Ich hätte gern ein Paar Giraffenohren!

Unterwegs mit gewaltfreier Kommunikation – von Ysabelle Wolfe

Mich verletzen meine eigenen Gedanken

„Die Idee sitzt gleichsam als Brille auf unserer Nase, und was wir ansehen, sehen wir durch sie. Wir kommen gar nicht auf den Gedanken, sie abzunehmen.“
Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, §103

Gestern Morgen war der Heizungsmonteur bei mir. Meine Mitbewohner, die Katzen, schnurrten ihm um die Beine. Er bückte sich, streichelte sie, blickte zu mir hinüber und sagte, „die sind aber lieb und verschmust!“
Ich erinnerte mich an einen Besucher, der vom ersten Augenblick auf Abwehr eingestellt war, nach den Katzen schlug, wenn sie ihm näher kamen. Und ich erinnerte mich an ein Familienmitglied, das zu mir sagte, „kannst du diese Viecher nicht einsperren, wenn ich da bin?“
Und ich erinnere mich an den Weihnachtsbesuch einer alten Freundin. Auch ihr gegenüber wurden die Katzen sehr liebebedürftig, der braune Kater versuchte es mit dem guten alten Milchtritt und fuhr dazu die Krallen aus, was ihrer Tweedhose nicht bekam. Sie pflückte ihn von ihrem Schoß und sagte energisch: „Lässt du wohl meine Hose in Ruhe?“
Zuerst wollte ich darüber schreiben, dass jeweils das gleiche passiert
(die Katzen wollen schmusen), und die Menschen reagieren so unterschiedlich, weil sie unterschiedliche Dinge denken. Stimmt. Punkt. Aber wie geht es mir in diesen Situationen?
Der Monteur hatte einen intensiven Geruch an sich, der mir nicht sympathisch war, das merkte ich, als ich die Tür öffnete. Aber als er mit meinem Kater schmuste, flog ihm mein Herz zu und es dachte in mir, „siehst’s, es gibt eben doch Leute, die Katzen mögen und gern in ihrer Gesellschaft sind.“ Als damals mein Familienmitgled vorschlug, ich möge die Miaus einsperren, hätte ich am liebsten das Familienmitglied irgendwo eingesperrt und den Schlüssel weggeworfen. Aus der Aussage des Familienmitglieds generierte ich eine Ablehnung meiner Lebensweise. Der Mann, der nach den Katzen schlug und nebenbei erzählte, er habe immer gern Schäferhunde gehabt, die auch gut gehorcht hätten, fiel im gleichen Moment in der Partnerlotterie durch den Rost.
Es ist nicht das, was die Leute sagen oder wie sie sich verhalten, was mich verletzt, sondern meine Einschätzung darüber. Aus der Abwehr meiner Katzen – oder der Ablehnung eines Verhaltens von mir – rechnet mein Kopf in Nullkommanix heraus, dass mit meinem Gegenüber etwas nicht stimmt. Und dieser Gedanke schmerzt und verletzt mich. Nicht etwa das Verhalten des anderen, sondern meine eigenen Gedanken über ihn und sein Verhalten lösen diese Gefühle aus.
Heute kann ich mich entscheiden, Handlungen und Aussagen meines Gegenübers zur Kenntnis zu nehmen, ohne daraus verletzende Gedanken zu produzieren. Wenn mich ihr Verhalten irritiert, kann ich mich fragen, welches Bedürfnis bei mir im Mangel ist.

Meine Bedürfnisse und deine…

„Dem Bedürfnis nach Einsamkeit genügt es nicht, dass man an einem Tisch allein sitzt. Es müssen auch leere Sessel herumstehen. Wenn mir der Kellner so einen Sessel wegzieht, auf dem kein Mensch sitzt, verspüre ich eine Leere und es erwacht meine gesellige Natur. Ich kann ohne freie Sessel nicht leben.“
Karl Kraus, Fackel 326/328 40; Pro domo et mundo

Für einen Geschäftsbesuch hatte meine Kollegin vor einigen Wochen zwei Einzelzimmer in einem Hotel gebucht. Über Weihnachten meldete sich eine der Damen und änderte das Arrangement. Dame Nr. 2 sei hilfsbedürftig und deshalb wäre ein Doppelzimmer besser. Als ich jetzt mit Dame 2 zusammensaß, erzählte sie, dass sie für diese Entscheidung nicht befragt worden sei. Dame 1 hatte allein entschieden und Dame 2 akzeptiert. Obwohl es ihr nicht recht war. Obwohl die beiden Damen nicht so vertraut waren, dass Dame 2 gern das Zimmer mit Dame 1 geteilt hätte…
Dame 1 hatte sich mit der Änderung des Arrangements mutmaßlich die wunderbaren Bedürfnisse nach Gemeinschaft, Unterstützung, Beteiligung, Zugehörigkeit, Wertschätzung, Vertrauen, Nähe, Gehört werden, Leichtigkeit und Spaß erfüllt. Bei Dame 2 waren die Bedürfnisse nach Autonomie, Selbstständigkeit, Respekt, Wertschätzung, Beteiligung, Vertrauen, Gehört werden, Schutz und Ehrlichkeit im Mangel. Und trotzdem hatte Dame 2 gute Gründe, dem geänderten Arrangement nicht zu widersprechen: Harmonie stand da an erster Stelle. Auch fürchtete sie, ihr Einspruch könne die Verbindung gefährden. Das Bedürfnis nach Frieden war so groß, dass sie sich nicht traute, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse anzumelden. Als Außenstehende konnte ich beobachten, wie Frust, Schmerz, Hemmungen und – wie ich finde – falsch verstandene Rücksichtnahme die Verbindung erst recht eintrübten.
Diese Szene war eine Zeitreise für mich. Ich hätte vielleicht früher das Zimmer umbestellt, ein Verhalten, das ich heute als übergriffig bewerte. Das gilt vor allem dann, wenn der andere nicht in die Entscheidung einbezogen wurde.
Mit Sicherheit hätte ich die Klappe gehalten, wenn mein Gegenüber das Arrangement geändert hätte. Mit Grollen und Schmollen hätte ich reagiert, Wolf außen giftet gegen das Gegenüber, Wolf innen macht mir Vorwürfe, weil ich nicht für meine Belange eintrete, weil ich schon wieder…
In meinem fünften intensiven GfK-Jahr erkenne ich immer deutlicher meine Verantwortung für mich und für mein Handeln. Und nie erschienen mir die Fragen schöner: Was brauche ich, und was brauchst Du?

