Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Wortschätzchen: Trotzig

Hallo, Welt!
In den letzten zehn Tagen habe ich mich mehrmals am Wort „trotzig“ gestoßen. Es kam in Variationen, trotzig, Trotz, Trotzkopf. Ich gehe davon aus, dass zwischen uns Einigkeit herrscht, dass es sich dabei um eine Bewertung handelt. Doch was wird da überhaupt bewertet?

Mein teures Herkunftswörterbuch bietet mir hier: Tross, Trosse, Trost, Trottel, Trottoir und Troubadour. Vielen Dank, das war’s nicht. Das 1452 Seiten starke Wahrig „Deutsches Wörterbuch“ schreibt:

trotz (Präp., urspr. mit Dativ, heute meist mit Genitiv) ungeachtet … allem … alledem war es doch schön… … seiner Erfolge ist er bescheiden geblieben… etc.

Trotz (m., es; unz.) Widersetzlichkeit, Unfügsamkeit, Dickköpfigkeit, Eigensinn; jemandem oder einer Gefahr Trotz bieten. Widerstand entgegensetzen, kindlicher, kindischer Trotz; etwas aus Trotz tun oder nicht tun. Dir zum Trotz bleibe ich hier gerade weil du es anders willst; Seiner Warnung zum Trotz hat sie es doch getan; Trotz seiner Warnung, gerade weil er sie gewarnt hatte

So weit also mein erster Ausflug in die Gründe der Sprachwissenschaften. Es gibt übrigens noch das schöne Wort

Trutz (m., es, unz. poet.) Abwehr, Gegenwehr, Widerstand, (nur noch in der Wendung „zu Schutz und Trutz“. Und „trutzig“ ist ein Adjektiv und der poetische Ausdruck für mächtig oder massig (Burg).

Na, dämmert es Euch schon, worauf ich hinaus will?

Also, das Wort ist positiv besetzt, wenn es um eine Burg geht, der trutzige Burgfried dient zur Verteidigung und zum Schutz. Das Wort ist negativ besetzt, wenn es um die Handlungen oder Äußerungen eines Kindes geht, oder wenn eine Person sich trotz anders lautender „Empfehlungen“ zu einer bestimmten Handlung oder Unterlassung entscheidet. Zwei Mal nimmt das Wörterbuch Bezug auf Kinder. Explizit heißt es „dickköpfig“, nicht etwa beharrlich. Wir sind also im Wertungs-Modus angekommen.

Ein Freund sagte neulich, er spüre an einer bestimmten Stelle bei sich einen Trotz, und spontan fand er das ganz schrecklich und zum Abgewöhnen. Ich selber finde, das ist etwas zu feiern! Mit Energie zeigt sich da eine Kraft, die gesehen und berücksichtigt werden will. Jemand, der trotzt, hat also mutmaßlich unerfüllte Bedürfnisse nach

Autonomie
Teilhabe
Gesehen werden
Einbezogen sein
Wirksamkeit

und vielleicht noch nach manchem anderen. ich denke, derjenige, der das Wort „trotzig“ dafür verwendet, ist der Ansicht, diese Person müsse sich dem fügen, was jemand anderes sagt. Eine Autorität, ein Dienstherr, einer, der es besser weiß.
Voila! Sind wir da nicht wieder bei Hierarchien? Bei Oben und Unten, bei Richtig und Falsch? Und trotzen ist mal fast immer falsch, es sei denn, man wäre eine winterharte Pflanze oder Reinhold Messmer, der den arktischen Stürmen trotzt. Dann ist er ein Held. Überhaupt – den Naturgewalten trotzen, ihnen die Stirn bieten, das ist oft gut angesehen. Seenotretter oder die Leute von der Bergwacht sind Helden. Ein Stehbrettsegler, der den acht Meter hohen Wellen trotzt, ist ein Idiot, der mit seinem Leben spielt.

Also: Trotzen gehört sich nicht, jedenfalls in 95 Prozent der Fälle.
Deshalb sollen Kinder auch nicht trotzen. Pfui! Das ist unartig. Wie – du hast einen eigenen Willen?! Wo kämen wir denn da hin, wenn das jeder hätte? Gute Frage! Goethe schrieb dazu in einem Gedicht:


Prometheus
.

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst,
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn;

Müßt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Gluth
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Aermeres
Unter der Sonn’, als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät,
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Thoren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wußte wo aus noch ein,
Kehrt’ ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär’
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz, wie mein’s,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider der Titanen Uebermuth?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverey?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Thränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehen,
Weil nicht alle
Blüthenträume reiften?

Hier sitz’ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sey,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

Ich erinnere mich an dieses Gedicht aus meiner Schulzeit. Ich hatte überhaupt keine Lust, es auswendig zu lernen. Aber als es mir jetzt wieder in den Sinn kam, habe ich mich über die damalige Quälerei gefreut. Hier steckt Tatendrang drin, Schaffenskraft, Energie! Wenn das Trotz ist, dann kaufe ich ein Fuder!

Gestern Mittag wurde ich Zeugin eines Gesprächs zwischen zwei Frauen. Und eine bezog sich auf ein Buch namens „Jedes Kind kann schlafen lernen“, das einfach super sei, und das Trotzen müsse man den Kindern halt abgewöhnen. Ich zitiere hier aus einer ein-Sterne-Bewertung von Amazon:

Ein Kind lernt durch sogenannte „Schlaflernprogramme“ – wie das in diesem Buch vorgestellte – NICHT das selbstständige Einschlafen und Durchschlafen, sondern dass seine Bedürfnisse von seinen engsten Bezugspersonen ignoriert werden. Wird es schreiend alleine gelassen, erlebt es Gefühle von Panik und Todesangst. Schreien lassen bricht den Willen des Kindes, zum Teil mit irreparablen Langzeitschäden. Wer möchte seinem Kind so etwas antun?

Also, ich bin noch so erzogen worden. Ich habe versucht, es bei meinem Kind anders zu machen und bin wegen fehlender Unterstützung ziemlich gescheitert. Was für ein Wahnsinn, einem Kind mit dem Bedürfnis nach Nähe – oder später mit dem Bedürfnis nach Autonomie mit Gewalt zu begegnen! Denn um nichts anderes handelt es sich, wenn ich jemandem, der in meiner Bewertung trotzt, das Recht abspreche, sich für seine Belange einzusetzen.

Und wie seht Ihr das?

So long!
Ysabelle

Wortschätzchen: Bockig & andere Feinheiten

Hallo, Welt!
In der vergangenen Woche ist mir noch einmal sehr deutlich geworden, welchen Beitrag unsere Sprache zum Frieden leisten kann. Vielleicht habe ich auch einfach nur festgestellt, wie weit ich mich schon vom normalen Sprachgebrauch entfernt habe.

Auslöser war die Aussage: „Der Mann war bockig“, die ich in einem Gespräch aufgeschnappt habe.
Na, wie fühlte sich vielleicht ein Mensch, der von anderen als „bockig“ wahrgenommen wird? ich biete an:
angespannt
bitter
durcheinander
einsam
empört
eventuell eine Prise frustriert
genervt
kribbelig
streitlustig
unwohl/unbehaglich
unter Druck
widerwillig

mal so als erster Wurf. Natürlich kann das je nach Situation variieren.
Hinter einer diagnostizierten „Bockigkeit“ verbergen sich natürlich unerfüllte Bedürfnisse, sowohl beim „Bock“, als auch beim Gärtner.
Ich habe keine klare Idee, um welche Situation es sich handeln könnte, wo jemand sich „bockig“ verhält, aber ich mache mal ein paar Angebote, welche Bedürfnisse unerfüllt sein könnten:
Autonomie
Wirksamkeit
Beteiligung
Unterstützung
Gesehen werden
Verbindung
Verständnis & Verstehen
Schutz.

Und vielleicht erfüllt er sich mit eben diesem Verhalten das Bedürfnis nach
Echtheit
Autonomie
Schutz
Kongruenz/Authentizität.

So weit, so gut.
Jetzt aber wird es wirklich spannend: Was braucht denn die Person, die beim anderen Bockigkeit konstatiert?
Ich tippe mal auf

Verbindung
Verstehen
Gemeinschaft
und vielleicht so etwas wie Klarheit.

