Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Sterntaler, die dritte …

Hallo, Welt!
Dieser Tage ist mir mal wieder die Sterntaler-Lektion über den Weg gelaufen. Ich habe das Thema ja bereits 2011 und im Juni 2012 hier thematisiert. Und immer wieder holt es mich ein.
Zur Erinnerung hier das Märchen vom Sterntaler, für alle, die es nicht sofort auf Abruf haben.

Die Sterntaler
Es war einmal ein kleines Mädchen, dem waren Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, dass es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte.

Es war aber gut und fromm. Und weil es so von aller Welt verlassen war, ging es im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus ins Feld. Da begegnete ihm ein armer Mann, der sprach: „Ach, gib mir etwas zu Essen, ich bin so hungrig.“ Es reichte ihm das ganze Stückchen Brot und sagte: „Gott segne dir’s“, und ging weiter. Da kam ein Kind das jammerte und sprach: „Es friert mich so an meinem Kopfe, schenk mir etwas, womit ich es bedecken kann.“ Da tat es seine Mütze ab und gab sie ihm. Und als es noch eine Weile gegangen war, kam wieder ein Kind und hatte kein Leibchen an und fror, da gab es ihm seins; und noch weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von sich hin. Endlich gelangte es in einen Wald, und es war schon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte: ‚Es ist dunkle Nacht, da sieht dich niemand, du kannst wohl dein Hemd weggeben‘, und gab es auch noch hin.

Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel und es waren lauter harte, blanke Taler; und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war von allerfeinstem Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag.

Ein Märchen der Gebrüder Grimm

In 2012 und 2013 habe ich mal sehr viel Energie in das Projekt gesteckt, das eine befreundete Trainerin ins Leben gerufen hat. Eigentlich kreiste all mein Tun nur noch um dieses Projekt. Gefühlt habe ich Tonnen Papier generiert und Themen recherchiert, die boomerang-mäßig tatsächlich bei der Kollegin bis heute wieder aufschlagen.
Ich hatte es gemacht mit dem Hintergedanken, wenn ich mich hier ganz doll nützlich mache, wird mich die Kollegin zunächst als Assistentin und dann vielleicht irgendwann als Teilhaberin oder ähnliches in ihr funktionierendes Unternehmen aufnehmen. GESAGT habe ich allerdings nichts. Und als das Projekt dann irgendwann nur noch dümpelte und schließlich strandete, war das alles „umsonst“. Ich glaube, ich habe der Kollegin erst 2015 gesagt, warum ich mich 2012 so reingekniet hatte, und sie war sehr betroffen. Ich glaube, das hätte sie gern früher gewusst, um es in ihre eigenen Überlegungen einbeziehen zu können.

Aktuell habe ich den Auftrag übernommen, für eine GFK-Organisation gegen Entgelt für ein bestimmtes Projekt die Pressearbeit zu machen. Es gibt eine sehr klare Auftragsbeschreibung und ein vereinbartes Honorar.
Nun ruft Person X an und sagt, „du, da ist mal dieses Thema, kannst du mal einen Blick drauf werfen?“. Dann meldet sich Person Y, „könntest du zu dieser Veranstaltung eventuell was mitnehmen?“ Dann meldet sich wieder Person X: „ich habe da ein Unbehagen mit dieser Sache, ich hätte gern deine Meinung dazu.“
Das ist alles ganz wunderbar. Es erfüllt mir die Bedürfnisse nach Gesehen und Gehört werden, Beteiligung, Gemeinschaft und Beitragen. Mein altes Muster wäre, das alles „aus Liebe“ zu machen und zu hoffen, dass hinterher mal einer sagt, „na, du hast ja auch so viel außer der Reihe gemacht, da erhöhen wir mal dein Honorar.“

In der vergangenen Woche habe ich dann mal allen Mut zusammengenommen und habe in einem Telefonat gesagt,ich möchte nicht nur, dass mein Einsatz an dieser Stelle gesehen wird, sondern auch honoriert.

Boah … ich war fast überwältigt von Scham, verbunden mit einer Prise Angst. Dabei nahm der Auftraggeber am anderen Ende meine Aussage sehr freundlich auf, es gab also gar keine Protestnote oder ähnliches. Dann erreichte mich eine Mail:

im Nachgang zu unserem Gespräch kommt bei mir die praktische Seite durch.

Wenn es um einen Ausgleich von Geben und Nehmen geht, mag ich immer eine halbwegs belastbare Beurteilungsgrundlage haben.

Sprich: Ich fände es gut, wenn du deine Mehrarbeit (in etwa) stundenmäßig mit Tätigkeit nachhältst, damit wir das gemeinsam dann anschauen.

Ende April und Ende Mai würde ich das jeweils mit dir kurz besprechen wollen und dann im Juli „abrechnen“.

Wie findest du meinen Vorschlag?

Und jetzt passiert was ganz Spannendes.
Mein Kopf wird leer. Ich kriege absolut nicht zu Papier (in eine Datei), was ich bisher außer der Reihe gemacht habe und wie viel Zeit das in Anspruch genommen hat.
Ich vermute, das ist ein Schutzmechanismus, um nicht wieder mit dieser überwältigenden Scham konfrontiert zu sein. Mal gucken, wie ich diese Kurve jetzt kriege. Also, erst mal lege ich ein Dokument an, da steht mal drauf, außer-vereinbarte Leistungen. Oder so ähnlich. Mal gucken, ob da auch Buchstaben drauf kommen.

So long!

Ysabelle

Wo ist meine Schaufel?

Hallo, Welt!
Wisst Ihr, was ein Verbausystem ist? Ich weiß es seit zwei Minuten, denn ich habe mal gegoogelt, wie man diese Dinger hier nennt. Das ist leider nicht das weltbeste Foto dazu, es geht um diese beiden halb vergrabenen Metallplatten im Hintergrund, die durch Stangen voneinander getrennt sind. Normalerweise stecken diese Abstandshalter in Tiefbaustellen und sorgen dafür, dass kein Sand/Erdreich nachrutscht und man sicher in der Mitte arbeiten kann. Vermutlich wird auch die Umgegend dadurch gesichert, damit es nicht zu solchen Situationen wie dem Einbruch der U-Bahnbaustelle in Köln 2009 kommt, als das ganze Stadtarchiv abstürzte. Aber ich bin da technischer Laie und reime mir da einfach was zusammen.

Äh – worum geht es eigentlich?

Ich möchte heute mal über die süße Last der Selbstständigkeit jammern. Heute Morgen sprach ich mit einer Kollegin, die eine Bitte an mich hatte, und erwähnte dabei, wie ich es erlebt habe, noch angestellt zu sein. Die Angestellten-Struktur war wie das Einsteigen in so ein Verbausystem. Wasser und Trümmer von außen wurden weitgehend ferngehalten. Ich krabbelte also morgens rein in den Schacht, schaufelte schön den ganzen Tag, und abends krabbelte ich wieder raus. In der verbleibenden Restzeit wurde dann Wäsche gewaschen, das Haus geputzt, Briefe geschrieben, Kontoauszüge sortiert, Socken gestrickt oder der Schuppen aufgeräumt. Mein Leben hatte eine sehr gerade, klare Struktur. Erst die Arbeit, und dann …
Tatsächlich habe ich das auch sehr genossen, zumal ich eine Arbeit hatte, die mir 30 Jahre viel Freude gemacht hat. Mit allerlei Lästigkeiten musste ich mich nicht befassen. Fenster putzen zum Beispiel. Das war nun wirklich auf der Prioriätenliste ganz weit unten. Die Einteilung in „Arbeit“ im Sinne von bezahlter Werktätigkeit und „Freizeit“ (ha!) schenkte mir nicht nur Klarheit und Struktur, sondern auch Leichtigkeit und eine gefühlte Freiheit, bestimmte Dinge eben nicht machen zu müssen. Ich ging ja arbeiten, wer wollte da erwarten, dass ich auf meinen Schränken wische …

