{"id":1135,"date":"2010-04-20T23:04:52","date_gmt":"2010-04-20T21:04:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gewaltfrei-im-norden.de\/blog\/?page_id=1135"},"modified":"2016-05-21T10:47:53","modified_gmt":"2016-05-21T08:47:53","slug":"vom-zuhoren","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.giraffenohren.com\/?page_id=1135","title":{"rendered":"Vom Zuh\u00f6ren"},"content":{"rendered":"<p>Mein Freund Markus schrieb vor einigen Monaten diesen Text zum Thema Zuh\u00f6ren, der mich immer wieder anr\u00fchrt. Ich habe ihn um Erlaubnis gefragt, ob ich seine Worte hier einstellen darf, und er hat gern zugestimmt. <\/p>\n<p>Lieber Markus, vielen Dank daf\u00fcr. <\/p>\n<p>Ysabelle<\/p>\n<p><em><br \/>\nIn den letzten Wochen und Monaten habe ich mir sehr oft jemanden gew\u00fcnscht, der mir zuh\u00f6rt. Noch besser, jemanden der versteht, was ich ihm anvertraue, jemand, der sich in mich einf\u00fchlen kann und bei dem ich eine tragf\u00e4hige Verbindung sp\u00fcre, die mir die Sicherheit gibt, dass alles was von mir kommt erst mal ok ist. Ich habe dieses warme Gef\u00fchl der Geborgenheit und Sicherheit gesucht, und jedes Mal wenn ich es fand wusste ich, ich bin geh\u00f6rt und gesehen worden.<br \/>\nDiese Episoden haben mich zum Nachdenken dar\u00fcber veranlasst, welche Qualit\u00e4ten ich mir von einem Menschen w\u00fcnsche, der mir zuh\u00f6rt. Was genau w\u00fcnsche ich mir, was kann ich in solchen Momenten nicht gebrauchen? Und was macht das mit mir, wenn jemand mir wirklich zuh\u00f6rt? Wie kann ich selbst ein guter Zuh\u00f6rer sein?<br \/>\nZu diesen Fragen m\u00f6chte ich jetzt einfach mal meine Gedanken ordnen, in der Hoffnung, bei dir ein h\u00f6rendes Ohr zu finden.<\/p>\n<p>In welchen Situationen w\u00fcnsche ich mir einen Zuh\u00f6rer?<br \/>\nAm dringendsten brauche ich jemanden, wenn ich selber in starken Gef\u00fchlen verwirrt bin. Manche Gef\u00fchle sind so \u00fcberw\u00e4ltigend, so umwerfend gro\u00df, sehr oft auch schmerzhaft oder angsteinfl\u00f6\u00dfend besetzt, dass ich mit ihnen alleine nicht zurechtkomme. Ich kann sie im wahrsten Wortsinn nicht aushalten, geschweige denn genie\u00dfen. Also trenne ich mich von ihnen, nehme sie nicht wahr oder ignoriere sie. Der Preis den ich daf\u00fcr zahle ist eine Mischung aus Taubheit, Leere, Wut und Depression.<br \/>\nIn diesen Situationen w\u00fcnsche ich mir jemanden, der mir hilft zur\u00fcckzutreten und das Kn\u00e4uel meiner Gef\u00fchle zu ent-wirren. Ich w\u00fcnsche mir jemanden, der sich mit mir zusammen auf die Suche nach dem Ursprung der Gef\u00fchle macht, Knoten f\u00fcr Knoten zu l\u00f6sen um so die unaushaltbare Spannung aufzul\u00f6sen. Ich finde das deutet auch schon an, was ich mir nicht von einem Zuh\u00f6rer w\u00fcnsche und was auch f\u00fcr mich bisher nicht hilfreich war:<\/p>\n<p>Du sollst mir den Weg nicht abnehmen, ich m\u00f6chte nur einen Freund der mich begleitet. Du kannst ebenso wenig f\u00fcr mich meine emotionale Arbeit machen wie ich f\u00fcr dich. Also f\u00fchl dich nicht verantwortlich wenn es mir mal dreckig geht. Selbst wenn ich dich beschuldigen oder angreifen sollte, sei dir bewusst, dass du niemals die Ursache f\u00fcr meine Gef\u00fchle bist. Verstrick dich also nicht in meinem Knoten, sonst brauchen wir beide Hilfe zum entwirren.<\/p>\n<p>Deswegen w\u00fcnsche ich mir auch keine L\u00f6sung von dir. Du musst weder Abhilfe schaffen noch mich von meinen Sorgen ablenken. Es ist nicht deine Aufgabe, dass es mir besser geht, die Verantwortung daf\u00fcr liegt ganz allein bei mir. Wenn du versuchst mich aufzumuntern lenkst du mich zwar kurzfristig von meinem Kn\u00e4uel ab, aber wenn du weg bist bin ich wieder damit alleine.<\/p>\n<p>Bitte verkneif dir auch jede psychologische Diagnose. Die meisten Schubladen sollen sowieso nur dabei helfen, m\u00f6glichst schnell eine L\u00f6sung verschreiben zu k\u00f6nnen.<br \/>\nUnd egal wie ausgefeilt die Schublade ist, in die du meine Gedanken, mein Verhalten oder meine Person stecken m\u00f6chtest, es bleibt eine Schublade, eine clevere Beschreibung, ein Modell das niemals der Wirklichkeit gerecht werden kann. Wenn du merkst, dass du in deinem Kopf \u00fcberlegst, welcher Stempel wohl passen k\u00f6nnte, bist du nicht mehr bei mir. Du siehst nicht mich, du betrachtest deine Stempel.