Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Hilfe! Hilfe!

Hallo, Welt!

Auf der Hunderunde bin ich heute mal andersrum gelaufen, erst beim Tierarzt vorbei und dann zum Hafen. Auf meinem Weg liegt das Alten- und Pflegeheim. Im Vorbeigehen hörte ich eine tiefere Stimme rufen: „HILFE! … HILFE!“ Ich blieb stehen und versuchte zu lokalisieren, woher genau die Stimme kam. Vielleicht aus der Gartenanlage? Vom hinter dem Altenheim liegenden Platz? War jemand gestürzt und ich könnte helfen? Schließlich lokalisierte ich das Rufen aus einem Fenster im zweiten Stock.
Den Hund hinter mir her ziehend rannte ich so schnell ich konnte zum Eingang des Altenheims um die Ecke. Rein, mit Hund, egal. Durch die Scheibe einer Tür sah ich Menschen beim Essen. Auf dem Flur saß ein älterer Mann in einem Lehnstuhl und las etwas. Kein Personal in Sicht. Da stand eine junge Frau mit einer Art Mappe in der Hand. „Können Sie mir sagen, wo ich hier einen Mitarbeiter finde?“ Nein, das konnte sie nicht.
Schließlich sah ich durch eine Glastür, die mutmaßlich zu einer „Station“ führte, weiße Kittel. Ich winkte hektisch und zerrte den Hund in diese Richtung. Zwei Mitarbeitende kamen an die Tür. „Da ruft jemand um Hilfe! Um die Ecke, am Ende des Blocks, im zweiten Stock.“

„Ah, das ist wahrscheinlich Frau X, die schreit öfter. Da ist nichts.“
„Nein, ich glaube, das war eine Männerstimme.“
„Wo genau war das? Ich rufe mal an.“ Die Frau langte in ihre Kitteltasche und holte ein Telefon heraus. Die andere Frau sagte sinngemäß, danke, dass sie Bescheid gesagt haben.“

Ich verließ das Gebäude und rang um Fassung. Das hatte mich schwer mitgenommen. Als ich um die Ecke bog, hörte ich wieder die Hilfeschreie. Ich ging bis vor das Fenster und rief: „Hallo, können Sie mich hören? Ich habe Bescheid gesagt, dass Sie um Hilfe rufen, es wird sich gleich jemand um sie kümmern.“ Nach kurzer Unterbrechung ging das Rufen weiter und weiter. Ich konnte das nicht aushalten und lief zurück zum Eingang des Heims. Auch meine zweite Alarmmeldung führte nicht zu erkennbarer Aktivität. Ohnmächtig und ängstlich zerrte ich den Hund hinter mir her und schleppte mich am Hafen entlang nach Hause.

Was war so herausfordernd an dieser Situation? In erster Linie das, was sich in meinem Kopf abgespielt hat. Vor meinem geistigen Auge sah ich eine hilflose Person in Not. Meine Bedürfnisse waren Unterstützung, Empathie, Verbindung und Shared Reality, dieses „gemeinsam in eine Richtung blicken“. Und für die betroffene Person „to matter“, also von Bedeutung sein, wichtig sein, zählen. Es schmerzte mich, dass nicht zu erkennen war, dass sich jemand dieses Menschen annahm. Und ich hatte Angst, eines Tages selbst in so einer Situation zu sein. Hilflos, ohnmächtig, einsam.

Es gibt kein Happy End bei dieser Geschichte. Ich lerne daraus, dass ich am liebsten Vorkehrungen dafür treffen möchte, später nicht in so einer Situation zu landen.  Und gleichzeitig gibt es so wenig, was ich dazu beitragen kann, um so eine Entwicklung zu verhindern. Seniorensport könnte mich dabei unterstützen. Und mein Haus so weit in Schuss haben, dass ich mithilfe eines Pflegedienstes möglichst lange her wohnen bleiben kann … Was für Aussichten!

So long!
Ysabelle

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