{"id":1805,"date":"2010-07-25T10:32:43","date_gmt":"2010-07-25T08:32:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gewaltfrei-im-norden.de\/blog\/?p=1805"},"modified":"2010-08-06T22:03:36","modified_gmt":"2010-08-06T20:03:36","slug":"eine-kleine-geschichte-von-markus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=1805","title":{"rendered":"Eine kleine Geschichte (Von Markus)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left\"><span style=\"color: #000080\">Hallo ihr Lieben!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><span style=\"color: #000080\">Heute gibts von mir mal wieder eine kleine Geschichte \u00fcber Einsamkeit, innere Anteile, &#8230; ich hoffe ihr habt Freude am Lesen!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><span style=\"color: #000080\"> <\/span><a href=\"..\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/streetlife_gfk.pdf\">Druckversion<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"font-size: medium\"><strong><span style=\"color: #000080\">Streetlife<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Ich schleppe mich zitternd vorw\u00e4rts, versuche der Eisesk\u00e4lte zu trotzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Dicke wei\u00dfe Schneeflocken fallen seit Stunden vom Himmel und h\u00fcllen die Stadt in einen hellen Mantel der alle Ger\u00e4usche zu d\u00e4mpfen scheint. Mein Atem kondensiert sofort in der frostigen Nachtluft, ich kann mit jedem Ausatmen sehen, wie mir ein St\u00fcck W\u00e4rme entgleitet. Meine Zehen sp\u00fcre ich in meinen viel zu gro\u00dfen Stiefeln schon eine ganze Weile nicht mehr, sie sind undicht und bieten kaum Schutz gegen den Winter. Auch meine Kleidung taugt kaum um mich am Leben zu halten, ein Haufen d\u00fcnner, verschmutzter Lumpen die an meinem ausgemergelten K\u00f6rper schlaff herabh\u00e4ngen und kaum einem Windsto\u00df standhalten k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Ich versuche mich wach zu halten, laufe die dunklen Stra\u00dfen auf und nieder um in Bewegung zu bleiben. In einer Nacht wie dieser kann es dein Tod sein, auf offener Stra\u00dfe einzuschlafen. F\u00fcr einen Moment \u00fcberlege ich, in die Mission zu gehen. Manchmal kannst du Gl\u00fcck haben und sie haben einen warmen Teller Suppe f\u00fcr dich \u00fcbrig, an ganz besonderen Tagen vielleicht sogar einen Platz zum Schlafen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\"><em>\u201eAber heute nacht wird mir das Schicksal sicherlich nicht hold sein\u201c<\/em>, denke ich mir. <em>\u201eIn einem solchen Sturm suchen selbst die h\u00e4rtesten Berber Unterkunft, wenn sie es sich nicht unter ihren Br\u00fccken einigerma\u00dfen gesch\u00fctzt eingerichtet haben, und da wird kaum ein Bett f\u00fcr mich \u00fcbrig geblieben sein\u201c<\/em>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Ich verwerfe den Gedanken und gehe weiter die erleuchtete Haupstra\u00dfe entlang. Meine Finger sind in meinen abgeschnittenen Handschuhen zu blauen Stumpen erfroren, ich versuche, sie zu bewegen damit sie nicht absterben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\"><em>\u201eWenn ich wenigstens eine Decke h\u00e4tte, oder mich rechtzeitig um einen Schlafplatz gek\u00fcmmert h\u00e4tte\u201c<\/em>, geht es mir duch den Kopf. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass es Ende Oktober bereits so st\u00fcrmisch und kalt werden w\u00fcrde. <em>\u201eVielleicht werde ich auf meine alten Tage auch langsam weich, schlie\u00dflich ist das nicht mein erster Winter auf der Stra\u00dfe\u201c<\/em>, denke ich mir.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">\u201eNa Immerhin hast du eine lebenslange Erfahrung darin, nicht zu sterben. Also halt durch!