StammleserInnen des Blogs erinnern sich vielleicht: Im vorigen August habe ich mit meiner Kollegin Hilke ein Seminar „Gewaltfrei filzen“ veranstaltet. Dabei ging es zum einen um das handwerkliche Herstellen eines Filzkissens oder Teppichs, aber auch um verfilzte Sprache. Diesertage ist mir aufgefallen, dass die so genannten Interpretations- oder Gedankengefühle eigentlich auch so etwas wie Filz-Werkstücke sind. Es gibt einzelne Schichten, die dann allerdings durch den Filzvorgang zu einem einzelnen Werkstück (Bewertung) zusammen gefügt werden. Das Urteil „bockig“ setzt sich vermutlich zusammen aus den Beobachtungen von Körperhaltung, Gesichtsausdruck, dem Gesprächspartner zu- oder abgewandt, Blickkontakt ja/nein und anderen non-verbalen Wahrnehmungen. Indem ich diese Informationen im Kopf zusammenrechne, erscheint das Ergebnis: Bockig. Doch Vorsicht! Zum einen kann diese Zusammenrechnung eine Fehlkalkulation sein und vielleicht ist der andere einfach unsicher oder ich habe eine Projektion am Laufen, weil mein Opa immer so geguckt hat, wenn er nicht tun wollte, was die Oma gerade vorgeschlagen hat. zum zweiten kann dieses Rechenergebnis war „rechnerisch“ richtig sein. Aber was mache ich denn damit? Dient es der Verbindung, den anderen als „bockig“ einzuordnen? Wäre es nicht viel zielführender, beispielsweise zu denken: Uih… starrer Blick, hochgezogene Schultern, geballte Fäuste – was braucht mein Gegenüber? Oder noch schöner: Was brauche ich? In wie weit beeinflusst mich das Gesehene in meiner Haltung?

In Gesprächen ist mir aufgefallen, dass manche andere Menschen solche Überlegungen schwer hören können. Sie entnehmen diesen „Wortklaubereien“ von mir ein neues „Richtig“ oder „Falsch“. Sie rechnen zusammen, heraus kommt ein Bild. Und schon ist es viel schwerer, die einzelnen Farben, die einzelnen Bestandteile zu erkennen, zu benennen, in Rechnung zu stellen.
Dieses Zusammenrechnen, Zusammenwalken von Beobachtungen zu einer Bewertung hat aus evolutionstechnischer Sicht einen wunderbaren Sinn: Wenn dem Höhlenmenschen ein anderer Höhlenmensch mit erhobener Keule gegenüber steht, ist das vielleicht genug Signal, um die eigene Keule zu heben oder die Beine in die Hand zu nehmen. Das schnelle Einschätzen und der kompetente Umgang in Gefahrensituationen sichert unser Überleben. Gleichzeitig hat es in den vergangenen Jahrtausenden genug „Tod durch Versehen“ gegeben, einfach weil gleiche Gesten in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich interpretiert werden. Nicht einmal die Bedeutung von „Ja“ und „Nein“ ist in allen Kulturen auf der heutigen Erde gleich.

Ich plädiere daher für ein Ent-Filzen, für ein genaueres Beobachten. Dieses grandiose Bild zum Thema Beobachtung entdeckte ich heute Morgen in meinem Lieblingscafe. Ich hätte es gern gekauft, aber… die Künstlerin Elke Wagner gibt es nicht her. Was ist denn meine Beobachtung, wenn ich sage, ich fühle mich:

ungeliebt
ausgegrenzt
ausgeliefert
abgestempelt
unbeliebt

Die Liste dieser „Gefühle“ lässt sich sicher nahezu beliebig erweitern. Und ich höre noch einen Teilnehmer meiner Übungsgruppe, mit dem ich über „Ich fühle mich provoziert“ diskutierte: „Ich weiß doch, was ich fühle..!“ In diesem speziellen Fall mal eindeutig nicht.

Ein Aspekt dieser Wortklauberei möchte ich noch erwähnen. Wenn ich bereit bin, meine zusammengerechneten Wörter wie bockig, provoziert, ausgegrenzt oder übergriffig zu entfilzen, die einzelnen Schichten zu betrachten, dann erschließt sich mir eine völlig neue Welt. Ich bin sozusagen ein Goldgräber in Sachen Verbindung. Denn so finde ich einen Zugang zu meinen eigenen (oft unerfüllten) Bedürfnissen und zu den Bedürfnissen meines Gegenübers. Und auf dieser Ebene wird es so viel leichter, im Gespräch zu bleiben – auch wenn der andere gerade bockig ist 😉

So long!
Ysabelle

Wortschätzchen: Bloßgestellt

Hallo, Welt!
Dieser Tage las ich in einem Brief***, „du hast mich bloßgestellt“. „Ha!“, dachte ich. Endlich mal wieder ein Wortschätzchen!
Mein Wahrig Herkunftswörterbuch zeigt sich mal wieder schwach. „Bloßstellen“ gibt es gar nicht. Zu „bloß“ schreibt es a.) nackt, b.) nur. Das Adjektiv (mhd. bloz, ahd. bloz) ist verwandt mit griech. phlydaros, weich, und lat. fluere „fließen“; die ursprüngliche Bedeutung wäre demnach „aufgeweicht, nass“; über „weich, sensibel“ und „schwach“ entwickelte sich die heutige Bedeutung „unbekleidet“ (und somit schutzlos).

Etwas ergiebiger ist da schon mein Duden der sinn- und sachverwandten Wörter. Für „bloß“ bietet er mir „nackt“ und „barfüßig“ an. Aber bei „bloßstellen“ heißt es: (sich) eine Blöße geben, eine Blöße bieten, zum Gespött werden, keine gute Figur machen, sich dekolletieren, sich kompromittieren, seinen Namen, seinen Ruf, sein Ansehen aufs Spiel setzen, sich lächerlich machen, sich blamieren, seinem Namen keine Ehre machen, sich ein Armutszeugnis ausstellen; siehe: erniedrigen, kompromittieren (jmdn.), Bloßstellung, Entblößung.

Tja, und unter Bloßstellung steht: Blamage, Schande, Beschämung, Desavouierung (mein Gott, ich dachte, das gäbe es nur noch in der Operette…), Kompromittierung, Schmach, Unehre, Schimpf, Reinfall, Pleite (ugs.). Siehe Aufsehen, Beleidigung, bloßstellen, kompromittieren, anständig, beschämend, ehrlos, gemein.

So weit mal meine Quellen.

Mein Kopf liefert mir noch etwas anderes. Ich sehe eine Person am Pranger. Ich sehe Siegfried, dessen verwundbare Stelle verraten wird. ich sehe mittelalterliche Stadtbüttel, die mit ihrer Pike einer unbotmäßigen Person das Gewand aufschlitzen und diese so entblößen, also in ihrer (schambehafteten) Nacktheit zur Schau stellen. Jemand bringt also ans Licht, was aus Gründen von Takt, gutem Geschmack oder Schutz besser verborgen geblieben sein sollte.

Was empfand wohl diese Person, die in dem Brief schrieb: „Ich fühlte mich bloßgestellt“?
Mit Sicherheit mal
Scham.
Vielleicht auch Unsicherheit.
Sie fühlte sich vielleicht auch
verwirrt
besorgt
ängstlich
wütend
frustriert
einsam
enttäuscht
im Schmerz
bestürzt
geladen
entsetzt.

Und die Bedürfnisse?
Schutz springt mich als erstes an.
Autonomie (ich möchte selbst entscheiden, was über mich bekannt wird)
Vertrauen
Beteiligung
Klarheit (in diesem konkreten Fall)
und Verstehen.

Und die Bitte wäre wahrscheinlich gewesen, dass nichts davon bekannt wird, was diese betreffende Person geäußert hat, oder genauer, dass die Person sich überhaupt geäußert hat.

Bei wem liegt die Verantwortung für was? Super-Frage, oder?

… Es ist so leicht, jemand anderem die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, was man selbst angerührt hat.

Und was ist mein Lernfeld in der beschriebenen Situation?
Ich möchte noch klarer werden, Dinge noch klarer benennen. Ich möchte noch mehr Gespür dafür entwickeln, wo gerade nicht deutlich geworden ist, worum es mir geht. Ich merke, dass ich noch immer aus Rücksicht oder Mitgefühl oder Schutz Dinge nicht ausspreche, von denen ich annehme, der andere kann sie schwer hören. Ich nenne dieses Verhalten Co-Abhängigkeit. Ich bin einen guten Schritt weiter gekommen in den vergangenen zehn Jahren. Aber da ist eindeutig noch Wachstumspotential…

So long!

Ysabelle

*** Person A hatte mir mehrere Nachrichten über Person B zukommen lassen. In Gegenwart von Person B habe ich gesagt, dass ich die Nachrichten bekommen habe ( – nichts zum Inhalt – ) und dass es Zeit, Kraft und vereinbartes Setting nicht zulassen, dass ich quasi mit Person A allein an diesem Thema arbeite, und sei es auch nur schriftlich.