Heute will ich im Blick behalten, was für mich wichtig ist und mir gut tut. Und ich werde Dich fragen, was Du brauchst und was Dir gut tut.

Verschaltungen

„Den Sack schlägt man, den Esel meint man.“
Petron, Satiren, 45


Heute hörte ich eine Geschichte, die mich sehr berührte, denn diese Art von Geschichte hätte auch aus meinem früheren Leben stammen können.
Eine Frau erzählte, dass die Ehe ihrer Eltern scheiterte, als sie zwei Jahre alt war. Beide Elternteile gingen neue Beziehungen ein, doch das Verhältnis mit der neuen Frau des Vaters blieb angespannt und kühl. Als die Frau mittlerweile selbst verheiratet war, besuchte sie mit ihrem Vater, der Stiefmutter und dem Halbbruder eine Veranstaltung. Ihre Stiefmutter übernahm anderen Menschen gegenüber die Vorstellung und sagte, „das ist mein Mann, unser Sohn, und das ist Frau X“.
Noch heute schmerzt es diese Frau, dass ihre Stiefmutter sie nie anerkannte. Ich glaube, sie wandte sich an die falsche Adresse. Der Mensch, um dessen Anerkennung es eigentlich ging, war der Vater. Er sagte zum Beispiel nicht in dieser Situation, ja, und das ist meine liebe Tochter… Er ließ geschehen, dass seine Frau das Mädchen behandelte, als sei es eine Fremde. Aber der Vater war ihr so kostbar, sie durfte ihn nicht mit ihren Bedürfnissen konfrontieren…
Ich habe 2001 ein ähnliches Erlebnis gehabt. Eine enge Freundin hatte eine Einladung zum Geburtstag meines Ex-Mannes angenommen. Am Tag der Feier telefonierten wir zufällig miteinander und wortreich beklagte sie, dass wir beide so eingespannt seien und zu wenig Zeit füreinander hätten. Dann verabschiedete sich, weil sie ja zu dieser Geburtstagsfeier wollte.
Eine Woche wütete ich gegen meinen Ex, der mir die Freundin ausspannen wollte, dann dämmerte mir, dass ich die Verantwortung falsch verschaltet hatte. Meine Freundin war verantwortlich für ihr Handeln. Und IHR Handeln löste bei mir Schmerz, Verzweiflung, Trauer und Entsetzen aus. Damals fiel mir das Sprichwort ein: den Sack schlagen und den Esel meinen. Heute weiß ich, meine Bedürfnisse nach Verbindung, Gemeinschaft, Kongruenz, Vertrauen und Klarheit waren im Mangel. Aber das lag nicht am Verhalten meines Ex, sondern wurde durch das Verhalten meiner Freundin ausgelöst.
Heute will ich für mich überprüfen, welche Handlung oder Unterlassung in wessen Verantwortungsbereich fällt. Ich überprüfe meine Bedürfnisse und kläre meine Angelegenheiten mit den Menschen, die für die auslösende Handlung verantwortlich sind.

Dankbarkeit: Geschenke

„Ein Weiser versteht es, die Menschen nach ihrer Menschlichkeit zu schätzen, ein Mittlerer schätzt sie nach ihren Taten und ein Untüchtiger schätzt sie nach ihren Geschenken.“
Lü Bu We, Frühling und Herbst des Lü Bu We, S. 420

Zwei Tage wollte ich schon über die spannenden Geschenke schreiben, die mir Weihnachten zuteil geworden sind. Ein lustiges Buch für Apple-Fans, zwei wunderbare Giraffen, ein sehr schönes Teelicht und manches andere. Ich selber habe mich auch beschenkt in diesem Jahr. Und ich hatte für einige Menschen Dinge selbst gemacht.
Eines dieser Geschenke stieß nicht auf Freude. Die Nachricht erreichte mich heute Morgen und löste einen tiefen Schmerz aus. Ich fand schnell Parallelen aus meiner Kindheit, wusste nicht wohin mit meiner Verzweiflung und beschloss, erst mal mit der Hausarbeit weiter zu machen und dabei zu überlegen, mit wem ich darüber reden konnte.
Gegen zwölf klingelte das Telefon, es war ein alter Freund. Es war, als öffneten sich die Schleusen eines gewaltigen Dammes. Die Tränen wollten nicht aufhören zu fließen und wie bei der Schale einer Zwiebel zeigte sich eine Schicht nach der anderen. Mein Freund konnte einfühlsam zuhören und die richtigen Fragen stellen, er wies mich auf Fortschritte hin und hielt es aus, dass mich immer neue Wellen von Verzweiflung und altem Schmerz überrollten.
Nach über einer Stunde war alles geweint und alles gesagt. Für mich war dieser Anruf das schönste Weihnachtsgeschenk. In großer Not ist ein Mensch für mich da, hält mich aus, findet die richtigen Worte und weiß an der richtigen Stelle zu schweigen. Und mein Freund hat mich auf eine Idee gebracht, die mir ebenso gut tut wie sein Anruf.
Mein Sohn und meine Schwiegertochter schenkten mir zu Weihnachten einen Bilderrahmen, in dem man 15 kleinere Bilder wie in einem Puzzle hin und herschieben kann. Zwei Fotos waren schon eingebaut. Den ganzen Nachmittag habe ich damit zugebracht, in 12000 Fotos nach den Menschen zu suchen, die mir in schwierigen Zeiten zur Seite stehen. Ich habe die Bilder ausgedruckt, zurechtgeschnitten und in den Rahmen gebaut. Und mit jedem zusätzlichen Bild wuchs meine Zuversicht und mein Vertrauen in nährende, verlässliche Beziehungen. Diese 15 Menschen in dem Bilderrahmen – Marshall ist auch dabei, aber mehr symbolisch – kann ich anrufen, wenn es mir nicht gut geht. Und mir ist dabei aufgegangen, dass es noch mehr Menschen gibt, auf die ich mich verlassen kann, die bereit sind, mir zuzuhören und mich zu unterstützen. Ich fühle mich reich und in vielfacher Weise beschenkt, mit diesem wunderbaren Bilderrahmen und mit Menschen, die für mich da sind, wenn ich sie brauche. Noch nie war mir das so bewusst wie heute, als ich nach und nach die Bilder in den Rahmen fügte, und mich tatsächlich noch entscheiden musste, wer meinem Herzen besonders nahe steht. Es ist eine Momentaufnahme, aber eine beglückende.

