{"id":2499,"date":"2010-11-20T00:39:06","date_gmt":"2010-11-19T23:39:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gewaltfrei-im-norden.de\/blog\/?p=2499"},"modified":"2010-11-18T21:52:40","modified_gmt":"2010-11-18T20:52:40","slug":"waffen-und-gewaltfreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=2499","title":{"rendered":"Waffen und Gewaltfreiheit"},"content":{"rendered":"<p>Hallo, Welt, <\/p>\n<p>wie gestern bereits angek\u00fcndigt, heute dieser interessante Aufsatz von <a href=\"http:\/\/forum.golfforum.de\/f.cfm?id=1992147&#038;r=threadview&#038;t=3738096&#038;pg=1\">Oliver Heuler<\/a> zum Thema Waffen und Gewaltfreiheit. Danke, Oliver, dass ich ihn hier zitieren darf. <\/p>\n<p>So long!<br \/>\nYsabelle<\/p>\n<p><em><br \/>\nWaffen und Gewaltfreiheit \u2014 wie passt das zusammen? Diese Frage stellt sich offensichtlich immer mehr Lesern oder Zuschauern. Die Frage kann ich nicht in drei S\u00e4tzen beantworten, aber ich versuche es so knapp wie m\u00f6glich.:<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal ist der Ausdruck \u00bbgewaltfreie Kommunikation\u00ab problematisch:<br \/>\n1. Er dr\u00fcckt etwas aus, was man nicht will: \u00bbkeine Gewalt\u00ab. Kann man das nicht positiv ausdr\u00fccken?<br \/>\n2. \u00bbGewaltfreie Kommunikation\u00ab klingt so, als ginge es nur um eine Kommunikationsform. Es ist jedoch viel mehr.<br \/>\n3. Viele Leute meinen, sie h\u00e4tten gewaltfrei kommuniziert, wenn sie sich h\u00f6flich ausgedr\u00fcckt, freundliche Begriffe verwendet und allgemeine Nettigkeit an den Tag gelegt h\u00e4tten. Das ist es aber sicher nicht. Gewaltfreies Kommunizieren ist manchmal dezidiert nicht nett.<\/p>\n<p>Ich werde deshalb k\u00fcnftig auch versuchen, den Begriff gewaltfreie Kommunikation (GfK) sparsamer zu verwenden. Das CNVC (center for non-violent communication) m\u00f6chte auch nicht, dass jemand sagt, er lehre gewaltfreie Kommunikation, wenn er kein zertifizierter Trainer ist. Ich habe deshalb einen neuen Ausdruck: Er ist positiv und man kann damit ausdr\u00fccken, was man will; er ist nicht gesch\u00fctzt und er macht klar, dass es um mehr geht als um Sprache: die Philosophie der Freiwilligkeit (PdF). Der Ausdruck ist ja auch eng verwandt mit dem Begriff des Voluntaristen. <\/p>\n<p>In der Wikipedia wird verst\u00e4ndlich beschrieben, wie <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gewaltfreie_Kommunikation#Grundmodell_der_GfK\">die Technik der GfK konkret aussieht, also die vier Schritte<\/a>:<\/p>\n<p>Ich versuche hier das Wesen der Grundhaltung der PdF in wenigen Punkten zusammenzufassen. Dass es auch vier Punkte sind, ist reiner Zufall, und ich denke, dass kein Student der GfK Einw\u00e4nde h\u00e4tte und auch die Grundhaltung der GfK als richtig zusammengefasst gelten lassen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Die Philosophie der Freiwilligkeit \u2014 vier Schl\u00fcssel<\/strong><\/p>\n<p>Die Philosophie der Freiwilligkeit ist f\u00fcr mich die befriedigendste Antwort auf die Frage, wie man es schafft, in Frieden und gl\u00fccklich mit sich und den anderen zu leben. Die folgende Grundannahme, ist der erste Schl\u00fcssel dieser Philosophie, um Konflikte zu vermeiden und bereits entstandene befriedigend zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p><strong>Die wohlwollende Grundhaltung<\/strong><\/p>\n<p>Die Grundannahme lautet: Alle Menschen tun in jedem Moment das aus ihrer Sicht Beste, um ihre Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen. Diese Annahme unterscheidet sich ganz erheblich von der g\u00e4ngigen Konfliktbew\u00e4ltigung: Bis jetzt wird bei einem Konflikt in der Regel gefragt, \u00bbWer hat recht bzw. unrecht?