Bewertungs-Orchester: Willkommen

Hallo, Welt!
In diesen Tagen schlage ich mich ganz intensiv mit Bewertungen herum. Wenn es in mein Bewusstsein vordringt, versuche ich mir Einfühlung zu geben, aber so ganz gelingt mir das nicht. Was wiederum ein neues Konzert an Urteilen und Bewertungen auslöst, gespielt auf Teufelsgeige, Löffel und Waschbrett. Ein schauriges Geschrumse.

Bewusst wahrgenommen habe ich es, als in meinem Kopf der Satz „ich fühle mich nicht willkommen“ gebetsmühlenartig kreiste. Man kann sich ja mit solchen Äußerungen auch gut selbst hypnotisieren…

Ich habe mich also zur Ordnung gerufen (!)
Sich willkommen fühlen ist kein Gefühl. Was ist das Gefühl?

Traurig
fällt mir als erstes ein.
Bitter
Dumpf
Einsam
Ermüdet
Ernüchtert
Frustriert
Teilnahmslos

Das ist es so grob. Wie bei einem guten Essen gibt es Spuren von anderen Gewürzen, aber sie schmecken nicht vor. Soll heißen, da sind schon noch ein paar mehr Gefühle im Hintergrund, aber diese hier sind am deutlichsten.

Die unerfüllten Bedürfnisse sind
Sicherheit – uups – das war mir bis zu dieser Sekunde nicht bewusst
Selbstvertrauen
Gesehen/Gehört werden
Vertrauen
Beteiligung
Gemeinschaft/Zugehörigkeit
Respekt
Anerkennung
Nähe
Liebe

Scheibenkleister, jetzt laufen die Tränen, das kann ich im Augenblick gar nicht gebrauchen…

Harmonie
Leichtigkeit
Feiern (es geht um Weihnachten…)

Ich glaube, am stärksten sind Zugehörigkeit, Sicherheit, Nähe und Anerkennung.

Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass all diese wunderbaren Bedürfnisse ja durchaus erfüllt werden können, aber nicht unbedingt da, wo ich gern hätte. Ich versuche wieder mal, im Gemüsegeschäft eine Klobürste zu kaufen. Und meine Lieblingsstrategie ist halt, dass ich gerade mit diesen Menschen Gemeinschaft und Verbindung erleben kann. Und genau das ist dort leider nicht im Angebot. Ein Lebensthema von mir.

Ich habe noch einen ganzen Haufen weiterer Bewertungen im Angebot. Ich könnte jetzt „berechnend“ übersetzen und verweise auf das Wortschätzchen „ausgebootet“. Ganz viel von dem, was mich aktuell bewegt, hat damit zu tun, dass ich Teil einer Gemeinschaft sein möchte und meine Gegenüber dieses Bedürfnis nicht in einem Maße erfüllen, wie ich es mir wünsche. Aus Gewohnheit neige ich dazu, entweder die anderen für Armleuchter zu halten oder mich selbst je nach Stimmungslage für „zu“ anspruchsvoll, dumm, egoistisch, schwach oder GfK-unfähig zu halten. Der größte Fortschritt in meinem Leben ist, dass ich heute diese Stimmen aus dem Chor meiner Bewertungssymphonie ausfiltern kann. Ich kann sie hören, wahrnehmen, separieren, sie mir einzeln ansehen und schauen, welche unerfüllten Bedürfnisse sich dahinter verbergen. Und dann kann ich losmarschieren und dafür sorgen, dass genau diese Bedürfnisse erfüllt werden. Damit ist das Bewertungsorchester willkommen, denn es verrät mir mit seiner „Musik“, was in meinem Leben einer Kümmerung bedarf. Danke, Irina, für das wundervolle Wort! Das Bewertungsorchester spielt quasi den Marsch, und ich gehe los, um meine Bedürfnisse zu erfüllen.

Gestern Abend kam ich auf den Bahnsteig und wurde dort von Markus und Steffi erwartet. SIE haben auf mich gewartet, damit wir Gelegenheit zum Schnacken haben. Ist das nicht wundervoll? Das erfüllt meine Bedürfnisse nach Gemeinschaft, Gesehen werden, Verbindung, Wertschätzung und Nähe auf die schönste Art. Alles ist für mich da im Leben. Ich bin vorbehaltlos bereit, es zu sehen.

so long!

Ysabelle

Neue Beute: Pseudowahrnehmung!

Hallo, Welt!
Mir ist ein neues GfK-Buch ins Haus geflattert.
Judith Hanson Lasater
& Ike K. Lasater
Weil Worte wirken …
Gewaltfreie Kommunikation praktisch anwenden

Wenn ich es zu Ende gelesen habe. werde ich es im entsprechenden Faden genauer vorstellen.
Auf Seite 20 fand ich etwas, das mich sofort begeisterte: den Begriff Pseudowahrnehmung.

Judith schreibt:

Ob John zu spät war oder nicht, nenne ich eine Pseudowahrnehmung – ein als Wahrnehmung getarntes Urteil. Andere Pseudowahrnehmungen sind „du fährt zu schnell“, „es ist kalt hier“ oder „das war ein wirklich guter Film“. Ich nenne sie Pseudowahrnehmungen, weil diese Feststellungen zwar wie einfache Beobachtungen klingen, in Wirklichkeit aber keine sind. … Für uns sind Meinungen und Anschauungen Pseudowahrnehmungen wie zum Beispiel „in diesem Raum ist es nicht warm“. Es wird zwar als Wahrnehmung hingestellt, ist aber ein Urteil. Jemand anders könnte behaupten, „nein, dem ist nicht so. Mir ist kalt.“ Eine Beobachtung wäre (mit Blick auf das Thermometer): „Die Temperatur in diesem Raum ist 26,7° C.“ Über diese Feststellung wird man sich kaum streiten können.

Ich vermute, dass bei dem letzten Beispiel, „in diesem Raum ist es nicht warm“, versehentlich das „nicht“ reingepurzelt ist, denn so ist das Beispiel nicht so richtig sinnvoll. Der erste Sprecher müsste eigentlich behaupten, es sei warm, damit der andere dagegen halten könnte, ihm sei kalt. Aber egal, ich denke, das Prinzip ist verstanden.

In Bezug auf die Gefühle gibt es ja ebenfalls den Begriff Pseudogefühle. Ich benutze ihn nicht gern, spreche stattdessen lieber von Interpretationsgefühlen. Mein Freund Wiki bietet mir unter dem Stichwort „pseudo“ folgendes an:

Liste griechischer Wortstämme in deutschen Fremdwörtern
(Weitergeleitet von Pseudo)

Griechische Wortstämme sind im Deutschen überwiegend in Fachausdrücken zu finden, die entweder direkt dem Griechischen entstammen oder Neubildungen sind. Von einer begrenzten Anzahl dieser Wortstämme wurden und werden zahlreiche wissenschaftliche Begriffe und sonstige Fremdwörter in den indogermanischen Sprachen abgeleitet. Sie sind zum Verständnis alltäglicher und wissenschaftlicher Fremdwörter und ihrer Etymologie ebenso hilfreich wie zu systematischer, neuer Wortbildung.

In der unten stehenden Tabelle werden beispielhaft solche Ursprungswörter aufgelistet, die aus griechischen Wortstämmen gebildet sind…

pseud(o)
ψεύδειν, ψεύδεσθαι/ψεῦδος
falsch, unecht, vorgetäuscht
Pseudonym, Pseudepigraf, Pseudokrupp

und damit bin ich nicht wirklich glücklich, denn siehe da, schon sind wir wieder bei Richtig und Falsch.

Der Begriff „Pseudobeobachtung“ ist für mich knackig und griffig, aber dann eben doch wieder urteilend.
Mal sehen, ob ich mir das sperrige Wort Interpretationsbeobachtung aneignen kann.
Zu Interpretation bietet Wiki unter anderem an:
Interpretation (von lat.: interpretatio = „Auslegung“, „Übersetzung“, „Erklärung“) bedeutet im allgemeinen Sinne das Verstehen oder die Deutung der zugrunde gelegten Aussage.

Es ist ja nichts falsch damit, etwas auszulegen, zu interpretieren. Es geht eben nur darum, es voneinander zu unterscheiden und das auch deutlich zu machen: Was es ist und wie ich es wahrnehme. Es ist 27 Grad warm, aber MIR ist kalt.

In einer Diskussion wurde ich kürzlich damit konfrontiert, dass jemand dieses „Herumhacken auf einzelnen Worten“ als Korinthenkackerei beschrieb. Ist da was dran? Ich vermute, meinem Gegenüber fehlte Leichtigkeit, vielleicht Selbstvertrauen (kann ich das auseinanderhalten?), Beteiligung, Verstehen und Begeisterung.