Seit ziemlich genau einem Jahr setze ich nun voll auf die Selbstständigkeit, auch wenn ich noch einen Tag in der Woche unterrichte. Und ich merke täglich, dass ich um eine lebbare Struktur kämpfe. Auf einmal sind so viele Bedürfnisse lebendig, die vorher alle kanalisiert waren. Arbeit ./. Freizeit. Und jetzt stellt sich diese Frage mit jedem Handgriff neu. Eben noch die Presseerklärung schreiben oder erst die Wäsche aufhängen? Noch schnell die Geschäftsmail beantworten (abends um halb elf …), oder einfach durchs Fernsehprogramm zappen? Als erstes duschen, oder als erstes die Post angucken? Ich merke deutlich, wie unzufrieden ich mit diesem Dasein als Flipperkugel bin. Es ist ja interessant, sich ständig von seinen Bedürfnissen leiten zu lassen – oder die des Hundes, der gerade JETZT raus muss, wo ich endlich im Flow bin – aber effizient ist es nicht. Jedenfalls nicht in einer Weise, wie ich es genießen würde.
Was also tun? Ich könnte zum Beispiel beschließen, künftig morgens ins 25 km entfernte Büro zu fahren und dort zu arbeiten. „Och nöööööö“, sagt es in mir. Alles, was ich dazu brauche, ist doch hier zu Hause in meinem Studio (Büro). Mich selbst irgendwie verpflichten, von 10-13 Uhr und von 14.30-17.00 Kernarbeitszeit vor dem Rechner zu sitzen? Hey, habt Ihr mal rausgeguckt? Die Sonne scheint, es ist Frühling! Und jetzt erreiche ich bei Firma XY sowieso keinen, da ist Mittagspause … Ich finde immer eine Ausrede, warum das nicht klappt. Auch mein Versuch, mich morgens mit Kollegen zum Check-in zu verabreden, hat auf lange Sicht nicht hingehauen. Wir haben tatsächlich einfach nur gequatscht und dabei noch mehr Zeit verbrannt. Hey, Ihr Selbstständigen da draußen, wie bringt Ihr Eure verschiedenen Bedürfnisse unter einen Hut? Ich hätte gern ein kleines Verbausystem in meinem Leben, am besten mit einer großzügigen Treppe zum Ein- und Aussteigen. Habt Ihr dafür eine Bestelladresse?

So long!

Ysabelle

Wieso Hund?

Hallo, Welt!
Dorothee fragte in einem Kommentar:

Welches Bedürfnis erfüllst du dir als Hundebesitzerin?

und ich habe mich schon ein paar Tage auf die Beantwortung dieser Frage gefreut. Gerade war ich in Steyerberg und hatte da noch die Gelegenheit, mit zwei weiteren Hundebesitzenden über diesen Aspekt zu diskutieren. Hier kommt also meine aktuelle Antwort, die ich vielleicht künftig immer mal wieder ergänze.
Als ich anfing, über einen Hund nachzudenken, waren die Gefühle Traurigkeit und Sehnsucht. Ich hatte über viele Jahre Gasthunde in meinem Leben und ich merkte, sie fehlen mir.
Als nächstes merkte ich, dass meine körperliche Fitness immer mehr zu wünschen übrig ließ. Ich bewegte mich kaum noch, wog mehr als mir gefiel und hatte Schwierigkeiten, die Schuhe zuzubinden. Also wünschte ich mir Bewegung.
Drittens ging es mir um Struktur. Mein Alltag bestand aus Aufstehen, Arbeiten und Schlafen gehen. Da mich meine Arbeit meist mit Freude erfüllt, hat mich das einerseits nicht gestört. Andererseits verschob sich allmählich mein Tag-Nacht-Rhythmus. Und ich kam nicht mehr vor die Tür. Ich vereinsamte sozusagen vor dem Monitor.
Viertens hatte ich Interesse, andere Leute kennen zu lernen.

Die erste Strategie, um mir diese Bedürfnisse zu erfüllen, war die Anmeldung im Fitness-Studio. Das funktionierte ein bisschen, aber einsam war ich noch immer. Die Leute im Fitness-Studio – die meisten Mitarbeitenden und Trainierenden – waren auf einem anderen Planeten. Verbindung kam nicht zustande.

Sicher gibt es noch mehr kleine Impulse, aber ich belasse es mal dabei.
Ich konnte mit meiner Familie eine Vereinbarung treffen, dass sie sich um den Hund kümmern würde, wenn ich anderweitig beschäftigt wäre. Damit wollte ich mir auch ein näheres Zusammenrücken im Familienkreis erfüllen. (Das ist mal total in die Hose gegangen, aber das ist eine andere Geschichte). Und so kam dann der Hund und mein Leben war von einer Stunde zur anderen nicht mehr dasselbe.

Mein Hund geht in Beziehung zu mir.
Er tut absolut nicht alles, was ich will. (Ist ja auch keine Kaffeemaschine, wo auf Knopfdruck Espresso rauskommt).
Er tut auch manche Sachen, die ich gar nicht will. Zum Beispiel hat er Samstag zum zweiten Mal meine Brille zerlegt. Solche Pannen kann ich mir eigentlich nicht leisten.
Wenn ich in ein Haus gehe, weil ich dort etwas erledigen muss, wartet er auf mich. Tatsächlich weint er vor der eigenen Haustür, wenn ich nur eben den Wagen umparke, weil er denkt, ich fahre ohne ihn weg.
Mein Hund tanzt mit mir. Tatsächlich. Vom Gewicht her ist es so, dass ich ihn gerade noch tragen kann mit seinen zehn Kilo. Und ab und zu ist er auf meinem Arm und wir tanzen zu dem alten Schmachtfetzen „Hab ich dir heute schon gesagt, dass ich dich liebe“.
Mein Hund isst mit mir.
ich sitze auf einem kleinen Hocker, wir sind fast auf Augenhöhe, und er frisst mir aus der Hand. Das ist für mich ein sehr inniger und liebevoller Moment, in dem wir ganz miteinander verbunden sind. Es gibt dann Fleischwurst oder Leberwurst, wo seine Medikamente drin vergraben sind, und wir machen ein schönes Ritual daraus.
Mein Hund sorgt dafür, dass ich rauskomme. Auch schon morgens früh.
Mein Hund ist einfach DA. Das ist tatsächlich sehr großartig. Diese Beziehung zum Hund ist sehr beständig. Egal ob ich meine Zähne geputzt habe, ein altes, schlabberiges Nachthemd trage, aufgebrezelt bin oder glatt gar nichts anhabe: Für meinen Hund bin ich immer ok.
Mein Hund nimmt mir nichts übel. Er verzeiht großzügig und bleibt mir gewogen.
Fast scheint es so, als erlebe ich mit dem Hund eine Sicherheit und Gewissheit, wie ich sie speziell in Liebesbeziehungen nicht gefunden habe. Und das ist überaus beglückend. Mein Hund nimmt mich so wie ich bin und liebt mich so wie ich bin. Und ich ihn auch.
Klar finde ich es Scheiße, wenn er mir zum dritten Mal eine Brille zerbeißt. Und ich bin wenig begeistert, wenn er wie aktuell sich nicht richtig lösen kann, weil ihm der Darminhalt am Fell festbackt. Was tun? Wir gehen zusammen unter die Dusche, und ich massiere seinen Hintern so lange mit warmem Wasser, bis er wieder frisch im Schritt ist. Ey, das macht mir keinen Spaß, aber es ist eine Selbstverständlichkeit, ihm da behilflich zu sein.
Was ist das größte Geschenk? Seine Präsenz. Er geht überall mit mir hin, ans Wasser, auf den Friedhof, in mein Lieblings-Lokal oder ins neue Lager. Er beschwert sich nicht, wenn ich arbeite. Er schläft, wenn er müde ist oder sich langweilt. Und er fordert mich unmissverständlich auf, mit ihm Zeit zu verbringen, wenn ihm das wirklich wichtig ist. Wir sind ein gutes Team und ich bin einfach nur dankbar, dass er in meinem Leben ist.