\u00ab oder \u00bbWar die strittige Handlung moralisch oder unmoralisch?\u00ab Sobald das gekl\u00e4rt ist, soll derjenige, der angeblich Unrecht getan oder unmoralisch gehandelt hat, sich und dem anderen seine Schuld eingestehen und sich bei seinem \u00bbOpfer\u00ab ent-schuldigen. Wenn er sich dabei f\u00fcr sein kritisches Verhalten sch\u00e4mt, ist das nach vorherrschender Meinung ebenso n\u00fctzlich wie angemessen. Diese Art der Strafe diene der Wiedergutmachung f\u00fcr das Opfer, sorge f\u00fcr die L\u00e4uterung des T\u00e4ters und trage zur Abschreckung zuk\u00fcnftiger T\u00e4ter bei. Soweit die Theorie der \u00fcblichen Konfliktbew\u00e4ltigung \u2013 aber wie l\u00e4uft es in der Praxis?<br \/>\n1. Niemand will unrecht haben oder das Pr\u00e4dikat \u00bbunmoralisch\u00ab zugewiesen bekommen. Also gibt es einen endlosen Streit dar\u00fcber, wer Recht hat.<br \/>\n2. Wird jemand schuldig gesprochen, f\u00fchlt er sich ungerecht behandelt und er wird die anderen daf\u00fcr sp\u00e4ter einen Preis zahlen lassen. Die anderen, das sind m\u00f6glicherweise Opfer, Ankl\u00e4ger, Zeuge, Richter und Vollzugsbeamter. Nicht selten spielt ein Mensch all diese Rollen gleichzeitig.<br \/>\n3. Sollte der T\u00e4ter tats\u00e4chlich von seiner Schuld \u00fcberzeugt worden sein, und verurteilt er sich jetzt selbst, hilft das auch niemandem, denn es besteht die Gefahr, dass jemand, der sich selbst den Stempel \u00bbunmoralisch\u00ab auf die Stirn gedr\u00fcckt hat, sich damit die Genehmigung gibt, genau so weiterzumachen wie bisher, schlie\u00dflich \u00bbist\u00ab er ja so.<br \/>\n4. k\u00f6nnen wir doch nicht wollen, dass die Menschen aus der negativen Energie der Schuld, Scham oder Depression heraus die Bed\u00fcrfnisse der anderen achten. W\u00fcnschenswert w\u00e4re doch, dass sie davon \u00fcberzeugt sind, dass das Achten der Bed\u00fcrfnisse anderer der K\u00f6nigsweg ist, um gl\u00fccklich zu werden. Gleiches gilt f\u00fcr das Argument der Abschreckung. Glauben wir wirklich, dass sich echte Einf\u00fchlsamkeit aus Angst entwickelt? <\/p>\n<p><strong>Die Alternative: Empathie<\/strong><\/p>\n<p>Nehmen wir den Fall, bei dem jemand einen anderen zweifelsfrei belogen hat. Statt den L\u00fcgner nun moralisch zu verurteilen und ihn mit Moralpredigten zu besch\u00e4men, fragt man einf\u00fchlsam, welches Bed\u00fcrfnis er sich mit der L\u00fcge erf\u00fcllen wollte. Dahinter k\u00f6nnen nat\u00fcrlich in jedem einzelnen Fall ganz verschiedene Bed\u00fcrfnisse stehen, aber nehmen wir einmal an, es sei das Bed\u00fcrfnis nach Beachtung und Anerkennung. Statt nun dem anderen vorzuwerfen, wie verwerflich L\u00fcgen sind, ihm im Falle von Wiederholungsf\u00e4llen Strafen anzudrohen und eine ungefragte Psychoanalyse als Beigabe zu servieren, wird der Anh\u00e4nger der Philosophie der Freiwilligkeit vielleicht Folgendes fragen: \u00bbWarst du unzufrieden, weil du dir Anerkennung w\u00fcnschtest und h\u00e4ttest du die gerne unabh\u00e4ngig von deinen Leistungen? So eine Frage k\u00f6nnte der Anfang eines Gespr\u00e4chs sein, an dessen Ende meist klar wird, dass der \u00bbT\u00e4ter\u00ab lediglich Bed\u00fcrfnisse befriedigen wollte, die deshalb f\u00fcr jeden nachvollziehbar sind, weil sie universell sind. Er hat dazu leider eine ungeschickte Strategie verwendet, bei der die Bed\u00fcrfnisse der anderen unber\u00fccksichtigt blieben. Hat der T\u00e4ter Empathie f\u00fcr seine Gef\u00fchle und Bed\u00fcrfnisse bekommen, entsteht fast immer Mitgef\u00fchl f\u00fcr sein Opfer und der Wunsch der Wiedergutmachung. Das ist jedoch jetzt keine erzwungene Wiedergutmachung, sondern dem T\u00e4ter ein echtes Bed\u00fcrfnis. Auch steigt so die Wahrscheinlichkeit, dass