Warum ist mir die Bedeutung von Worten so wichtig? Neulich gab mir ein Freund Einfühlung und er hatte in seinem Sprachgebrauch einige Worte, die ich als Interpretationsgefühle beschreiben würde. Mir war das teilweise so unangenehm, dass ich mich gar nicht auf die wunderbare Einfühlung einlassen konnte, sondern immer wieder damit kämpfte, nicht „so“ zu sein oder zu fühlen, wie es mir gerade angeboten wurde. Vielleicht habe ich schon zu viele Verletzungen durch Worte wahrgenommen oder erlebt, als dass ich bei diesem Thema entspannt sein kann. Weil Worte wirken… ich bin wirklich gespannt, wie es in dem Buch weiter geht!

So long!
Ysabelle

Wortschätzchen: ausbooten

Hallo, Welt!
Ist es nicht wunderbar, wie viele verschiedene Worte es gibt und wie fein nuanciert wir uns damit ausdrücken können? Nach wie vor gibt es Wortschätzchen, die mir besondere Freude machen, weil sie das Gehirn in Schwung bringen und uns einladen, über die genaue Bedeutung dessen, was gerade gesagt wird, nachzudenken.

Vor mir liegt das Maritime Wörterbuch von Jürgen Gebauer und Egon Krenz (1989). Meine Erwartung war, zum Stichwort ausbooten einen längeren Passus zu finden. Aber hier steht auf Seite 23 lediglich: ausbooten: etwas mit Booten an Land bringen.

Da ist das Bild in meinem Kopf zum Thema ausbooten doch wesentlich bunter. Ich sehe vor meinem inneren Auge die Börteboote, die in Helgoland die Tagesgäste von den Ausflugsdampfern abholen und an Land bringen. Und ich sehe Käpt’n Jack Sparrow, der von der Crew der Black Pearl auf einer einsamen Karibik-Insel abgesetzt wird.
Ausgebootet werden also Menschen und Waren. Sie kommen runter vom Schiff, werden an Land geschafft. Eigentlich eine nüchterne Beschreibung eines Vorgangs. Doch als ich Montag hörte, „ich fühle mich ausgebootet“, entstand in meinem Kopf kein Bild davon, wie jemand in einem lustigen Kahn an Land gerudert wurde. Mit allen Sinnen nahm ich wahr, dass die Botschaft eine andere war: Gegen meinen Willen bin ich nicht mehr Teil der Mannschaft.

Was könnten also die Gefühle sein, die in jemandem lebendig sind, der von sich selbst sagt: „Ich fühle mich ausgebootet!“?
ängstlich
ärgerlich
aufgeregt
bestürzt
betroffen
bitter
durcheinander
einsam
empört/entrüstet
frustriert (?)
hilflos
in Panik (?)
im Schmerz
perplex (wenn das Geschehen überraschend kommt)
traurig
sauer
schockiert
streitlustig
überwältigt
unter Druck
verstört
verzweifelt
widerwillig
wütend
zornig

Mir kommt es so vor, als ob die Gefühle in zwei Oberkategorien passen: Wut und Angst.

Und welche Bedürfnisse sind bei mir im Mangel, wenn ich sage, ich fühle mich ausgebootet?

Als erstes springt mich
Gemeinschaft an. Die Gemeinschaft ist an Bord, ich werde weggebracht, gegen meinen Willen. Ich möchte Teil der Gemeinschaft sein, aber andere entscheiden, dass ich das Schiff verlassen muss. Aber mir fallen auch noch ein paar andere wunderbare Bedürfnisse ein:
Sicherheit
Schutz
Autonomie
Selbstvertrauen
Integrität
Beteiligung
Zugehörigkeit
Vertrauen
Geborgenheit
Gesehen/gehört werden
Harmonie

Auch hier zeigen sich für mich zwei Schwerpunkte. Das eine ist der Aspekt, nicht mehr Teil der Gemeinschaft zu sein mit allen Facetten, der andere Aspekt rührt an Autonomie und Freiheit meiner Entscheidung.

Nicht zu vergessen: ausgebootet ist ein Interpretationsgefühl. Es stammt nicht aus dem Herzen, sondern aus dem Kopf. Manchmal braucht man ein bisschen Zeit, um sich mit den dahinter liegenden Gefühlen und Bedürfnissen zu verbinden.

So long!

Ysabelle

Wortschätzchen: scheitern

Hexen-Einmaleins
du mußt verstehn!
aus eins mach zehn,
und zwei laß gehn,
und drei mach gleich,
so bist du reich.
verlier die vier!
aus fünf und sechs,
so sagt die hex,
mach sieben und acht,
so ist’s vollbracht:
und neun ist eins,
und zehn ist keins.
das ist das hexeneinmaleins.

(ref:) immernoch werden hexen verbrannt
auf den scheiten der ideologie.
irgendwer ist immer der böse im land
und dann kann man als guter
und die augen voll sand,
in die heiligen kriege ziehn.

als sie giordano bruno verbrannten
sandte sein gott keine blitze gegen das unrecht.
munter flackerte das feuer.
der pöbel mußte manchmal husten zwischen zwei lachern,
so qualmte giordano. oder grandier,
neben seinem scheiterhaufen sonnte sich richelieu.
14 nonnen mit klistierspritzen garniert,
wälzten sich vor wollust und gier.
und das christliche abendland
sann befriedigt weiter auf gute taten.
was hat dieser ketzer mit uns zu tun,
flötet unser jahrhundert.
doch 300 jahre später
konnte ein gewisser trotzki,
angeklagt der unzucht mit der freiheit,
das haupt dogmen baljo gespalten,
300 jahre später konnte dieser trotzki
die menschheit nur noch
um vergebung bitten für seinen henker.

(ref:) immernoch werden hexen verbrannt
auf den scheiten der ideologie.
irgendwer ist immer der böse im land
und dann kann man als guter
und die augen voll sand,
in die heiligen kriege ziehn.

sacco und vanzetti, keiner rothaarig,
nie mischten sie zaubertränke um mitternacht.
auch des nachbarn kühe gediehen vortrefflich.
trotzdem wurden sie niedergemetzelt
von den schergen der mickey mouse.
oder sechs millionen juden,
fürwahr eine heerschar von hexern,
zum aderlaß geprügelt
für die reinheit des blutes.
schrecklich! schrecklich!
und die mönche der demokratie
wedeln verzeihung heischend
mit der rute und siehe,
der freigeist geht um!

alle sind aufgeklärt,
doch wer weiß bescheid!?
heute haßt man modern.
die angst ist die flamme unserer zeit
und die wird fleißig geschürt.
sie verbrennen dich
mit ihrer zunge und ihrer ignoranz.
dicke freundliche herren
bitten per television zur jagd.
tausende zum feindbild verdammt
halten sich für’s exil bereit.
die schlupfwinkel werden knapp,
freunde. höchste zeit aufzustehen!

du mußt verstehn!
aus eins mach zehn,
und zwei laß gehn,
und drei mach gleich,
so bist du reich.
verlier die vier!
aus fünf und sechs,
so sagt die hex,
mach sieben und acht,
so ist’s vollbracht:
und neun ist eins,
und zehn ist keins.
das ist das hexeneinmaleins.
Konstantin Wecker

Hallo, Welt!
Vorgestern sagte ein Bekannter im Gespräch: „Ich bin zweimal damit gescheitert, mit dem Rauchen aufzuhören.“ Ich fragte nach, was genau meinst du mit scheitern? Und er entgegnete, Na, ich habe das zwei Mal versucht und es nicht geschafft. Ich nahm bei ihm Scham wahr und Schmerz. Urteile wie „Weichei“ oder „charakterschwach“ lagen in der Luft. Und dann sagte er, „verdammte Sucht!“
Ich war selbst eine recht starke Raucherin. Noch heute bin ich voll des Bedauerns, dass ich es nicht einmal geschafft habe, während der Schwangerschaft damit aufzuhören. Jeder Raucher, der es schwierig findet, dieses Hobby aufzugeben, hat mein tiefstes Mitgefühl. Doch mit Scheitern hat das meiner Ansicht nach gar nichts zu tun. Scheitern beinhaltet eine Bewertung. Mitgeliefert wird in den meisten Fällen: Eigentlich hätte das klappen müssen/sollen. Aber du… und dann können wir aus verschiedenen Textbausteinen wählen.
Du hast dich nicht genug angestrengt
du hast das nicht sorgfältig genug geplant
du hast dir nicht die ausreichende Unterstützung geholt
du bist zu blöd
du gibst dir nicht genug Mühe…

Sicher könnt Ihr diese Liste mit eigenen Textbausteinen ergänzen.
Scheitern impliziert also, dass mit demjenigen, der scheitert, etwas nicht stimmt. Oder etwas anderes stimmt nicht. Die Himalaya-Expedition scheiterte, weil ein Schneesturm den Weg unpassierbar machte. Dann hat Scheitern etwas Schicksalshaftes. Höhere oder dunkle Mächte haben sich gegen mich verschworen, sonst hätte es doch klappen müssen mit der Erstbesteigung meines persönlichen Ratna Purna. Also: Entweder ich bin falsch oder ich habe keine Handlungsoptionen, weil von oben/außen bestimmt wird, was für mich richtig oder falsch ist.

