Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Die Farbe des Grolls

Die Bezeichnung Groll für „Zorn, Wut“ geht auf das 14. Jahrhundert zurück und gehört zu dem unter grell dargestellten Stamm, bezieht sich aber ursprünglich auf eine wütende Lautäußerung. Dazu die Ableitung „grollen“murren, missmutig sein, die auf das Mittelhochdeutsche grollen zurückgeht und verwandt ist mit dem altenglischen gryllan, mit den Zähnen knirschen, zornig sein.
Wahrig Herkunftswörterbuch

Wenn ich Gefühlen Farben zuordnen wollte, wäre Wut hellrot und flüssig. Zorn wäre dunkler rot und dickflüssig. Und Groll wäre rotschwarz wie gestocktes Blut und zäh.

Freitag bekam ich einen Anruf, in dem jemand seine Bedenken bezüglich eines Plans zum Ausdruck brachte. Ich spürte so heftige Gefühle in mir, dass ich nicht nur dem Anrufer gegenüber wenig höflich war, sondern auch kaum wusste wohin mit mir. Ich erinnerte mich irgendwann an Marshalls Erzählungen über John, mit dem er in einem schwedischen Gefängnis arbeitete. John hatte einen Antrag auf eine Ausbildung gestellt und drei Wochen keine Antwort von der Gefängnisleitung bekommen. „What are you telling yourself?“, fragte ihn Marshall, und John schnaubte, „I’m not telling me anything…“. Doch auf Nachfragen stellte sich heraus, dass John unter anderem glaubte, „für die Gefängnisleitung sind wir nur ein Haufen Nichts und unsere Bedürfnisse interessieren sie überhaupt nicht“. Und diese Gedanken lösten bei John eine gehörige Wut aus.
Nach dem Telefonat am Freitag fragte ich mich schließlich: Was erzählst du dir selbst über dieses Gespräch? Und ich hörte von mir Sachen wie „die trauen uns nichts zu. Die wollen immer über alles bestimmen.“ Und je länger ich mir zuhörte, desto mehr erkannte ich, dass ich an einen alten Groll gekommen war. Obenauf lag Wut, hellrot, frisch und sprudelnd. Aber darunter war ein schwarzer Groll aus Kindertagen, als ich den Menschen in meinem Umfeld scheinbar machtlos ausgeliefert war, als meine Meinung nicht zählte.
Mühsam gelang es mir, die schönen Absichten der Gegenseite wenigstens zu ahnen. Beitragen, Unterstützung, Weitergabe von Erfahrungen, Leichtigkeit, Harmonie…
Mit diesen Gedanken merkte ich, dass es für mich leichter wurde, meinen ursprünglichen Plan loszulassen und die Argumente der anderen Seite zu schätzen und einzubeziehen. Ich spürte Erleichtung, Respekt und so etwas ähnliches wie Verbindung.
Zu meiner Überraschung fand ich heute Morgen eine Mail in meinem Briefkasten, in dem unserem Organisations-Team vollkommen freie Hand bei der Ausführung gelassen wurde.
Wunder gibt es immer wieder, wenn ich bereit bin, mein Denken zu verändern.

Heute bin ich bereit, Angriffsgedanken genauer zu betrachten und loszulassen.

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