Heute will ich mir bewusst machen, dass es in meinem Leben viele Menschen gibt, die gern bereit sind, für mich da zu sein. Es ist an mir, die Hand nach ihnen auszustrecken.

Dankbarkeit: Über das Wachstum

„Von Verdiensten, die wir zu schätzen wissen, haben wir den Keim in uns.“
Johann Wolfgang von Goethe, Zum Shakespears Tag

Gestern geriet ich in eine Diskussion zum Thema Treue in der Partnerschaft. Dabei hörte ich Sätze wie „wenn mein Partner fremd geht, denke ich, ich bin nicht gut genug für ihn“. Dabei merkte ich, dass ich noch vor einigen Jahren ähnliche Vorstellungen hatte. Etwas stimmt nicht mit mir, wenn sich mein Gegenüber in bestimmter Weise verhält. Das kann mein Chef sein, meine Mutter. die Frau an der Supermarktkasse. Und tief in meinem Inneren gab es eine Resonanz dazu: Du verdienst es auch nicht besser. Mit dir stimmt erwas nicht. Wärest du nur besser, klüger, engagierter, kompromissbereiter, verständnisvoller, hilfsbereiter, dann würden dich die Leute auch anders wahrnehmen, behandeln, zu schätzen wissen. Die eingebaute Botschaft lautete über Jahrzehnte: So wie du bist bist du nicht gut genug.
Als die Beteiligten gestern über Treue diskutierten, merkte ich auf einmal, dass sich etwas in meinem Inneren verändert hat. Ob mein Partner treu ist oder nicht hat nichts mit mir und meinem Wert zu tun. Ob meine Mutter verstimmt ist, weil sie ein anderes Verhalten, eine andere Reaktion erwartet hat, hat nichts mit mir zu tun. Ich bin sehr vielleicht der Auslöser, aber mit mir ist nichts falsch und ich muss in keinem Moment anders sein als ich bin. So wie ich bin, bin ich richtig.
Allzu oft und allzu schnell war ich immer bereit, meinen Wert in Frage zu stellen. Manchmal genügte eine hochgezogene Augenbraue. Alles Verhalten meines Gegenübers bezog ich auf mich. Das waren schmerzhafte Allmachts-Fantasien: Wenn ich mich nur hier und da anders verhielte, dann würde doch mein Chef… meine Familie… mein Partner… Es war die Vorstellung, wenn ich nur anders sei, würde sich alles andere um mich herum auch neu verhalten…
Dieser Gedanke – er stimmt und er stimmt nicht. Er stimmt auf andere Weise als ich es jahrzehntelang gedacht habe. Ich hatte immer geglaubt, ich sei SCHULD, wenn etwas nicht funktionierte. Und würde ich mich selbst nur so verbessern, dass Dinge anders liefen, dann bräuchte ich auch nicht mehr schuld zu sein. Eine schmerzhafte Ichbezogenheit. Das Ergebnis waren nicht selten Kontrolle und Manipulation.
Inzwischen habe ich angefangen, mich anders zu verhalten. Mein Blick richtet sich nach innen: Wie geht es mir, was brauche ich?! Ich übernehme Verantwortung für mich und meine Handlungen. Und ich akzeptiere die Verantwortung anderer für ihre Handlungen. In dem Maße, in dem ich die Verantwortung für das Handeln anderer loslassen kann, gewinne ich innere Freiheit und den Reichtum, mich wahrhaftig mit anderen zu verbinden, ohne sie zu entmündigen.
Einige Menschen in meinem Umfeld tun sich schwer mit dieser neuen Haltung. Diese Art von Verbindung ist ihnen fremd und seltsam. Das Instrument „du bist schuld…“ greift nicht mehr. Was nun? Damit ist ihnen ein Werkzeug genommen, mit dem sie so viele Jahre selbstverständlich gearbeitet haben. Ein Werkzeug mit zwei Köpfen: Du bist schuld und ich bin schuld. Einer dieser Köpfe passte immer. Und plötzlich gibt es keine Passung mehr für diesen Schlüssel.
Welch ein Wachstum, was für eine Veränderung! Ich spüre Ehrfurcht und Dankbarkeit für das, was alles möglich ist, wenn wir bereit sind, Urteile über uns und andere aufzugeben. Auf einmal sind alle Menschen so, wie sie von einer höheren Macht gewollt sind: Wertvoll und frei.

Heute will ich über nichts, was geschieht, urteilen. Vor allem will ich nichts und niemandem die Schuld an etwas geben.