„Scheiter der Ideologie“ schreibt Konstantin Wecker in seinem Chanson. Scheite sind Holzklötze. Wer also scheitert, errichtet sich seinen persönlichen Scheiterhaufen.
Ich vermute, in diesem Fall sind die Bedürfnisse
Selbstvertrauen
Autonomie
Sicherheit
Anerkennung
Begeisterung
Leichtigkeit
und vielleicht Spiritualität im Mangel.

Und die Gefühle, die sich hinter diesem Scheitern verbergen,
sind vielleicht
frustriert
traurig
verzweifelt
voller Scham
ratlos
mutlos
miserabel
müde
deprimiert
und erschöpft.

Ich könnte mir vorstellen, dass mancher auch aus der Tatsache, dass er oder sie ein Vorhaben nicht umsetzen konnte, ganz andere Gefühle aktiviert:
Er ist dann vielleicht
mutig
gelassen
eifrig
überlegt
hoffnungsvoll
inspiriert
weise (hat etwas gelernt aus der Erfahrung)
kraftvoll
und lebendig.

Sicher kann man diese Gefühle noch tiefer interpretieren. Aber ich vermute, es ist schon klar, worum es mir geht. Der eine erlebt sein „Scheitern“ als eine persönliche Niederlage, die ans Selbstwertgefühl geht. Der andere nimmt das Scheitern als Herausforderung an, geht mit Leidenschaft daran, einen neuen Plan zu schmieden.

Wie kann ich dem Scheitern den Stachel ziehen?
Im ersten Schritt möchte ich dazu einladen, die nackte Beobachtung zu finden.
Was genau ist geschehen?
Ich habe zwei Anläufe genommen, nicht mehr zu rauchen. Ich habe weiterhin geraucht.

Und dann schaue ich auf die Bedürfnisse.
Welche wunderbaren Bedürfnisse wollte ich mir erfüllen, als ich mit dem Rauchen aufhören wollte?
Gesundheit
Effizienz (was meine Finanzen angeht)
Ordnung (keine Kippen mehr in der Wohnung)
Schönheit (kein Gestank in der Bude, die Klamotten riechen immer frisch)
Atmen
Gemeinschaft (ich will nicht mehr auf den Balkon!)
Friede (nicht mehr vom Verlangen geplagt zu werden)
Leichtigkeit
und vielleicht Spiritualität im Sinne von Schutz für meinen Körper, dieses wunderbare Geschenk der Natur

Und jetzt wird es spannend:
Welche wunderbaren Bedürfnisse habe ich mir erfüllt, als ich wieder zur Zigarette griff?
Leichtigkeit
Entspannung – auch im Sinne von Stress-Management
vielleicht Beteiligung und Gemeinschaft, wenn ich mit anderen Rauchern zusammen bin?
Schutz (vor Verwundbarkeit, ich fühle nichts, ich rauche…)
Zeit zum Nachdenken oder Reagieren (bevor ich was sage, steck ich mir erst mal eine an…)
und bei meinen eigenen „Wieder rauchen“-Aktionen spielte oft der Aspekt des Verwöhnens eine Rolle. Ich ent-schädige mich für etwas anderes… Also ist auch mein Bedürfnis nach Liebe im Mangel.
Wenn es mir also gelingt, diese Bedürfnisse, die ich mir mit dem Rauchen erfülle, auf andere Weise zu erfüllen, dann gibt es auch keine Veranlassung mehr zu rauchen.
Das klappt bestimmt auch bei anderen Herausforderungen, denen ich mich stellen möchte. Vielleicht sollte ich diese Methode an Volkshochschulen unterrichten.

So long!

Ysabelle

Wortschätzchen: Gedemütigt

Maria lacht, der Schuftinator leidet
Schwarzeneggers gedemütigte Ehefrau tritt strahlend im TV bei Oprah Winfrey auf. Er verkriecht sich und sucht Hilfe bei Ärzten
(…) Die gedemütigte Ehefrau, die von Arnold Schwarzenegger, 63, in 25 Jahren Ehe mit mindestens 13 Frauen betrogen worden sein soll, von denen eine – ausgerechnet die langjährige Haushälterin der Familie! – sogar einen Sohn, 13, mit dem Schuftinator hat, zeigte gleich zweimal, wie stark eine Kennedy ist.
Bild am Sonntag, 22. Mai 2011, letzte Seite

Hallo, Welt!
Also, abgetippt ist dieser Satz noch irrsinniger als in der Zeitung. Was für eine Konstruktion… Wie in der Schule bin ich versucht, Haupt- und Nebensätze zu unterstreichen, um zu verstehen, was mir der Dichter in EINEM Satz so alles sagen will… Mit Freude schlage ich meine Zähne in das Wort „gedemütigt“. Eigentlich wollte ich nur die Zeitung aus dem Briefkasten holen und dann wieder mit einem Kaffee ins Bett gehen, aber dieser Artikel hat mich so befeuert, dass ich gleich zum Blog marschiert bin.

Maria Shriver ist seit 25 Jahren mit Arnold Schwarzenegger verheiratet. In dieser Zeit (wir tun mal so, als gäbe es Fakten) hat ihr Mann 13 intime Beziehungen zu anderem Frauen gehabt, von denen Maria nichts wusste. Aus einer der Beziehungen ist ein Kind entstanden, der Sohn der Haushälterin.

Tja. Liest sich ganz anders, oder?
In mir brodelt es! Warum ist Frau Shriver gedemütigt, wenn ihr Mann mit einer/vielen anderen Frauen ins Bett geht?
ich könnte mir vorstellen, dass bei ihr diverse Bedürfnisse zutiefst im Mangel waren, als sie davon erfahren hat.
Ich denke da an die Bedürfnisse
Ordnung
Sicherheit
Vertrauen
eventuell Selbstvertrauen
Beteiligung (nicht im Sinne von Mitmachen, sondern von es ist eine gemeinsame Entscheidung, dass er auch außerhalb der Ehe Sex haben kann)
Offenheit
Klarheit
Verbindung
Geborgenheit
Respekt
Wertschätzung
Harmonie
Spiritualität.

Je nach dem, welche Vereinbarungen ein Paar trifft (und wie verbindlich es sich daran hält), können diese Bedürfnisse im Mangel sein oder eben auch nicht. Mal angenommen, eine Partnerin oder ein Partner ist aus bestimmten Gründen heraus nicht (mehr) in der Lage, ein erfülltes Sexualleben zu leben. Das Paar vereinbart, ok, du holst dir sexuelle Befriedigung auswärts, aber du bist diskret, sogst für Schutz vor Ansteckungen und ich möchte nichts davon wissen… Wo wäre dann noch eine Demütigung, wenn der eine 13 aushäusige Beziehungen hatte?

Gedemütigt – was schwingt dabei mit? Das Herkunftswörterbuch (jetzt kommt es endlich zum Einsatz) führt es zurück auf das Wort Demut (das hätte ich auch noch geschafft…). Demut: Bescheidenheit, Ergebenheit. Das Substantiv ist eine Zusammensetzung aus Mut in seiner nicht mehr gebräuchlichen Bedeutung „Sinn, Gesinnung“, und einem älteren germanischen Wort für „Diener, Bediensteter“. Die ursprüngliche Bedeutung ist demnach „die Gesinnung eines Gefolgsmannes“. Das zugehörige Verb „demütigen“ meint somit „jemanden auf den Status eines Dieners herabsetzen“.
So weit das Wahrig Herkunftswörterbuch.

Die Konnotation des Wortes, der Beigeschmack, ist für mich noch ein bisschen heftiger. In meinen Ohren klingt der Satz aus der BamS so, als habe Schwarzenegger die Möglichkeit, seiner Frau die Würde zu nehmen, ihren Wert zu beschneiden. Maria Shrivers Wert hänge demnach davon ab, wie sich Schwarzenegger in der Ehe verhalte, ob er mit anderen Frauen schlafe oder nicht. Bullshit!

