Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Wortschätzchen: Bloßgestellt

Hallo, Welt!
Dieser Tage las ich in einem Brief***, „du hast mich bloßgestellt“. „Ha!“, dachte ich. Endlich mal wieder ein Wortschätzchen!
Mein Wahrig Herkunftswörterbuch zeigt sich mal wieder schwach. „Bloßstellen“ gibt es gar nicht. Zu „bloß“ schreibt es a.) nackt, b.) nur. Das Adjektiv (mhd. bloz, ahd. bloz) ist verwandt mit griech. phlydaros, weich, und lat. fluere „fließen“; die ursprüngliche Bedeutung wäre demnach „aufgeweicht, nass“; über „weich, sensibel“ und „schwach“ entwickelte sich die heutige Bedeutung „unbekleidet“ (und somit schutzlos).

Etwas ergiebiger ist da schon mein Duden der sinn- und sachverwandten Wörter. Für „bloß“ bietet er mir „nackt“ und „barfüßig“ an. Aber bei „bloßstellen“ heißt es: (sich) eine Blöße geben, eine Blöße bieten, zum Gespött werden, keine gute Figur machen, sich dekolletieren, sich kompromittieren, seinen Namen, seinen Ruf, sein Ansehen aufs Spiel setzen, sich lächerlich machen, sich blamieren, seinem Namen keine Ehre machen, sich ein Armutszeugnis ausstellen; siehe: erniedrigen, kompromittieren (jmdn.), Bloßstellung, Entblößung.

Tja, und unter Bloßstellung steht: Blamage, Schande, Beschämung, Desavouierung (mein Gott, ich dachte, das gäbe es nur noch in der Operette…), Kompromittierung, Schmach, Unehre, Schimpf, Reinfall, Pleite (ugs.). Siehe Aufsehen, Beleidigung, bloßstellen, kompromittieren, anständig, beschämend, ehrlos, gemein.

So weit mal meine Quellen.

Mein Kopf liefert mir noch etwas anderes. Ich sehe eine Person am Pranger. Ich sehe Siegfried, dessen verwundbare Stelle verraten wird. ich sehe mittelalterliche Stadtbüttel, die mit ihrer Pike einer unbotmäßigen Person das Gewand aufschlitzen und diese so entblößen, also in ihrer (schambehafteten) Nacktheit zur Schau stellen. Jemand bringt also ans Licht, was aus Gründen von Takt, gutem Geschmack oder Schutz besser verborgen geblieben sein sollte.

Was empfand wohl diese Person, die in dem Brief schrieb: „Ich fühlte mich bloßgestellt“?
Mit Sicherheit mal
Scham.
Vielleicht auch Unsicherheit.
Sie fühlte sich vielleicht auch
verwirrt
besorgt
ängstlich
wütend
frustriert
einsam
enttäuscht
im Schmerz
bestürzt
geladen
entsetzt.

Und die Bedürfnisse?
Schutz springt mich als erstes an.
Autonomie (ich möchte selbst entscheiden, was über mich bekannt wird)
Vertrauen
Beteiligung
Klarheit (in diesem konkreten Fall)
und Verstehen.

Und die Bitte wäre wahrscheinlich gewesen, dass nichts davon bekannt wird, was diese betreffende Person geäußert hat, oder genauer, dass die Person sich überhaupt geäußert hat.

Bei wem liegt die Verantwortung für was? Super-Frage, oder?

… Es ist so leicht, jemand anderem die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, was man selbst angerührt hat.

Und was ist mein Lernfeld in der beschriebenen Situation?
Ich möchte noch klarer werden, Dinge noch klarer benennen. Ich möchte noch mehr Gespür dafür entwickeln, wo gerade nicht deutlich geworden ist, worum es mir geht. Ich merke, dass ich noch immer aus Rücksicht oder Mitgefühl oder Schutz Dinge nicht ausspreche, von denen ich annehme, der andere kann sie schwer hören. Ich nenne dieses Verhalten Co-Abhängigkeit. Ich bin einen guten Schritt weiter gekommen in den vergangenen zehn Jahren. Aber da ist eindeutig noch Wachstumspotential…

So long!

Ysabelle

*** Person A hatte mir mehrere Nachrichten über Person B zukommen lassen. In Gegenwart von Person B habe ich gesagt, dass ich die Nachrichten bekommen habe ( – nichts zum Inhalt – ) und dass es Zeit, Kraft und vereinbartes Setting nicht zulassen, dass ich quasi mit Person A allein an diesem Thema arbeite, und sei es auch nur schriftlich.

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