Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Wo ist meine Schaufel?

Hallo, Welt!
Wisst Ihr, was ein Verbausystem ist? Ich weiß es seit zwei Minuten, denn ich habe mal gegoogelt, wie man diese Dinger hier nennt. Das ist leider nicht das weltbeste Foto dazu, es geht um diese beiden halb vergrabenen Metallplatten im Hintergrund, die durch Stangen voneinander getrennt sind. Normalerweise stecken diese Abstandshalter in Tiefbaustellen und sorgen dafür, dass kein Sand/Erdreich nachrutscht und man sicher in der Mitte arbeiten kann. Vermutlich wird auch die Umgegend dadurch gesichert, damit es nicht zu solchen Situationen wie dem Einbruch der U-Bahnbaustelle in Köln 2009 kommt, als das ganze Stadtarchiv abstürzte. Aber ich bin da technischer Laie und reime mir da einfach was zusammen.

Äh – worum geht es eigentlich?

Ich möchte heute mal über die süße Last der Selbstständigkeit jammern. Heute Morgen sprach ich mit einer Kollegin, die eine Bitte an mich hatte, und erwähnte dabei, wie ich es erlebt habe, noch angestellt zu sein. Die Angestellten-Struktur war wie das Einsteigen in so ein Verbausystem. Wasser und Trümmer von außen wurden weitgehend ferngehalten. Ich krabbelte also morgens rein in den Schacht, schaufelte schön den ganzen Tag, und abends krabbelte ich wieder raus. In der verbleibenden Restzeit wurde dann Wäsche gewaschen, das Haus geputzt, Briefe geschrieben, Kontoauszüge sortiert, Socken gestrickt oder der Schuppen aufgeräumt. Mein Leben hatte eine sehr gerade, klare Struktur. Erst die Arbeit, und dann …
Tatsächlich habe ich das auch sehr genossen, zumal ich eine Arbeit hatte, die mir 30 Jahre viel Freude gemacht hat. Mit allerlei Lästigkeiten musste ich mich nicht befassen. Fenster putzen zum Beispiel. Das war nun wirklich auf der Prioriätenliste ganz weit unten. Die Einteilung in „Arbeit“ im Sinne von bezahlter Werktätigkeit und „Freizeit“ (ha!) schenkte mir nicht nur Klarheit und Struktur, sondern auch Leichtigkeit und eine gefühlte Freiheit, bestimmte Dinge eben nicht machen zu müssen. Ich ging ja arbeiten, wer wollte da erwarten, dass ich auf meinen Schränken wische …

Seit ziemlich genau einem Jahr setze ich nun voll auf die Selbstständigkeit, auch wenn ich noch einen Tag in der Woche unterrichte. Und ich merke täglich, dass ich um eine lebbare Struktur kämpfe. Auf einmal sind so viele Bedürfnisse lebendig, die vorher alle kanalisiert waren. Arbeit ./. Freizeit. Und jetzt stellt sich diese Frage mit jedem Handgriff neu. Eben noch die Presseerklärung schreiben oder erst die Wäsche aufhängen? Noch schnell die Geschäftsmail beantworten (abends um halb elf …), oder einfach durchs Fernsehprogramm zappen? Als erstes duschen, oder als erstes die Post angucken? Ich merke deutlich, wie unzufrieden ich mit diesem Dasein als Flipperkugel bin. Es ist ja interessant, sich ständig von seinen Bedürfnissen leiten zu lassen – oder die des Hundes, der gerade JETZT raus muss, wo ich endlich im Flow bin – aber effizient ist es nicht. Jedenfalls nicht in einer Weise, wie ich es genießen würde.
Was also tun? Ich könnte zum Beispiel beschließen, künftig morgens ins 25 km entfernte Büro zu fahren und dort zu arbeiten. „Och nöööööö“, sagt es in mir. Alles, was ich dazu brauche, ist doch hier zu Hause in meinem Studio (Büro). Mich selbst irgendwie verpflichten, von 10-13 Uhr und von 14.30-17.00 Kernarbeitszeit vor dem Rechner zu sitzen? Hey, habt Ihr mal rausgeguckt? Die Sonne scheint, es ist Frühling! Und jetzt erreiche ich bei Firma XY sowieso keinen, da ist Mittagspause … Ich finde immer eine Ausrede, warum das nicht klappt. Auch mein Versuch, mich morgens mit Kollegen zum Check-in zu verabreden, hat auf lange Sicht nicht hingehauen. Wir haben tatsächlich einfach nur gequatscht und dabei noch mehr Zeit verbrannt. Hey, Ihr Selbstständigen da draußen, wie bringt Ihr Eure verschiedenen Bedürfnisse unter einen Hut? Ich hätte gern ein kleines Verbausystem in meinem Leben, am besten mit einer großzügigen Treppe zum Ein- und Aussteigen. Habt Ihr dafür eine Bestelladresse?

So long!

Ysabelle

2 Reaktionen zu “Wo ist meine Schaufel?”

  1. Uwe

    Liebe Ysabelle,
    vielen Dank, da habe ich endlich einmal Gelegenheit ein wenig beizutragen!

    Ich bin nun seit über 17 Jahren selbständig und finde mich in dem, was du schreibst sehr gut wieder. Wie finde ich die zu mir passende Struktur, ja das war, ein wenig ist, auch mein Thema. Nein, ein Verbausystem mit einer großzügigen Treppe habe ich tatsächlich auch nicht gefunden. Und doch ein Systemchen.

    Für mich ist das Hauptthema: Wie kann ich frei haben, wenn doch noch sooooo viel zu tun ist. Und das habe ich inzwischen ganz gut geschafft. Ich habe nicht so sehr das Thema 10-13 Uhr arbeiten, das tue ich sowieso. Ich habe das Thema: Freitag 15 Uhr bis Sonntag 20 Uhr ist frei. Wirklich frei! Und dabei hilft mir tatsächlich sehr gut diese klare Definition. Diese Zeit ist frei. Keine weitere Diskussion. Ich habe noch so ein paar klare Phasen, wann frei ist und wann nicht. Wenn dann während der Arbeitsphase die Sonne scheint, habe ich die freie Wahl: Jetzt eine halbe Stunde spazieren und die halbe Stunde am Abend „dranhängen“, wenn es eh kalt und dunkel ist. Manchmal nutze ich das, manchmal nicht.

    Eine kleine praktische Hilfe, die ich nutze, ist eine Schlummer-Funktion für Mails. Wenn ich eine Mail erhalte, die ich wirklich wichtig finde, aber im Moment nicht beantworten kann, schicke ich sie in einen Schlummermodus, terminiert auf einen Zeitpunkt, zu dem ich hoffentlich Zeit und Muße habe, mich darum zu kümmern. Ich habe ein kleines Skript, das mir dabei hilft.

    Klappt nicht immer, aber oft. Und wenn nicht: Von wem habe ich noch die Geschichte vom Spatz, der sagt „man tut was man kann“?

    So long

  2. Ysabelle Wolfe

    Hallo, Uwe,
    danke für Deine Rückmeldung. Das nimmt ein bisschen den Stachel (aus meinem Denken), ich wäre der einzige Mensch, der mit dieser Situation nicht so einfach zurecht kommt. Wenn ich es recht erinnere, gehst du als Freelancer in Firmen, um die bei bestimmten Aufgaben zu unterstützen. Ist das korrekt?
    So long!
    Ysabelle

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