Ich bin selber ganz überrascht, woher diese Vehemenz in mir rührt. Irgendetwas wird angetickt, und ich habe noch nicht heraus, was es ist.
zum einen regt es mich wohl auf, dass hier eine Verbindung hergestellt wird zwischen dem Verhalten von Schwarzenegger und dem (Stellen)-Wert von Maria Shriver. Sie ist klein und ein Nichts, wenn er mit anderen Frauen ins Bett geht. Wa? … sagt mein Freund, der Maulwurf. Also, der Wert der Frau hängt von der sexuellen Treue des Mannes ab. Whow, das ist ja mal eine Erkenntnis aus dem vorvorigen Jahrtausend. Die Frau ist ein Mängelexemplar, wenn der Mann anderweitig rummacht, denn wenn sie perfekt wäre, hätte er das ja nicht nötig… Uih, da geht sie ab, die Luzie! Also, wenn mit dir was nicht stimmt, oder wenn mir bei dir was fehlt (du einen Fehler hast), dann darf ich aushäusig mein lustiges Unwesen treiben und letzten Endes bist du daran schuld, denn du hast ja nicht alles, was ich brauche… Heilige und Hure… Hurra!
Da lohnt es sich doch mal, den Blick nach innen zu richten. Welche Bedürfnisse sind bei MIR im Mangel, wenn ich mit dieser Weltsicht konfrontiert werde?
*R*E*S*P*E*K*T*
Selbstständigkeit/Autonomie
Mein Wert wird durch niemand anderes bestimmt! Also kann mich auch niemand demütigen!
Klarheit
Leichtigkeit
Spiritualität.

So isses.
Herr Schwarzenegger bestimmt nicht über den Wert seiner Frau, egal wie er sich verhält. Sein Verhalten hat nur etwas mit ihm zu tun. Ansonsten empfehle ich ihm die Selbsthilfegruppe der Anonymen Sexaholiker. Allerdings nur, wenn er in seinem Verhalten ein Problem sieht und etwas verändern will. Wenn er an seinem Treiben Spaß hat, hat er vielleicht auch Spaß an den Konsequenzen.

So long!

Ysabelle

Wortschätzchen: Destruktiv

Hallo, Welt!
Ich habe Euch ein Wortschätzchen zum Thema „destruktiv“ versprochen. Zunächst die Geschichte dazu.
Gemeinsam mit einem Bekannten hatte ich eine Veranstaltung moderiert. Ein Teilnehmer A. machte viele Bemerkungen, sprach davon, wieviel Zeit noch für Entschlüsse bliebe und dass ihm alles zu schnell ginge.
Mein Bekannter reagierte sehr schroff.
Als wir später über diese Sitzung sprachen, sagte er, A. sei einfach total destruktiv gewesen.
Schon als ich das hörte, dachte ich, uff, was braucht einer, der das Verhalten eines anderen destruktiv findet? Ich hatte einfach keinen Schimmer und nahm mir vor, darüber noch mal in Ruhe zu philosphieren.

 

Ich bin auch des Copy & Paste mächtig und zitiere Wikipedia:
Destruktivität (lateinisch destruere „niederreißen“, „zerstören“) beschreibt die zerstörerische Eigenschaft von Dingen oder Sachlagen bzw. die zerstörerische Geisteshaltung oder Handlungsweise von Menschen. Sie ist das Gegenteil von Konstruktivität oder Produktivität.
Umgangssprachlich wird „destruktiv sein“ ähnlich wie oder als Steigerung von „negativ“ benutzt. Der Vorwurf der Destruktivität in einer Diskussion meint die Überbetonung negativer und feindselig kritisierender Elemente. Im Gegensatz dazu werden bei konstruktiver Kritik auch konkrete Verbesserungsvorschläge ausgedrückt.

 

Ah, das hilft tatsächlich weiter, denn jetzt kann ich mir vorstellen, dass sich mein Bekannter nach Produktivität, vielleicht auch nach Effizienz gesehnt hat.
Aber mal der Reihe nach.

 

Welche Gefühle konnte ich bei meinem Bekannten wahrnehmen?
Er schien mir
ärgerlich
alarmiert
empört
frustriert
geladen
genervt
irritiert
kribbelig
kalt
vielleicht auch perplex im Sinne von verwundert
streitlustig. Hm. Vielleicht ein bisschen zu stark.
sauer
ungeduldig
unzufrieden
widerwillig.

 

Und seine unerfüllten Bedürfnisse waren vielleicht
Vertrauen (in diesem Fall von A. in die geleistete Arbeit
und vielleicht in die eigene Person)
Respekt
Vielleicht Autonomie (sag mal, traust du mir nichts zu oder was???)
Ehrlichkeit (worum geht es dir wirklich, A.?)
oder Authentizität, das haut ein bisschen in die gleiche Kerbe,
hat aber noch eine andere Konnotation.
Beteiligung
Anerkennung/Wertschätzung für die geleistete Arbeit
Unterstützung
Gesehen/gehört werden
Effizienz, damit verbunden die oben schon entdeckte Produktivität,
Verständnis
Begeisterung
Leichtigkeit
Spiritualität.
Wäre ich es selbst gewesen, wäre es mir vermutlich auch noch um Harmonie und Schutz gegangen, aber ich habe die Reaktionen von A. gar nicht als destruktiv erlebt. (äh – ist das GfK?) Also, ich konnte mich ganz gut mit den Bedürfnissen von A. verbinden. Allerdings konnte ich mich auch mit der Gefühlslage meines Bekannten verbinden, auch wenn ich ihm spontan keine Einfühung geben konnte.

 

Ich finde es aber ganz spannend,
noch mal nach der Gefühlslage von A. zu schauen. Wie mag er sich gefühlt haben, als er diese Bemerkungen machte, die meinen Bekannten auf den Gummibaum brachten?

 

A. schien mir
alarmiert
aufgeregt
besorgt
betroffen
einsam
irritiert
erschlagen
erschöpft
irritiert
perplex
sorgenvoll
ich habe ihn nicht als streitlustig wahrgenommen, aber mein Bekannter.
Unbehaglich
widerwillig
zögerlich.

 

Ja, das kommt ungefähr hin.

 

Und seine unerfüllten Bedürfnisse?
Beteiligung!
Sicherheit
Gemeinschaft
wahrscheinlich auch Unterstützung, wenn ich auch die Strategie nicht als besonders zielführend erlebt habe.
Verbindung
Verstehen
Ritual/Feiern
und Spiritualität.

 

Wundervolle Bedürfnisse, die A. da hatte. Wie schön, wenn wir neue Wege finden, sie zum Ausdruck zu bringen…

 

So long!
Ysabelle

Wortschätzchen: Abgekanzelt

Hallo, Welt!

Gestern sprach ich mit einer Freundin, die von einem Erlebnis erzählte: Es ist nicht schön, so abgekanzelt zu werden…
Sofort machte ich im Geiste eine Notiz: Lecker Wortschätzchen!
Ich vermute mal, abgekanzelt stammt aus dem kirchlichen Zusammenhang. (An dieser Stelle musste ich einen kleinen Ausflug zu Amazon machen und ein Herkunftswörterbuch kaufen. Ich wollte schon lange eins haben, denn der olle Mackensen aus dem Studium reicht mir nicht). Früher wurden ja die Sünder während der Predigt von der Kanzel ermahnt. Vielleicht nicht unbedingt mit Namen, aber doch so, dass zumindest mal die betreffende Person – wenn nicht noch andere – mal sehr genau wusste, dass sie gemeint war. Heute benutzen wir dieses Wort gern, wenn wir zum Ausdruck bringen wollen, dass Person A über Person B etwas sagt, was Person B nicht gern hört. Milde formuliert. Ich vermute, die Gefühle, die dabei lebendig wurden, waren:
angespannt
bedrückt
beklommen
bestürzt
bitter
dumpf
durcheinander
einsam
vielleicht entrüstet?
erschreckt
furchtsam
vielleicht genervt
sauer
schockiert
eventuell streitlustig
unter Druck
unbehaglich
verstört
widerwillig
zornig.

Wie immer kommt es natürlich sehr auf die Situation an, vermutlich auch darauf, ob ich als Betroffener innerlich den Anmerkungen von A zustimme oder in Opposition bin.
Und welche Bedürfnisse sind im Mangel, wenn ich mich „abgekanzelt“ wähne?
Als erstes springt mich Respekt an.
Schutz
Vielleicht Integrität und Beteiligung.
Eventuell gerät mein Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einem Team, einer Gemeinschaft in Mangel.
Meine Geborgenheit könnte in Gefahr sein.
Harmonie, natürlich…
Vielleicht ist auch auf einen Schlag die Leichtigkeit perdu, flöten sozusagen. Und die Begeisterung gleich mit.

Ich glaube, bei „abgekanzelt“ ist es oberspannend, die Beobachtung genau zu benennen. Tonfall und Wortwahl spielen mit Sicherheit eine wichtige Rolle als Auslöser. Und wie som oft – an einem perlen mahnende Worte ab, andere sind schwerst betroffen, traurig, schockiert, hilflos…

Ich behaupte, das wunderbare Wort „abgekanzelt“ gehört mit auf die Liste der Interpretationsgefühle.
Was meint Ihr?

So long!