Ein Platz in der Rangordnung

„Wer aufgrund seines Reichtums und seiner Ehrenstellung einen höheren Rang einnimmt, ist nicht groß. Warum erscheint er aber als groß? Weil man ihn mit dem Sockel misst.“
Seneca d.J., Moralische Briefe an Lucilius (Epistulae morales ad Lucilium), IX, LXXVI, 31

Heute habe ich mein Schuhputzzeug durchsortiert und dann 90 Minuten lang zwei Drittel meiner Schuhe geputzt. Es war eine wunderbar meditative Zeit und ich habe es genossen, mit der Bürste über das Leder zu striegeln und mich am Glanz zu erfreuen. Früher hat mein Großvater Samstagnachmittags die Schuhe der ganzen Familie geputzt, und es war eine wichtige und anerkannte Arbeit. Wir waren dankbar, wenn er unsere verhuntzten Stiefel mit Muskelkraft und Schuhcreme wieder in einen tragfähigen Zustand versetzte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich vor vielen Jahren mal meinen Sohn bat, für mich ein paar Schuhe zu putzen. Er wähnte sich dadurch komplett degradiert und schimpfte, „nur weil ich der Kleinste bin und mich nicht wehren kann, muss ich diese Dreckarbeit machen…“
Viele von uns leben mit einer imaginären Rangordnung. Wir sortieren Dinge nach Wichtigkeit, ordnen Vorgänge und Bedürfnisse ein. Marshall Rosenberg sagt, wir können uns immer nur zuerst um die oben liegenden Bedürfnisse kümmern. Erst wenn wir keinen Hunger mehr haben oder – ganz banal – auf dem Klo gewesen sind, können wir uns zum Beispiel um Verbindung, Kreativität oder Spiritualität kümmern. Diese Reihenfolge ist quasi natürlich vorgegeben. Aber anderen Dingen verleihen wir Wertigkeiten. Damit ist nichts falsch, solange wir sie nicht dazu benutzen, uns selbst abzuwerten.
Vor ein paar Jahren haben meine Eltern aus gesundheitlichen Gründen das Autofahren aufgegeben. Zu dieser Zeit hatten sie einen sehr schönen Audi mit großartiger Ausstattung. Irgendwann erzählten sie am Telefon, sie hätten den Wagen im Bekanntenkreis verkauft. Ich war tief getroffen. Hätten sie mich nicht wenigstens fragen können, ob ich den Wagen kaufen wolle? War ich so unwichtig, dass sie mich gar nicht auf dem Zettel hatten? Das Gleiche wiederholte sich noch zwei Mal mit sehr schönen Möbeln. Erst als ich mit der GfK in engeren Kontakt kam, konnte ich sehen, dass ihre Handlungen nichts mit meinem Wert zu tun hatten. Sie haben sich mit der Schenkung der Möbel im Bekanntenkreis ein paar wundervolle Bedürfnisse erfüllt. Und das hatte gar nichts mit mir zu tun.
Beim Nachspüren darüber, wann ich was wert bin, fiel mir ein früherer Freund ein, der ein leidenschaftlicher Motorradfahrer war. Ich habe Angst vor dem Motorradfahren, gönnte ihm seine Touren aber von Herzen. In unserer Anfangszeit fand er das wunderbar und sagte, „es ist so schön, dass du mir das gönnen kannst!“ Gegen Ende der Partnerschaft wurde dann aus „gönnen“ Desinteresse. Du interessierst dich nicht für mich und für das, was ich tue…
Wir nutzen die Informationen, die wir in Beziehungen erhalten, um daraus unseren imaginären Platz in der Werteskala zu errechnen. Der Kollege wird befördert und ich nicht? Jetzt ist meine Stellung bedroht. Die Nachbarn bekommen die Möbel geschenkt und ich nicht? Meinen Eltern bin ich nicht wichtig. Er fährt ohne sie in den Wintersport, weil sie keine Lust zum Skilaufen hat – und schon ergibt sich daraus die Beziehungsfrage: Bin ich dir überhaupt wichtig?
Gestern und heute habe ich viel über diese Rangordnung nachgedacht. Der eine übernimmt als Familienoberhaupt die wichtige Arbeit des Schuheputzens. Der andere fühlt einen Schmerz, wenn er Schuhe putzen soll, weil er denkt, es degradiere ihn… und in beiden Fällen geht es doch nur darum, ein paar Schuhe zu putzen…
Was kann ein Maßstab für meine persönliche Rangordnung im Umgang mit Menschen sein? Ist es mein dickes Auto mit eingebauter Vorfahrt? Die Kohle auf dem Konto, die mir das Recht gibt, von anderen etwas zu erwarten, denn schließlich bezahle ich sie ja auch dafür? Wie ordne ich mich ein in einem sozialen Gefüge? Bin ich Top oder bin ich Flop?
Beim Schuheputzen ist mir klar geworden, dass ich einfach nur bin. Ich stürze nicht ab, wenn mein Kollege befördert wird. Ich bin nicht unwichtig, nur weil mein Sohn sich vier Wochen nicht meldet. Mein Wert als Mensch ist inhärent, er ist mir angeboren. Mich einzuordnen in die gefühlte Rangordnung des anderen dient nur dazu, mir selbst Schmerzen zuzufügen. Es denkt in mir, dies sei mein Status, wenn ich die Schuhe putzen muss oder nicht mit in den Skiurlaub fahren kann. Ich quäle mich selbst, wenn ich glaube, mein Platz in der Rangordnung hänge von irgendetwas ab, was ein anderer tut oder unterlässt.

Heute will ich mein Augenmerk darauf richten, wonach ich meinen Wert bemesse. Wenn ich ihn von anderen abhängig mache, will ich mir ins Gedächtnis rufen, dass mein Wert damit nichts zu tun hat. Als geliebtes Kind einer höheren Macht bin ich mit einem natürlichen Wert ausgestattet, der nicht von anderen abhängt.

