{"id":1513,"date":"2010-06-07T15:54:29","date_gmt":"2010-06-07T13:54:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gewaltfrei-im-norden.de\/blog\/?p=1513"},"modified":"2010-08-26T19:07:02","modified_gmt":"2010-08-26T17:07:02","slug":"der-nomade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=1513","title":{"rendered":"Der Nomade"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333399;\">Hallo ihr Lieben!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Vor ein paar Jahren habe ich diese kleine Geschichte geschrieben, die ich nach wie vor sehr spannend und aktuell finde. Ich m\u00f6chte gar nicht viel dazu sagen, w\u00fcrde mich aber sehr \u00fcber Kommentare freuen, weil man sehr viel hineinlesen kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Wie geht es euch mit diesen Zeilen? Findet ihr euch darin wieder? Welche Assoziationen weckt der Text in euch?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Viel Spa\u00df beim Lesen w\u00fcnscht<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #333399;\">Markus<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333399;\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Der Nomade<\/strong><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Hinter mir erstreckt sich eine kahle Eisw\u00fcste, soweit mein Auge reicht. In dieser unwirtlichen Tundra k\u00f6nnen sich nur die h\u00e4rtesten und z\u00e4hesten Gew\u00e4chse behaupten. Manchmal regnet es f\u00fcr Wochen nicht, oder die Sonne entscheidet sich, ein halbes Jahr lang woanders zu scheinen. Die Temperaturen k\u00f6nnen hier innerhalb von 24 Stunden so ruckartig fallen, dass unachtsame Tiere schon in Eisbl\u00f6cke gefroren wiedergefunden wurden. Wolfsrudel die sich vielleicht niemals in die N\u00e4he einer Zivilisation wagen w\u00fcrden, finden hier so wenig Futter, dass ihre zerlumpten und ausgemergelten J\u00e4ger vor nichts halt machen, sie w\u00fcrden weder eine Maus verschm\u00e4hen noch vor einem Mammut Angst haben. Also alles in allem nicht gerade eine Gegend, in der man gerne wohnen w\u00fcrde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die wenigen menschlichen Siedlungen auf die man dann doch vereinzelt sto\u00dfen kann haben alle ihre eigene Methode entwickelt, um mit diesen Bedingungen umzugehen. Manche bilden lose Verb\u00fcnde, unterst\u00fctzen sich gegenseitig bei der Jagd oder Nahrungssuche, ohne sich jedoch auch nur im mindesten einander anzun\u00e4hern. Jeder ist sich selbst der N\u00e4chste hei\u00dft es. Diese B\u00fcndnisse zerfallen meistens noch schneller, als sie entstanden sind, wenn einer daraus einen pers\u00f6hnlichen Vorteil ziehen kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Dann gibt es die Eremiten, z\u00e4he Einsiedler die ihre Nische gefunden haben und irgendwie zurechtkommen. Sie vermeiden die Jagd und leben eher von dem, was sie der Natur durch ihre Schl\u00e4ue abtrotzen. In H\u00f6hlen gez\u00fcchtete Pilze, essbare Farne, seltene Vogeleier \u2013 sie wissen oft ganz genau, wie sie in dieser lebensfeindlichen Welt \u00fcberleben k\u00f6nnen. Ich habe schon von einem Jungen geh\u00f6rt, der drei Jahre in einer H\u00f6hle \u00fcberlebt hat indem er die moosigen W\u00e4nde abgeleckt hat. Ich selbst habe einige dunkle Monate auf \u00e4hnliche Weise zugebracht, deswegen kann ich auch aus Erfahrung nicht viel gutes berichten. Ich habe existiert, \u00fcberlebt, dahinvegetiert \u2013 bessere Bezeichnungen fallen mir f\u00fcr diese Zeit nicht ein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Schlie\u00dflich gibt es noch die Wanderer, Nomaden wenn man so will. Sie haben irgendwann die Entscheidung getroffen, dass es nicht schlimmer kommen kann, selbst wenn sie in einer Talsenke von W\u00f6lfen zerrissen w\u00fcrden. Oft entstammen sie den bereits erw\u00e4hnten Zweckverb\u00fcnden, dann erregt ihr Weggang keinerlei Aufsehen, oder sie lebten in den noch selteneren Gro\u00dffamilien.