Ysabelle

Wortschätzchen: Vorgeführt

Hallo, Welt!
Schon länger hatte mich kein Wort angesprungen, doch heute hörte ich, wie jemand von einem Gespräch erzählte, in dem sein Gegenüber sagte: „Du hast mich vorgeführt!“
Was für ein wunderbares Wort! Mir lief sofort das Wasser im Munde zusammen. Was war vorgefallen? A hatte B um einen Gefallen gebeten. B kümmerte sich um die Angelegenheit, benötigte aber Infos von A, die A nicht geben konnte. A wähnte sich daraufhin vorgeführt.
Ich sah A bildlich vor mir und dachte bei mir,
was hat sie wohl gefühlt, als sie DACHTE, ich werde vorgeführt?

Obenan fand ich Gefühle wie
ärgerlich
angespannt
bitter
durcheinander
einsam
empört
enttäuscht
frustriert
geladen
hilflos
kalt
sauer
streitlustig
unbehaglich
unter Druck
ungeduldig
unzufrieden
und wütend.

Heute hatte ich es zwischendurch mit einem anderen Thema zu tun und kam dabei auf die Idee, die Gefühle bei unerfüllten Bedürfnissen in zwei Kategorien einzusortieren: In depressive, die eher gegen mich selbst gerichtet sind, und aggressive, die eher auf den anderen gerichtet sind.
Wenn ich diesen Gedanken hier einmal zum Einsatz kommen lasse, waren ihre depressiven Gefühle
angespannt
durcheinander
einsam
hilflos
unbehaglich
unter Druck
frustriert

und die nach außen gerichteten Gefühle (falls es sowas gibt)
ärgerlich
empört
enttäuscht
geladen
kalt
sauer
streitlustig
unter Druck
ungeduldig
unzufrieden
und wütend.

Und dann kommen wir zu der Frage, welche Bedürfnisse im Mangel waren.
Vorgeführt – da höre ich als erstes die Bedürfnisse nach
Schutz und
Unterstützung.
Vermutlich brauche ich auch
Vertrauen,
Verbindung,
Wertschätzung,
Respekt,
Geborgenheit,
Gesehen und Gehört werden.
Ich vermute, außerdem wünschte sie sich in der Situation Leichtigkeit und Harmonie.

Stattdessen meldete der Gutachter im eigenen Kopf: Du stellst dich doof an.
Um das nicht hören zu müssen, meldete eine andere Stimme, du unterstützt mich ja nicht wirklich, sondern willst mich nur vorführen.
Und der innere Erzieher war vermutlich der Ansicht, verdammt, eigentlich müsstest du das doch selbst können.
Das innere Kind hielt dagegen: Das ist alles viel zu kompliziert, das Computerzeugs, und ich will lieber spielen und die Großen sollen das machen…

Derjenige, der nun angeblich vorgeführt hatte, hatte natürlich auch Gefühle und Bedürfnisse.
Ich tippe mal auf folgende Gefühle:
ärgerlich
irritiert
bitter
einsam
frustriert
genervt
lustlos
sauer
unwohl
widerwillig.

Das ist natürlich eine reine Vermutung.
Und die Bedürfnisse, die im Mangel waren, waren vielleicht
Klarheit
Wertschätzung
Respekt
Beteiligung
Beitragen
Verbindung
Kongruenz (nach den eigenen Werten entsprechend leben)
Gesehen und gehört werden (vor allem in den schönen Absichten)
und Autonomie (für den anderen. Der/die soll in der Lage sein, selbst solche Dinge zu machen).
Begeisterung/Spaß.

Ach, Leute, wie frustrierend, so ein Erlebnis! Und so viele unerfüllte Bedürfnisse und tief fliegende Urteile…
Wie viel schöner ist es doch, einfach sagen zu können, was man gerade braucht. Und wenn mein aktuelles Gegenüber davon gerade nichts im Angebot hat, mache ich mir bewusst: Es gibt sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Mindestens einer davon brennt darauf, mir meine Bitte zu erfüllen…

So long!
Ysabelle

Wortschätzchen: gierig

Hallo, Welt!

Heute etwas ganz Besonderes – ein Wortschätzchen von Oliver Heuler zum Thema „gierig“.

Viel Spaß mit dem Text und *D*A*N*K*E* an Oliver für den Beitrag.

So long!

Ysabelle

Gier hat Konjunktur. Gier wird gerne beim Thema Finanzkrise
ausgegraben. In der Gier wähnen Prominente, Journalisten und
Professoren die Hauptursache der aktuellen Misere. Politiker sowieso.
Niemand fühlt sich allerdings selbst gierig. Gierig sind immer die
anderen. Wie könnte sich jemand fühlen, der Gier bei den anderen
diagnostiziert?
Vielleicht allein, einsam, abgetrennt, hilflos, niedergeschlagen,
traurig, besorgt, deprimiert, verletzlich, misstrauisch, eifersüchtig,
unsicher, verwirrt, erschrocken, unzufrieden, verbittert, zornig oder
erschüttert?

Welche seiner Bedürfnisse könnten unerfüllt sein?
Vielleicht Sicherheit, Zuversicht, Gemeinsamkeit, Unterstützung,
Kooperation, Wertschätzung, Empathie, Mitgefühl, Rücksicht,
Gerechtigkeit oder Frieden?

Hier eine kleine Provokation für GfKler: Schaut euch mal Gordon Gekkos
Auftritt in Wall Street an:

http://www.youtube.com/watch?v=Muz1OcEzJOs

Was fühlt ihr? Unverständnis? Fühlt ihr euch angewidert? Ärgerlich?
Vielleicht sogar hasserfüllt? Oder einfach nur sprachlos? Ist ja nur
ein Film. Aber solche Menschen soll es wirklich geben. Ich bin so
einer. Ich bin gierig: gierig nach Neuem, gierig nach Liebe und auch
gierig nach Sicherheit und Effizienz. Und ja, auch gierig nach Geld.
Ich würde mich freuen, wenn der Golfschläger, den ich entwickelt habe,
zum Kassenschlager würde. Dann müsste ich mir keine Gedanken mehr
machen um meinen Broterwerb, sondern würde wahrscheinlich den Rest
meines Lebens forschen, schreiben, Sport treiben, Freundschaften
pflegen und meditieren.

Bei der Recherche zum Thema Gier bin ich auf eine alte Stossel-Sendung
gestoßen, die das Thema aus meiner Sicht fast vollständig befriedigend
behandelt. Leider hat der Chip-Hersteller noch nicht die Erfahrung
gemacht, dass man eine Firma noch erfolgreicher führen kann, wenn man
nicht den harten Chef raushängen lässt, sondern es mit Vertrauen und
Empathie versucht.
Warum nur scheinen sich Gier-Befürworter wie -Kritiker einig, dass
sich Eigenschaften wie Tüchtigkeit, Ehrgeiz oder Wettberwerbsfähigkeit
und eben Gier ausschließen mit Einfühlsamkeit, Besonnenheit, Fairness
oder Reife? Ich weiß zumindest, warum ich lange so dachte: Weil ich
nie etwas anderes gelernt habe. So bekommt man es eben beigebracht von
Eltern, Lehrern und Professoren. Also wird es mal Zeit, eine andere
Perspektive zu präsentieren. Viel Spaß mit John Stossel:

(Leute, das zweite Video lässt sich nicht einbetten. Bitte einfach das Link anklicken und den Beitrag bei Youtube anschauen. Wiederkommen nicht vergessen…)

watch?v=EGkEziYbcJo

Wortschätzchen: abgebügelt

Hallo, Welt!
Diesen kraftvollen Ausdruck „abgebügelt“ hörte ich heute in einem Gespräch. Ich kriegte gleich wieder rote Bäckchen vor Aufregung, weil mir sofort klar war, Achtung, Interpretationsgefühl!
Ich vermute, jeder von uns kennt Situationen, in denen man sich „abgebügelt“ wähnt. Ein eigener Vorschlag wird nicht gehört, ein Einwand nicht so gewürdigt, wie wir es wünschen. Wir haben ein Anliegen und unser Gegenüber geht darauf nicht in der Weise ein, wie es unseren Bedürfnissen entspricht. Aber welche Gefühle sind in uns lebendig, wenn wir sagen, wir seien abgebügelt worden?

Ärgerlich
Aufgeregt
Beklommen
Besorgt
Eventuell bestürzt
Betroffen
Wenn es schon öfter vorgekommen ist, bitter
Einsam
Enttäuscht
Frustriert
Gelähmt
Niedergeschlagen
Traurig
Teilnahmslos
Widerwillig
Unwohl
Unbehaglich
Im Schmerz
Wütend
Verzweifelt
Zornig

Erstaunlich, wie viele Gefühle dahinter stecken können, wenn man sagt, man sei abgebügelt worden. Jetzt gucken wir doch mal, welche Bedürfnisse unerfüllt sind, wenn diese Gefühle unterwegDs sind. Meine Freundin Anke sagte eben spontan,
Struktur
Und ich finde außerdem,
Schutz
Selbstständigkeit
Autonomie
Selbstvertrauen
Anerkennung
Wertschätzung
Unterstützung
Vertrauen
Verbindung
Unbedingt gesehen und gehört werden
Veständnis
Klarheit
Harmonie
Leichtigkeit
Und Freude.

