Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Trampelpfade im Hirn

Hallo, Welt!

Mein Kopf ist so voll mit wunderbaren Erkenntnissen, die ich so gern mit Euch teilen möchte. Heute geht es um die Frage: Wenn ich doch die vier Schritte der GfK im Nu begriffen habe, sie als bereichernd und sinnvoll in mein Leben integrieren will – warum fällt mir dann in schwierigen Situationen kein GfK ein?

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass wir darauf angewiesen sind, als Babys und Kleinkinder von unseren Bezugspersonen ernährt und gespiegelt werden. Kinder, die keinerlei Ansprache haben, sterben. Das ist leider sogar im Experiment bewiesen.
Diese frühkindliche Abhängigkeit von anderen führt dazu, dass wir uns völlig unbewusst ihren Werten fügen. In aller Regel wachsen wir auf in einer Welt von Richtig und Falsch.

Zwei Kräfte sind in uns besonders lebendig: Der Explorationstrieb, der uns dazu inspiriert, Dinge auszuprobieren und unsere Autonomie zu entdecken, und unser Bindungsverhalten. Kleinkinder müssen sich ständig rückversichern, ob ihre Bezugsperson noch da ist. Nur wer sicher gebunden ist, kann auch entspannt seinem Explorationstrieb nachgehen.

Im Spiegel unserer Bezugspersonen erleben wir, was erwünschtes und unerwünschtes Verhalten ist. Wir formen uns praktisch selbst nach den Normen, die uns vorgegeben, vorgelebt werden. Dabei entstehen in unserem Gehirn neuronale Vernetzungen.
Ursprünglich haben wir nur mit Gefühlen, mit Botschaften aus dem – evolutionär betrachtet – ältesten Teil des Gehirns zu tun, dem limbischen System und dem Mandelkern, der Amygdala. Wenn wir heranwachsen, kommt der Verstand dazu, der vorn in der Stirn zu Hause ist, im präfrontalen Cortex.

Im Verlauf unseres Aufwachsens lernen wir unreflektiert bestimmte Verhaltensweisen, die uns zum damaligen Zeitpunkt und im damaligen System wichtige Bedürfnisse erfüllt haben. Wenn wir hören. „ein Junge weint nicht“, dann hätte es unter Umständen für uns sehr unerfreuliche Folgen, wenn wir als Junge oder Mann dann eben doch weinen würden. Oder wenn wir als Mädchen unsere Wut oder unsere Aggressionen zeigen. Stattdessen trainieren wir Verhaltensweisen, die sozial erwünscht sind oder uns zumindest als geeignete Strategie im Überlebenskampf erscheinen. Mit diesen erwünschten Verhaltensweisen sichern wir die Bindung zu unseren Bezugspersonen.

So entstehen im Gehirn geradezu neuronale Autobahnen, tief eingegrabene Verhaltensmuster, die bei Bedarf sofort aktiviert werden. Unsere Reaktionen kommen dann aus dem „Autopiloten“. Mit einem schönen Gruß vom Mandelkern. Hier gibt es ein schönes Beispiel dafür, dass wir sicher alle kennen…

Das Wunder des Ärgerns

Wenn wir nun anfangen, GfK zu lernen, geschieht das zunächst im präfrontalen Cortex. Wir erfassen die GfK intellektuell. Wenn jedoch eine schwierige Situation entsteht, wenn wir unter Stress geraten oder mit Dingen konfrontiert sind, die wir schon hundert Mal auf bestimmte Weise gelöst haben, schaltet sich der Autopilot zu. Also: Es werden wie in dem netten Video-Beispiel bei Otto Waalkes Botenstoffe ausgeschüttet, der Blutdruck steigt, die Faust ballt sich. Und über die schon in Kindertagen angelegten neuronalen Autobahnen im Gehirn reagieren wir wie ein Automat. So wie wir immer reagiert haben…

Manchmal dauert es Wochen, bis einem einfällt: Mensch, in dieser oder jener Situation hätte ich ja auch mit GfK reagieren können…
Es geht also darum, auf längere Sicht vor die alten sechsspurigen Autobahnen einen Schlagbaum anzubringen. Wir rasen dann immer seltener durch die Schranke und hinterlassen Holzsplitter, sondern wir halten und überprüfen, was in der aktuellen Situation eine angemessene Verhaltensweise wäre. So entstehen nach und nach neue Verhaltensmuster, die sich ganz allmählich vom kaum sichtbaren Trampelpfad zur komfortablen Schnellstraße ausbauen lassen.

Mit der Zeit gelingt das immer häufiger und immer schneller. Wir nehmen sozusagen einen Gangwechsel vor. Wir kuppeln aus und überlegen neu, in welchem Gang wir weiter fahren möchten. Dann legen wir einen neuen Gang ein und weiter geht die Fahrt.

Um das tun zu können, brauchen wir Achtsamkeit. Wir müssen dafür lernen, den Signalen unseres Körpers zu lauschen, unsere Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen. Erst dann gelingt es uns immer öfter, dass der präfrontale Cortex entscheidet, wie wir reagieren wollen, und nicht das uralte limbische System mit seinen Steinzeitmustern…

Wie Marshall so schön sagt: Die ersten 40 Jahre sind die schwersten…

Mich würde interessieren, ob diese Erläuterung für Euch irgendwie von Nutzen war.

So long!

Ysabelle

4 Reaktionen zu “Trampelpfade im Hirn”

  1. MarkusC

    Hallo Ysabelle,

    ich habe mich voll gefreut als ich grade deinen neuen Eintrag gesehen habe 🙂
    Den Zusammenhang zwischen Explorations- und Bindungstrieb kannte ich so noch nicht, das ist für mich ein neues Stück nützliche Erkenntnis.

    Über das Thema Automatismen habe ich grade sehr intensiv mit meiner besten Freundin gesprochen, weil es ihr sehr schwer fällt, sich mit ihren automatischen Reaktionen auszusöhnen und Verständnis dafür aufzubringen, wenn sie es doch eigenltich besser wüsste. Ich werde ihr gleich mal einen Ausdruck von dem Artikel geben, ich bin sicher dass wir damit noch einmal ins Gespräch kommen werden.

    Danke für deinen Text 🙂

    Lieber Gruß,
    Markus

  2. Gabriel

    Die Erkenntnis, dass es bei GFK weniger um das Erlernen der 4 Schritte, Auswendiglernen von Bedürfnis- und Gefühlslisten geht, sondern um das Ausbauen von Hirnpfaden, macht für mich meine Übungsgruppe so wertvoll und die Trainings bei Gerhard und in Findhorn so genussvoll, weil es da zu 80-90% ums Üben und nicht um neue Informationen geht.

    Hat Marshal das mit den 40 Jahren wirklich gesagt?

  3. Ysabelle Wolfe

    Moin, Gabriel,

    doch, das Zitat ist verbrieft. Wenn ich das nächste Mal drüber stolpere, sage ich Dir die Quelle. Ich glaube, es stammt aus einem Interview mit Serena Rust.

    So long!

    Ysabelle

  4. Ysabelle Wolfe

    Sigmund Freud

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