Zugfahrt

„Freie Bahn für alle Tüchtigen, das sei unsere Losung.“
Theobald von Bethmann Hollweg, Reichstagsrede vom 28. September 1916, Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstags, 1871-1918, Band 302, S. 1694

Von meinem Dorf in Schleswig-Holstein fahre ich morgens mit dem Zug in die große Stadt. Zurzeit gibt es im Verlauf der Strecke größere Baumaßnahmen, die zur Folge haben, dass unser Abschnitt mit Fahrzeugen bedient wird, deren Typ man früher Schienenbus nannte. Zwischendurch fahren ein paar 30 Jahre alte Regionalbahnen. „Das ist ein schöner Zug“, sagte heute ein Dauerfahrgast, der wegen des besseren Komforts vom „Schienenbus“ in den alten roten DB-Zug wechselte. Ich antwortete, „aber nur bis E.“, denn dort steigen immer sehr viele Passagiere zu und es wird voll. „Stimmt!“, sagte mein Mitreisender. „Da steigen immer die Rabauken ein!“
Fast hätte ich zurückgefragt, was für ihn einen Rabauken ausmacht. Dann lag mir auf der Zunge, „Ihnen ist Respekt wirklich wichtig, oder?“ und dann beschloss ich, ein wenig über unterschiedliche Wahrnehmungen zu sinnieren. Meine Wahrnehmung ist, dass in E. oft zehn oder mehr Menschen in unser Abteil einsteigen. Das geschieht nicht geräuschlos. Dann lesen manche Zeitung, andere holen ihren Laptop aus der Tasche, rufen ihre Mails ab, telefonieren, dritte dösen, hören Musik oder sehen aus dem Fenster.
Was nimmt mein Mitreisender wahr, dass er sich von Rabauken umgeben wähnt? Ich vermute, es liegt daran, dass die neu Zugestiegenen nicht grüßen. Außerdem nehmen sie oft keinen Blickkontakt auf mit denen, die schon im Abteil sitzen. Vielleicht ist es auch der veränderte Geräuschpegel, der dadurch entsteht, dass plötzlich 20 statt fünf Menschen in einem Abteil sitzen. Ich vermute, das Urteil „Rabauken“ entsteht, wenn wichtige Bedürfnisse unerfüllt sind oder bleiben. Es ist eine Einladung, uns für ihre Erfüllung einzusetzen.

Heute will ich meinen Urteilen nachspüren. Welches unerfüllte Bedürfnis kann ich dahinter erkennen?

Ichbezogenheit

„Der Egoismus spricht alle Sprachen und spielt alle Rollen, sogar die der Selbstlosigkeit.“ François de La Rochefoucauld, „Reflexions morales“

Vergangene Nacht klingelte bei mir das Telefon. Ich schreckte aus dem ersten Schlaf hoch, taumelte aus dem Bett, suchte den Hörer. Da hörte das Läuten auf.
Später stellte sich heraus, es war jemand aus meiner Familie. XY wollte unbedingt wissen, ob ich nach einem Besuch bei ihr heil nach Hause gekommen sei. Um 00.04 Uhr.

Im Gespräch habe ich heute morgen klargestellt, dass ich um diese Zeit nur Anrufe wünsche, wenn Lebensgefahr besteht. Der Austausch von Informationen, die Beseitigung von Computerproblemen und ähnliches muss bitte bis zum nächsten Morgen warten.

Das ist eine neue Qualität in meinem Leben. Indem ich für mich und für mein Handeln Verantwortung übernehme, bin ich weniger ichbezogen. Ich brauche nicht mehr in jedem Moment Sicherheit, ich kann es besser ertragen, Dinge laufen zu lassen. Eine Freundin meldet sich nicht? Nun, dann melde ich mich halt. Und wenn etwas bei ihr nicht in Ordnung ist, gibt es in dieser Sekunde nichts, was ich dazu beitragen kann, um Dinge zu ändern. Sonst würde sie mich sicher darum bitten!
Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich privat schwer zu kämpfen hatte. Und allerlei Horrorszenarien tobten durch mein Hirn. Mein Onkel, ein Rechtsanwalt, hatte mich am Telefon mit Informationen versorgt. Ich war kaum zu beruhigen, sprudelte eine Schreckensvision nach der anderen hervor. Irgendwann sagte mein Onkel: Und wenn in Argentinien die Erde bebt, glaubst du auch du bist dran schuld…

So ist das, wenn man mit Beschädigungen zu kämpfen hat. Ich bin an allem schuld, ich bin für alles verantwortlich. Alles was geschieht hat etwas mit mir zu tun. Wenn das Telefon klingelt, werden meine Alpträume wahr. Der Kollege, der nicht grüßt, der Freund, der sich nicht meldet, der unwirsche Ton der Kassiererin im Supermarkt – ich kann alles auf mich beziehen. Ich kann. Aber ich bin nicht verpflichtet dazu.

Du bist Auslöser, nicht Grund für das Verhalten des anderen, lehrt uns die Gewaltfreie Kommunikation. Genauso sind die anderen nur Auslöser Deiner Gefühle, aber nicht die Ursache. Wenn ich mich mit dem Gedanken anfreunde, dass mit mir alles in Ordnung ist, dass ich zu jeder Zeit meines Lebens die Dinge so gut mache wie ich es gerade vermag, kann ich auch meine Ichbezogenheit loslassen. Sie gehört zu meinem alten Leben wie Kontrolle. Als ich mir noch jeden Schuh angezogen habe, der im Raum stand, habe ich tief in meinem Inneren auch geglaubt, das Verhalten anderer kontrollieren zu können – mit Selbstlosigkeit, Opfergeist, Verleugnung meiner eigenen Bedürfnisse und Wohlverhalten. All das kann ich heute hinter mir lassen und anstelle der Ichbezogenheit steht die Verantwortung für mich.

Heute führe ich mir vor Augen, dass das Verhalten anderer Menschen nichts mit mir zu tun hat. Ich übernehme Verantwortung für mein Verhalten. Das reicht.