Kein Wunder, dass ich so tief empfinde, wenn der Eindruck entsteht, ich sei abgebügelt worden. Wenn so viele Bedürfnisse unerfüllt sind…

Im übrigen scheint dieses so harmlose Haushaltsgerät geradezu prädestiniert für Gewalttätigkeiten. Neben „abgebügelt“ gibt es ja auch noch „übergebügelt“, was gern für „über den Mund gefahren“ oder“ nicht an Entscheidungen beteiligt“ verwendet wird. Bin ich „geplättet“, fehlen mir die Worte, ich bin verblüfft, meine Stimmungslage liegt zwischen fassungslos und überrascht. Und dann denke ich mit Unbehagen an „verplättet“, ein Euphemismus dafür, dass jemand geschlagen, verprügelt wird. Dieser Aspekt ist mir demnächst einen neuen Beitrag wert!
So long!

Ysabelle

Wortschätzchen: Frivol

„O, frivol ist mir am Abend“
(Titel einer Show, in Anspielung an das Lied „O, wie wohl ist mir am Abend“)

Neulich stolperte ich in einem Gespräch über den Ausdruck „eine frivole Frau“ und stellte dabei fest, dass unterschiedliche Menschen sehr unterschiedliche Gefühle mit dem Wort verbinden. Also ein perfektes Objekt für ein Wortschätzchen!
Zunächst mal zur Grammatik.
frivol
Adjektiv
Positiv Komparativ Superlativ
frivol frivoler am frivolsten

Silbentrennung:

fri·vol, Komparativ: fri·vo·ler, Superlativ: am fri·vols·ten

Aussprache:

IPA: [fʀiˈvoːl], Komparativ: [fʀiˈvoːlɐ], Superlativ: [fʀiˈvoːlstən], [fʀiˈvoːlstn̩]

Bedeutungen:

[1] frech, schamlos
[2] veraltend: leichtfertig

Herkunft:

lat. frivolus → la > franz. frivole → fr

Synonyme:

[1] anstößig, anzüglich, unanständig
Mit Frivolität bezeichnet man:

* eine mit sexueller Anspielung versehene Mehrdeutigkeit meist schlüpfrigen Charakters
* eine Handarbeit in der Spitzenmacherei, auch Occhi genannt, siehe Spitze (Stoff) #Occhi (Frivolitäten)

Das war doch schon mal aufschlussreich, oder?
Also, ich verbinde mit dem Wort frivol eher Gefühle bei erfüllten Bedürfnissen:
angeregt
aufgedreht
belebt
beschwingt
energiegeladen
fröhlich
gut gelaunt
inspiriert
lebendig
leicht
mutig
schwungvoll
selbstsicher
unbekümmert
unbeschwert
vergnügt
wissbegierig
zärtlich

und meine erfüllten Bedürfnisse wären wahrscheinlich
Autonomie
Selbstvertrauen
Authentizität
Echtheit
Zärtlichkeit
eventuell Gesehen/gehört werden
Heiterkeit
Leichtigkeit
Freude
und auch Spiritualität, obwohl ich gerade dieses nicht begründen kann.

Meine Großmutter war vermutlich jemand, der sich über Marlene Dietrichs Film „Der blaue Engel“ aufregen konnte. Und die Dietrich, aber auch Hildegard Knef waren für sie frivole Frauen. Wenn ich mal nachspüre, welche Gefühle da bei ihr aktiv gewesen sein mögen, komme ich auf
ärgerlich
alarmiert
beklommen
bestürzt
hoppla – da ist wahrscheinlich auch ganz viel Angst im Spiel, denn eine Frau, die sich nimmt, was sie will – die nimmt sich vielleicht auch meinen Mann… Oder sie wird gesellschaftlich geächtet, weil Frau sowas nicht tun darf…
hasserfüllt – so benimmt man sich nicht!
schockiert
unbehaglich
unter Druck – muss ich vielleicht auch so sein?
wütend
zornig

Und welche Bedürfnisse sind bei mir dann im Mangel, wenn ich mit einer „frivolen Person“ konfrontiert bin?
Schutz, denke ich mal als erstes.
Sicherheit
Ordnung
Zugehörigkeit
Vertrauen und damit verbunden wahrscheinlich auch
Selbstvertrauen
Intimität, Nähe, Geborgenheit, wie ich sie verstehe
Harmonie

So ungefähr könnte es für meine Oma gewesen sein.
Ist es nicht spannend, wie sich mit dem Zeitgeist der Geschmack eines Wortes verändern kann? Außerdem fällt mir auf, dass „frivol“ ein Urteil sein kann. Und je nach Standort des Betrachters schwingt Leichtigkeit und Spaß oder Angst und Zorn mit, also Billigung oder Missbilligung. Worte sind doch wirklich faszinierend, oder?

So long!

Ysabelle

Wortschätzchen: Hintergangen

Hallo, Welt!

Was für ein prächtiges Wort, H*I*N*T*E*R*G*A*N*G*E*N*
Ich schnappte es gestern bei einer Veranstaltung auf, als eine Frau sagte, „ich fühlte mich hintergangen“. Sofort lief mein Kopf heiß, ich hatte eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie sie sich fühlte.

Ich habe mal die Fantasie, dass der Begriff eigentlich aus einem militärischen Zusammenhang stammt und dass jemand, den man von vorn erwartete, plötzlich von hinten kam oder eben hinter einem vorbeigezogen war. Auf jeden Fall hat es etwas mit Heimlichkeiten zu tun. Während meine Augen nach vorn gerichtet sind oder waren, ist etwas geschehen, was ich nicht gesehen habe. Mal sehen, inwieweit es mir gelingt, diese Fantasie auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, aber das mache ich nicht via IPad.

Nun also der nähere Blick auf die Gefühle. Wie könnte sich jemand fühlen, der von sich sagt, er fühle sich hintergangen?
Je nach Typ vielleicht
Ärgerlich
Alarmiert
Angespannt
Angstvoll
Bedrückt
Betroffen
Bitter
Durcheinander
Einsam
Ernüchtert
Erschreckt/erschüttert
Hilflos
Sauer
Traurig
Schockiert
Streitlustig oder teilnahmslos

Das Geschehene kann uns entweder lähmen oder beflügeln, nehme ich mal an.
Überwältigt
Verzweifelt

Das könnte es so grob gewesen sein. Ich merke immer wieder, wenn ich versuche, mich bei so einem Wort einzufühlen, dass es doch sehr auf Typ und Situation ankommt. Manchmal mag heller Zorn lodern, bei anderen bricht schwarze Depression aus. Meine Findungsbemühungen sind daher eher als Anregungungen zu sehen, was dahinter stehen könnte.
Bei den Bedürfnissen sprang mich eines als erstes an:
Sicherheit
War eigentlich Kontrolle ein Bedürfnis? In meiner Handliste steht es nicht.
Vertrauen
Integrität
Vielleicht Kongruenz, kommt auf die Situstion an.
Ehrlichkeit
Klarheit
Beteiligung
Zugehörigkeit
Harmonie

Das sind so die wesentlichen Bedürfnisse, die mir dazu einfallen.

Mir ist außerdem in den vergangenen Tagen sehr intensiv aufgefallen, wie sehr wir unser Leben Elend gestalten können, wenn wir bestimmte Sachen von uns oder anderen denken. Denke ich, dass ich hintergangen wurde, bin ich in der Opferhaltung. Und *richtig* wäre gewesen, wenn der Gegenspieler in dieser Angelegenheit offen und direkt gewesen wäre. Dabei verkennt das *Opfer* die wunderbaren Absichten des Handelnden. Egozentrierte Weltsicht, möchte ich mal etikettieren.
Wenn ich mich entscheide zu denken, ich sei hintergangen worden, dann füge ICH mir Schmerz zu. Sage ich aber als Beispiel, XY hat Geld vom gemeinsamen Konto abgehoben und es für Glücksspiel ausgegeben, liegt darin überhaupt keine Bewertung meiner Person. Ich kreiere diese Bewertung selbst, wenn ich sage, ich wurde hintergangen…
Ich merke mittlerweile, dass ich solche selbstschädigenden Äußerungen immer seltener benutze und nur noch sehr gelegentlich denke. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

So long!

Ysabelle

Sicherheit

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