\u201c, versucht meine Z\u00e4higkeit mir Mut zuzusprechen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Nach einigen hundert Metern komme ich am hell erleuchteten Rathaus vorbei. Im Innern findet gerade eine Art Ball statt, ich sehe einen Haufen schick gekleideter T\u00e4nzer in Masken wie sie sich umeinander drehen. Es geht hoch her, sie scheinen sich k\u00f6stlich zu am\u00fcsieren. Ich kann nicht umhin, meine Nase an der Fensterscheibe plattzudr\u00fccken. Was ich sehe verschl\u00e4gt mir beinahe den Atem: Eine riesige Festtafel, bestimmt zwanzig Meter lang, opulent gedeckt mit Speisen die ich seit Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen habe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Spanferkel, Weintrauben, K\u00e4seplatten und Suppenterrinen soweit das Auge reicht. Unwillk\u00fcrlich l\u00e4uft mir das Wasser im Mund zusammen und ich schlie\u00dfe kurz die Augen, um wieder zur Besinnung zu kommen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">\u201eGenau das hast du immer verabscheut!\u201c rede ich mir ein. \u201eDekadente Schweine wie dieser Geldadel da drinnen sind der Grund, warum du \u00fcberhaupt erst auf die Stra\u00dfe gegangen bist. Guck sie dir nur an, mit ihrem verlogenen Lachen, ihrer unehrlichen Heiterkeit und ihrem gespielten Getue\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Die Worte erklingen in meinem eigenen Kopf, und doch erscheinen sie mir irgendwie hohl, unehrlich. All die Jahre als Ausgesto\u00dfener der Gesellschaft habe ich gewu\u00dft, dass ich solche Menschen verachte. Es war eine meiner tiefsten \u00dcberzeugungen. Aber tiefempfundene \u00dcberzeugungen neigen dazu, weniger fundamental zu wirken, wenn sie einen an den Rand des Erfrierungstodes bringen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Durch die Scheiben sehe ich, wie die G\u00e4ste sich vor Hitze Luft zuf\u00e4cheln und an ihren Gl\u00e4sern nippen um mit der W\u00e4rme klar zu kommen. Pl\u00f6tzlich ertappe ich in meinem Herzen den Wunsch dazuzugeh\u00f6ren. \u201cEs m\u00fcsste ja nicht einmal so ein ete petete Edelschuppen sein. In eiskalten N\u00e4chten wie diesen w\u00fcrde es mir schon vollkommen gen\u00fcgen, einen Ort zu haben, wo ich mich ein bisschen aufw\u00e4rmen k\u00f6nnte. Vielleicht einen Teller warme Suppe oder eine Ecke zum schlafen, mehr br\u00e4uchte ich doch gar nicht.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Diese Stimme erklang schwach, kaum wahrnehmbar in meinem Herzen, wie ein zu leise gedrehtes Radio, so dass ich zun\u00e4chst Schwierigkeiten hatte, die Worte wahrzunehmen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Pl\u00f6tzlich schweifen meine Gedanken ab, in meinem Kopf dreht sich das Rad der Zeit um Jahre zur\u00fcck und sucht, sucht nach dem Punkt, an dem alles begann, sucht nach der Entscheidung, die mich zum Au\u00dfenseiter machte, dem Tag, an dem ich mein altes Leben verlie\u00df und statt dessen ein Leben in der Gosse w\u00e4hlte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Ich wei\u00df, dass irgendwo so ein Tag existieren muss, zumindest theoretisch. Genauso wie die Unterschiede zwischen Arm und Reich theoretisch irgendwann einmal begonnen haben m\u00fcssen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Aber die Suche ist zwecklos, denn meine Erinnerung kann sich nicht besonders gut unter all den anderen Stimmen behaupten und wei\u00df kaum mehr etwas von meinem alten Leben zu berichten. Hatte ich Familie? \u201eIch kann nicht einmal mehr sagen, ob du einst eine Frau hattest, die du verlassen hast, wer dich gro\u00df gezogen hat oder ob du einmal einen Beruf erlernt hast\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Mir scheint als w\u00e4ren in meinem Dachgescho\u00df etliche dunkle Zimmer in denen ich nicht nur das Licht ausgeschaltet habe sondern sie vorsorglich noch mit Brettern vernagelt und zugemauert habe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\"><em>\u201eAber angenommen, nur mal angenommen, es g\u00e4be ein Leben vor der Stra\u00dfe\u201c<\/em>, denke ich mir. <em>\u201eSicher gab es gute Gr\u00fcnde, es aufzugeben, wie auch immer sie in Wahrheit aussehen m\u00f6gen. Aber gibt es nicht auch genug gute Gr\u00fcnde, das Leben auf der Stra\u00dfe wieder aufzugeben?