{"id":1261,"date":"2010-05-07T00:04:21","date_gmt":"2010-05-06T22:04:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gewaltfrei-im-norden.de\/blog\/?p=1261"},"modified":"2010-05-06T22:06:12","modified_gmt":"2010-05-06T20:06:12","slug":"die-steinpalme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?p=1261","title":{"rendered":"Die Steinpalme"},"content":{"rendered":"<p>Es war Sp\u00e4tnachmittag, und es war ein Wind aufgekommen, der leise \u00fcber die Haare streicht und auf dem Gesicht eine Ahnung von K\u00fchle hinterl\u00e4\u00dft. Es war die Zeit, die zum Erz\u00e4hlen verf\u00fchrt, ja, die Lust auf M\u00e4rchen wurde so zwingend, da\u00df alle den weisen Raman baten, doch eine seiner wundervollen Geschichten zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Der kluge, alte Mann l\u00e4chelte. Er \u00fcberlegte einen Augenblick und rief dann: &#8222;Wir treffen uns an der Steinpalme, wenn die Feuer angez\u00fcndet werden!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Steinpalme? Was bedeutet das?&#8220; riefen sie hinter dem Alten her. &#8222;Sucht sie!&#8220; Er sagte dies schon im Fortgehen. &#8222;Sucht sie! Der Baum ist nicht zu verfehlen.&#8220;<\/p>\n<p>Noch ehe die Nacht pl\u00f6tzlich herab fiel, hatten sie den Baum gefunden. Neben den vielen Palmen am Strand, die in ihrer schlanken Sch\u00f6nheit wie winkende Frauen zu sein schienen, stand diese eine etwas abseits, doch so, da\u00df ihre starken, dunkelgr\u00fcnen Blattf\u00e4cher die neben ihr stehenden B\u00e4ume leicht ber\u00fchrten.<br \/>\nEs war eine eigenartig geformte Palme!<br \/>\nSie wirkte gedrungen, mit einem m\u00e4chtigem Stamm und starken F\u00e4chern, die in ihren Bewegungen sichtbare M\u00e4\u00dfigung zeigten und nichts von der Heiterkeit hatten, die alle anderen Palmen so weiblich machte.<br \/>\nDas Merkw\u00fcrdigste aber war die Krone der Palme! Der Baum neigte sich mit seinen Blattf\u00e4chern zur Mitte hin.<\/p>\n<p>&#8222;Seht nur genau hin&#8220;, sagte der alte Erz\u00e4hler, der sich in ihre Mitte gesetzt hatte, &#8222;achtet auf das n\u00e4chste Wehen des Windes.&#8220;<br \/>\nUnd sie konnten es sehen! Als der Wind die F\u00e4cher der B\u00e4ume etwas auseinander wehte, da sahen sie es: Im Herzen der Palme, dort, wo sonst die neuen, hellgr\u00fcnen Triebe aus der Mitte des Stammes nach oben dr\u00e4ngten, lag ein m\u00e4chtiger, r\u00f6tlicher Stein, ein Stein, wie unz\u00e4hlige am Strand herum lagen.<\/p>\n<p>Raman lie\u00df keine Zeit zum Fragen. Mit einer weiten Armbewegung zeigte er, da\u00df sich alle im Kreis setzen sollen. Ein Feuer wurde in der Mitte angez\u00fcndet, und die Nacht kam schnell und fiel \u00fcber alles wie ein schwarzes Tuch. Der Schein des Feuers erreichte den Stamm der gro\u00dfen Palme und malte auf den Schuppen bizarre Zeichen. Wenn eine Flamme hell aufflackerte, konnte man die Krone des m\u00e4chtigen Baumes ahnen.<\/p>\n<p>&#8222;Ihr wollt wissen, wie der gro\u00dfe Stein dort oben hinaufgekommen ist!&#8220; begann Raman seine Erz\u00e4hlung. &#8222;Nun, dies geschah vor vielen, vielen Jahren, als die m\u00e4chtige Palme noch ein winziger B\u00e4umling war. Hier waren damals noch keine H\u00e4user, und es gab auch noch keinen Brunnen. Nur einige Palmen standen am Strand. Ihnen und dem kleinen Palmenbaum gen\u00fcgte das, was sie aus dem Sandboden an Nahrung und vom Himmel an Feuchtigkeit bekamen.<\/p>\n<p>Die kleine Palme liebte das Meer und die Musik des Wassers. Sie liebte den leisen Wind an den Sp\u00e4tnachmittagen und die pl\u00f6tzlich hereinbrechende, oft kalte Nacht mit ihrer schattenlosen Dunkelheit. Und sie liebte den Mond in den klaren N\u00e4chten, dessen Licht harte Umrisse malt und auf dem Meer lange Streifen zieht, die eine Ahnung von Unendlichkeit geben.