Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Feindbilder

„Damit Kampf sei, muss es einen Feind geben, der widersteht, nicht einen, der gänzlich zugrunde geht.“ –
Petrus Abaelardus, Ethica

Ich habe kein Fernsehbild mehr.
Die erste Vermutung: Schnee in der Schüssel. Der Monteur war da und maß die Anlage durch, stellte schließlich die Diagnose: LNB in der Schüssel kaputt, ein wichtiges Bauteil für den Empfang von Programmen. In einem ersten Gespräch suchten wir Lösungen. Dann hieß es: Der Hubwagen kommt nächste Woche, fährt einen Monteur aufs Dach, das LNB wird ausgetauscht, fertig.
Doch nach und nach gab es weitere Informationen, die mich mehr und mehr irritierten. Der Hubwagen muss auf der gegenüberliegenden Straßenseite verankert werden, also muss die Straße gesperrt werden. Verwaltungsgebühr: 30 Euro. Absperrkosten durch die zuständigen Autoritäten: 75 Euro (für Selbstabholer mit Kleinlaster kostenlos…). Hubwagen pro Stunde: 80 Euro. Plus Monteurzeit, versteht sich. Geplante Dauer des Einsatzes. Ca. 90 Minuten…
In einem Telefonat machte ich gestern deutlich, dass ich mir eine andere Lösung wünsche, da die Kosten von mindestens 260 Euro ohne einen Handschlag mir zu hoch sind. Mein Gesprächspartner argumentierte, es ging hoch her am Telefon und wir verabredeten uns für heute früh erneut.
Ich schlief sehr unruhig, war schon im Traum auf Krawall gebürstet. Der soll nur kommen… andere sind auch an die Schüssel gelangt, ohne einen Hubwagen zu benutzen… Abzocke… die sind nur zu faul, auf die Leiter zu steigen… und kurz bevor der Monteur eintraf, wollte ich schon nach anderen Firmen im Internet gucken, um gleich eine Alternative zu haben.
Zum Glück gab es einen Moment der Besinnung und der Selbstempathie. Wie geht es mir, was brauche ich? Die Tatsache, dass ich ein regelrechtes Feindbild aufgebaut hatte, war ein deutlicher Hinweis darauf, dass wichtige Bedürfnisse im Mangel waren. Ich fand Effizienz, Kosteneffizienz. Kreativität. Da muss es doch eine andere Lösung geben. Selbstvertrauen. Wenn mir mit einer Lösung nicht wohl ist, darf ich es sagen und Gehör finden. Und ich finde auch eine Lösung, die mir besser schmeckt. Unterstützung mit dieser Schüssel war mir wichtig. Und ich wollte gern darauf vertrauen, nicht mit einer hohen Rechnung über den Tisch gezogen zu werden.
Nachdem mir meine Bedürfnisse klarer waren, konnte ich darüber nachdenken, welche Bedürfnisse wohl der Monteur hatte. Leichtigkeit, fiel mir ein. Und Sicherheit. Im Korb eines Hubwagens lässt sich wahrscheinlich bei diesem Wetter entspannter arbeiten als auf einer Leiter.
Als der Monteur eintraf, hatte ich einen Kaffee für ihn fertig. Gemeinsam begutachteten wir den Weg zur Antenne vom Balkon aus. Wir diskutierten auch, die Schüssel zu versetzen. „Ich habe verstanden, dass Sicherheit für Sie ein wichtiger Aspekt bei der Ausführung dieser Arbeit ist. Auch mir ist es ein Anliegen, dass hier niemand zu Schaden kommt. Welche Alternativen kann es zum Hubwagen geben?“
Es war, als hätte es nie zwei Meinungen gegeben. im Nu war eine neue Lösung gefunden. Mit einer langen Spezialleiter werden zwei Mann mir kommende Woche aufs Dach steigen, vorausgesetzt, es schneit nicht inzwischen oder es regnet am fraglichen Tag.

Heute will ich aufmerksam werden, wenn ich in einem Gegenüber einen Feind zu sehen glaube. Ich verbinde mich mit meinen Bedürfnissen und bin bereit, mich neuen Lösungen zu öffnen.

2 Reaktionen zu “Feindbilder”

  1. MarkusC

    Hallo Ysabelle!

    Dein Erlebnis hat mich sehr berührt, es bringt etwas schönes in mir zum klingen. Das Thema mit den Feindbildern ist mir gut bekannt, ich freue mich sehr für dich, dass du dieses rechtzeitig gefunden hast.
    So viel mehr Frieden und Lebendigkeit sind möglich wenn wir keine Bilder im Kopf haben (Freund oder Feind gleichermaßen)…danke für die Erinnerung an dieses wichtige Thema!

    Markus

  2. Ysabelle Wolfe

    Moin, Markus,
    im Moment habe ich einen ganzen Zoo voller Feindbilder. Gestern Morgen rief mich eine Frau von einer Organisation an, der ich angehöre. Sie brachte in einer bestimmten Angelegenheit ihre Bedenken zum Ausdruck. Ich war so wütend, ich hätte sie am liebsten durchs Telefon gewürgt. Mir fehlten Wertschätzung, Verbindung, Respekt und Unterstützung, Vertrauen und Leichtigkeit. Erst gestern Abend konnte ich in Anflügen erkennen, dass auch diese Frau wunderbare Absichten hatte. Das Leben ist echt schwer, wenn „es“ denkt in mir. Zu diesem Thema fand ich heute einen hilfreichen Blogbeitrag bei Christel Sohnemann, der Dich vielleicht auch interessiert.
    Einen Gruß hinterlässt
    Sardelle

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