So long!

Ysabelle

*R*E*S*P*E*K*T*

Hallo, Welt!
Heute Morgen fühlte ich mich leidlich frisch, als ich mit Fontane die kleine Runde drehte. Gleich nach dem Aufwachen war mir ein Artikel zugeflattert, in dem stand, dass Eltern nicht mehr mit ihren Kindern Enten füttern sollten. Ich dachte bei mir, schade! Hatte doch Marshall Rosenberg immer wieder erläutert, wir sollten nur dann etwas geben, wenn wir es mit der gleichen Freude tun könnten wie ein Kind, das Enten füttert.
Fontane liebt alle Vögel. Deshalb hat er auch immer einen genauen Blick auf alle Enten, die bei uns sehr häufig anzutreffen sind. Als wir zum ersten See kamen, zog er wie verrückt, um ans Wasser zu kommen. Dort war ein Mann mit einem Gehwagen und ein kleines Mädchen, der Mann fütterte die Enten. Das Mädchen lag die meiste Zeit auf dem Steg und zeigte kein besonderes Interesse an den Enten. Der Mann führte eine goldfarbene Getränkedose zum Mund und ich dachte, „Prost … um 8.30 Uhr … “ Fontane eierte so lange im Unterholz rum, dass uns die beiden noch überholten. Im Gehwagen lagen neben dem Toastbrot eine Packung Schokokekse und ein Sitzkissen.

Als wir um die nächste Ecke zottelten, kam uns eine Frau mit einem grauschwarzen Hund entgegen. Die beiden Tiere beschnüffelten sich und ich fragte, ob der Hund ein Schnauzer sei. Nein, ein Spoodle, also ein Mix aus Spaniel und Pudel. Die Frau sprach Deutsch mit starkem polnischen Akzent. Dann kam ein Mann aus der gleichen Richtung auf uns zu, wo die Frau hergekommen war. Zuerst dachte ich, die kennen sich. Bis zu dem Moment aber nicht …
Der Mann – sehr gepflegt gekleidet und mit Aktentasche in der Hand – wurde ziemlich deutlich. „Ich mag Hunde, aber ich hasse Hundehalter!“ Dann beschwerte er sich bei der Frau, ihr Hund hätte genau vor sein Haus geschissen, und sie hätte keine Anstalten gemacht, den Haufen zu beseitigen. Die Frau sagte etwas. „Wir scheißen auch nicht vor Ihre Haustür! Kommen Sie mir nicht mit „ich verstehe kein Deutsch. Sie verstehen mich sehr gut. Das hat was mit Respekt zu tun, so was macht man einfach nicht“. Der Mann hatte übrigens auch eine ausländische Klangfarbe, ich tippe mal auf holländisch.
Ich griff in die Tasche und holte einen Kotbeutel raus. Ich hielt der Frau den Beutel hin und sagte, „vielleicht wussten Sie es nicht, die gibt es für alle Hundehalter kostenlos im Rathaus!“ Der Mann ließ nicht locker und sprach noch mal über sein Bedürfnis nach Respekt und Sauberkeit. Er war ärgerlich, aber ich fand ihn nicht aggressiv oder bedrohlich. Und bei mir dachte ich, „was für eine schöne Energie, sein Anliegen zu vertreten!“ Dann sagte er zu der Spoodle-Besitzerin, „Gehen wir jetzt zurück und Sie machen das weg?“ Das war die Gelegenheit weiter zu gehen. Ich glaube, die beiden sind dann tatsächlich den Weg zurückgegangen.

Auf dem Restweg nach Hause habe ich noch mal über dieses Thema nachgedacht. Ich bin mal ziemlich angefahren worden, weil ich bei einem Hundespaziergang im Starkregen keinen Beutel mit hatte und sich der Hund an einer Stelle gelöst hatte, wo es weniger als wunderbar war. Ich bin immer sehr bemüht, ausreichend Beutel dabei zu haben. Viele Hundehaltende hier in der Stadt sind sehr bedacht darauf, die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner zu beseitigen. Neulich beschwerte sich eine Bekannte bei mir über einen Mann, dessen Hund einen großen Haufen auf den Rasen hinter der Kirche gemacht hatte. Sie hatte ihn angesprochen, einen Beutel in die Hand gedrückt und ihn aufgefordert, die Hinterlassenschaft einzusammeln. Als er der Auf-Forderung nicht folgte, fotografierte sie ihn mit dem Handy, um ihn beim Ordnungsamt anzuzeigen.
Das kann ich schwer verdauen. Ich finde es auch im wahrsten Sinne des Wortes Scheiße, in Hundekot zu treten. Und gleichzeitig möchte ich auf Freiwilligkeit und Einsicht bauen. Ich glaube, die Frau heute Morgen hat begriffen, dass das keine gute Idee war, ihren Hund vor fremder Leuts Türen sein Geschäft machen zu lassen. Wenn sie jetzt noch die Sache mit den kostenlosen Beuteln kapiert, ist das doch schon die halbe Miete …

So long!

Ysabelle

An der Leine • Von der Leine

Hallo, Welt!

Bei unserem Rundgang heute Morgen kam es zu einer interessanten Begegnung. Aus 40 m Entfernung sah ich, wie eine Frau ihren Hund vor „meinem“ Bäcker anbinden wollte. Ein Haken war durch ein Fahrrad verstellt, also nahm sie den anderen. Ich kam, band Fontane hinter dem Fahrrad fest, gab ihm ein Leckerli und ging (knapp vor der Frau) in den Laden. Nachdem ich meine beiden Brötchen hatte, ging ich wieder raus, gab Fontane ein Leckerli, band ihn los und ging mit ihm weiter in die Richtung, wo der andere Hund angebunden war. Dieser zog in unsere Richtung, wedelte mit dem Schwanz, die Ohren waren entspannt. An straffer Leine ließ ich Fontane zur Begrüßung näher treten. Unmittelbar darauf kam die Frau aus dem Laden gelaufen und sagte – SINNGEMÄSS – eine Unverschämtheit, so dicht an ihren Hund zu gehen, das würde sich nicht gehören, ich solle sofort mit meinem Hund da weg gehen …

Glückliche Fügung, ich hatte meine Giraffenohren dabei und konnte einfühlend reagieren. Ich zog Fontane weiter weg und signalisierte, dass ich auf die Frau warten würde. Sie ging zurück in den Laden, schloss den Verkaufsvorgang ab und kam wieder raus. Sie wiederholte ihren Standpunkt, dass sie nicht möchte, dass andere Hunde ihrem Hund zu nahe kommen, der an der Leine ist und sich nicht verteidigen kann oder sein Revier schützen. Ich gab wieder, was ich von ihr gehört habe, dass es ihr Anliegen ist, ihren Hund zu schützen, und dass die Hunde sich nicht kennen, und ihr daher Sicherheit und eigener Raum für ihren Hund besonders wichtig ist. Mein Eindruck war, sie stutzte kurz. Dann sagte sie, schon immer noch mit einem dringenden Unterton: Danke, dass Sie nicht gleich zurückschimpfen. Aber trotzdem, ich will das nicht, dass ein anderer Hund meinem Hund so nahe kommt, wenn er hier angebunden ist. Ich entgegnete, „warum sollte ich Sie beschimpfen? Sie wollen doch nur Ihren Hund beschützen!“ Sie band dann ihren Hund los und ging weg, wie mir schien weniger ärgerlich als zuvor.

Ich werde mal bei meinen Hundefreundinnen nachfragen, was es denn da für ungeschriebene Gesetze gibt, die ich da mal wieder nicht gekannt habe.

Ich bin zufrieden damit, dass ich hier nicht auf die „klassische“ Diskussion eingestiegen bin und nicht einmal „ja, aber“ gesagt habe. Gleichzeitig habe ich so gut es möglich war, meinen Standpunkt vertreten, ohne den anderen anzugreifen.