<br \/>\nDer kleine Baum wu\u00dfte, da\u00df wenige Meter hinter ihm die W\u00fcste war. Aber er hatte keine Vorstellung von ihr, er wu\u00dfte nicht, was wasserlos und leer bedeutete. Er war ein kr\u00e4ftiger, gl\u00fccklicher Palmensch\u00f6\u00dfling. Bis zu dem Tag, an dem der Mann kam!<\/p>\n<p>Er kam durch die W\u00fcste. Er war tagelang umhergeirrt, hatte sein Hab und Gut verloren und war vor Durst und Hitze fast um den Verstand gekommen. Seine H\u00e4nde brannten wund vom vergeblichen Graben nach Wasser, und alles an ihm war grenzenloser Schmerz.<br \/>\nSo stand er vor dem Wasser, vor dem endlosen, weiten, salzigen Wasser. Der Mann warf seinen ausged\u00f6rrten K\u00f6rper in das Wasser hinein, aber in seinem Mund mit den aufgerissenen Lippen und der dickpelzigen Zunge brannte der Durst, den das Salzwasser nicht stillen konnte.<\/p>\n<p>Da packte ihn ein rasender Zorn. &#8222;Ich habe Anspruch auf Wasser!&#8220; schrie er. &#8222;Ich will leben, weil ich einen Anspruch darauf habe!&#8220;<br \/>\nEr griff nach einem gro\u00dfen Stein. Sein Zorn gab ihm Kr\u00e4fte, die sein ausged\u00f6rrter K\u00f6rper kaum noch hergeben konnte, und er schrie \u00fcber die Grenzenlosigkeit des Wassers, schrie gegen die Unausl\u00f6schbarkeit der Sonne, schrie gegen die W\u00fcste und hinauf zu den unerreichbaren Kronen der Palmen.<br \/>\nDrohend hatte er den Stein erhoben. Seine Arme zitterten, und es schien, als wolle alle Kraft ihn endg\u00fcltig verlassen.<\/p>\n<p>Da sah er neben den gro\u00dfen Palmen, zwischen Ger\u00f6ll und Sand, den Palmensch\u00f6\u00dfling stehen, in hellem Gr\u00fcn und voller Hoffnung auf jeden neuen Tag. &#8222;Warum lebst du?&#8220; schrie der Mann. &#8222;Warum findest du Nahrung und Wasser, und ich verdurste hier? Warum bist du so jung und sch\u00f6n? Warum hast du alles und ich nichts? Du sollst nicht leben!&#8220; Mit aller noch vorhandenen Kraft pre\u00dfte er den Stein mitten in das Kronenherz des jungen Baumes.<\/p>\n<p>Es knirschte und brach. Es war, als vervielfachte sich das Knirschen und Brechen bis in die Unendlichkeit der W\u00fcste und des Meeres. Und dann kam eine entsetzliche Stille! Der Mann brach neben der kleinen Palme zusammen. Zwei Tage sp\u00e4ter fanden ihn Kameltreiber &#8211; man sagt, da\u00df er gerettet wurde.<\/p>\n<p>Von den Treibern hatte sich keiner um den kleinen, zerschmetterten Palmbaum gek\u00fcmmert. Er war unter der Last des Steines fast begraben, sein Tod schien unausweichlich. Seine hellgr\u00fcnen F\u00e4cherbl\u00e4tter waren abgebrochen, und in der hei\u00dfen Glut der Sonne verdorrten sie schnell. Sein weiches Palmherz war gequetscht, und der gro\u00dfe Stein lastete so schwer auf dem zierlichen Stamm, da\u00df er bei jedem leisen Windhauch abzubrechen drohte.<\/p>\n<p>Doch der Mann hatte die kleine Palme nicht t\u00f6ten k\u00f6nnen. Er konnte sie verletzen, aber nicht t\u00f6ten. Als sich in dem jungen Baum das entsetzliche Ger\u00e4usch der brechenden Zweige, das Zerfasern der jungen Triebe und der brennende Schmerz zusammenballten, als alles eine ungeheure, wolken\u00e4hnliche Masse von Schmerz und immer wieder Schmerz war, da regte sich gleichzeitig, daneben, ohne Verbindung zum Schmerz und allen zerst\u00f6renden Ger\u00e4uschen, eine erste kleine Welle von Kraft.<br \/>\nUnd diese Welle vergr\u00f6\u00dferte sich, fiel in die Wellenbewegung des Schmerzes, wuchs, machte die Pausen zwischen Schmerz und Wieder-Schmerz l\u00e4nger und l\u00e4nger, bis die Kraft gr\u00f6\u00dfer wurde als der Schmerz.<\/p>\n<p>Der Baum versuchte, den Stein abzusch\u00fctteln. Er bat den Wind, ihm zu helfen. Aber es gab keine Hilfe. Der Stein blieb in der Krone, dem Herzen der kleinen Palme, und r\u00fchrte sich nicht. &#8222;Gib es auf&#8220;, sagte sich die kleine Palme, &#8222;es ist zu schwer. Es ist dein Schicksal, so fr\u00fch zu sterben. F\u00fcge dich! Lass dich selber los. Der Stein ist zu schwer.