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">In diesen Patriarchaten herrschen Tradition und Strenge. Einige wenige profitieren von uralten Gesetzen die, wie in Stein gemei\u00dfelt, das Geschick der Sippe bestimmen. Der Rest f\u00fcrchtet sich vor dem Zorn der G\u00f6tter oder dem Ausschluss aus dem Stamm, vielleicht hoffen einzelne, selbst einmal das Zepter in die Hand zu nehmen oder sie wurden mit \u00e4hnlichen Versprechen nach Macht gek\u00f6dert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Aus diesen Sippen gibt es kein einfaches Weggehen. Jedes Mitglied wird gebraucht um nicht zu sagen benutzt, jeder ist vom Anderen abh\u00e4ngig und auf eine gewisse Weise unentbehrlich. Deswegen sind es nur ganz wenige und zumeist junge Leute, die es wagen aus diesen menschlichen Teers\u00fcmpfen auszubrechen. Sie haben erkannt, dass das Leben mehr zu bieten haben sollte als Dienen und schuften. Sie klammern sich an den naiven Glauben, dass die Sonne irgendwo mehr Kraft besitzt als hier in der Steppe. Und sie haben irgendwann angefangen, den Zweifeln Raum zu geben. Den Zweifeln an der Unfehlbarkeit des alten Greises an der Spitze. Den Zweifeln an der Gottgewolltheit der Traditionen und des Schicksals.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Sie glauben nicht mehr l\u00e4nger daran, dass hinter den Bergen die Welt aufh\u00f6rt und es nichts gibt, was sie dort finden k\u00f6nnten. In den meisten F\u00e4llen ist ihre Sippe irgendwann mit einem anderen Nomaden in Kontakt gekommen, vielleicht hatte er sogar das Gl\u00fcck, nicht als D\u00e4mon gesteinigt zu werden. Und ob er nun dieselbe Mundart beherrschte oder nicht, er pflanzte in diesen jungen Leuten Zweifel.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Er war von \u201eau\u00dferhalb\u201c, das alleine war schon unerh\u00f6rt, wo doch jeder wu\u00dfte, dass es au\u00dferhalb der Sippe nur Barbaren und gottlose D\u00e4monen gab, vielleicht noch ab und zu wilde Tiere aber sicher keine menschlichen Wesen. Wenn sich die \u00c4ltesten nun in diesem Punkt irrten&#8230;.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">So fing der Zweifel auch in mir zu wachsen an. Neben meinen festverwurzelten \u00dcberzeugungen an die Tradition, die Gemeinschaft und die herrschende Autorit\u00e4t fing ganz langsam, zun\u00e4chst sogar von mir selber unbemerkt, die Saat des Zweifels an ihre Wurzeln der Vernunft zu treiben und zu bl\u00fchen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Irgendwann war es mir unm\u00f6glich, das Versteckspiel l\u00e4nger mitzumachen. Bei den w\u00f6chentlichen Rezitierungen der unfehlbaren Tradition durch unseren allweisen F\u00fchrer schrien pl\u00f6tzlich fremde Gedanken so laut in mir, dass ich Angst hatte, alle um mich herum w\u00fcrden es h\u00f6ren. Dennoch dauerte es sehr lange, bis ich den Mut fand, diesen neuen Stimmen Geh\u00f6r zu schenken. Was sie mir zu sagen hatten war so unfassbar und so radikal neu, genausogut h\u00e4tten sie mir wei\u00dfmachen k\u00f6nnen, oben w\u00e4re unten oder ich w\u00fcrde in Wirklichkeit seit meiner Geburt schlafen und mir mein Leben nur ertr\u00e4umen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Und in der Tat waren die Stimmen von ganz \u00e4hnlicher Qualit\u00e4t. Nun w\u00fcrden bestimmt viele diese Stimmen L\u00fcgen strafen und ihnen nicht weiter zuh\u00f6ren. Ich war versucht, ebenso zu tun. Aber etwas in mir z\u00f6gerte. Irgendeinem Teil von mir war bereits bekannt, was diese neuen Stimmen sagten und es f\u00fchlte sich auf eine nicht zu beschreibende Art vertraut an.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Vielleicht taugt dieses Beispiel: Stellt euch vor, ihr w\u00e4rt unter lauten Farbenblinden aufgewachsen. Schwarz, Wei\u00df und vielleicht Grau sind die einzigen Schattierungen, in denen alle um euch herum denken, das einzige, von dem sie euch erz\u00e4hlen. Und pl\u00f6tzlich kommt jemand und nennt euch alle Farben des Regenbogens, betrachtet mit euch einen Sonnenuntergang oder die einzige Blume in tausend Meter umkreis. Und das diffuse Gef\u00fchl, das ihr schon seit eurer Kindheit mit euch herrumtragt, wird pl\u00f6tzlich zu einer Gewi\u00dfheit. Ihr lernt, eurer eigenen Wahrnehmung zu trauen und nicht mehr den verkr\u00fcppelten Vorstellungen der halbtoten um euch herum. Ihr lernt, Farben selbst in den endlosen Eisw\u00fcsten zu erblicken, das Licht zu betrachten, das sich in schmelzendem Eis bricht, die Sch\u00f6nheit des Lebens statt das aschfahlem Grau des Todes zu entdecken&#8230;.wenn ihr begreift, wie sich dieser Prozess anf\u00fchlt, dann k\u00f6nnt ihr erahnen, wie es mir erging.