Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Berechtigung

„Wissen und Erkennen sind die Freude und die Berechtigung der Menschheit.“
Alexander von Humboldt, Kosmos, Stuttgart 1845, Band 1, S. 36

 

Was für ein Wort: Berechtigung. Ich bin berechtigt. Der Herkunftsduden gibt nichts her über Ursprung und Bedeutung des Wortes, Aber auch als Laie kann ich erkennen, dass das Wort „Recht“ darin steckt. Ich habe ein Recht, etwas zu tun oder zu lassen. Recht – riecht das nicht auch schon wieder verdächtig nach Unrecht? Wenn ich berechtigt bin – wer erteilt mir dann diese Berechtigung? Aufgrund welcher Verdienste oder Eigenschaften bin ich berechtigt? Ich kann das auch ganz platt formulieren: Darf ich das?

 

Bei meinem Stöbern nach Informationen über dieses Thema fand ich ausgerechnet die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, hier eine Übersetzung von 1776.

 

„Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit. Daß zur Versicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingeführt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten; daß sobald einige Regierungsform diesen Endzwecken verderblich wird, es das Recht des Volks ist, sie zu verändern oder abzuschaffen, und eine neue Regierung einzusetzen, die auf solche Grundsätze gegründet, und deren Macht und Gewalt solchergestalt gebildet wird, als ihnen zur Erhaltung ihrer Sicherheit und Glückseligkeit am schicklichsten zu seyn dünket. Zwar gebietet Klugheit, daß von langer Zeit her eingeführte Regierungen nicht um leichter und vergänglicher Ursachen willen verändert werden sollen; und demnach hat die Erfahrung von jeher gezeigt, daß Menschen, so lang das Uebel noch zu ertragen ist, lieber leiden und dulden wollen, als sich durch Umstossung solcher Regierungsformen, zu denen sie gewöhnt sind, selbst Recht und Hülfe verschaffen. Wenn aber eine lange Reihe von Mißhandlungen und gewaltsamen Eingriffen, auf einen und eben den Gegenstand unabläßig gerichtet, einen Anschlag an den Tag legt sie unter unumschränkte Herrschaft zu bringen, so ist es ihr Recht, ja ihre Pflicht, solche Regierung abzuwerfen, und sich für ihre künftige Sicherheit neue Gewähren zu verschaffen.“

 

Damals ging es um die Frage, ob die englische Krone das Recht habe, von den Kolonien Steuern zu erheben, ohne dass deren Einwohner im Unterhaus vertreten waren. Ganz so dramatisch war es bei mir an diesem Wochenende nicht. Es ging „nur“ um die Frage, ob ich an einer ausgesprochenen Einladung festhalten muss, obwohl das Verhalten meines Gastes meine Bedürfnisse nach Wertschätzung, Respekt, Vertrauen, Gemeinschaft und Verbindung in tiefsten Mangel brachten.
Ich hatte eingekauft und bei der telefonischen Feinabstimmung, wann es denn essen geben würde, gesagt, „wir grillen“. Als mein Gast mitbekam, dass ich von einem Elektrogrill sprach (ich habe keinen anderen), war er offenbar frustriert, entrüstet und genervt. Dann hörte ich die Worte: „Das kann man nicht essen. Dann werde ich nicht satt. Dann gehe ich hinterher zum Döner-Mann.
Ein Wort gab das andere ich ich zog schließlich meine persönliche Notbremse. OK, wenn dir das so widerlich ist, geh doch gleich zum Döner-Mann. Das wars mit der Einladung.

 

Später erfuhr ich dann, dass sich die ausgeladenen Gäste nun in der Nachbarschaft zum Essen verabredet hatten.
Bin ich berechtigt, jemanden auszuladen, den ich eingeladen hatte? Bin ich berechtigt die Hand zu heben und zu sagen, stop, so geht es nicht?
Ich wünschte, ich hätte einfach nur gesagt, stop, so geht es nicht. Dann wäre Raum für Verhandlungen gewesen. Stattdessen habe ich mich wie in Notwehr wahrgenommen. SO will ich mich nicht behandeln lassen. Und die einzige Lösung, die mir in dem Moment einfiel, war: Dann iss halt woanders. Beim Nachspüren merke ich, dass ich nicht so tief mit meinen Gefühlen verbunden war wie ich es mir rückblickend wünschen würde. Ich habe nichts über meine Gefühle und Bedürfnisse gesagt, sondern habe eine Tür zugeknallt. Ich bin verantwortlich für mein Tun und mein Unterlassen. Bin ich berechtigt zu sagen: So nicht mit mir?

 

Intellektuell weiß ich, dass ich dazu berechtigt bin. Aber es fühlt sich nicht so an. Mein eigenes Verhalten erfüllt nicht mein Bedürfnis nach Verbindung, Gemeinschaft, Vertrauen, Sicherheit und Respekt anderen Menschen gegenüber. Das ist schwer auszuhalten. Als ich mich in dieser Situation so verhalten habe, waren meine Bedürfnisse Schutz, Respekt, Selbstvertrauen und Authentizität. Und das fühlte sich so dringend an, dass in dem Moment kein Raum war für die Bedürfnisse der anderen Seite.
Ich bin berechtigt, meine eigenen Grenzen zu setzen. Ebenso bin ich berechtigt, mit den Folgen umzugehen. Und andere haben die gleichen Rechte.

Das Schlusswort stammt aus der heutigen Tagesmeditation von Melody Beattie:

Heute werde ich nach meiner eigenen Wahrheit suchen und zulassen, dass andere sich auf ihre Suche begeben. Ich werde meinen Auffassungen und denen der anderen Beachtung schenken. Wir alle befinden uns auf der Reise zu unseren eigenen Entdeckungen – die heute für uns richtig sind.

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