Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Gefühle sind nur Gefühle…

„Mit demselben Gefühle, mit welchem du bei dem Abendmahle das Brot nimmst aus der Hand des Priesters, mit demselben Gefühle, sage ich, erwürgt der Mexikaner seinen Bruder vor dem Altare seines Götzen.“
Heinrich von Kleist, An Wilhelmine von Zenge, 13.-18. September 1800

Das mit den Gefühlen ist so eine Sache.
Ich glaube, vor 15 Jahren wusste ich überhaupt nicht, was ich fühle. Ich wusste schon ziemlich genau, wer an was schuld war und dass in mir heftiger Aufruhr herrschte, aber was ich fühlte – keine Ahnung.
Dann habe ich angefangen, mehr über meine Gefühle zu lernen. Als besonders hilfreich habe ich die Einsortierung in Basisgefühle erlebt.
Freude
Liebe (ok, Marshall hält das für ein Bedürfnis, nicht für ein Gefühl)
Angst
Trauer
Schmerz
Wut (das gilt als Sekundärgefühl, auch ein spannendes Thema)
Scham (einige GfKler glauben, dass Scham kein Gefühl ist).

Man könnte sich jetzt mal den Spaß machen, und die unendlichen Gefühlslisten in diese Basisgefühle einsortieren. Der große Vorteil ist, dass Basisgefühle keine Interpretationsgefühle „zulassen“. Solche Perlen wie „provoziert“ verdampfen dann zu „Wut“ und „im Stich gelassen“ zu Schmerz. Gerade wenn man anfängt, seine eigenen Gefühle kennen zu lernen, ist es extrem hilfreich, sie erst mal runterzubrechen auf diese überschaubaren Kategorien, jedenfalls habe ich das so erlebt.

Der nächste Schritt ist dann, Auslöser und Gefühle fein voneinander zu trennen. Ich stelle immer wieder fest, dass der Schmerz nicht etwa durch ein Gefühl ausgelöst wird, sondern durch einen Gedanken. Beispiel: Ich mache Person A ein Geschenk. Als nächstes erfahre ich, dass Person A mein Geschenk sofort weiter gegeben hat.
Als ich diese Information Wochen später erhalte, spüre ich Schmerz. A hat etwas weiter gegeben, was von mir in Liebe geschenkt war.
Aber nicht das Weitergeben des Geschenks schmerzt, sonst hätte ich ja vor Wochen im Augenblick des Weitergebens vor Schmerz schreien müssen. Da habe ich aber gar nichts gemerkt. In dem Moment, in dem ich davon erfahre, spüre ich einen Schmerz, und dieser Schmerz wird ausgelöst durch meine Gedanken ÜBER das Geschehen. Vielleicht denke ich solche Sachen wie „ich habe mir so viel Mühe mit dem Geschenk gegeben und die Person geht damit so lieblos um“. In diesem fiktivem Fall identifiziere ich mich vielleicht mit dem Geschenk und „fühle“ (also: denke) mich zurückgewiesen, geringgeschätzt, klein, unbedeutend, ungeliebt. Alles das findet in meinem Kopf statt. Und der Mythos besagt, dass Gefühle eine überwältigende Macht sind, vor der man sich fürchten muss. Man wird „von Gefühlen übermannt“ oder überwältigt, man ist stumm vor Schreck oder Glück. bei genauerem Hinsehen ist es ganz häufig so, dass es eben nicht unsere Gefühle sind, sondern die Einschätzung unserer Gefühle.
Heute hörte ich, „ich fürchte, von meinen Emotionen überwältigt zu werden“, und mein erster Gedanke war: Und was passiert dann? Was ist daran schlimm? Was ist überhaupt schlimm an unseren Gefühlen? Warum müssen wir sie verbergen, warum werden wir so erzogen, Gefühle nicht zu zeigen oder nur „erwünschte“ Gefühle zu offenbaren. Warum sollen Frauen ihre Wut zurückhalten, während es bei Männern als normal gilt, wenn sie mit der Faust auf den Tisch hauen?
An guten Tagen kann ich spüren, dass meine Gefühle die Gemälde sind, die meine Innenwelt auskleiden. Ich bin nicht meine Gefühle. Ich kann meine Gefühle wahrnehmen wie ein kostbares Bild in einer Kunstgalerie. „Oh schau an, die Trauer! Wie düster sie daher kommt! Wie schwer und wie schleppend sie sich bewegt!“ Und dann kann ich überlegen, welche meiner Bedürfnisse im Mangel sind, dass diese Gefühle sich gerade auf solche Weise in meiner Kunstausstellung zeigen. Sie gehören zu mir, ich bin für sie verantwortlich. Ich habe es auch in der Hand, die inneren Räume zu lüften und neben das finstere Gemälde einen Fliederstrauß zu stellen. Sein betörender Duft gibt dem Bild einen neuen, bittersüßen Zusammenhang.

Heute will ich mir bewusst machen, dass mich meine Gefühle nicht beherrschen. Ich kann innerlich zurücktreten und sie wie ein Gemälde betrachten, sie bewundern oder weitergehen zum nächsten Bild.

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