\u201c<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Meine Gewohnheit antwortet schnell mit einem entschiedenen NEIN, aber wer hat sie eigentlich zum Boss bestimmt?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Wenn ich ganz ehrlich zu mir bin beneide ich die Menschen dort im Rathaus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\"><em>\u201eIch stehe hier halb verhungert in der Eisesk\u00e4lte und k\u00e4mpfe mit dem Tod w\u00e4hrend ein paar Meter von mir entfernt das Leben tobt und die sch\u00f6nsten Speisen aufgetischt werden.\u201c<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Sterben aus Gewohnheit? Nein Danke.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">\u201eOk,\u201c meldet sich da eine weitere Stimme in meinem Kopf, \u201emag ja sein, dass sie es warm und gem\u00fctlich haben, aber sieh dir ihre Augen an. Viele von ihnen sind leerer und ausgebrannter als du es je warst. Willst du wirklich so enden?\u201c fragt mich meine Skepsis, und ich muss ihr zumindest ein gutes Argument zugestehen. Wahrscheinlich w\u00fcrde ich mich dort drinnen tats\u00e4chlich unwohler f\u00fchlen als hier drau\u00dfen, zumal es wohl \u00e4u\u00dferst unwahrscheinlich w\u00e4re, dass sie einen zerzausten Stra\u00dfenpenner wie mich auch nur in die N\u00e4he der T\u00fcren lassen w\u00fcrden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\"><em>\u201eAber wie w\u00e4re es denn mit einem Kompromis? Vielleicht kann ich ja essen und es warm haben, ohne mich selbst aufzugeben.\u201c<\/em> Ich bin selber \u00fcberrascht dar\u00fcber, so zu denken, denn bisher habe ich so einen Mittelweg nicht einmal in Betracht gezogen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">\u201eGanz oder gar nicht\u201c , das war immer schon mein Motto soweit ich zur\u00fcckblicken kann, aber das ist ja wie bereits erw\u00e4hnt nicht besonders weit.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Aber andererseits, was interessiert mich mein Geschw\u00e4tz von gestern? Ich kann ja nicht ewig Sklave meiner Vergangenheit bleiben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Und vielleicht ist es ja mal wieder Zeit f\u00fcr Ver\u00e4nderung \u2013 ich merke wie meine Gewohnheit entsetzt aufschreit. <em>\u201eOk ok, langsame Ver\u00e4nderung. Aber ich denke wir sind uns alle einige, dass etwas geschehen muss, wenn wir den Winter \u00fcberleben wollen, oder?\u201c<\/em> <em>Zustimmendes Murmeln und Raunen in meinem Kopf<\/em>.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">W\u00e4hrend ich mich langsam wieder vom Rathaus entferne um in Bewegung zu bleiben reift in mir auch langsam der Entschluss, mich vom Leben auf der Stra\u00dfe wieder zu verabschieden. Langsam nat\u00fcrlich&#8230;vielleicht fange ich an, indem ich zur Mission gehe und doch nach einem Schlafplatz frage? Oder ich k\u00f6nnte mich um ein paar neue gebrauchte Sachen k\u00fcmmern um nicht herumzulaufen wie eine Vogelscheuche.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000080\">Wer wei\u00df, auf was f\u00fcr Ideen mein Hirn noch kommt, wenn ich ihm mal wirklich zuh\u00f6re.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><span style=\"color: #000080\">Markus<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><span style=\"color: #000080\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"color: #000080\">\u201e<em>Der Weg vor mir ist dunkel und unbekannt, <\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"color: #000080\"><em>doch das war der Weg hinter mir bis gestern auch<\/em>\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span style=\"color: #000080\">\u2013\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Fr\u00fcchte des Zorns<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo ihr Lieben! 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