Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Ich. esse. meine. Suppe. nicht.

Hallo, Welt!
Ich habe Urlaub mit meiner Enkeltochter gemacht. Wer hier schon lange liest, weiß, dass es sich dabei um ein kleines Wunder handelt. Die Tage waren ok – irgendwie kann ich grad mit dem Wort „schön“ nicht um – und wir haben uns praktisch nicht gestritten. Und trotzdem will sich keine Freude und keine Erholung einstellen.

Meine Enkelin wird demnächst sieben Jahre alt. Wir haben viel unternommen, viel gesehen, zusammen gemalt, waren gestern zusammen schwimmen. Es gab viele gute Stunden. Und gleichzeitig habe ich heftig mit meinen Gefühlen zu kämpfen. Und das hängt mit ihren Essgewohnheiten zusammen.
Sie isst:
Weißbrot mit Nutella
Salzbrezel mit Nutella
Bunte Nudeln mit Hela-Ketchup (eine bestimmte Sorte)
Kartoffelpüree, frisch gestampft
Fruchtzwerge
Pfannkuchen mit Zimt und Zucker
Chicken Nuggets
Fischstäbchen
gelegentlich Quarkbällchen, jedenfalls, wenn viel Zucker drum herum ist.
Schokoladeneis (mit Schokosauce und ohne. Ggf. mit bunten Streußeln)

Kein Gemüse. Null.
Kein Obst. Null.
Kein Käse. Keine Wurst. Kein „normales“ Brot. Keinen „normalen“ Kuchen. Keinen Jogurt. Keine Pizza. Keine Milch. Keine Limonade. Keinen Saft außer einem speziellen Kindersaft.

Meine Freundinnen, die wir in diesem Urlaub besucht haben, haben das mit Engelsgeduld hingenommen, doch meine Stimmung wurde mit jeder Mahlzeit aggressiver. Als sie sich bei Ursula in Bremen neben dem Kartoffelpüree drei Fischstäbchen auffüllen ließ, sie zerteilte und dann nur noch auf dem Teller hin- und her schob. Als sie bei meiner Freundin Christine insgesamt drei Teller mit Nudeln „einsaute“, während wir alle noch aßen aufstand und spielen ging, mir angebissene Quarkbällchen rumliegen ließ und ich auch mit Aufbietung aller empathischen Reserven nicht rauskriegen konnte, wieso sie die nun nicht essen wollte. Zusammengereimt habe ich mir dann, dass diese Partie gerade nicht so schön in Zucker gewälzt war wie sonst. Und dann schmeckten sie ihr nicht.

Ich merke, dass ich in Sachen Essen mit supervielen „sollte“-Botschaften zu kämpfen habe. Kinder sollten „alles“ probieren. Sie sollten „ordentlich“ am Tisch sitzen und sich zum Beispiel beim Essen nicht an den Schuhen/Füßen pulen. Sie sollten das Vorlegebesteck benutzen und nicht mit dem eigenen, bereits benutzten Löffel in der Schüssel rumrühren, in der das Essen serviert wird. Sie sollten Bitte und Danke sagen … Die Liste ließe sich fortsetzen.

Ich versuche schon seit ein paar Tagen, mir auf die Schliche zu kommen. Was ist es, dass mich in dieser Situation so in Not bringt? Zum einen glaube ich, dass das Kind durch die einseitige, stark zuckerhaltige Ernährung gefährdet ist. Keine Nährstoffe, keine Vitamine. Ich habe dazu kürzlich eine Doku auf Arte gesehen, das kann neben so Albernheiten wie Beri-Beri, Skorbut oder Rachitis sogar zur Erblindung führen. Mir ist also ihre Gesundheit wichtig. Auch dass ich dann immer wieder Sachen wegschmeiße, die sie nicht gegessen hat, regt mich auf. Dabei habe ich da wirklich eine Doppelmoral, denn hier zu Hause bin ich mit meinen Lebensmittelvorräten nicht so achtsam wie ich es gern wäre. Unmittelbar vor dem Urlaub habe ich ziemlich viel weggeworfen, was beim besten Willen nicht NOCH eine Woche haltbar gewesen wäre. Seit ich allein wohne, koche ich nur selten für mich „RICHTIG“, meist mache ich mir nur „was zu essen“. Also ich bin selbst nicht das beste Vorbild in Sachen gesunde Ernährung.

Gefühle: Wut, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Frustration, Ärger, Verzweiflung, durcheinander, genervt, ratlos.

Unerfüllte Bedürfnisse sind neben Gesundheit auch „die Fülle des Lebens feiern“ – es gibt so wunderbare Lebensmittel, Früchte, Gemüse, Backwaren … und nichts davon isst sie … Mir geht es um Respekt und Wertschätzung für die Menschen, die für sie das Essen zubereiten. Feiern, Ritual, das gemeinsame „am Tisch sitzen und zusammen essen“. Gemeinschaft, Verbindung, Verstehen … ich möchte sie auch darin unterstützen, Sachen zu finden, die ihr vielleicht schmecken könnten … aber wie soll das gehen, wenn mein Gegenüber immer nur sagt, „das mag ich nicht“, ohne es probiert zu haben? Oder „das ist mir zu sauer“ … Verbindung …

Aber anscheinend ist noch irgendwas im Spiel, was ich partout nicht gegriffen kriege. Für Eure Anregungen wäre ich dankbar.

So long!
Ysabelle

2 Reaktionen zu “Ich. esse. meine. Suppe. nicht.”

  1. Ralph

    Hallo Ysabelle,
    das kommt mir bekannt vor. Man hat bei jeden Bissen das Gefühl, das Kind würde sich grad vergiften – wobei diese Vergiftung chronisch verläuft.
    Dem Kind selbst ist da noch am wenigsten ein Vorwurf zu machen. Meiner Nichte wurde schon zu Kleinkind-Zeiten jeglicher Unrat reingestopft – heute, im Alter von zehn Jahren, ist sie Diabetiker. Herzlichen Glückwunsch! Aber natürlich hat das mit der Ernährung nichts zu tun … es sind die Gene!!
    Ich gehe zwischenzeitlich pragmatisch an diese Sache heran, indem ich jegliche Unterstützung im Hinblick auf widernatürliche Ernährung verweigere und nur natürliche Kost anbiete. Wer etwas anderes essen will, muss sich selbst kümmern (gilt auch für Kinder).

    Wenn das jetzt weitere „sollte“-Botschaften bei Dir triggert, wie „Ich sollte mich darum kümmern, dass das Kind satt und zufrieden (oder gar glücklich) ist.“, dann freue ich mich für Dich – die hohe Schule diesbezüglich ist ja, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen – die anderen sind einem ja lediglich ein Spiegel …
    Dass Du selbst noch Defizite in Sachen Ernährung hast, hat Dir Deine Enkelin ja schon erfolgreich gespiegelt – bist Du ihr dankbar dafür?
    Liebe Grüße,
    Ralph

  2. Ysabelle Wolfe

    Hallo, Ralph,

    mit dem Spiegeln bin ich total im Frieden. und „ich sollta dafür sorgen, dass das Kind satt ist“ kratzt mich nicht. Meine „sollte“ gehen weniger auf mich als auf das Kind … Spannend.
    So long,
    Ysabelle

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