In meiner liebsten Facebookgruppe kam es heute zu einem Streit, der sich an einem Begriff aus der Nazi-Zeit entzündete. Jemand aus der Gruppe wähnte sich durch einen Kommentar diffamiert und verleumdet, in die Nähe von Nazis und ihrem Gedankengut gerückt. Getreu meiner Fastenregel ist es mir gelungen, das inhaltlich nicht zu kommentieren. Einem Beteiligten habe ich eine große Dose Spontanempathie zukommen lassen, dem anderen habe ich sie angeboten. In mir ist gerade eine Freude, weil es mir gerade zwei Mal gelungen ist, mich nicht zu verwickeln. ich kann zurücktreten und meine Impulse kontrollieren. Ich muss also mich selbst nicht wieder einfangen, nur weil ich schon mal blind hechelnd los gelaufen bin. Ich empfinde diese Form der Selbstregulation als zutiefst beglückend. Und ich feiere meine wachsenden Fähigkeiten an dieser Stelle.

So long!

Ysabelle

I am a Pussy …

Hallo, Welt!
Denke nur ich das oder ist unser Ausschnitt der Welt tatsächlich aus den Fugen? Kein Tag mehr ohne Meldungen über Donald Trump. War das vor acht Jahren bei Obama auch so? Und Warnungen vor der AfD. Ständige Vergleiche mit dem Aufstieg der NSDAP vor 90 Jahren. Da passieren Sachen, die mich bestürzen, falls sie denn wahr sind.
Kürzlich hielten „die Rechten“ eine große Veranstaltung in Koblenz ab. Auch französische Politikerkollegen waren eingeladen. Ich las dieser Tage, dass Teilnehmende der AfD, auch die Bundesspitze, kein Hotelzimmer bekamen. Wenn sie eins hatten, wurde „aus Brüssel“ bei den Hotelbesitzern und vor Ort Druck gemacht, man dürfe „diese Leute“ nicht bewirten. Frauke Petri soll schließlich ein Zimmer mit der Auflage bekommen haben, nur den Seiteneingang zu benutzen und nicht zu frühstücken.
Ich muss wohl nicht extra betonen, dass ich kein Anhänger der AfD bin. Gleichzeitig bestürzt mich diese Meldung zutiefst. Die Partei ist nicht verboten. Sie ist in verschiedenen Parlamenten vertreten. Ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung – und durchaus nicht nur Menschen ohne Schulabschluss – sieht von der AfD die eigenen Interessen besser vertreten als von den etablierten Parteien. Hier ist ein Feindbild entstanden, ein „die“ und „wir“, und „wir“ sind natürlich die Guten und „die“ sind natürlich die Bösen. So schafft man Märtyrer. Wo findet ein Dialog statt? Versuchen wir, die Bedürfnisse hinter diesen Worten zu hören? Ich merke gerade, wie mich die Traurigkeit überrollt. Hat nicht sogar Marshall Rosenberg an einer Stelle gesagt, sein Verstehen von Hitler sei für ihn der größte Prüfstein gewesen? Und lautet nicht einer unserer Leitsätze: Verstehen heißt nicht einverstanden sein?

Die BBC meldet:

President Trump signed an executive order calling for the advancement of the controversial Dakota Access and Keystone XL oil pipelines.
He said the move will create thousands of American jobs.
Native Americans and First Nations Canadians who oppose the projects give their reaction.

Auf Facebook las ich den Text einer Person, die schrieb, sie sei vor Ort gewesen und habe gesehen, wie die Protestierenden mit Gummigeschossen schwer verletzt wurden, wie Protestierende mit Tränengasangriffen auseinander getrieben wurden. Der Text war lang und detailreich und drastisch. Es schüttelt mich. Was ist los, Leute? Wie gehen wir miteinander um? Dagegen waren ja die Proteste gegen das Kernkraftwerk Brokdorf hier bei mir um die Ecke Mitte der achtziger Jahre ein Schulausflug! Und Stuttgart 21 ein Kindergeburtstag. 200000 Menschen sind seit dem Putschversuch gegen Erdogan in der Türkei im vergangenen Sommer aus dem öffentlichen Dienst entlassen worden, das Parlament entscheidet über die Wiedereinführung der Todesstrafe … beschließt eine Volksabstimmung. Kann ich das VOLK darüber abstimmen lassen?

Was mich beeindruckt hat, waren die friedlichen Frauenproteste in den USA nach der Amtseinführung von Präsident Trump. Hier ist eine Bewegung entstanden, von der ich aus der Ferne denke, das gefällt mir. Mehr als 600 Veranstaltungen gab es im ganzen Land, mit Millionen von Teilnehmenden. Ihr Erkennungszeichen: Ein rosa Hut. Folglich nennt sich die Bewegung „Pussyhat Project“. PussyCat ist der Kosename für Katzen, aber mit Pussy wird häufig auch die Vagina tituliert. Im Wahlkampf wurde ein Tonmitschnitt veröffentlicht, in dem Donald Trump einem Reporter berichete, er könne jeder Frau an die Pussy fassen. Ich habe ja lange nicht mehr gestrickt, aber in dieser Woche habe ich Wolle bestellt. Der Tagesspiegel hat eine Strickanleitung veröffentlicht, die mir Lust gemacht hat, zu den Nadeln zu greifen. An diesem Wochenende geht es los. Ich werden irgendwas fernsehen, in meinem gemütlichen dicken Ledersessel sitzen, den Hund neben mir, und stricken. Pussyhats …

So long!

Ysabelle

Statt dessen könnte ich Frieden sehen

Hallo, Welt!
Ich bin ja recht aktiv bei Facebook und erfreue mich an den GFK-Beziehungen, die ich dort mit Leichtigkeit aufrecht halten kann. Nun habe ich festgestellt, dass ich in den vergangenen Wochen mehr und mehr Unfrieden gesehen, erlebt und auch geteilt habe. Meine Kollegin Dian Killian aus New York postete gestern einen „Beweis“, dass Donald Trump seine Frau Melania misshandelt. Ein Bekannter verteidigt die schönen Absichten der AfD und beschwert sich, dass die Presse luschig und einseitig recherchiert und dass Richtigstellungen und Gegendarstellungen eben längst nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen wie die ursprünglichen Falschmeldungen. Die Flüchtlingsdebatte löst bei mir mittlerweile körperliches Unbehagen aus. Also was kann ich tun?

Als erstes ist heute Morgen der Entschluss gereift, zunächst für eine Woche vom Kommentieren bestimmter Postings zu fasten. Ich finde, Fasten ist immer eine gute Sache, wenn es darum geht, sich des Umgangs mit einer Sache bewusst zu machen, seien es Lebensmittel, Drogen, sich sorgen oder eine Verhaltensweise. Das trägt zum Entgiften bei. Und dann möchte ich mich in solchen Situationen, die mich so aufregen, fragen: Was muss gerade jetzt passieren, damit ich Frieden sehen kann? Was kann mein Beitrag zum Frieden sein?

Gerald Jampolski hat ja in seinem hier schon häufig zitierten Buch „Lieben heißt die Angst verlieren“ 12 Lektionen für ein glückliches Leben zusammen gestellt. Und eine heißt eben: „Statt dessen könnte ich Frieden sehen“. Ich mache daraus mal einen Auftrag für mich: Ich möchte Frieden SEHEN. Ich entscheide mich das im Blick zu haben, was gut ist, was mir Freude macht, für das ich dankbar bin. UND: Ich will Frieden säen. Was kann ich dazu beitragen, dass wir mehr Frieden haben? Das ist doch mal eine spannende Aufgabe, zu der ich gern Anregungen bekomme.

So long!

Ysabelle

Im Frieden leben …

Hallo, Welt!

I will not do violence to you by my thoughts, words, or actions. I do not want to shame, humiliate, or harm you. I will pray for you, America, and myself.

