Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Die Ipad-Queen

Hallo, Welt!

Ich habe eine ältere Verwandte, die ich schon immer sehr geliebt habe. Bis vor einigen Jahren arbeitete sie in einem Büro und erledigt bis heute den Schriftkram für die Familie. Seit vielen Jahren steht dafür ein Mac auf ihrem Schreibtisch. Vermutlich ist das Modell museumsreif, aber es tut seine Arbeit: ein bisschen googeln, ein paar Mails schreiben, und gelegentlich wird etwas ausgedruckt.

Durch die Pandemie finden nun immer mehr Veranstaltungen online statt. Meine Verwandte ist in einem Verein aktiv, der nun ebenfalls online seine Arbeit koordiniert. Als Vorstandsfrau sollte sie schon dabei sein, aber der alte Mac hatte keine Lust mehr auf Zoom. Ich hatte noch mal einen Anlauf genommen, die Kiste upzudaten, aber irgendwann sind Prozessor und neue Betriebssysteme eben nicht mehr kompatibel …

Nun liebäugelte sie mit einem kleinen Macbook, aber ich habe ihr aus verschiedenen Gründen abgeraten. Zum einen kann sie mit dem alten Rechner noch alles weiter machen, was sie bisher auch schon damit gemacht hat, und zwar viel komfortabler als auf einem 13-Zoll-Macbook. Und zweitens ist es für eine Dame von 74  ohne Smartphone schon sinnvoll, ein handliches Gerät in Griffweite zu haben. Man kann ja auch mal bettlägerig sein oder ins Krankenhaus müssen. Im übrigen wollte sie ja auf dem neuen Gerät nur zoomen, für alles andere nutzte sie ja sowieso den großen Rechner. Ausgestattet mit meinem festen Versprechen, ihr IMMER zu helfen, wenn sie technisch nicht weiter weiß, bestellte sie schließlich vor Weihnachten ein IPAD. Ich habe es konfiguriert und am 2. Weihnachtsfeiertag ausgeliefert. Wir haben zusammen geübt und ich hatte ihr auch verschiedene Infos aus dem Internet gezogen und eine kleine Bedienungsanleitung zusammengestellt. Dann fuhr ich wieder nach Hause. Gut 100 Kilometer trennen uns.

Zunächst lief alles prima. Wir machten Zoom-Probeläufe, schickten Mails und Whatsapp-Nachrichten hin und her. Doch dann kam ein verdammter Software-Update und plötzlich war alles weg, was ich zuvor für sie eingerichtet hatte. Die Not war so groß, dass ich mich ins Auto setzte und ihr zu Hilfe eilte. Leider konnte ich das Problem vor Ort auch nicht lösen. Die Apple-Hotline, auf die ich normalerweise große Stücke halte, erwies sich als wenig hilfreich. Wir mussten für eine bevorstehende Vorstandssitzung Plan B anschieben und ratlos fuhr ich nach Hause.

Kurz darauf sprach ich wegen eines eigenen Backup-Problems ebenfalls mit der Apple-Hotline. Der Berater schien total fit und hatte auch eine Super-Idee, was das Problem beim Tablet meiner Verwandten sein könnte. (Leute, wir sind noch immer bei der Vorgeschichte …)

Die Verwandte und ich verabredeten uns nun zum Technik-Gespräch. Da saß sie nun an ihrem Esstisch. Die Zoom-Verbindung lief über das Ipad eines anderen Familienmitglieds. Dazu hatte sie ein altes IPhone von mir. Damit fotografierte sie jeweils, was auf dem Bildschirm IHRES IPads zu sehen war und schickte mir das Foto per Whatsapp. Ich guckte das Bild an und gab dann per Zoom Anweisungen, wie sie ihr eigenes IPad wieder zum Leben erwecken sollte.

Knüller! Hammer! Grandios! Nach einer Dreiviertelstunde hatten wir ihr IPad wiederhergestellt, alle Apps waren wieder da, die Mails und die Fotos! Was der Mensch von der Hotline eine Woche vorher nicht geschafft hatte, war uns mithilfe von insgesamt drei IPads und zwei Iphones gelungen. Mädels und Technik – wer sagt’s denn!

Vor lauter Begeisterung habe ich für sie ein kleines Geschenk anfertigen lassen: eine Goldmedaille am roten Band mit ihrem Namen und der Beschriftung „IPad-Queen 2021“. Dann habe ich ein kleines Päckchen gepackt und zur Post getragen.

Die Tage vergingen. Keine Reaktion. Nach einer Woche dann rief sie mich wegen einer technischen Frage an und sagte dann im Laufe des Gesprächs sinngemäß, „übrigens, verarschen kann ich mich alleine.“ Ich war total fassungslos und fragte genauer nach, was sie meinte. „Na ja, das mit der Medaille. Du brauchst mich hier nicht zu verarschen, weil ich das alles nicht richtig begreife …“

Mir liefen die Tränen. Ich hatte ihr eine Freude machen wollen. Ich war selbst SO! stolz auf sie! Mit fast 75 Jahren managt sie die Wiederherstellung eines IPads, obwohl sie sonst mit Technik wirklich nichts am Hut hat … Und das, obwohl sie einen Heidenrespekt vor dem Ding hat und immer noch fürchtet, irgendetwas kaputt zu machen …

Zum Glück war es möglich, dazu im Gespräch zu bleiben. Sie merkte anscheinend auch meine ehrliche Betroffenheit und meinen Schmerz über dieses Geschenk, das so gar nicht freudig angenommen worden war. Nach einer Weile sagte sie dann: „Ich gucke halt immer auf meine Defizite, was ich alles noch nicht kann mit dem Ding. Du hast mir ja auch ein Kartenspiel drauf gemacht, das finde ich auch ganz schön. Aber bei mir dauert das ewig und ich hab auch nur ganz selten Zeit, mal eine Runde zu spielen. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass Du das vielleicht ernst meinen könntest …“

Ist das nicht traurig?

Und dabei fällt mir diese Affirmation aus einem Buch von Gerald Jampolsky ein: Verletzen können mich nur meine eigenen Gedanken.

Und das dann aber auch gleich richtig.
So long!
Ysabelle

 

 

Einen Kommentar schreiben

Hinweise zur Kommentarabonnements und Hinweise zum Widerrufsrecht finden sich in der Datenschutzerklärung.

Copyright © 2021 by: Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren! • Template by: BlogPimp Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.