der T\u00e4ter beim n\u00e4chsten Befriedigen eines Bed\u00fcrfnisses auch die Bed\u00fcrfnisse der Mitbetroffenen ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p><strong>Selbstverantwortung f\u00fcr Gef\u00fchle<\/strong><\/p>\n<p>Eine weiterer Schl\u00fcssel betrifft die Selbstverantwortung: Es ist n\u00fctzlich, die Verantwortung f\u00fcr die eignen Gef\u00fchle zu \u00fcbernehmen und nicht zu glauben, unsere Gef\u00fchle seien das Ergebnis von dem, was \u00bbda drau\u00dfen\u00ab abl\u00e4uft. Statt also zu sagen: \u00bbIch f\u00fchle mich unwohl, weil du dies gesagt oder jenes getan hast\u00ab, sagt man \u00bbich f\u00fchle mich unwohl, weil eines meiner Bed\u00fcrfnisse nicht befriedigt ist.\u00ab Selbstverantwortung l\u00e4sst sich auch noch auf andere Weise verleugnen; hierzu ist die so genannte Amtssprache hervorragend geeignet: \u00bbIch musste das tun.\u00ab \u00bbIch hatte keine Wahl.\u00ab \u00bbBefehl von oben.\u00ab \u00bbIch hatte keine Zeit.\u00ab \u00bbSo sind doch die Gesetze.\u00ab <\/p>\n<p><strong>Vertrauen in Bitten<\/strong><\/p>\n<p>Der letzte Schl\u00fcssel besteht darin, darauf zu vertrauen, dass der Verzicht auf Forderungen und Drohungen die Freude unter den Menschen mehrt und deren Leid mindert. Wer das verinnerlicht hat, der formuliert keine Forderungen mehr, sondern nur noch Bitten. Eine Bitte unterscheidet sich von einer Forderung dadurch, dass man sie auch ablehnen kann, ohne Nachteile bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen. Der implizite Zusatz einer echten Bitte lautet daher eigentlich immer: \u00bbErf\u00fclle meine Bitte nur, wenn du ihr mit Freude nachkommen kannst und nicht aus Pflichtgef\u00fchl, um Scham, Schuld, Strafen oder Liebesentzug zu vermeiden oder weil du Belohnungen erwartest.\u00ab<\/p>\n<p>Zu dieser philosophisch-psychologischen Grundhaltung kommt noch die rechts-philosophische, die ich <a href=\" http:\/\/www.voluntarist.de\/philosophie-kurz\/\">hier<\/a> beschrieben habe und die bei einigen GfKlern auf Widerstand sto\u00dfen k\u00f6nnte:<br \/>\nMarshall Rosenberg war bei der Vorstellung allerdings erstaunlich aufgeschlossen.<\/p>\n<p>Der Voluntarist zeichnet sich also durch maximale Toleranz aus: Er l\u00e4sst jeden machen, was er will, wenn er dabei nicht das Leben, die Freiheit oder das Eigentum anderer verletzt. Und so l\u00e4sst sich diese Haltung auch mit dem Besitz von Waffen in Einklang bringen. Sie lie\u00dfe sich nat\u00fcrlich nicht in Einklang bringen mit \u00dcberf\u00e4llen, Morden oder Entf\u00fchrungen. Die Frage lautet also eigentlich viel eher: Wie passen Gewaltlosigkeit bzw. Freiwilligkeit und Politik zusammen? Und darauf habe ich keine Antwort, denn initiierende Gewalt und Zwang sind die Grundlagen der Politik. \u00bbGewalt\u00ab r\u00fchrt von dem althochdeutschen Verb \u00bbwaltan\u00ab her, was so viel bedeutet wie \u00bbbeherrschen\u00ab. Von Gewalt kann man also sprechen, wenn ein Einzelner oder eine Gruppe \u00fcber andere herrscht und Gebote wie Verbote erlassen werden \u2014 so wie in der Politik. Wenn der Staat den B\u00fcrger zwingt, Steuern zu zahlen, auch wenn der das nicht m\u00f6chte, ist das eine Form von Gewalt. Auf Steuern, die nicht freiwillig sind, basiert aber unser gesamtes System.<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo, Welt, wie gestern bereits angek\u00fcndigt, heute dieser interessante Aufsatz von Oliver Heuler zum Thema Waffen und Gewaltfreiheit. Danke, Oliver, dass ich ihn hier zitieren darf. So long! Ysabelle Waffen und Gewaltfreiheit \u2014 wie passt das zusammen? Diese Frage stellt sich offensichtlich immer mehr Lesern oder Zuschauern. 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