I will not be passive. I will resist you with love and seek your good, not because I am especially fond of you but because I believe God loves you, even as God loves Muslims, immigrants and refugees, women, the disabled, and Mexicans.

Ich bin wütend. Ich bin wütend, weil Trump ein Einreiseverbot für Menschen aus sieben Ländern erlassen hat. Über 100 Leute kamen in den USA auf den Flughäfen an und durften nicht aussteigen. Das Dekret betrifft auch Flugzeugbesatzungen, Goldmedaillengewinner, LiteratInnen.

Die AfD bestreitet den Einfluss des menschlichen Handelns auf das Klima. Das Klima habe sich ja immer verändert, jetzt würde es halt grad mal wärmer und CO2 ist ja auch gut für die Pflanzen.

Eine Mitarbeiterin stellt die Arbeit ein, weil ihr Computer kaputt ist und auf dem zur Verfügung gestellten Netbook könne man ja nicht vernünftig arbeiten. Ah ja …

Eine Seminarteilnehmerin hatte erst unmittelbar vor dem Workshop mitgeteilt, sie habe kein Geld, um zu bezahlen, und ob sie auch in vier Wochen zahlen könne. Bei meiner Kontenkontrolle habe ich heute festgestellt, dass sie auch drei Monate nach Ende des Seminars nicht bezahlt hat.

Ich merke, dass ich mich heute Morgen in eine Wuttrance reindrehe und das macht mich gleichzeitig traurig und hilflos. Da stolperte ich via Facebook über einen Blogeintrag, aus dem ich oben zitiere. Ein Priester dankt darin Donald Trump für die Gelegenheit, sich mit der eigenen Gewalttätigkeit zu verbinden und daran zu arbeiten.

Ja, genau darum geht es. Ich bin gewalttätig, in meinen Gedanken. Ich bin wütend, ich bin ärgerlich.

Und jetzt finde ich jemanden, der mir Empathie gibt, damit ich diese verdammte Wut loslassen und transformieren kann. Denn ich will „in Frieden leben“.

So long!

Ysabelle

Nehmen Sie bitte Ihren Hund zurück?

Hallo, Welt!
Heute der Termin in der Tierklinik beim Spezialisten für Nierenerkrankungen. Wir waren pünktlich da und ich konnte mit Fontane noch eine kleine Runde durchs Wäldchen vor der Tür der Klinik drehen. Auf dem Rückweg kam uns eine Frau mit einem Golden Retriever entgegen, der die Nase am Boden hatte und uns immer näher kam. Eingedenk der Lektionen in der Hundeschule rief ich die Frau EXTRA freundlich an, „Nehmen Sie bitte Ihrem Hund zurück?“ Hatte ich doch gerade neulich eine umfangreiche Belehrung bekommen, warum einander fremde Hunde sich nicht an der Leine begegnen sollten, und meiner war nun mal an der Leine und den anderen kannte ich nicht.
Die Frau telefonierte und reagierte nicht. Inzwischen war ihr Hund bis auf eine gefühlt sehr kurze Distanz an uns rangekommen und ich rief etwas dringender, „nehmen Sie bitte Ihren Hund zurück?“
Jetzt sprach die Frau ins Telefon „Moment mal“ oder so ähnlich und sagte dann, „wieso denn, der macht doch gar nichts?“
Inzwischen war es mir echt dringend. Ich wollte in dieser Situation keinen großen freilaufenden Hund an Fontane haben und wiederholte meine Bitte eindringlicher. Da rief sie ihn beiseite und wartete mit ihm am Wegrand, bis wir um die Ecke waren. Mein Eindruck war, dass sie ihr Unverständnis über dieses Ansinnen von mir ins Telefon sprach.

Und ich dachte bei mir: Was ist daran so schwer zu verstehen? Warum können die Leute nicht einfach tun, worum man sie bittet? Warum muss ich mich erst erklären, warum ich auf einem öffentlichen Weg vor einer riesigen Tierklinik keine Begegnung mit fremden Hunden haben möchte? Mein Tier könnte doch zum Beispiel ansteckend krank sein. Oder einen Herzfehler haben, und dürfte sich nicht aufregen. Oder er hat eine schwierige Begegnung mit einem Retriever gehabt und fängt an zu beißen, wenn eine gewisse Distanz unterschritten ist …

Meine Bedürfnisse waren Ruhe und Schutz. Wenn der fremde Hund noch näher gekommen wäre, hätte ich Fontane hochgenommen, aber das ist nicht meine Lieblingsstrategie. Ich wünschte mir Kooperation und Gesehen werden, Respekt. Es blieb ein unbehagliches Gefühl. Habt Ihr eine Idee, warum es so unattraktiv ist, so einer Bitte nachzukommen? Ich schätze, die Frau wollte Leichtigkeit und Autonomie. Aber für mich endet sie da, wo die Bedürfnisse anderer Leute tangiert sind.

Der Aufenthalt in der Tierklinik dauerte ungefähr 90 Minuten inkl. Wartezeit. Die Ultraschall-Untersuchung hat ergeben, dass Fontanes Innereien nicht da liegen, wo sie üblicherweise hingehören. Die Blase liegt falsch und noch ist unklar, ob auch die Harnleiter an der falschen Stelle sind. In einer umfangreichen Operation soll Tany Ende Februar umgebaut werden. Wenn auch die Harnleiter falsch liegen, sind die Chancen bei 80 Prozent, dass er nach der OP stubenrein ist. Sind sie richtig angebaut, stehen die Chancen auf Besserung nur bei 30-40 Prozent. Gemacht werden sollte der Eingriff auf jeden Fall, denn sonst wird die Niere durch eine chronische Infektion dauerhaft geschädigt.

Ich bin traurig und erschöpft. Bis zuletzt hatte ich gehofft, es wäre nur eine Kleinigkeit.

So long!
Ysabelle

In der Hundeschule

Hallo, Welt!
Es geht voran, nur in welche Richtung? Heute habe ich einen Termin in einer Fachklinik gemacht, wo es einen Nierenspezialisten für Hunde gibt. Mein Stamm-Tierarzt ist mit dem Latein und seinen diagnostischen Möglichkeiten am Ende. Zwar haben wir in Sachen „stubenrein“ nur noch zehn Prozent der Probleme wie vor drei Wochen, aber wir haben halt immer noch mal welche. Nachts ist er mal trocken und mal nass … also nun: Katheteruntersuchung der Blase und Ultraschall. Wenn das so weiter geht, muss ich einen Kredit aufnehmen.

Unter Antibiotika-Abdeckung geht es Fontane so gut, dass wir mittlerweile drei Mal in der Hundeschule waren. Das sind ja mal intensive Erlebnisse – für mich. Schon lange bin ich nicht so mit urteilenden Stimmen im Kontakt gewesen. Ich spüre Druck, tatsächlich so etwas wie Ängstlichkeit, Unsicherheit, Besorgnis. Meine unerfüllten Bedürfnisse sind – wie ich gerade merke, Vertrauen – Gemeinschaft/Zugehörigkeit (ich möchte nicht anders sein als die anderen Hundehalter. Und gleichzeitig merke ich dass ich nicht so sein möchte wie sie.) Ich bin beeindruckt, was deren Hunde alles können, wie gut die gehorchen. Und dann fühle ich mich schlecht. Mein Hund kann das nicht, also stimmt mit mir etwas nicht.
Ich kann das sehr bewusst wahrnehmen und bin mit Gefühlen und Bedürfnissen auf dem Platz. Lernen, Wachstum, Verstehen, Gemeinschaft, Sicherheit, … kaum macht Fontane etwas anders als andere Hunde, fühle ich Unsicherheit, Angst, Besorgnis. Ich könnte mir vorstellen, dass ich diese Gefühle schon als Schulkind hatte, aber damals durften sie keinen Raum haben. Es fühlt sich eindeutig so alt an, und ich nehme mich als so „klein“ wahr, jedenfalls einen Teil von mir. Das hat wahrscheinlich gar nichts mit der Hundeschule zu tun.