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Es dauerte noch sehr lange, bis ich mich traute, aus der Gemeinschaft fortzulaufen. Es war nicht ungef\u00e4hrlich, da Verr\u00e4ter bei uns normalerweise zu ihrem eigenen Besten gesteinigt und verbrannt werden \u2013 auf diese Weise wird ihre unsterbliche Seele gerettet vor dem, was der erkrankte K\u00f6rper ihr durch seinen Verrat antun w\u00fcrde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Da ich an meinem K\u00f6rper sehr h\u00e4nge, beschloss ich, heimlich fortzugehen. Als die anderen schliefen stahl ich mich davon mit ein paar gestohlenen Vorr\u00e4ten und sonst nur dem, was ich an Lumpen am Leibe trage. Ich kann nicht sagen, wie lange meine Flucht nun schon dauert. Mein Ged\u00e4chtnis sagt mir, dass ich noch keinen Sonnenzyklus lang unterwegs bin, aber mein Gef\u00fchl sagt mir, dass ich schon mein ganzes Leben lang laufe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Die letzten Wochen habe ich damit zugebracht, ein steiniges Gebirge zu \u00fcberqueren. Einmal w\u00e4re ich fast in eine Eisspalte gerutscht, aus der es alleine kein Entkommen gegeben h\u00e4tte, aber die G\u00f6tter waren mir wohl noch einmal gn\u00e4dig. Ich habe inzwischen soviel abgenommen, dass ich wahrscheinlich als wandelndes Gerippe durchgehen w\u00fcrde, sofern ich \u00fcberhaupt jemals wieder auf Menschen treffen sollte. Vor Hunger plagen mich manchmal Halluzinationen die f\u00fcr mich realer sind als alles andere. Und an einem scharfen Felsen habe ich mein Bein aufgeschnitten das mir jeder Schritt schmerzt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Aber wie ich diese Zeilen in mein Tagebuch schreibe sitze ich hier unweit des Gipfels und werde f\u00fcr alles entsch\u00e4digt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Vor mir fallen die Berge steil ab und zu ihren F\u00fc\u00dfen beginnen Gew\u00e4chse die scheinbar endlos reichen. Ein Gr\u00fcn bedeckt den Boden dass ich bisher nie erblicken durfte, am Rand meines Blickfelds sehe ich \u00fcbermannshohe Gew\u00e4chse, braun und Gr\u00fcn und so lebendig das mein Herz schreien m\u00f6chte vor Freude. Und in weiter weiter Ferne sehe ich Rauch aufsteigen. Rauch bedeutet Menschen, bedeutet Leben, bedeutet W\u00e4rme!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Bei diesem Anblick festigt sich erneut mein Entschluss, weiterzugehen. Ich werde diese Menschen erreichen, und wenn es das letzte ist was ich tue.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Diese Aufzeichnungen lasse ich hier in dieser H\u00f6hle zur\u00fcck, einen Tagesmarsch entfernt von diesem wundervollen Anblick, in der Hoffnung, dass ein anderer junger Nomade sie finden mag. In der Hoffnung, dass sie dich best\u00e4rken m\u00f6gen, weiterzugehen und nicht umzukehren. H\u00f6re auf die Stimme deines Herzens, dein Ziel ist nicht mehr weit. Und wenn du diese Aufzeichnungen ebenfalls einen Tagesmarsch zur\u00fcck in die Eisw\u00fcste tragen magst, so wird vielleicht irgendwann dieses ganze gottverlassene Tal von all den armen, traurigen und erb\u00e4rmlichen Menschen verlassen werden, f\u00fcr die dieses Gef\u00e4ngnis jetzt noch die ganze Welt darstellt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Wer wei\u00df, vielleicht werden wir uns jenseits dieses Gebirges eines Tages begegnen, in einer freien und freundlicheren Welt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\">Vielleicht werde ich sogar irgendwann die Kraft haben, in das Tal zur\u00fcckzukehren um von meiner Reise zu berichten, in der Hoffnung, Geh\u00f6r zu finden und weitere Blumen in offene Herzen auszus\u00e4en.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #333399;\">6. September 2008<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #333399;\"><em>Gewidmet allen Zweiflern die ihren Sinnen trauen wollen!<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\"><a href=\"http:\/\/www.gewaltfrei-im-norden.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/06\/Der-Nomade.pdf\">Druckversion<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo ihr Lieben! Vor ein paar Jahren habe ich diese kleine Geschichte geschrieben, die ich nach wie vor sehr spannend und aktuell finde. Ich m\u00f6chte gar nicht viel dazu sagen, w\u00fcrde mich aber sehr \u00fcber Kommentare freuen, weil man sehr viel hineinlesen kann. Wie geht es euch mit diesen Zeilen? Findet ihr euch darin wieder? 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