Die normative Kraft…

„Viele Ausdauersportler sind Vegetarier, sie lehnen sogar das Sitzfleisch ab.“
Gerhard Uhlenbruck, Weit Verbreitetes kurzgefasst, Ralf Reglin Verlag Köln, Ausgabe 2002, 28. März 2003, ISBN 3-930620-40-5

Gestern war ich das erste Mal seit Juli im Sportstudio. Auslöser war ein Anruf in der vorigen Woche, in der ich gefragt wurde, ob ich noch Interesse an einem Schließfach hätte. Dieser Anruf erfüllte mir einige wunderbare Bedürfnisse. Zugehörigkeit, Beteiligung, Wertschätzung, Unterstützung und Leichtigkeit fallen mir spontan ein. In Anbetracht meines dezenten Muskelkaters heute habe ich mich gefragt, welche wundervollen Bedürfnisse ich mir in den vergangenen Monaten erfüllt habe, als ich nicht zum Sport gegangen bin. Leichtigkeit fällt mir als erstes ein. Ich brauchte nicht die Sporttasche mit zur Arbeit zu schleppen. Ruhe. Ich war abends oft so erschöpft, und hatte ja auch einen Kessel zu füllen, dass die Kraft einfach nicht reichte. Häufig ging es auch um Verbindung. Ich war mit jemandem zum Telefonieren oder Skypen verabredet und das wird schwierig, wenn ich erst um 22.15 Uhr nach Hause komme. Ich realisiere aber auch, dass ich mir selbst die Zeit für den Sport nicht zugestanden habe. Alles eine Frage der Priorisierung.
Je öfter ich hintereinander zum Sport gehe, desto attraktiver wird es zu gehen. Ich finde wieder Kontakt zu den Trainerinnen und anderen Fitness-Enthusiasten, ich genieße die Sauna und den Workout, meine Energie durch die größere Fitness, meine angenehme Müdigkeit nach dem Training und das Abfliessen von Spannung und Aggressionen. Je länger ich nicht hingehe, desto attraktiver wird es, nicht zu gehen. Die Leute werden mir fremd, alles scheint umständlicher, ich habe doch auch zu Hause genug zu tun. Heute bin ich eh so schlapp…
Um die Jahrhundertwende formulierte der österreichische Staatsrechtler Georg Jellinek die These von der „normativen Kraft des Faktischen“. Durch das „Faktische“, so Jellinek, werde aufgrund von Stabilitätsüberlegungen die „Norm“ der Realität angepasst. Da der Fakt ist, dass ich immer wieder nicht gehe, wird daraus eine Norm. Ist es Fakt, dass ich regelmäßig gehe, wird daraus eine Norm. Die Moral von der Geschicht: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

Heute will ich etwas machen, das mir gut tut. Wenn ich heute daran Freude finde, werde ich es wiederholen.

Im Sportstudio

„Ein Freizeitsportler ist ein Mensch, der stundenlang seinen Körper stählen kann, der aber sein Auto im Halteverbot direkt neben dem Sportplatz abstellen muss, weil er zu schwach ist, um bis zum nächsten Parkplatz zu laufen.“
von Detlev Fleischhammel (dt. Theologe)

Dieser Tage bekam ich einen Anruf aus meinem Sportstudio. Ob ich noch immer an einem Schließfach interessiert sei, in dem ich Schuhe, Kosmetika und ähnliches verwahren könne? Ja, hurra! Das erspart eine Menge Schlepperei und in meiner Fantasie erhöht sich dadurch die Anwesenheitsquote.

Ein Freund bekam diesen Anruf mit und wetterte: Abzocke! Sportstudios verdienen am schlechten Gewissen! Da gehen die Leute ein paar Wochen hin und dann bezahlen sie nur noch dafür, dass sie kein schlechtes Gewissen haben müssen. Sie tun ja was, sie bezahlen ja fürs Sportstudio! Ein idiotisches Geschäftsmodell, für die Inhaber eine Lizenz zum Gelddrucken. Und nur wer blöd ist, geht ins Sportstudio! Das korrekte Geschäftsmodell wäre eine Zehnerkarte, aber dann funktioniert das Geschäft nicht…

Einen Moment war ich verblüfft über diese vehemente Stellungnahme. Dann fragte ich zurück: Bist du besorgt, dass ich für mein Geld keine Leistung kriege? Möchtest du sicher sein, dass sich die Investition auch wirklich lohnt und meiner Gesundheit dient?

„Ja, genau!“ Der Freund schaute verdutzt. Und ich war zufrieden. Weder mit mir noch mit meiner Entscheidung, mein Geld ins Sportstudio zu tragen, ist irgendetwas falsch. Und gleichzeitig hatte ich Verbindung gefunden, Fürsorge und Wertschätzung für mein Wohlergehen.

Heute bin ich bereit zu hören, welche unerfüllten Bedürfnisse sich hinter einer Aussage verbergen.

In den Augen der anderen

„Wenn du weißt, dass du etwas auf jeden Fall erfahren wirst, so beeile dich nicht, danach zu fragen, denn dieses schadet deinem Ansehen.“
Saadi, Rosengarten, 8, Vom guten Betragen im Umgang

 

Ein Bekannter berichtete dieser Tage von einem Vorfall in dem Unternehmen, in dem er arbeitet. Er fand sich im Büro wieder und stellte fest, dass er einen Blackout gehabt hatte. Im Gespräch mit seinem Vorgesetzten listete er einige Vorkommnisse aus seiner Abteilung auf, brachte sie in Verbindung mit seinem Gesundheitszustand und sagte dann, „das sind alles Anzeichen für einen Burnout“. In der nächsten Abteilungskonferenz hörte er seinen Chef sagen: Und für den Herrn X brauchen wir noch ein paar Vitaminpillen, der kriegt ja hier einen Burnout…
„ich habe doch in der Abteilung überhaupt kein Standing mehr“ klagte X. „Der Mann hat mich doch vor allen Kollegen lächerlich gemacht.“
Hat er das? Besteht nicht auch die Möglichkeit, dass die Kollegen denken, ‚dieser Arsch weiß gar nicht, was in seiner Abteilung los ist. Ich stehe auch kurz vorm Burnout! “ Vielleicht denken sie auch, „stimmt, der X ist neulich fast umgekippt. Der Druck ist aber auch einfach zu hoch. Was ist denn das für ein Führungsverhalten von Y, hier mit solchen Sprüchen um sich zu werfen!“
Wahrscheinlich fehlte meinem Bekannten Respekt, Wertschätzung, Vertrauen, Integrität und Unterstützung. Viel markanter finde ich aber, was er selbst über seinen Status in der Abteilung denkt. „Das wird mir als Schwäche ausgelegt. Die suchen jetzt nur nach einer Gelegenheit, mich zu enteiern. Ich werde mich nicht mehr durchsetzen können, weil mich alle für einen Schwächling halten…
Wer zwingt uns eigentlich, solche Gedanken zu produzieren? Gibt es eine Pflicht, bei solchen unerfreulichen Situationen daraus gleich eine Positionsbestimmung abzuleiten? Wo ist mein Standort in der Gruppe? Ist er gefährdet? Ich glaube mittlerweile, dass wir mit solchen Gedanken überhaupt erst den Grundstein für genau das Verhalten legen, das wir so sehr fürchten. Wenn solche Bemerkungen von Vorgesetzten, Nachbarn, Eltern oder Partner einfach ins Leere laufen, bei uns keine Resonanz erzeugen, sondern uns mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen in Verbindung bringen, gibt es keine Veranlassung, um unser Ansehen zu fürchten. Unser Ansehen ist so gut, wie wir es uns selbst zugestehen.