Stichwort „Leinenaggression“. Die Ansage lautet, wenn die Hunde an der Leine sind, sollen sie nicht miteinander spielen. „Das fördert die Leinenaggression“. Ich habe das eben mal gegoogelt und einen schönen Artikel zu dem Thema gefunden. Hier ein Ausschnitt:

Wie kann ich vermeiden, dass mein Hund zum Leinenrüpel wird?
Am einfachsten ist, man bringt bereits seinem Welpen bei, dass entgegenkommende Hunde „lecker“ sind, dieses Vorgehen nennt man in Fachkreisen Gegenkonditionierung: Andere Hunde werden mit Futter aus der Hand des Halters verknüpft. Oft sind viele Wiederholungen nötig, bis der entgegenkommende Hund als Signal für Leckerchen wird. Bei ausreichender Übung wird Ihr Hund sich Ihnen zuwenden und wie im Comic sein Leckerchen einfordern. Als Folge ignoriert er den anderen Hund. Auch für den entgegenkommenden Hund entspannt sich nun die Situation, denn er wird nicht mehr bedroht. Ein Passieren ist nun ohne Probleme möglich.

Also, dieselben Welpen, die gleich wild miteinander toben, die sich aus der Vorwoche kennen, dürfen jetzt beim Ankommen an der Leine den Kumpel nicht mehr persönlich begrüßen, sondern müssen Abstand halten. Ist das wirklich „Hund“, oder denkt da der Mensch, und zwar Bullshit? Ich wünschte, ich hätte mehr Kompetenz auf dem Gebiet. Ich habe deshalb explizit nachgefragt, denn die Trainerin hatte etwas ausführlicher über diese „Nicht-Begegnungen“ mit anderen Hunden referiert. Heißt das konkret, Hunde, die wir noch gestern freundlich begrüßt haben, die wir seit drei Monaten bei unseren Spaziergängen treffen, sollen wir jetzt nicht mehr begrüßen? Wie erkläre ich das dem anderen Hundehalter und vor allem meinem Hund?

Ich habe daraufhin noch einmal die Trainerin angesprochen. Ich könne ihre Aussage zur Leinenaggressivität nicht verstehen. Es leuchte mir nicht ein, wieso ich heute einen Bogen um den Hund machen müsse, den wir gestern noch freundlichst beschnuppert haben …
Also: Bekannte Hunde dürfen weiter beschnuppert werden. Keinen Kontakt sollen wir zu fremden Hunden aufnehmen, die wir nicht kennen, deren Halter wir nicht kennen, über deren Gesundheitszustand wir nichts wissen.

Und warum dürfen wir dann die Kumpels von voriger Woche nicht begrüßen, wenn wir uns wieder sehen?
„Das ist auf allen Hundeplätzen so“.

Ah, ja. Anweisung von oben. Es ist das Gesetz. Das haben wir schon immer so gemacht …

Zum Glück habe ich mittlerweile einige sehr schöne Hunde-Menschen-Freundschaften geschlossen. Da ist natürlich in erster Linie Sally, die Fontane für ihr Baby hält. Dann gibt es eine Frau, deren Hund rund wie eine Tonne ist. „Der frisst ja gar keine Leckerli. Das kommt von der Schilddrüse“. Warum hat sie dann nur ständig Leckerlis in der Hand, die auf Fontane herabrieseln? Und dann gibt es den Dalmatiner-artigen Ramon, der bereitwillig mit Fontane Bälle jagt. Ilvi ist seine Freundin aus der ersten Woche bei mir. Mit fünf Monaten ist sie nun eine echt schicker Hoverward-Teenager, mit dem man toll toben kann. Mit den Hunden finde ich es gar nicht so schwierig. Obwohl wir Freitag eine Begegnung mit einem Neufundländer hatten, die mich noch Stunden später schüttelte. Daran habe ich mal wieder gemerkt, dass ich mich zwischendurch mit meinem Hund identifiziere. Aber während er die Erfahrung anscheinend einfach verbucht als „ok, das war anstrengend“, war ich ziemlich aufgelöst und ängstlich und fast sicher, dass Fontane ein Trauma vor großen schwarzen Hunden erlitten hat. Erst nach gutem Zuspruch durch meinen Coach Marion bin ich wieder auf den Teppich gekommen.

Ja, ja, ich finde es schon spannend, was in meiner Innenwelt los ist. Eine neue Chance zum Lernen und Wachsen.

So long,

Ysabelle

Is der krank?

Hallo, Welt!
Jeder Spaziergang kann eine Herausforderung in Sachen Gewaltfreie Kommunikation sein. Heute Nachmittag kamen mir ein Mann und eine Frau entgegen. Fontane trug seinen neuen Regenmantel fontane-16_10_23. Der Mann sagte laut und in einem Ton, den ich nicht gern höre: „Is der krank?“ Dieses Mal schüttelte ich mich innerlich und antwortete strahlend: „Ja!“ Mehr muss der Mensch nicht sagen. Unerfüllte Bedürfnisse: Respekt und Schutz.

Tatsächlich finde ich Hundemäntelchen albern, doof, teuer und überflüssig. Trotzdem habe ich gestern einen Haufen Geld ausgegeben und dieses modische – vom Hersteller „Skijacke“ genannte Kleidungsstück für meinen Hund gekauft. Und nach drei Spaziergängen mit Fontane im Mantel bin ich sehr begeistert von diesem Dress. Der Hintergrund: Wir hatten gestern einen Notfall-Termin beim Tierarzt, der weit über zwei Stunden gedauert hat. Die Fotos von Fontane in Narkose erspare ich Euch. Die Röntgenbilder auch. Aktuell scheint es so, dass organisch alles in Ordnung ist, aber die dritte – und diesmal schlimmste – Blasenentzündung in neun Wochen gibt doch Anlass zu gesteigerter Besorgnis. Daher der Tipp vom Tierarzt, ein Mantel könnte dem Kleinen gute Dienste leisten, denn offenbar verkühlt er sich immer wieder. Also waren wir shoppen und ich bin mit Passform und Schutz hoch zufrieden. Heute Morgen waren wir in strömendem Regen unterwegs, aber Rücken und Bauch vom Hund blieben trocken und warm. Wenn bloß die Kommentare der Spaziergänger nicht wären.

Eben sind wir von unserer Abendrunde zurück gekommen. Obwohl ich eine knallgelbe Warnweste über meiner dunklen Jacke trage und der Hund Rallyestreifen an seinem neuen Mantel hat, meinte eine andere Hundebesitzerin ziemlich unwirsch, wir seien nicht zu sehen und ich müsse mit Taschenlampe spazieren gehen. Ihre unerfüllten Bedürfnisse? Vielleicht Schutz und Sicherheit, so was wie Klarheit. Meine bei dieser Ansage? Autonomie und Respekt. Statt einer Du-Botschaft hätte ich lieber eine Ich-Botschaft gehört. Ja, ja, ich weiß schon … wir sind hier nicht auf dem Ponyhof und nicht bei „Wünsch dir was“ …

