Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Unerwarteter Ostergruß

Hallo, Welt!

Gestern habe ich die Bettwäsche aus dem Gästezimmer in die Waschmaschine gestopft, heute kommt Besuch. Im Rausgehen sah ich aus dem Augenwinkel unten im Regal ein Brillenetui, und noch eins, und noch eins … und ein kleines Notizbuch mit Blau gemustertem Einband. Und darunter lag ein braunes Portemonnaie. Ich habe die Brillen einzeln rausgeholt und mir auf die Nase gesetzt. Ein typisches Alte-Damen-Gestell, eine Fast-John-Lennon-Metallbrille, eine rote … sie scheinen mir alle etwas zu klein für meinen Kopf. Es sind die Brillen meiner Mutter, und ich habe keine Ahnung, wann und warum ich sie im Regal des Gästeklos geparkt habe …

Das Portemonnaie habe ich dann mit in die Küche genommen und genauer angeguckt. Ihr Rentenausweis, vier Telefonkarten, eine Mitgliedskarte vom Bahnsozialwerk … und dann war da dieser Zettel … und die Scheine. Und im Münzfach lagen 20 Euro in 2-Euro-Stücken.

Ich musste mich erst mal hinsetzen. Meine Mutter ist 2015 im Februar nach langer und mit großer Disziplin ertragener Krankheit gestorben. Irgendwie habe ich es geschafft, ihre Wohnung auszuräumen, aber das mit dem Wegwerfen klappt nicht so gut.

Über viele Jahre hatten meine Mutter und ich ein sehr belastetes Verhältnis. Erst in ihren letzten Lebensjahren haben wir zueinandergefunden und es erscheint mir noch heute wie ein Wunder, wie viel Heilung da möglich gewesen ist. Und diese Heilung verdanken wir beide der GFK. Ich bin so froh, dass wir diese Zeit noch miteinander haben durften …

Die liebevolle Begleitung meiner Mutter hat mir viele Jahre gefehlt. Da ich sie nun ganz zum Schluss erleben durfte, gibt es einen Anteil in mir, der sie gar nicht loslassen will. So benutzte sie zum Beispiel ein bestimmtes Duschgel. Nicht meine Marke, nicht mein Duft … aber sie hatte halt so viel auf Vorrat gekauft. Und wann immer dieser Vorrat jetzt nur Neige geht, kaufe ich genau dieses Duschgel nach. Das gleiche gilt fürs Spülmittel. Die Flasche steht da nun seit sechs Jahren und wird immer wieder aufgefüllt. Ich schlafe auf ihrem Kopfkissen und ich benutze eine ihrer Handtaschen. Mehrere Bilder, die in ihrer Wohnung hingen, haben ihren Platz in meinem Haus gefunden …

In einem früheren Leben habe ich ja Vor- und Frühgeschichte studiert. Ich fand es immer gruselig-faszinierend, dass es in der Jungsteinzeit Kulturen gab, die ihre Toten sozusagen unterm Wohnzimmerfußboden bestattet haben. Solche Hausbestattungen gibt es in Südamerika, aber auch in Chirokitia auf Zypern. Heutzutage betonieren nur noch fiese Mörder ihre Opfer unter der Garage oder Terrasse ein. Auf Madagaskar werden – wie schon mehrfach hier berichtet – die Toten einmal im Jahr aus ihrer Grabstelle geholt, gewaschen, neu eingekleidet und dann tanzt man mit ihnen durch die Straßen, bevor man sie wieder für ein Jahr zur Ruhe bettet. Das wäre auch nicht so meins … Auch die Urne mit ihrer Asche möchte ich mir nicht auf dem Kaminsims stellen. Aber viele Menschen haben Fotos von Verstorbenen bei sich zu Hause stehen. Eine Freundin hat sogar einen kleinen Gedenkschrein aus Glas, in dem sie Kleidung und persönliche Gegenstände ihres ältesten Sohnes aufbewahrt, der an einem Gehirntumor gestorben ist.

Und ich … sammele die Brillen meiner Mutter, benutze ihre Duschgel-Marke und trage ihren Ehering um den Hals. Ganz abgesehen davon, dass hier noch mehrere Transportboxen mit Ordnern und anderen Halbseligkeiten aus ihrem Haushalt stehen …

Welche wunderbaren Bedürfnisse erfüllt mir das?

Feiern.
Morgens unter der Dusche feiere ich die Versöhnung mit meiner Mutter. Beim Abwaschen feiere ich, dass wir es auch nach vielen schwierigen Jahren geschafft haben, in einen ehrlichen, authentischen und liebevollen Austausch miteinander zu kommen. Wenn ich Dinge von ihr benutze, tue ich das in Dankbarkeit, und es nährt meine Bedürfnisse nach Liebe und Gesehen werden.

Den Rentenausweis und noch ein paar andere Papiere aus Mutters Portemonnaie konnte ich gestern wegwerfen. Das Geld und ihre handgeschriebene Notiz bleiben drin, und dann lege ich es „irgendwo“ hin, bis es mir ein nächstes Mal in die Hände fällt. Und dann feiere ich erneut unsere Verbindung und die Heilung einer Beziehung, die ich viele Jahre als unheilbar bezeichnet habe.

So long!
Ysabelle

 

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