Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Wortschätzchen: Bockig & andere Feinheiten

Hallo, Welt!
In der vergangenen Woche ist mir noch einmal sehr deutlich geworden, welchen Beitrag unsere Sprache zum Frieden leisten kann. Vielleicht habe ich auch einfach nur festgestellt, wie weit ich mich schon vom normalen Sprachgebrauch entfernt habe.

Auslöser war die Aussage: „Der Mann war bockig“, die ich in einem Gespräch aufgeschnappt habe.
Na, wie fühlte sich vielleicht ein Mensch, der von anderen als „bockig“ wahrgenommen wird? ich biete an:
angespannt
bitter
durcheinander
einsam
empört
eventuell eine Prise frustriert
genervt
kribbelig
streitlustig
unwohl/unbehaglich
unter Druck
widerwillig

mal so als erster Wurf. Natürlich kann das je nach Situation variieren.
Hinter einer diagnostizierten „Bockigkeit“ verbergen sich natürlich unerfüllte Bedürfnisse, sowohl beim „Bock“, als auch beim Gärtner.
Ich habe keine klare Idee, um welche Situation es sich handeln könnte, wo jemand sich „bockig“ verhält, aber ich mache mal ein paar Angebote, welche Bedürfnisse unerfüllt sein könnten:
Autonomie
Wirksamkeit
Beteiligung
Unterstützung
Gesehen werden
Verbindung
Verständnis & Verstehen
Schutz.

Und vielleicht erfüllt er sich mit eben diesem Verhalten das Bedürfnis nach
Echtheit
Autonomie
Schutz
Kongruenz/Authentizität.

So weit, so gut.
Jetzt aber wird es wirklich spannend: Was braucht denn die Person, die beim anderen Bockigkeit konstatiert?
Ich tippe mal auf

Verbindung
Verstehen
Gemeinschaft
und vielleicht so etwas wie Klarheit.

StammleserInnen des Blogs erinnern sich vielleicht: Im vorigen August habe ich mit meiner Kollegin Hilke ein Seminar „Gewaltfrei filzen“ veranstaltet. Dabei ging es zum einen um das handwerkliche Herstellen eines Filzkissens oder Teppichs, aber auch um verfilzte Sprache. Diesertage ist mir aufgefallen, dass die so genannten Interpretations- oder Gedankengefühle eigentlich auch so etwas wie Filz-Werkstücke sind. Es gibt einzelne Schichten, die dann allerdings durch den Filzvorgang zu einem einzelnen Werkstück (Bewertung) zusammen gefügt werden. Das Urteil „bockig“ setzt sich vermutlich zusammen aus den Beobachtungen von Körperhaltung, Gesichtsausdruck, dem Gesprächspartner zu- oder abgewandt, Blickkontakt ja/nein und anderen non-verbalen Wahrnehmungen. Indem ich diese Informationen im Kopf zusammenrechne, erscheint das Ergebnis: Bockig. Doch Vorsicht! Zum einen kann diese Zusammenrechnung eine Fehlkalkulation sein und vielleicht ist der andere einfach unsicher oder ich habe eine Projektion am Laufen, weil mein Opa immer so geguckt hat, wenn er nicht tun wollte, was die Oma gerade vorgeschlagen hat. zum zweiten kann dieses Rechenergebnis war „rechnerisch“ richtig sein. Aber was mache ich denn damit? Dient es der Verbindung, den anderen als „bockig“ einzuordnen? Wäre es nicht viel zielführender, beispielsweise zu denken: Uih… starrer Blick, hochgezogene Schultern, geballte Fäuste – was braucht mein Gegenüber? Oder noch schöner: Was brauche ich? In wie weit beeinflusst mich das Gesehene in meiner Haltung?

In Gesprächen ist mir aufgefallen, dass manche andere Menschen solche Überlegungen schwer hören können. Sie entnehmen diesen „Wortklaubereien“ von mir ein neues „Richtig“ oder „Falsch“. Sie rechnen zusammen, heraus kommt ein Bild. Und schon ist es viel schwerer, die einzelnen Farben, die einzelnen Bestandteile zu erkennen, zu benennen, in Rechnung zu stellen.
Dieses Zusammenrechnen, Zusammenwalken von Beobachtungen zu einer Bewertung hat aus evolutionstechnischer Sicht einen wunderbaren Sinn: Wenn dem Höhlenmenschen ein anderer Höhlenmensch mit erhobener Keule gegenüber steht, ist das vielleicht genug Signal, um die eigene Keule zu heben oder die Beine in die Hand zu nehmen. Das schnelle Einschätzen und der kompetente Umgang in Gefahrensituationen sichert unser Überleben. Gleichzeitig hat es in den vergangenen Jahrtausenden genug „Tod durch Versehen“ gegeben, einfach weil gleiche Gesten in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich interpretiert werden. Nicht einmal die Bedeutung von „Ja“ und „Nein“ ist in allen Kulturen auf der heutigen Erde gleich.

Ich plädiere daher für ein Ent-Filzen, für ein genaueres Beobachten. Dieses grandiose Bild zum Thema Beobachtung entdeckte ich heute Morgen in meinem Lieblingscafe. Ich hätte es gern gekauft, aber… die Künstlerin Elke Wagner gibt es nicht her. Was ist denn meine Beobachtung, wenn ich sage, ich fühle mich:

ungeliebt
ausgegrenzt
ausgeliefert
abgestempelt
unbeliebt

Die Liste dieser „Gefühle“ lässt sich sicher nahezu beliebig erweitern. Und ich höre noch einen Teilnehmer meiner Übungsgruppe, mit dem ich über „Ich fühle mich provoziert“ diskutierte: „Ich weiß doch, was ich fühle..!“ In diesem speziellen Fall mal eindeutig nicht.

Ein Aspekt dieser Wortklauberei möchte ich noch erwähnen. Wenn ich bereit bin, meine zusammengerechneten Wörter wie bockig, provoziert, ausgegrenzt oder übergriffig zu entfilzen, die einzelnen Schichten zu betrachten, dann erschließt sich mir eine völlig neue Welt. Ich bin sozusagen ein Goldgräber in Sachen Verbindung. Denn so finde ich einen Zugang zu meinen eigenen (oft unerfüllten) Bedürfnissen und zu den Bedürfnissen meines Gegenübers. Und auf dieser Ebene wird es so viel leichter, im Gespräch zu bleiben – auch wenn der andere gerade bockig ist 😉

So long!
Ysabelle

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