 

Heute bin ich entschlossen, die Dinge anders zu sehen.

Ewigkeit

Weinend kommen wir auf die Welt, während alle um uns herum lächeln. Wir sollten so leben, dass wir lächelnd aus dieser Welt scheiden, während alle um uns herum weinen.
Persisches Sprichwort

 

Gestern zappte ich durch die Programme, um ein bisschen Unterhaltung während des Bügelns zu haben. Dabei landete ich auf einem Info-Kanal, auf dem gerade eine BBC-Produktion über das Leben auf der Erde in 100 oder 200 Millionen Jahren lief. Danach gibt es in 200 Millionen Jahren einen Haufen neuer Arten, einen einzigen Großkontinent, an dessen Westseite es nass und grün und an der Ostseite trocken und bergig ist. Im Meer überleben nur die Haie und die Tintenfischartigen. Dazu kommen dann viele neue Arten, über die man heute nur spekulieren kann.
Es dauerte eine Weile, bis ich realisierte: 200 Millionen Jahre.
Ich werde vielleicht 90 (High hopes, sag ich mal…). Das Fossil von Ida, einem lemurengroßen Primaten aus der Grube Messel, ist 47 Millionen Jahre alt. Da gab es schon keine Saurier mehr. Und von der Menschheit im engeren Sinne waren wir noch 46,9 Millionen Jahre entfernt. Das alles sind Dimensionen, die sind für mich nicht mehr vorstellbar.
Was hat es dann auf sich mit Stuttgart 21? Lohnt es sich, sich über die Endlagerung von Atommüll aufzuregen? Sind wir nicht auch nur ein Intermezzo im ewigen Zyklus von Werden und Vergehen? 100000 Jahre – was ist das schon?
Ich werde den Lauf der Welt nicht aufhalten können. Das Driften der Kontinente, der Einschlag von Kometen. der Ausbruch von Vulkanen – das alles kann ich nicht aufhalten. Aber es gibt etwas, das ich beeinflussen kann: Mein Leben und meine Gedanken. Nach welchen Werten möchte ich leben? Mit wem möchte ich mich verbinden? Wie kann ich mir selber treu sein? Ja, wer bin ich überhaupt? Meine irdische Realität wie ich sie heute erlebe wird eines Tages enden. Einen Einfluss auf die nächsten 200 Millionen Jahre habe ich nicht, selbst wenn ich auf die Idee käme, das nächstgelegene Kernkraftwerk in die Luft zu sprengen. Aber wie ich heute in der Welt bin, das kann ich in jeder Minute neu entscheiden.

Heute will ich mir bewusst machen: Dieser Augenblick ist die einzige Zeit, die es gibt und die ich gestalten kann.

Wenn andere etwas tun sollen…

„Frage nicht, was der Staat für dich tun kann, sondern warum er es nicht tut.“
Gerhard Kocher, Vorsicht, Medizin, 1555 Aphorismen und Denkanstösse, Verlag Ott/h.e.p. Verlag Bern, 3. erweiterte Auflage mit 88 Cartoons, 2006, ISBN 3-7225-0048-6, S. 263

Vor ein paar Jahren las ich in einem Buch das Zitat „if you want something done, do it!“ Wenn du willst, dass etwas getan wird, mach es! Seither bewegt mich dieser Satz immer wieder. Vor allem, wenn ich der Ansicht bin, jemand anderes müsste, könnte oder sollte … etwas Bestimmtes tun, meldet sich irgendwann die Stimme im Kopf: If you want something done, do it!
Dabei entsteht dann ein aufgeregter Chor: Eine Stimme sagt zum Beispiel, sie könnte ruhig mal anrufen! Und dann meldet sich eine andere Stimme: If you want something done, do it! Wieso eigentlich immer ich? wird dann dagegen argumentiert. Dann schaltet sich die Stimme von Eckhart Tolle zu, der sagt, es sei das Ego, was hier aktiv wird, und das es zu überwinden gilt.
Solche Kopfdialoge sind erst mal nur ein Hinweis darauf, dass es bei mir unerfüllte Bedürfnisse gibt. Geht es zum Beispiel um den Anruf der Freundin, wünsche ich mir vielleicht Ausgewogenheit, Gesehen werden und Wertschätzung. Geht es darum, dass mein Partner den Abwasch macht, brauche ich vielleicht Beteiligung, Unterstützung, Ordnung und Leichtigkeit. Und dann tappe ich in die Abhängigkeitsfalle, wenn ich annehme, der andere müsse doch ahnen, wissen, spüren, die gleichen Werte oder den gleichen Rhythmus haben und von allein das tun, was ich gerade für wichtig erachte.
Wenn es zur Nagelprobe kommt – bin ich bereit, das zu tun, was ich gern haben möchte – erfahre ich unter Umständen viel über die Qualität meiner Beziehung zu meinem Gegenüber. Bin ich überhaupt (noch) bereit, mich für die Verbindung einzusetzen? Oder habe ich so sehr resigniert, dass ein Teil von mir meint, es sei eh verlorene Liebesmüh? Geht es mir um Verbindung, oder geht es mir um meine Payback-Karte, um das voll geklebte Rabattmarkenheft, das der andere endlich einlösen soll? Wenn ich darüber Klarheit habe, kann ich mich neu und frei entscheiden zu tun, was ich für richtig halte.
Heute treffe ich bewusste Entscheidungen, welche Verbindungen ich pflegen und nähren möchte.

