":"Ein Platz in der Rangordnung"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Wer aufgrund seines Reichtums und seiner Ehrenstellung einen h\u00f6heren Rang einnimmt, ist nicht gro\u00df. Warum erscheint er aber als gro\u00df? Weil man ihn mit dem Sockel misst.&#8220;<br \/>\n <em>Seneca d.J., Moralische Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), IX, LXXVI, 31<\/em><\/p>\n<p>Heute habe ich mein Schuhputzzeug durchsortiert und dann 90 Minuten lang zwei Drittel meiner Schuhe geputzt. Es war eine wunderbar meditative Zeit und ich habe es genossen, mit der B\u00fcrste \u00fcber das Leder zu striegeln und mich am Glanz zu erfreuen. Fr\u00fcher hat mein Gro\u00dfvater Samstagnachmittags die Schuhe der ganzen Familie geputzt, und es war eine wichtige und anerkannte Arbeit. Wir waren dankbar, wenn er unsere verhuntzten Stiefel mit Muskelkraft und Schuhcreme wieder in einen tragf\u00e4higen Zustand versetzte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich vor vielen Jahren mal meinen Sohn bat, f\u00fcr mich ein paar Schuhe zu putzen.  Er w\u00e4hnte sich dadurch komplett degradiert und schimpfte, \u201enur weil ich der Kleinste bin und mich nicht wehren kann, muss ich diese Dreckarbeit machen&#8230;\u201c<br \/>\nViele von uns leben mit einer imagin\u00e4ren Rangordnung. Wir sortieren Dinge nach Wichtigkeit, ordnen Vorg\u00e4nge und Bed\u00fcrfnisse ein. Marshall Rosenberg sagt, wir k\u00f6nnen uns immer nur zuerst um die oben liegenden Bed\u00fcrfnisse k\u00fcmmern. Erst wenn wir keinen Hunger mehr haben oder &#8211; ganz banal &#8211; auf dem Klo gewesen sind, k\u00f6nnen wir uns zum Beispiel um Verbindung, Kreativit\u00e4t oder Spiritualit\u00e4t k\u00fcmmern. Diese Reihenfolge ist quasi nat\u00fcrlich vorgegeben. Aber anderen Dingen verleihen wir Wertigkeiten. Damit ist nichts falsch, solange wir sie nicht dazu benutzen, uns selbst abzuwerten.<br \/>\nVor ein paar Jahren haben meine Eltern aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden das Autofahren aufgegeben. Zu dieser Zeit hatten sie einen sehr sch\u00f6nen Audi mit gro\u00dfartiger Ausstattung. Irgendwann erz\u00e4hlten sie am Telefon, sie h\u00e4tten den Wagen im Bekanntenkreis verkauft.  Ich war tief getroffen. H\u00e4tten sie mich nicht wenigstens fragen k\u00f6nnen, ob ich den Wagen kaufen wolle? War ich so unwichtig, dass sie mich gar nicht auf dem Zettel hatten? Das Gleiche wiederholte sich noch zwei Mal mit sehr sch\u00f6nen M\u00f6beln. Erst als ich mit der GfK in engeren Kontakt kam, konnte ich sehen, dass ihre Handlungen nichts mit meinem Wert zu tun hatten. Sie haben sich mit der Schenkung der M\u00f6bel im Bekanntenkreis ein paar wundervolle Bed\u00fcrfnisse erf\u00fcllt. Und das hatte gar nichts mit mir zu tun.<br \/>\nBeim Nachsp\u00fcren dar\u00fcber, wann ich was wert bin, fiel mir ein fr\u00fcherer Freund ein, der ein leidenschaftlicher Motorradfahrer war. Ich habe Angst vor dem Motorradfahren, g\u00f6nnte ihm seine Touren aber von Herzen. In unserer Anfangszeit fand er das wunderbar und sagte, \u201ees ist so sch\u00f6n, dass du mir das g\u00f6nnen kannst!\u201c Gegen Ende der Partnerschaft wurde dann aus &#8222;g\u00f6nnen&#8220; Desinteresse. Du interessierst dich nicht f\u00fcr mich und f\u00fcr das, was ich tue&#8230;<br \/>\nWir nutzen die Informationen, die wir in Beziehungen erhalten, um daraus unseren imagin\u00e4ren Platz in der Werteskala zu errechnen. Der Kollege wird bef\u00f6rdert und ich nicht? Jetzt ist meine Stellung bedroht. Die Nachbarn bekommen die M\u00f6bel geschenkt und ich nicht? Meinen Eltern bin ich nicht wichtig. Er f\u00e4hrt ohne sie in den Wintersport, weil sie keine Lust zum Skilaufen hat \u2013 und schon ergibt sich daraus die Beziehungsfrage: Bin ich dir \u00fcberhaupt wichtig?<br \/>\nGestern und heute habe ich viel \u00fcber diese Rangordnung nachgedacht. Der eine \u00fcbernimmt als Familienoberhaupt die wichtige Arbeit des Schuheputzens. Der andere f\u00fchlt einen Schmerz, wenn er Schuhe putzen soll, weil er denkt, es degradiere ihn&#8230; und in beiden F\u00e4llen geht es doch nur darum, ein paar Schuhe zu putzen&#8230;<br \/>\nWas kann ein Ma\u00dfstab f\u00fcr meine pers\u00f6nliche Rangordnung im Umgang mit Menschen sein? Ist es mein dickes Auto mit eingebauter Vorfahrt? Die Kohle auf dem Konto, die mir das Recht gibt, von anderen etwas zu erwarten, denn schlie\u00dflich bezahle ich sie ja auch daf\u00fcr? Wie ordne ich mich ein in einem sozialen Gef\u00fcge? Bin ich Top oder bin ich Flop?<br \/>\nBeim Schuheputzen ist mir klar geworden, dass ich einfach nur bin. Ich st\u00fcrze nicht ab, wenn mein Kollege bef\u00f6rdert wird. Ich bin nicht unwichtig, nur weil mein Sohn sich vier Wochen nicht meldet. Mein Wert als Mensch ist <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Inh%C3%A4renz\">inh\u00e4rent<\/a>, er ist mir angeboren. Mich einzuordnen in die gef\u00fchlte Rangordnung des anderen dient nur dazu, mir selbst Schmerzen zuzuf\u00fcgen. Es denkt in mir, dies sei mein Status, wenn ich die Schuhe putzen muss oder nicht mit in den Skiurlaub fahren kann. Ich qu\u00e4le mich selbst, wenn ich glaube, mein Platz in der Rangordnung h\u00e4nge von irgendetwas ab, was ein anderer tut oder unterl\u00e4sst. <\/p>\n<p><em>Heute will ich mein Augenmerk darauf richten, wonach ich meinen Wert bemesse. Wenn ich ihn von anderen abh\u00e4ngig mache, will ich mir ins Ged\u00e4chtnis rufen, dass mein Wert damit nichts zu tun hat. Als geliebtes Kind einer h\u00f6heren Macht bin ich mit einem nat\u00fcrlichen Wert ausgestattet, der nicht von anderen abh\u00e4ngt. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wer aufgrund seines Reichtums und seiner Ehrenstellung einen h\u00f6heren Rang einnimmt, ist nicht gro\u00df. Warum erscheint er aber als gro\u00df? 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