Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Dankbarkeit 1. Dezember 2017

Hallo, Welt!
Ich möchte mit Euch den Dankbarkeitsmonat Dezember feiern. Das ist ja bei den Giraffenohren seit Jahren Tradition. Jetzt springen auch andere auf diesen Zug. Unter anderem gab es eine Ausgabe des GFK-Magazins „Empathische Zeit“ zu diesem Thema und gestern entdeckte ich auf Stern online eine Kolumne, in der der Autor zusammentrug, warum man in einer Beziehung Dankbarkeit zeigen sollte. Eigentlich bitter, dass man das noch mal extra sagen muss …
Durch die Gewaltfreie Kommunikation ist die Dankbarkeit wirklich fest in meinem Leben verankert worden. Jedes Seminar, das ich anbiete, endet mit „Feiern und Bedauern“, wobei Feiern für mich auch eine Form der Dankbarkeit ist. Jeden Tag aufs Neue bin ich tatsächlich meinem Hund dankbar, der mein Leben unendlich bereichert. Der Tierarzt frotzelte neulich rum, was Pudel für neurotische Angewohnheiten hätten, und meinte, „ich hab dich ja vorher gefragt, ob du weißt, worauf du dich einlässt, aber du bist ja anscheinend ganz zufrieden …“ Das trifft es nicht. Ich bin glücklich und verliebt. Jeden Tag aufs Neue. Möge uns das Schicksal noch viele gemeinsame Tage gönnen!
Danken ist für mich irgendwie etwas nach außen zu geben, sichtbar zu machen. Gäbe es eine Geste (außer Hand/Hände aufs Herz), wäre es für mich das Halten der geöffneten Hände vor der Brust. Und diese Geste bringt mich zu meiner persönlichen Herausforderung. Danken ist eine Sache. Annehmen eine andere. Und das fällt mir verdammt schwer.
Vor zehn Tagen habe ich in London einen Workshop gegen Spende gegeben. Der Flug kostete 185 Euro, der Hundeurlaub 125 Euro, die Versorgung der Katzen 50 Euro. Obwohl die Teilnehmenden großzügig Geld in den Hut taten, deckten die Einnahmen nicht die Kosten. Ich war trotzdem zufrieden. Die Teilnehmenden können ja nichts dafür, dass ich Hundepension und Katzensitter zahlen muss, und für den Flug reichten die Spenden.
Mein englischer Empathie-Buddy, dessen Geburtstag der Anlass für diesen Workshop war, lenkte mehrmals unsere Unterhaltung auf meine Kosten für diesen Trip. „Ich bin zurzeit finanziell gut gestellt, es fällt mir gerade leicht, dich zu unterstützen und ich würde es gern tun. Lass mich doch deinen Flug bezahlen …“

Es ging nicht.
Irgendetwas bremste mich aus. Am Montagabend – ich hatte gerade eine 3,5-stündige Session auf englisch beim „Empathy Central“ am Leicester Square auf dem Magischen Feld gegeben – haben wir dann intensiver darüber geredet. „Schenke mir dein Annehmen“, sagte mein Freund. Inzwischen hatte er mich so weichgekocht, dass ich nach meinen Gefühlen schaute. Was löste das denn in mir aus, dass er mich so unbedingt beschenken wollte? SCHAM. Ach, guck an! Ich war überrascht. Ein unerfreuliches Konvolut an Glaubenssätzen – vor allem solche, von denen ich dachte, sie seien doch längst bearbeitet – quollen da aus einer Kiste, die ich anscheinend irgendwo vergessen hatte. Ich war ziemlich betroffen, als ich realsierte, dass ein Teil von mir glaubte, ich sei es nicht wert, so ein (großes) Geschenk zu bekommen. „Es steht dir nicht zu.“ „Was glaubst du denn, wer du bist!“ Ganz, ganz leise sagte auch jemand in meinem Kopf, „dafür wirst du bezahlen …“ Eine gruselige Erkenntnis. Kein Wunder, dass ich drei Tage so barsch und ablehnend sein Geschenk zurück gewiesen hatte! Wenn ich so einen Müll heimlich glaubte …

Er wäre nicht der beste Empathie-Buddy der Welt, wenn wir diese Kuh nicht vom Eis gekriegt hätten. Erst mal haben wir gemeinsam die Scham angeguckt und willkommen geheißen. Er hat sie freundlichst gefragt, ob sie viel zu tun hat und ob es denn so klappt mit dem „mich beschützen“ und „mich von Fehlern abhalten, die ich nachher teuer bezahlen muss“. Alles wurde ganz friedlich in mir. Scham meinte dann noch, immerhin sei ich ja eine erwachsene (alte) Frau, die gefälligst für sich selbst sorge solle und dazu in der Lage sein müsse … Manchmal ist es gar nicht so einfach in meiner Haut.
Die vorgeschlagenen Strategien fühlten sich alle nicht behaglich an. Doch dann fiel meinem Empathie-Buddy etwas ein. „Ich war gerade mit meinen Töchtern in Urlaub in Valencia und habe noch einen Haufen Euros, die ich nicht getauscht habe. Wärst du bereit, dieses Geld zu nehmen?“
Jaaaaaaa!!!! Mit diesem Vorschlag konnte ich mich richtig gut anfreunden. Denn wenn er mich besucht, möchte ich immer alles zahlen, weil er ja schon die Reisekosten hat. Und meist lässt er sich das gefallen. Und nun wollte er in seinem Land zu meinem Wohlergehen einen Beitrag leisten und ich zeigte mich so sperrig … Was für ein Lehrstück über Geben und Empfangen! Letzteres möchte ich mehr üben. Vielleicht fällt mir dazu in den kommenden Wochen noch mehr auf. Dann werde ich darüber berichten.

So long!

Ysabelle

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