So long!
Ysabelle

Die Rache an Prokrastinierenden

Hallo, Welt!
Fast hätte das heute ein Tag werden können, an dem Fontane nicht in die Bude pinkelt. Alles lief so gut … Ich bin sehr motiviert, alle 90 Minuten vom Schreibtisch aufzustehen und kurz mit ihm vor die Tür zu gehen. Das klappt viel besser als das kurze Tappen der IWatch an meinem Arm, die mich dran erinnert, im Stehen weiter zu arbeiten. Er sagt noch immer nicht Bescheid (angeblich hat er das Freitag bei der Hundesitterin gemacht) und im Auto klappt es manchmal richtig gut mit Nicht-Pipi, zum Beispiel gestern, als er während der Geburtstagsfeier meiner Enkeltochter nicht mit ins Indoor-Spielparadies durfte, sondern draußen seine Ruhe hatte (es gibt Stunden, da beneide ich meinen Hund). Ich mache ausführliche Spaziergänge mit ihm und schließe ihn anschließend neben meinem Schreibtisch in der Gitterbox ein. Heute am späten Nachmittag hat er sein Nickerchen auf der Box gemacht Friedliche Ko-Existenz. Auch sein Freundfeind, der schwarze Kater, kam mal vorbei. Dann wollte ich sofort nach Fontanes Essen mit ihm raus (wissend, dass er nach jedem Nickerchen muss). und zack … hatte ich es wieder versäumt und der Hund hat neben den Kratzbaum gepinkelt. Seufz.Das kommt davon, wenn man Sachen aufschiebt.
Apropos aufschieben: Ich habe zurzeit so unglaublich viel Arbeit, dass ich nicht mal anfangen mag. Gefühlt möchte ich dafür immer einen ganzen Tag haben, aber es landen so viele und so viele verschiedene Dinge an, dass ich einfach nicht hinterher komme und dann bleiben auch dicke Brocken liegen. Hatte ich nicht vor einem Jahr entschieden, dass ich arbeitsmäßig kürzer treten will? Na, wenigstens ist die gute Absicht mit dem „mehr bewegen“ inzwischen umgesetzt. Dank unseres täglichen Fitnessprogramms zeigt die Waage fünf Kilo weniger und Hosen, die in der Vergangenheit sehr – sagen wir mal – figurbetont – saßen, passen jetzt wieder bequem. Hurra! Vielleicht liegt es auch am vielen Boden putzen. Das ist ja auch Bewegung.

So long!

Ysabelle

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben …

Hallo, Welt!
Bis 21.15 Uhr war ich nahezu euphorisch: Tag 1 ohne Pinkelei in der Bude. Eben brachte ich meinen Teller zur Spülmaschine … dann war es wieder Zeit für Wischtücher und Küchenpapier. Ok, ich feiere, dass wir von 10 Pinkeleien jetzt schon drei Tage runter sind auf eine. Und diese eine findet jeweils abends statt. Diese gerade nach einem 45-Minuten-Spaziergang. Ich muss das nicht verstehen.
Der Tag begann mit einem ausführlichen Marsch und endete auch so. Besondere Begeisterung löste bei Fontane fontane16_1003 das Skelett eines mittelgroßen Wirbeltiers aus, das er heute Morgen entdeckte. Normalerweise kommt er schon recht zuverlässig, wenn ich ihn rufe. Auf einer großen menschenleeren Anlage nahe dem Hafen habe ich ihn heute Morgen frei laufen lassen, obwohl das dort nicht erlaubt ist. Drei Mal kam er zurück, beim vierten Mal bewegte er sich überhaupt nicht vom Platz. Ich dachte auf Entfernung, er würde buddeln, aber nein, er hatte ein halbes Skelett im Maul *schüttel_grusel*. Ich bin kein Biologe, es hätte von einem großen Hasen oder von einem Lamm sein können. Jedenfalls habe ich es nur mit Gewalt aus Fontanes Schnauze gerissen bekommen. Das war echt ein schwerer Moment für mich.

Nahezu jeden Tag bin ich aufs Neue damit konfrontiert, dass Gewaltfreiheit eine Haltung ist. Heute bekam ich eine längere Info zum Thema Welpenerziehung. Es ging um Fontanes Wurfbruder. Unglaublich, wie anders er aufwächst. 20 Minuten Strafsitzen im Käfig, eingesperrt werden, wenn er was falsch gemacht hat wie Anspringen (oder Bellen). Bei fast jedem Gassigehen treffe ich auf Hunde, die „herkömmlich“ gehalten werden. Heute wollte ein junger Staffordshire Terrier mit Fontane spielen. Ich hatte echt Angst. Was für ein Kraftpaket! Das Frauchen musste sich ganz schön in die Leine legen, um ihn zu drosseln. Ich versuche mit allen Hundehaltern, auch mit denen, die Teletakt-Halsbänder benutzen oder ständig mit ihren Hunden schimpfen, empathisch umzugehen. Vor allem versuche ich, mit meinem Hund empathisch umzugehen. Und wenn ich merke, ich habe keine Kraft, sondern werde harsch und ungeduldig, dann nehme ich mir eine Auszeit. Tatsächlich lerne ich, mit mir empathisch umzugehen. Das ist ja mal was Neues!

Tatsächlich hilft es mir, die Gefühle und Bedürfnisse meines Hundes zu vermuten. Eigentlich ganz unspektakulär, oder? Bei Tieren scheint das noch krass-ungewöhnlicher zu sein als bei Menschen. Eine Bekannte erzählte mir heute Morgen, ihr Lebensgefährte habe die Krankheit Mukoviszidose und solle regelmäßig mit Sole/Salzwasser inhalieren. Es treibe sie in den Wahnsinn, dass er das nicht tue. Sie konnte sich nicht einmal vorstellen, mit dem Partner zu empathisieren. Dieser Umgang mit der eigenen Gesundheit war ihr total fremd und sie war schwerst genervt und hilflos. Wie soll man auch erwarten, dass Menschen, die mit sich und anderen eher tough umgehen, mit einem Hund empathisch sind? Na, kann ja noch kommen.

So long!
Ysabelle

Unterwegs

Hallo, Welt!
Ich bin ein Morgenmuffel. Ich funktioniere, aber ich bin nicht besonders gesprächig und vor dem ersten halben Liter Kaffee ist mit mir nichts anzufangen. Trotzdem habe ich keine Probleme, früh morgens mit Fontane rauszugehen. Morgens ist dafür sogar meine liebste Zeit, wenn alles noch so still und „natürlich“ erscheint.
morgenstimmung
Auf unserer Morgenrunde begegnete uns heute ein Mann mit seinem Hund. Ich ordnete ihn gedanklich unter „Kampfhund“ ein. Gerade suchte ich mit diesem Begriff nach einem Foto, um die Rasse benennen zu können, und fand unter den einschlägigen Label-Fotos von Stafford-Terriern und Bull Mastiff nichts, was auch nur annähernd so aussah. Was also macht für mich einen Hund zum Kampfhund? Er war etwa so groß wie ein Boxer, hatte einen gedrungenen Körperbau und eine breite Schnauze, die sehr kräftig auf mich wirkte. Der Anblick des Hundes an der Leine löste bei mir Unbehagen und Besorgnis aus.

Anscheinend zeigte diese Hündin – sie trug ein Geschirr mit der Aufschrift „Mama“ – Interesse an uns und zerrte an der Leine. Da holte der mutmaßliche Besitzer aus und zog ihr mit dem Ende der Leine einen Schlag über den Körper. Alle meine Spiegelneuronen liefen Amok.

Am Fahrradladen blieb ich vor einem schicken Lastenrad stehen und einer der Mitarbeiter kam raus und beantwortete meine Frage. Gegenüber war der „Kampfhund“ an einem Laternenpfahl vor KIK festgemacht. Plötzlich hörte ich ein Fiepen und sah, wie eine Frau mit ihrem Hund einen Satz Richtung Strasse machte. Anscheinend hatte „Mama“ mal kurz die eigene Sicherheitszone verteidigt, genau so aggressiv, wie sie auch behandelt wurde. Mir erschien es nur logisch, dass der Hund um sich biss. Wenn man mich schlagen würde, würde ich auch nicht schmusen und spielen wollen.

Hilflosigkeit und Ohnmacht sind bei dem Gedanken an diese Situation ganz vorn. Ich möchte nicht, dass jemand geschlagen wird. Kein Hund, kein Mensch.