<\/p>\n<p>Verlauf dich auch bitte nicht in meinen Gedanken, am besten h\u00f6rst du gar nicht auf den Inhalt den ich dir erz\u00e4hle. Worte sind nur erfunden worden um vom Wesentlichen abzulenken. Wenn du meinen Erz\u00e4hlungen dar\u00fcber zuh\u00f6rst, was andere gemacht haben oder was sonst so passiert ist f\u00fchrt das n\u00e4mlich schnell dazu, dass du in deinen Kopf gehst und abw\u00e4gst, ob das so stimmt oder nicht. Das ist nur eine weitere Form von Schubladen.<br \/>\nOft traue ich mich nicht, dir das Wesentliche zu sagen oder ich sehe es selbst noch nicht. Deswegen schau auf mich, wenn ich mit dem Finger auf andere Menschen zeige, sieh mir ins Gesicht und versuch zu erkennen, wie ich mich grade f\u00fchle, wenn ich dir das alles erz\u00e4hle.<br \/>\nWenn du erkennst, wie ich mich grade f\u00fchle, was jetzt gerade in mir lebendig ist, dann siehst du wirklich mich.<\/p>\n<p>Aber jetzt noch einmal Vorsicht: Widersteh der Versuchung, meine Gef\u00fchle in deinem Kopf zu analysieren, zu \u00fcberlegen ob sie angebracht oder \u00fcbertrieben sind, richtig oder falsch, gesund oder krank&#8230;denn sonst unterbrichst du sofort wieder die zarte Verbindung zwischen unseren Seelen. Du bist dann nicht mehr bei mir und ich bin wieder alleine.<br \/>\nGef\u00fchle sind nie verkehrt. Du kannst ihnen in jeder Situation trauen, immer und \u00fcberall \u2013 wenn du wei\u00dft, was sie dir sagen wollen. Meine Gef\u00fchle sind die Messinstrumente meiner Seele, sie sagen absolut nichts aus \u00fcber dich oder irgendwen sonst auf der Welt. Sie geben einzig und allein dar\u00fcber Auskunft, was ich brauche.<\/p>\n<p>So wie mein Hunger mir sagt, dass ich Essen brauche, m\u00f6chte meine Einsamkeit mir sagen, dass ich N\u00e4he, Gemeinschaft und Verbindung ben\u00f6tige. Noch einmal: Es ist nicht deine Aufgabe oder Pflicht, mir dieses Bed\u00fcrfnis zu erf\u00fcllen. Wenn du das verinnerlichst kannst du sogar meinen Schmerz genie\u00dfen, weil du sehen wirst, welches unerf\u00fcllte Bed\u00fcrfnis dahinter steht.<\/p>\n<p>Das ist es also, was ich mir von dir w\u00fcnsche: Dass du mir solange zuh\u00f6rst, laut oder stumm, bis ich wirklich an den Kern dessen gelange, was in mir lebendig ist und nach Geh\u00f6r schreit. Denn wenn diese Stimme geh\u00f6rt wird, wird sie auch leiser werden und ich werde die Kraft finden, f\u00fcr mich zu sorgen. Ich wei\u00df aus Erfahrung, dass das eines der erleichternsten Erlebnisse \u00fcberhaupt ist. Bei mir als Geh\u00f6rtem flie\u00dfen meistens Sturzb\u00e4che von Tr\u00e4nen, Tr\u00e4nen der Erleichterung und Entspannung. Und bei mir als Zuh\u00f6rer stellt sich das wundersch\u00f6ne Gef\u00fchl der Verbundenheit ein, wenn mein Gegen\u00fcber endlich den Schatz seiner Bed\u00fcrfnisse entdecken durfte \u2013 und ich gl\u00fccklicher Mensch ihm dabei behilflich sein durfte.<br \/>\nIch kann mich jetzt grade an keine sch\u00f6neren Erlebnisse in meinem Leben erinnern&#8230;<\/p>\n<p>Die Kunst des Zuh\u00f6rens zu erlernen ist also wirklich die M\u00fche wert.<\/p>\n<p>Aber es gibt auch einige H\u00fcrden auf dem Weg dahin zu nehmen, Blockaden die der eigenen Empathie im Weg stehen k\u00f6nnen. Wenn du eine dieser H\u00fcrden bei dir bemerkst empfehle ich dir, deine Grenzen anzuerkennen und dich zun\u00e4chst einmal liebevoll um dich selbst zu k\u00fcmmern. Oder wie ein gro\u00dfer Mensch es einmal ausdr\u00fcckte: \u201eZieh zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge. Dann wirst du klar sehen k\u00f6nnen, wie du den Strohhalm aus dem Auge deines Bruders ziehen kannst.\u201c<\/p>\n<p>Wenn ich die Lust dazu versp\u00fcre werde ich noch etwas \u00fcber diese Hindernisse schreiben.<br \/>\nWenn ihr m\u00f6gt k\u00f6nnt ihr gerne schreiben, was in euch vorgeht, wenn ihr das hier lest,  \u00fcber R\u00fcckmeldungen freue ich mich immer!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Freund Markus schrieb vor einigen Monaten diesen Text zum Thema Zuh\u00f6ren, der mich immer wieder anr\u00fchrt. Ich habe ihn um Erlaubnis gefragt, ob ich seine Worte hier einstellen darf, und er hat gern zugestimmt. Lieber Markus, vielen Dank daf\u00fcr. 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