&#8220; Aber da war auch eine andere Stimme, die sagte: &#8222;Nein, nichts ist zu schwer. Du musst es nur versuchen, du mu\u00dft es tun.&#8220;<br \/>\n&#8222;Wie soll ich es tun?&#8220; fragte die Palme, &#8222;der Wind kann mir nicht helfen. Ich stehe allein in meiner Schwachheit. Ich kann den Stein nicht abwerfen.&#8220; &#8222;Du mu\u00dft ihn nicht abwerfen&#8220;, sagte wieder die andere Stimme. &#8222;Du mu\u00dft die Last des Steines annehmen. Dann wirst du erleben, wie deine Kr\u00e4fte wachsen.&#8220;<\/p>\n<p>Und der junge Baum nahm in seiner Not seine Last an und verschwendete keine Kraft mehr an das Bem\u00fchen, den Stein abzusch\u00fctteln. Er nahm ihn in die Mitte seiner Krone. Er klammerte sich mit langen, kr\u00e4ftiger werdenden Wurzeln in den Boden, denn er brauchte mit seiner doppelten Last einen doppelten Halt.<br \/>\nDann kam der Tag, an dem sich die Wurzeln der Palme so tief gesenkt hatten, da\u00df sie auf eine Wasserquelle stie\u00dfen. Befreit scho\u00df eine Quelle noch oben, und sie hat diesen Platz hier zu einem Ort der der Freude und des Wohlstands gemacht.<\/p>\n<p>Nun, als der Baum festen Halt im Grund hatte und dort dauernde Nahrung fand, begann er, nach oben zu wachsen. Er legte breite, kr\u00e4ftige F\u00e4cherzweige um den Stein herum. Man konnte manches Mal meinen, da\u00df er den Stein besch\u00fctzte. Sein Stamm gewann mehr und mehr an Umfang, und mochten die anderen Palmen am Strand h\u00f6her und lieblicher sein, der Palmbaum, den die Leute bald die Steinpalme nannten, war unbestritten der m\u00e4chtigste Baum.<br \/>\nSeine Last hatte ihn aufgefordert, und er hatte den Kampf gegen seinen Kleinmut aufgenommen. Er hat diesen Kampf gewonnen. Er hat eine Quelle freigelegt, die seitdem den Durst vieler gel\u00f6scht hat, und, was sicher das Wichtigste ist, der Baum hat seine Last angenommen und hoch hinausgetragen. Sie liegt auch heute noch auf seinem Herzen, aber sie ist in seinem Dasein an eine Stelle ger\u00fcckt, die sie tragbar macht. Nur die \u00e4u\u00dfere Last erscheint uns tragbar. Ist sie angenommen, wird sie ein Teil von uns selbst.&#8220;<\/p>\n<p>Raman, der Erz\u00e4hler, legte beide H\u00e4nde an den Stamm der gro\u00dfen Palme. Das Feuer war fast niedergebrannt. Die Zuh\u00f6rer verlie\u00dfen einer nach dem anderen den Platz. Nur einer blieb noch. Er war sp\u00e4t gekommen und hatte ein wenig abseits gesessen. Er setzte sich nun zu Raman, und beide sa\u00dfen lange ohne Worte.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin der Mann, der den Stein auf die Palme gedr\u00fcckt hat&#8220;, sagte der Mann. &#8222;Ich hatte es vergessen, doch deine Erz\u00e4hlung weckte alles wieder auf. Was soll ich tun? Ich f\u00fchle Schuld.&#8220;<br \/>\n&#8222;Dann trage die Schuld wie der Baum den Stein&#8220;, antwortete Raman. &#8222;Nimm die Schuld an. Versuche, soviel du vermagst, davon in Liebe zu verwandeln. Vergi\u00df dabei nicht, da\u00df Liebe etwas ist, was man tun mu\u00df. Es n\u00fctzt nichts, sie nur zu erkennen und um ihre Notwendigkeit zu wissen. Liebe ist Leben und w\u00e4chst allein aus dem Tun.&#8220;<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner sa\u00dfen noch lange unter der Palme, und es war ein leichter Wind, der das Feuer wieder zum Brennen brachte.<\/p>\n<p>Eine Erz\u00e4hlung nach einer Legende aus der Sahara von Pet Partisch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war Sp\u00e4tnachmittag, und es war ein Wind aufgekommen, der leise \u00fcber die Haare streicht und auf dem Gesicht eine Ahnung von K\u00fchle hinterl\u00e4\u00dft. 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