Hätte, sollte, müsste…

Es gibt drei Dinge, die Gott allein kennt: den Anfang aller Dinge, die Ursache aller Dinge und das Ende aller Dinge.
Walisisches Sprichwort

Als ich dieses Sprichwort heute in einer Abendmeditation fand, musste ich grinsen. Aus einem anderen Zusammenhang kenne ich den Spruch: Es gibt nur zwei Dinge, die du über die Höhere Macht wissen musst:
1. Es gibt sie.
2. Du bist es nicht.
Und bei dem Thema, das mich heute bewegt, möchte ich mir verschärft ins Gedächtnis rufen: Ich bin es nicht.
Wie mehrfach berichtet in den vergangenen Wochen, haben wir eine Patientin in der Familie. Sie liegt seit längerem im Krankenhaus und trotz intensiver Behandlung ist nicht abzusehen, wann sie wieder nach Hause kommt.
Als ich erfuhr, dass sie ins Krankenhaus kommt, habe ich meinen Sohn unterrichtet. Der mailte zurück, halte mich auf dem Laufenden. Das tat ich auch anfangs, doch es kam keine Reaktion. So entschied ich mich, nichts mehr zu tun. Vor ungefähr 14 Tagen hat er sich dann offenbar einmal bei den Angehörigen nach dem Wohlergehen der Patientin erkundigt. Soweit mir bekannt ist, war es das.
Schon am Wochenende merkte ich, wie meine Wölfe die Zähne fletschten. Er sollte wirklich… er müsste mal… er hätte längst… Immer wenn solche Gedanken aufkamen, rief ich mich zur Ordnung. Das ist nicht GfK!
Heute Morgen habe ich dann ein bisschen mehr Zeit mit den Wölfen zugebracht und mich daran erinnert, dass diese „er sollte“-Sätze einen Schatz in sich bergen. Sie weisen auf meine unerfüllten Bedürfnisse hin. Ich erkannte Mangel an Verbindung, Wertschätzung. Zugehörigkeit und Beteiligung und ich merkte auch, dass ich Angst hatte. Wie würde es sein, wenn ich beispielsweise einmal ernsthaft krank wäre? Wer würde sich um mich kümmern, meine Nachthemden waschen, die Katzen füttern?
Auf einmal war nichts mehr übrig von meinem Status als zürnende Göttin, die genau weiß, was Menschen zu tun und zu lassen haben. Übrig blieb eine große Trauer, dass unser Verhältnis nicht so ist, wie ich es mir wünsche, und dass unsere Verbindung mir so wenig tragfähig erscheint. Und es bleibt auch eine große Ratlosigkeit, wie ich daran etwas ändern kann. Und es entstand Respekt für die Haltung meines Sohnes, der sich eben nur so oft meldet, wie er Lust hat, und nicht so oft wie er „müsste“.

Heute befreie ich mich von den Dingen in meinem Leben, die ich nur aus Pflichtgefühl und nicht aus Freude tue.

Die üblichen Verdächtigen

„Der Grundsatz, nach dem ich entscheide ist: Die Schuld ist immer zweifellos“
Franz Kafka, In der Strafkolonie, 1916. In: Gesammelte Werke: Erzählungen, Hg. Max Brod. Fischer Taschenbuch Verlag 1983, S. 156

 

Sonntag wollte ich das Auto aus der Garage holen und meine Freundin aus ihrem Wagen ein paar andere Schuhe holen. „Am Schlüsselbrett hängt ein Haustürschlüssel am blauen Band, den kannst du nehmen und dich wieder reinlassen,“ sagte ich zu ihr. Doch als wir beide vor dem Schlüsselbrett standen, war da keiner mit einem blauen Band, sondern nur ein Briefkastenschlüssel am schwarzen Band.

Sofort fing mein Hirn an zu galoppieren. Wer hat zuletzt den Schlüssel benutzt? Hing er nicht eben noch da? Hatte ich ihn nicht gerade noch gesehen? Aber die Schlüssel, die ich in der Hand hatte, waren der Autoschlüssel an einem ebenfalls blauen Band und mein eigener an einem roten Band. Wer hatte den Schlüssel zuletzt gehabt und nicht wieder angehängt?

Gleich fielen mir mehrere Sünder ein: Der Heizungsmonteur hatte doch vorige Woche…
Die Freunde, die kürzlich wieder hier gewohnt hatten – hatten die ihn etwa eingesteckt?
Mein alter Freund, der neulich über Nacht zu Besuch war – der hatte bestimmt….
Oder mein Sohn? Hatte er irgendwas abgeholt und meinen Ersatzschlüssel mitgenommen?

Ich marschierte los und holte den Ersatzschlüssel vom Ersatzschlüssel und drückte ihn der Freundin in die Hand. Dann suchte ich in meiner Daunenweste nach einem Taschentuch – und fand in der rechten Außentasche den Haustürschlüssel am blauen Band. Ich hatte ihn selber gerade eingesteckt, in Gedanken, oder vielleicht weil ich ihn meiner Freundin in die Hand drücken wollte. Und als ich ihn nicht fand, sprang sofort die Maschine an, dass ja jemand schuld sein müsse, wenn der Schlüssel nicht an seinem Platz war.

Wenn mein Kopf auf den „Schuld“-Modus schaltet, ist es ein Anzeichen dafür, dass ich in der alten Welt von Richtig oder Falsch verhaftet bin. Ich kann mich daraus lösen, indem ich sorgsam beobachte, was ist.

 

Heute bin ich bereit zu beobachten ohne zu urteilen.

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