Mitte der Woche raste ich noch kurz vor Feierabend zur Post, Fontane an der Leine. Ich bin echt so stolz auf ihn! Was er inzwischen schon alles kann mit seinen 15 Wochen! Als wir den Zebrastreifen überquerten, sah ich vor mir eine Konstellation, die mir auffiel. Ein Mann, ein oder mehrere Kinder, eventuell eins im Kinderwagen, ich erinnere mich nicht genau, dabei eine Frau, älter als der Mann. Und etwa fünf Meter weiter die Straße rein stand eine weitere Frau und redete auf ein weiteres Kind ein. Ihre Körperhaltung wirkte auf mich bedrohlich, sie hob die Hand zum Schlagen, ich hörte sie schimpfen, konnte aber die Worte nicht verstehen. Über den Zebrastreifen lief ich direkt auf sie zu und starrte sie an, vermutlich mit offenem Mund. In meinem Kopf ratterte es. Augenscheinlich verhielt sich dieses eine Kind nicht so, wie die Erwachsenen es erwarteten. Vielleicht hatte es schon länger unterwegs Streit gegeben. Und jetzt wurde das Mädchen eingenordet.

Ich hatte den Eindruck, der Frau war es unangenehm, beobachtet zu werden. Warum sonst war sie weiter in die Seitenstraße hineingegangen? Und die beiden anderen Erwachsenen – warum standen sie abseits, während auf das Mädchen das Strafgericht zukam? Billigten sie die Maßnahme?

Was sollte ich tun? Ich erinnerte mich an eine vergleichbare Situation, die ich einmal in Kiel auf dem Weihnachtsmarkt erlebt hatte, und wo es mir nicht gelungen war, mit den mutmaßlichen Eltern in Kontakt zu kommen. Ich tröstete mich damit, dass die Frau anscheinend inne gehalten hatte, als sie meinen Blick sah. Ich dachte, anscheinend weiß sie, dass es nicht ok ist, das Kind zu schlagen, sonst würde sie nicht in die Seitenstraße gehen, sondern könnte das ja gleich am Zebrastreifen erledigen. Und dann flitzte ich weiter zur Post. Traurig, hilflos, ohnmächtig. Was muss passieren, damit Eltern nicht mehr schlagen, nicht mehr drohen, nicht mehr schreien? Ich merke es am Umgang mit dem Hund: Ich brauche Verbindung mit mir. Und das fällt mir heute viel leichter als vor 30 Jahren, als ich versuchte, meinen Sohn zu „erziehen“. Da gab es keine Sicherung, kein Stop-Signal, keine Selbstverbindung. Das wurde ganz schnell zur Existenzfrage: Er oder ich. Ich kann gar nicht beschreiben, wie dankbar ich Marshall Rosenberg für die Gewaltfreie Kommunikation bin, die dazu beiträgt, dass ich mit meinem einfühlsamen Selbst verbunden sein kann.

So long!

Ysabelle

Spaziergang zu viert

Hallo, Welt!
Fontane geht es nicht gut, ich bin gefühlt täglich beim Tierarzt und komme zu nichts anderem. Heute Morgen hat er so RICHTIG angezeigt, dass er mal raus muss. Ich war so gerührt, mir standen die Tränen in den Augen. Endlich ein Hoffnungsschimmer. Die Urinuntersuchung hat ergeben, dass er E. coli-Bakterien im Harn hat. Die gehören da nicht hin. Und dann sind die auch noch hämolysierend, was auch nicht begeistert. Dazu hat er Fieber. Jetzt wird auch noch sein Kot untersucht. Die ersten Vorabergebnisse besagten, dass er Schafscheiße gefressen hat. Das wusste ich.

Dieser Tage war ich mit meiner Freundin und ihrer Senioren-Hündin sowie Fontane an einem Flüsschen hier in der Nachbarschaft spazieren. Ich hatte gedacht, es wäre eine ruhige Gegend und wir könnten die Hunde frei laufen lassen, doch anscheinend hatten auch andere Hundebesitzer diesen Gedanken. Meine Freundin ist um ihre Hündin sehr besorgt, denn diese hat Krebs und noch dazu Probleme mit der Schilddrüse. Und wenn sie sich aufregt, ist sie schwer zu halten. In der Fürsorge für diesen Hund ist meine Freundin in den letzten Jahren eine absolute Expertin in Sachen Hundeerziehung und Verständnis geworden und ich habe schon oft erlebt, dass sie ständig die Umgebung abscannt, um mögliche Aufreger zu entdecken, die ihre Hündin in Wallung bringen könnten. Um das zu vermeiden, geht sie normalerweise keinen der üblichen Spazierwege.

Auch jetzt kam es zu mehreren Begegnungen mit anderen Hundehaltern und ich nahm es so wahr, dass meine Freundin zunehmend gestresst reagierte. Schließlich kam uns auf dem Feldweg eine Frau auf dem Fahrrad entgegen, neben ihr lief ein Hund von Boxergröße. Meine Freundin rief ihr zu: „Nehmen Sie bitte Ihren Hund an die Leine!“ Die Frau verständigte sich mit ihrem Hund und die beiden passierten uns in ca. 1,5 m. Abstand – ohne Leine.
Meine Freundin war sehr aufgebracht und fand das Verhalten der Radlerin sehr verletzend und rücksichtslos. Ich begann ihr Einfühlung zu geben und erfuhr, dass sie dieses Verhalten geradezu als Angriff auf ihren eigenen persönlichen Raum wahrnahm. Als übergriffig, respektlos, rücksichtlos, unverantwortlich.

Ich wunderte mich still. Nichts dergleichen war in meinem Kopf.
Nach einer Weile kehrten wir um, wollten zum Auto zurück gehen. Von weitem sahen wir schließlich die Radlerin zurückkommen. Diesmal war ihr Hund an der Leine. Trotzdem wirkte meine Freundin extrem angespannt, und als die Frau an uns vorbei fuhr, reagierte unsere Hündin, bellte laut, riss meine – durchaus gewichtige – Freundin beinahe um und sprang der Radlerin nach. Frauchen konnte sie wirklich nur mit äußerster Kraft halten. Als die Fahrrad-Fahrerin etwa 20 Meter entfernt war, rief sie uns – nicht wirklich unfreundlich – noch zu, „Sie sollten mal überlegen, damit tun Sie Ihrem Hund doch keinen Gefallen …!“

Meine Freundin hatte sich zwei Fingernägel abgebrochen bei dem heftigen Ruck, den ihre Hündin in der Leine gemacht hatte. Sie atmete schwer, war sehr aufgewühlt. Ich versuchte wieder mit ihr Verbindung aufzubauen.

Aufgewühlt, besorgt, voller Angst um ihre Hündin, dramatische Erfahrungen, was ihren eigenen Raum anging … so nach und nach wurde sie ruhiger und dann liefen plötzlich die Tränen. Da war sie, die überwältigende Angst, dass ihrer Hündin etwas passieren könnte, dass diese aufgrund der schweren Erkrankungen vielleicht vor Aufregung plötzlich einen Herzstillstand haben könnte, dass sie selbst die Hündin vielleicht nicht halten können würde, und dann hieße es plötzlich, ihr Hund jage Radfahrer, böswillig … Da war so viel Schmerz und so viel Verzweiflung … und plötzlich auch wieder ein gewisses Verständnis für die Frau auf dem Fahrrad. „Die hat das genau so gemacht, wie man das im Schäferhundverein lernt …“

Zwei weitere Begegnungen, eine mit einem weiteren Radler und eine mit einem Hundebesitzer verliefen – ich sag mal geordnet. Im Auto habe ich versucht zusammenzufassen, was ich gesehen und erlebt habe und habe noch einmal dazu eingeladen, meine Freundin möge die Sorge um ihren Hund gern wieder und wieder benennen, statt sie runterzudrücken. Mit schiefem Grinsen meinte sie, „ich habe noch viel zu lernen …“

Ich auch.
Zum Beispiel schneller zu sein als mein Hund. Gerade hat er den Kopierer angepinkelt. Das ist der Hauptgrund, warum ich nicht richtig zum Schreiben komme. Geschichten erlebe ich jeden Tag ohne Ende. Und alle haben irgendetwas mit Gewalt zu tun. Meine Wahrnehmung dafür scheint mit jedem Tag schärfer zu werden.

So long!

Ysabelle

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